“Die Inflation der Kritiker”…

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Chris
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Chris »

Ich denke mal das die ganze Problematik damit zu tun hat das die Einstiegsschwelle zum Weinblogger/Weinkritiker heutzutage recht gering ist. Letztendlich braucht man dazu nur einen PC, etwas freie Zeit, ein wenig Enthusiasmus für sein Hobby und schon gehts los. Das ist in anderen Berufszweigen nicht ganz so einfach.

Aber damit wird man zurecht kommen müssen, denn letztendlich entscheidet der Markt, sprich die Konsumenten, wessen Kritiken sie folgen.
Grüße, Chris
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Charlie
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Charlie »

innauen hat geschrieben: Weinkritiker ist kein reglementierter Beruf wie Arzt, Rechtsanwalt oder Architekt. Insofern überzeugt mich Dein Vergleich nicht, Charlie. Der Aussage kann ich nur in so sensiblen Bereichen wie der Lebensmittelhygiene zustimmen.
Meinst du damit, dass sich die Profis akkreditieren sollen?
Mir persönlich ist das egal, eben weil es nicht ein sensibler Breich ist. Mir scheint eher, dass wir da gleicher Meinung sind.

In gewisser Weise ist die Diskussion dann doch absurd: Branchen mit viel fetteren Märkten als die Weinbranche scheinen sich solche Fragen nicht zu stellen. Man denke nur an Finanzmarktanalysten, Ratingagenturen und Autotester. Kann sein, dass ich nichts mitkriege.
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Charlie
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Charlie »

Bernd Schulz hat geschrieben: Naja, über die Schnorrer und Angeber unter den Profis ließe sich auch ganz gut schimpfen... :mrgreen:
Die Profis müssen ein bisschen angeben.
Bernd Schulz
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Bernd Schulz »

...nur sind es doch genau die Kritiker, die immer versuchen, ihre Weinbewertungen als objektives Messverfahren darzustellen und nicht als subjektive Meinung.
Ja, Gerald - und genau deshalb ist mir der eine oder andere Kritiker höchst verdächtig geworden.
Die meisten Kritiker, die ich kenne, verfügen über eine überdurchschnittlich gute Sensorik und über enorme Erfahrung. Wenn sie darauf pochen, ist das für meinen Geschmack völlig in Ordnung, aber wenn sie so tun, als ob sie sich auf einem quasi wissenschaftlichen, in welcher Form auch immer objektivierbaren Gebiet bewegen würden, schießen sie sich am Ende selber ins Off.
Und, Bernd, um einen Vergleich aus der Musik heranzuziehen: wer würde schon einen Opernkritiker ernst nehmen, dessen Gehör nicht zulässt, einen richtigen von einem falschen Ton zu unterscheiden oder herauszuhören, ob ein Stück jetzt von einem Streichquartett oder großen Orchester gespielt wird
Ein solcher Kritiker kommt aber in der Regel auch nicht so weit, dass er mit seiner Schreibe Geld verdienen kann. Diejenigen, die sich durchsetzen, sind im Falle der Musik wie des Weins normalerweise schon die, die neben einem entsprechenden Sprachvermögen (Ausnahmen, welche die Grundlagen der Kommasetzung auch nach Jahrzehnten des *professionellen* Schreibens immer noch nicht beherrschen :mrgreen:, bestätigen die Regel) über eine solide Fachkompetenz verfügen. Da braucht es meiner Meinung nach nicht unbedingt noch irgendwelche amtlichen Bescheinigungen.

Der Vegleich zwischen Musikkritik und Weinkritik ist trotzdem interessant. Im Musikbereich gibt es ja inzwischen auch Internetforen, in denen alle möglichen Leute ihre Meinung zu Werken und Interpretationen posten. Ich habe jedoch noch nie gesehen, dass sich ein professioneller Musikjournalist darüber beschwert hätte...

Beste Grüße

Bernd
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octopussy
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von octopussy »

Bernd Schulz hat geschrieben: Ein solcher Kritiker kommt aber in der Regel auch nicht so weit, dass er mit seiner Schreibe Geld verdienen kann. Diejenigen, die sich durchsetzen, sind im Falle der Musik wie des Weins normalerweise schon die, die neben einem entsprechenden Sprachvermögen (Ausnahmen, welche die Grundlagen der Kommasetzung auch nach Jahrzehnten des *professionellen* Schreibens immer noch nicht beherrschen :mrgreen:, bestätigen die Regel) über eine solide Fachkompetenz verfügen. Da braucht es meiner Meinung nach nicht unbedingt noch irgendwelche amtlichen Bescheinigungen.

Der Vegleich zwischen Musikkritik und Weinkritik ist trotzdem interessant. Im Musikbereich gibt es ja inzwischen auch Internetforen, in denen alle möglichen Leute ihre Meinung zu Werken und Interpretationen posten. Ich habe jedoch noch nie gesehen, dass sich ein professioneller Musikjournalist darüber beschwert hätte...
Hallo Bernd,

und dieser Punkt schlägt die Brücke wieder zur Wein"kritik" (ich hasse dieses Wort, aber ein besseres fällt mir gerade nicht ein). Ich selbst habe mich mal fürchterlich in die Nesseln gesetzt, als ich (als Hobby) vor ein paar Jahren für ein letztlich unbeutendes Online-Fanzine über Off-Musik u.a. eine CD eines portugiesischen Künstlers besprach, der ein auf mehrere Jahre und CDs angelegtes Projekt gestartet hatte, das sich mit dem Weltraum und einer nach seiner Auffassung neuen Art der Improvisation auseinandersetzen will. Dort habe ich nämlich ein gesampletes und verfremdetes Blasinstrument als Alto-Saxophon beschrieben, obwohl es tatsächlich ein anderes Blechblasinstrument war (ich weiß nicht mehr genau welches, sagen wir einfach mal eine Posaune). Hierauf kriegte ich von dem Künstler eine wirklich erboste Email mit ungefähr dem Tenor: Wer nicht mal eine Posaune von einem Alto-Saxophon unterscheiden kann, soll bitte nicht öffentlich über Musik schreiben.

Und damit hat er natürlich gar nicht so unrecht. Zwar vielleicht nicht damit, dass man bei nicht allzu großer Kenntnis gar nicht über Musik schreiben soll, aber dass man besser zu genaue Beschreibungen und Einordnungen unterlässt, wenn man sich nicht ganz sicher ist. Das Gleiche gilt für Wein m.E. auch. Wirklich interessant wird eine Weinbeschreibung m.E. vor allem dann, wenn der Wein irgendwie eingeordnet werden kann (Vergleich zu anderen Jahrgängen, zu vergleichbaren Produzenten, zu Weinen aus der gleichen Lage, aus der gleichen Rebsorte, und und und). Ich selbst würde das gerne können, kann es aber nicht. Das lässt sich natürlich lernen. Aber bis ich das Gefühl habe, dass ich es einigermaßen kann, unterlasse ich lieber Einordnungen, bei denen ich mir nicht einigermaßen sicher bin.

Vielleicht richtet sich die Kritik von Mazzella auch an diejenigen, die so tun, als hätten sie ausreichend Erfahrung, um Vergleiche und Einordnungen vorzunehmen, die sie aber tatsächlich nicht haben. Hierauf beschränkt könnte ich die Kritik wiederum verstehen.
Beste Grüße, Stephan
Dirk Würtz
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Dirk Würtz »

@Charlie "Mazzella schimpft in seinem Artikel übrigens eher über die Schnorrer und Angeber unter den Amateuren, als über die Amateure im Allgemeinen. " So sehe ich das auch.
@Bernd Schulz "Naja, über die Schnorrer und Angeber unter den Profis ließe sich auch ganz gut schimpfen..." Und das sehe ich auch ganz genauso!!!
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Gerald
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Gerald »

Hallo,
Aber damit wird man zurecht kommen müssen, denn letztendlich entscheidet der Markt, sprich die Konsumenten, wessen Kritiken sie folgen.
im Prinzip natürlich ja. Nur gibt es da meiner Meinung nach zwei Problempunkte:

a) die - sehr häufige - Einheit von Weinjournalist und Verkoster. Wenn jemand gute und spannende Berichte über Weingüter, Trends etc. schreibt, vertraut man ihm meistens auch automatisch die Bewertung von Weinen an. Der Konsument kann sich nur entscheiden, entweder das "Gesamtpaket" (Reportagen + Verkostungsnotizen) zu nehmen oder gar nichts.

b) die Tatsache, dass sich die meisten Konsumenten gar nicht erst die Frage stellen, ob die Beschreibungen/Bewertungen in Weinguides mit ihrem eigenen Eindruck übereinstimmen. Wenn der Wein im Guide 95 Punkte bekommen hat, wird er gekauft und fertig. Man könnte das auch den "Des Kaisers neue Kleider"-Effekt nennen ;)

So gesehen setzt sich am Markt nicht der "fähigste" Verkoster durch, sondern der, der sich gegenüber den Partnern (Konsumenten, Weingüter etc.) einfach am geschicktesten präsentiert.

Grüße,
Gerald
Bernd Schulz
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Bernd Schulz »

Hallo Gerald,

alles in allem scheint es sich mir um ein weites Feld zu handeln. Wie definierst du denn den "fähigsten" Weinkritiker? Ist es der sensorisch sensibelste, der mit dem größten Erfahrungshintergrund oder der, der seine Eindrücke besonders nachvollziehbar verbalisieren kann?
Und auf welchem Gebiet ist er - wenn überhaupt - der "Fähigste"? Wie ich oben schon schrieb, kann sich nicht jeder gleichermaßen intensiv um Bordeaux wie Barolo wie Zinfandel wie Frankensilvaner kümmern. Während ich sehr klare Vorstellungen davon habe, wie mein eigenes Instrument gespielt werden soll, während ich mir auch bei einer Klarinette in meinem Urteil relativ sicher bin, würde ich bei einer Gitarre oder einem Kontrabass, einem Blchbläserensemble oder selbst einem Chor schon ganz schön ins Zweifeln kommen.
Dort habe ich nämlich ein gesampletes und verfremdetes Blasinstrument als Alto-Saxophon beschrieben, obwohl es tatsächlich ein anderes Blechblasinstrument war
*Oberlehrermodus ein* Stephan, das Alt-Saxophon (in Deutschland nur alt ohne o) ist ein Holzblasinstrument! :mrgreen: *Oberlehrermodus aus*

Beste Grüße

Bernd
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Gerald
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Gerald »

Hallo Bernd,

natürlich kann ich auch nicht ad hoc mit einem genauen Qualifikationsschema für Weinkritiker aufwarten ;) Es geht doch nur darum, dass so etwas prinzipiell sinnvoll wäre.

Zuerst muss meiner Ansicht nach die sensorische Basisfähigkeit nachgewiesen werden. Also wie schon erwähnt Weinfehler erkennen, Weine in verschiedenen Reihenfolgen wiedererkennen etc. Das ganz unabhängig von Rebsorte und Herkunft.

Dann wäre es natürlich nicht schlecht, entsprechende Erfahrung mit der betreffenden Region mitzubringen. Die muss aber auch irgendwie geprüft werden, denn was bringt es, wenn ein Kritiker 100.000 verschiedene Bordeaux in seinem Leben probiert hat, die Erinnerungen aber nicht so ohne weiteres abrufen kann ...

Wer so etwas nicht nachgewiesen hat, dem steht es wohl nicht zu, anderen Inkompetenz vorzuwerfen, oder?

Grüße,
Gerald
Bernd Schulz
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Bernd Schulz »

Hallo Gerald,

einerseits gebe ich dir Recht. Aber andererseits weiß ich dann doch nicht, ob das weinkritische Heil in diversen Nachweisen, Zeugnissen und Diplomen zu finden ist. Die braucht es wohl, bevor man jemanden als Arzt oder Anwalt auf die Menschen loslässt - aber ansonsten bin ich eigentlich ganz froh, dass ich für meinen Beruf nicht auch noch so eine Art Gesellen- oder Meisterbrief benötige. Und was mein Abiturzeugnis und mein Hochschuldiplom angeht, sagen beide sehr wenig über meine tatsächlichen Fähigkeiten: Meine "Allgemeinbildung" habe ich zum größeren Teil NICHT auf der Schule erworben (dort habe ich viel sinnlose Zeit abgesessen), und meine "künstlerischen" Qualitäten existieren eigentlich auch unabhängig von meinem Examen.
Mich interessieren die Menschen als solche im Hier und Jetzt weit mehr als ihre vorhandenen oder nicht vorhandenen Befähigungsnachweise (die oft von anno ippich stammen).

Beste Grüße

Bernd
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