Hallo zusammen,
am letzten Freitag haben sich in Würzburg wieder einmal ein paar "Weinverrückte" zusammengefunden, die sich mit dem Nischenprodukt Sherry und seinen Spielarten und Stilistiken mit dem Glas in der Hand auseinandergesetzt haben. Es standen insgesamt 13 Weine zur Auswahl, die die gängisten Stilarten ganz gut abbildeten.
Das vorweggenommene Resümmee ist zu 100% identisch mit den Feststellungen im Rahmen einer vor einigen Jahren abgehaltenen Sherry-Verkostung:
- man trinkt leider viel zu wenig Sherry
- die trockenen Weine sind ungemein vielschichtig und spannend
- Sherry gehört immer noch zu den am meisten unterschätzten Spitzenweinen der Welt
- in Anbetracht der Qualität und der teilweise extremen Ausbauzeiten sind Spitzen-Sherries immer noch sehr preiswert.
Die Weine im einzelnen:
--- Manzanilla "Charito" (Emilio Hidalgo, Jerez) 15 Vol%
kräftiges Strohgelb, frische, feinhefige Nase mit etwas Apfel und Quitte,nussig, deutlich salzig-jodig, kräftige Struktur mit etwas Gerbstoff, knochentrocken und klar, mittellanger bis langer Abgang. Ein klassischer, handwerklich produzierter Manzanilla mit Charakter. Top-Preis-/Leistungsverhältnis.(knapp 8 EURO) 89 P.
--- Manzanilla "La Gitana" (Bodegas Hidalgo, Sanlucar de Barrameda) 15 Vol%
nicht umsonst einer der meistverkauftesten Marken-Sherries, etwas gedämpfterer Hefeeindruck in der Nase, klare Apfel/Quittenfrucht, mittelgewichtig, sehr sauber und klar, zarthefiger Abgang. Typ "everybody's darling" (knapp 10 EURO) 86 P.
--- Manzanilla "San Leon" Reserva de Familia (Bodegas Argüeso, Sanlucar de Barrameda) 15 Vol%
kräftige Strohgelb, 7,5 Jahre durchschnittlich unter Florhefe gereift, Typ Manzanilla passada, sehr hefebetont und deutlich mineralisch, Jod mit Meeresbrise (erinnert an einen Spaziergang am Rande einer Saline), fast salziger Gaumenauftritt, nussig, kraftvoll, dicht, mit würzig-hefigem Abgang. Top-Manzanilla, der früher nicht verkauft wurde, sondern im engsten Familienkreise genüsslich getrunken wurde. (knapp 19 EURO) 93 P.
--- Fino "Marismeno" (Bodegas Sanchez-Romate, Jerez) 15 Vol%
moderne Flaschenform und ebensolches Etiketten-Styling ! Bei Sanchez-Romate versucht man auch mit solchen Massnahmen, sich vom etwas angestaubten und biederen Image des Sherry zu lösen. Der Flascheninhalt ist aber durchaus klassisch geblieben. 4-5 Jahre durchschnittlicher Hefekontakt bringen einen angenehmen Fino hervor, der in seiner trockenen Art Zugänglichkeit mit etwas Charakter verbindet. (knapp 12 EURO) 87 P.
--- Fino muy seco (Gutierrez-Colosia, El Puerto de Santa Maria) 15 Vol%
ein klassischer Fino aus El Puerto, der den jodig salzigen Charakter fast wie ein Manzanilla sehr schön zum Ausdruck bringt,kantiger, kompromisslos trockener Typ mit kerniger Struktur, schöne Holzwürze, gute Länge. Kein Charmeur, sondern wie alle Sherries dieser Bodega charaktervolle Burschen mit Ecken und Kanten. Sehr gutes PLV (knapp 9 EURO) 88 P.
--- Fino "La Bota No 27" Single Vineyard "Macharnudo Alto" (Equipo Navazos - Valdespino) 15 Vol%
Unter dem Namen "Equipo Navazos" firmiert eine Gruppe von Sherry-Afficionados, die ursprünglich nur zum Eigengebrauch in ausgesuchten Bodegas und bei Almacenistas die besten und ältesten Fässer kauften und sich diese ungeschönt und unfiltriert haben abfüllen lassen. Aus diesem Hobby ist aufgrund der Nachfrage ein kleines Geschäftsmodell geworden. Geblieben ist weiterhin die Begeisterung dieser "Sherry-Bekloppten" für authentische und charaktervolle Sherries der Spitzenklasse. Alle Abfüllungen sind durchnummeriert (wie hier die No 27 aus der Grand Cru-Lage Macharnudo Alto mit 5.000 abgefüllten Flaschen) und ausnahmslos sehr empfehlenswert so wie diese:
leicht trübes Hellgold, im Durchschnitt 11 Jahre Lagerung im Solera-System , daher eigentlich ein Fino Amontillado, äusserst komplexe Nase nach Hefebrot,Quitte,Holzwürze, Nüsse und ein Hauch Kakao, auf der Zunge kraftvolle Struktur, hefig-jodig, etwas Gerbstoff, kompromisslos trocken, sehr lang. Ein grossartiger Sherry, der die Frische, Leichtigkeit und Feinheit eines Fino mit der Komplexität und Würze eines Amontillado mustergültig verbindet. (knapp 30 EURO) 95 P.
Fortsetzung mit den Amontillados, Olorosos, Palo Cortados und einem alten P. X. folgt demnächst !!
Grüsse
Bodo
Sherry-Probe in Würzburg
-
weinaffe
- Beiträge: 1377
- Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
- Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
Re: Sherry-Probe in Würzburg
... und weiter geht's mit den beiden Amontillados:
--- Amontillado "Principe" seco (Bodegas Barbadillo, Sanlucar de Barrameda 19,5 Vol%
ein Klassiker aus diesem Hause, durchschnittlich 8 Jahre Hefelager und anschließend 6 Jahre oxidative Reife,mittleres Bernstein mit grünlichen Facetten,fein und elegant,dezent oxidative Nase,Nuss, Kakao und Schokolade, kraftvoll und dicht auf der Zunge,gut dosierter Alkohol, der nicht störend wirkt,sehr würzig mit fast barriqueartigen Noten, langer Nachhall. Erinnert tatsächlich frappierend an die Aromatik mancher im Sherry-Fass gelagerter Whiskies, natürlich ohne das dort auftretende Quantum an Alkohol. Die starke Nachfrage nach alten Sherry-Fässern für die Whisky-Produktion ist daher durchaus nachvollziehbar, toller Amontillado zu einem sehr fairen Preis! (knapp 26 EURO) 94 P.
--- Amontillado Dry "Tio Diego" Macharnudo Vineyard (Valdespino, Jerez 18 Vol%
Valdespino bleibt ein Fixstern am Sherry-Himmel: hier wird nur zu 100% Wein aus den eigenen 200ha Weinbergen verarbeitet, die Grundweine werden ausschließlich im Holzfass vergoren und es wird nur das beste Traubengut unter eigenem Namen verarbeitet. Hier lässt man dem Sherry die Zeit, die er für optimale Reifung benötigt. Dieser knochentrockene und kompromisslose Amontillado aus "Grand-Cru-Lage" reifte 8 J. unter der Hefe und ebenfalls 8 Jahre oxidativ. Mittleres Bernstein mit grünen Nuancen,sehr komplexe Nase (altes Holz, Kakao, Walnuss, Mandeln), reichhaltig, aber gleichzeitig sehr straff mit mineralischer Struktur,Alkohol wunderbar integriert, sehr lang und trotzdem trinkig, für mich noch einen Tick besser als der schon grossartige Barbadillo. Ausgezeichnetes PLV (knapp 22 EURO) 95 P.
Fortsetzung folgt !
Grüsse
Bodo
--- Amontillado "Principe" seco (Bodegas Barbadillo, Sanlucar de Barrameda 19,5 Vol%
ein Klassiker aus diesem Hause, durchschnittlich 8 Jahre Hefelager und anschließend 6 Jahre oxidative Reife,mittleres Bernstein mit grünlichen Facetten,fein und elegant,dezent oxidative Nase,Nuss, Kakao und Schokolade, kraftvoll und dicht auf der Zunge,gut dosierter Alkohol, der nicht störend wirkt,sehr würzig mit fast barriqueartigen Noten, langer Nachhall. Erinnert tatsächlich frappierend an die Aromatik mancher im Sherry-Fass gelagerter Whiskies, natürlich ohne das dort auftretende Quantum an Alkohol. Die starke Nachfrage nach alten Sherry-Fässern für die Whisky-Produktion ist daher durchaus nachvollziehbar, toller Amontillado zu einem sehr fairen Preis! (knapp 26 EURO) 94 P.
--- Amontillado Dry "Tio Diego" Macharnudo Vineyard (Valdespino, Jerez 18 Vol%
Valdespino bleibt ein Fixstern am Sherry-Himmel: hier wird nur zu 100% Wein aus den eigenen 200ha Weinbergen verarbeitet, die Grundweine werden ausschließlich im Holzfass vergoren und es wird nur das beste Traubengut unter eigenem Namen verarbeitet. Hier lässt man dem Sherry die Zeit, die er für optimale Reifung benötigt. Dieser knochentrockene und kompromisslose Amontillado aus "Grand-Cru-Lage" reifte 8 J. unter der Hefe und ebenfalls 8 Jahre oxidativ. Mittleres Bernstein mit grünen Nuancen,sehr komplexe Nase (altes Holz, Kakao, Walnuss, Mandeln), reichhaltig, aber gleichzeitig sehr straff mit mineralischer Struktur,Alkohol wunderbar integriert, sehr lang und trotzdem trinkig, für mich noch einen Tick besser als der schon grossartige Barbadillo. Ausgezeichnetes PLV (knapp 22 EURO) 95 P.
Fortsetzung folgt !
Grüsse
Bodo
Re: Sherry-Probe in Würzburg
Hallo Bodo,
nur weiter so - hochinteressante VKN für einen durchaus interessierten Sherry-Gelegenheitstrinker!
Drei Weine aus Deiner Auflistung kenne ich übrigens selber, nämlich:
Wieder völlig einig sind wir bei dem hier:
Gruß
Ulli
nur weiter so - hochinteressante VKN für einen durchaus interessierten Sherry-Gelegenheitstrinker!
Drei Weine aus Deiner Auflistung kenne ich übrigens selber, nämlich:
Ja, das trifft es sehr gut. Vielleicht etwas zu sehr "everybody's darling", aber alles andere als schlecht. Und manchmal ist mir "everybody's darling" lieber als ein Wein für Extremisten - wie dieser hier:--- Manzanilla "La Gitana" (Bodegas Hidalgo, Sanlucar de Barrameda) 15 Vol%
nicht umsonst einer der meistverkauftesten Marken-Sherries, etwas gedämpfterer Hefeeindruck in der Nase, klare Apfel/Quittenfrucht, mittelgewichtig, sehr sauber und klar, zarthefiger Abgang. Typ "everybody's darling" (knapp 10 EURO) 86 P.
Den fand ich doch etwas sehr hef(t)ig - scharfe Esternoten, und dahinter die von Dir erwähnten Jodtöne, die mich ein wenig an Schottischen Malt von den Inseln erinnern. Im Gaumen für mich besser als in der beißenden Nase. Aber bitte, jeder so, wie er's mag.--- Manzanilla "San Leon" Reserva de Familia (Bodegas Argüeso, Sanlucar de Barrameda) 15 Vol%
kräftige Strohgelb, 7,5 Jahre durchschnittlich unter Florhefe gereift, Typ Manzanilla passada, sehr hefebetont und deutlich mineralisch, Jod mit Meeresbrise (erinnert an einen Spaziergang am Rande einer Saline), fast salziger Gaumenauftritt, nussig, kraftvoll, dicht, mit würzig-hefigem Abgang. Top-Manzanilla, der früher nicht verkauft wurde, sondern im engsten Familienkreise genüsslich getrunken wurde. (knapp 19 EURO) 93 P.
Wieder völlig einig sind wir bei dem hier:
Passt. Auf Gutierrez-Colosia bin ich erst letztes Jahr aufmerksam geworden - bei einem bekannten Berliner Versender für spanische Weine. Der Oloroso ist hier auch sehr schön (aber zu Oloroso kommst Du ja hoffentlich noch), und das PLV ist wirklich gut.--- Fino muy seco (Gutierrez-Colosia, El Puerto de Santa Maria) 15 Vol%
ein klassischer Fino aus El Puerto, der den jodig salzigen Charakter fast wie ein Manzanilla sehr schön zum Ausdruck bringt,kantiger, kompromisslos trockener Typ mit kerniger Struktur, schöne Holzwürze, gute Länge. Kein Charmeur, sondern wie alle Sherries dieser Bodega charaktervolle Burschen mit Ecken und Kanten. Sehr gutes PLV (knapp 9 EURO) 88 P.
Gruß
Ulli
-
weinaffe
- Beiträge: 1377
- Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
- Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
Re: Sherry-Probe in Würzburg
Hallo Ulli,
ich muss mich leider auch zu den Gelegenheits-Sherrytrinkern rechnen, aber alle 2 oder 3 Jahre muss es mal eine geballte Sherry-Probe sein. Viele Sherries sind absolut konsensfähig, aber bei den lange gereiften oder hefebetonten Stilen scheiden sich dann doch die Geister
. Das ist ein bischen so wie den Whiskies, wo auch bei vielen Islay sich totale Ablehnung und ebensolche Begeisterung die Waage halten. Aber das macht ja die Sache auch so spannend. Und langweilig sind die meisten Sherries sicher nicht...
Doch jetzt weiter mit den beiden Olorosos:
--- Oloroso Solera Reserva dry "Don Nuno" (Lustau, Jerez) 20 Vol%
durchschnittlich 12 Jahre oxidativ gereift, tiefe Bernsteinfarbe, knalltrocken,etwas Feige, Walnuss und Schokolade, gut integrierter Alkohol, angenehme Holznote, es fehlt etwas Druck und Länge, trotzdem ein gut gemachter, seriöser Oloroso zu einem vernünftigem Preis. (knapp 20 EURO) 90 P.
--- Oloroso Dry muy viejo VORS (Bodegas Tradicion, Jerez) 20 Vol%
im Gegensatz zum Namen dieser Bodega ist dieser Premium-Betrieb ganz neuen Ursprungs. Der Baumagnat Joaquin Rivero hat 1998 eine halb verfallene Bodega in bester Lage in Jerez gekauft, diese aufwendig renoviert und viele alte Soleras von bekannten Häusern und Almacenistas kaufen können. Der Anspruch dieses Hauses ist klar definiert: nur das Beste vom Besten ist gut genug. Es werden daher nur 4 lange gereifte Sherry-Typen produziert, die allesamt empfehlenswert sind. So wie dieser Oloroso:
Farbe Mahagoni mit Kastanientönen, in der Nase inensive balsamische Noten mit Walnüssen, altes Holz, Leder, Kakao, sehr komplexe Stilistik, die durch einen leichten Zuckerrest (8,9 g/L) noch verstärkt wird, auf der Zunge körperreich, wiederum Walnuss, Röstaromem Schokolade, bestens eingebundener Alkohol, sehr komplex und kraftvoll, äusserst langer, würziger Abgang. Ein ganz grosser Oloroso, der im Schnitt 45 Jahre oxidative Reifung hinter sich hat. Toll ! (knapp 50 EURO und jeden Cent wert!) 95 P.
Fortsetzung mit den beiden Palo Cortados und dem alten P.X. folgen in Kürze !
Grüsse
Bodo
ich muss mich leider auch zu den Gelegenheits-Sherrytrinkern rechnen, aber alle 2 oder 3 Jahre muss es mal eine geballte Sherry-Probe sein. Viele Sherries sind absolut konsensfähig, aber bei den lange gereiften oder hefebetonten Stilen scheiden sich dann doch die Geister
Doch jetzt weiter mit den beiden Olorosos:
--- Oloroso Solera Reserva dry "Don Nuno" (Lustau, Jerez) 20 Vol%
durchschnittlich 12 Jahre oxidativ gereift, tiefe Bernsteinfarbe, knalltrocken,etwas Feige, Walnuss und Schokolade, gut integrierter Alkohol, angenehme Holznote, es fehlt etwas Druck und Länge, trotzdem ein gut gemachter, seriöser Oloroso zu einem vernünftigem Preis. (knapp 20 EURO) 90 P.
--- Oloroso Dry muy viejo VORS (Bodegas Tradicion, Jerez) 20 Vol%
im Gegensatz zum Namen dieser Bodega ist dieser Premium-Betrieb ganz neuen Ursprungs. Der Baumagnat Joaquin Rivero hat 1998 eine halb verfallene Bodega in bester Lage in Jerez gekauft, diese aufwendig renoviert und viele alte Soleras von bekannten Häusern und Almacenistas kaufen können. Der Anspruch dieses Hauses ist klar definiert: nur das Beste vom Besten ist gut genug. Es werden daher nur 4 lange gereifte Sherry-Typen produziert, die allesamt empfehlenswert sind. So wie dieser Oloroso:
Farbe Mahagoni mit Kastanientönen, in der Nase inensive balsamische Noten mit Walnüssen, altes Holz, Leder, Kakao, sehr komplexe Stilistik, die durch einen leichten Zuckerrest (8,9 g/L) noch verstärkt wird, auf der Zunge körperreich, wiederum Walnuss, Röstaromem Schokolade, bestens eingebundener Alkohol, sehr komplex und kraftvoll, äusserst langer, würziger Abgang. Ein ganz grosser Oloroso, der im Schnitt 45 Jahre oxidative Reifung hinter sich hat. Toll ! (knapp 50 EURO und jeden Cent wert!) 95 P.
Fortsetzung mit den beiden Palo Cortados und dem alten P.X. folgen in Kürze !
Grüsse
Bodo
- Charlie
- Beiträge: 1065
- Registriert: Mo 6. Dez 2010, 15:13
- Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
- Wohnort: Berlin, Heidelberg
- Kontaktdaten:
Re: Sherry-Probe in Würzburg
Bodo,
danke, sehr gut und sehr interessant. Zufälligerwiese auch einige dabei die ich kenne (besser: kannte).
Wie wäre es, wenn du die VKNs in die Datenbank setzt?
danke, sehr gut und sehr interessant. Zufälligerwiese auch einige dabei die ich kenne (besser: kannte).
Wie wäre es, wenn du die VKNs in die Datenbank setzt?
Charlie
http://weinlagen.info/
http://weinlagen.info/
-
weinaffe
- Beiträge: 1377
- Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
- Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
Re: Sherry-Probe in Würzburg
Hallo Charlie,
in die Datenbank kommen von mir nur VKN, bei denen ich mich intensiv mit einem Wein auseinandersetzen konnte. Dies ist bei einer solchen Verkostung, genauso wie auf Messen und Winzerbesuchen, naturgemäß nicht möglich.
Und jetzt noch zu den 3 ausstehenden Sherries:
--- Palo Cortado Dry viejisimo (Gutierrez-Colosia, El Puerto de Santa Maria) 22 Vol%
Dunkles Mahagoni mit grünem Schimmer, sehr würzig in der Nase (Walnuss, Kakao, Mandel, Weihrauch, Piment),balsamisch,staubtrocken auf der Zunge, altes Holz, Kaffe, Röst- und Rancio-Noten, sehr kraftvoll, im Stile des Hauses kompromisslos mit Ecken und Kanten. Sehr langer Abgang. Ist zwar nicht mehr ganz in der blendenden Verfassung wie vor einigen Jahren, aber das ist Jammern auf hohem Niveau und vielleicht auch dem grandiosen Nachfolger geschuldet. Der Wein hat über 50 Jahre Durchschnittsreife hinter sich ! (knapp 50 EURO) 94P.
--- Palo Cortado Vinos viejos (El Maestro Sierra, Jerez) 20 Vol%
Machen Frauen bessere Sherries als Männer? Wenn man die Weine von El Maestro Sierra probiert, würde das wohl mit einem eindeutigen "ja" beantworten. In der machobetonten Sherry-Welt ist dieser Betrieb schon ungewöhnlich: 2 Frauen als Inhaber und auch fast alle Angestellten sind weiblich. Ein kleiner Betrieb, in dem man in handwerklicher Manier arbeitet und den Weinen die notwendige Zeit zum Reifen gibt.
Der Palo Cortado aus diesem Hause mit einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren ist eine absolute Sensation:
mittleres Bernstein mit grünen Nuancen, unwahrscheinlich komplexe und feine Nase mit einer regelrechten Gewürzorgie (Nüsse, Schokolade, Kaffee, noble Hölzer), auf der Zunge absolut trocken, aber mit einer einmaligen Finesse und Frische (!) dank lebendiger Säure, kraftvoll, aber sehr fein und elegant, der Wein wirkt fast etwas verspielt, der Alkohol ist kaum spürbar, am Ende baut sich ein extrem langer und unwahrscheinlich würziger Abgang auf, den man fast nicht mehr aus dem Mund bekommt. Eine Ballerina mit Knock-out-Qualitäten. Besser kann ein Palo Cortado eigentlich nicht sein, nur anders. Kratzt an der Perfektion. Gigantisch ! (knapp 80 EURO) 98 P. Nicht nur für mich der Sherry des Abends.
Zum Abschluss noch eine ganz andere Art von Sherry:
--- Pedro Ximenez viejo "Noe" VORS (Gonzales-Byass, Jerez) 15,5 Vol%
produziert von auf Matten getrockneten P.X.-Trauben, mit hochprozentigem Branntwein gestoppt und mehr als 30 Jahre oxidativ gereift. Optik wie Motoröl kurz vor dem höchstnotwendigen Ölwechsel, extrem viskos, man schwenkt aus lauter Angst permanent das Glas, damit hier nichts geliert, in der Nase Karamell und in Alkohol eingelegte Rosinen, etwas Holz, sehr monolithisch, folgerichtig am Gaumen extrem süss, flüssiger Karamell mit Rumrosinen, viel zu wenig ausgleichende Säure, klebriges Gaumengefühl, sehr einseitig und null Eleganz und Finesse, immerhin wirkt der Wein fast zeitlos, Reife- und Würzenoten sind nur ein klein wenig beim Abgang bemerkbar. Ein wahrer Zuckerbolide und die Todesdroge für alle Diabetiker ! Ein interessantes Erlebnis, aber wer braucht solch einen Wein ?? (knapp 50 EURO), 87 P.
Schlussfazit: Trockene Sherries machen über alle Stilarten hinweg sehr viel Spass und sind fast immer ihr Geld wert, was man von den süssen Sherries nicht unbedingt behaupten kann.
P.S.: Nächsten Freitag werden wir hier in Würzburg in einer vergleichenden Blindprobe ausloten, wie sich der Einfluss des Winzers auf das Endprodukt durch Betätigen unterschiedlicher Stellschrauben im Weinproduktionsprozess auswirkt. Es werden jeweils paarweise vergleichbare Weine (selbe Rebsorte und/oder Herkunft oder sogar identische Ausgangsweine) nebeneinander gestellt, bei denen die Winzer im Keller und/oder im Weinberg unterschiedliche Maßnahmen ergriffen haben. Ich werde nach Möglichkeit darüber berichten.
Grüsse
Bodo
in die Datenbank kommen von mir nur VKN, bei denen ich mich intensiv mit einem Wein auseinandersetzen konnte. Dies ist bei einer solchen Verkostung, genauso wie auf Messen und Winzerbesuchen, naturgemäß nicht möglich.
Und jetzt noch zu den 3 ausstehenden Sherries:
--- Palo Cortado Dry viejisimo (Gutierrez-Colosia, El Puerto de Santa Maria) 22 Vol%
Dunkles Mahagoni mit grünem Schimmer, sehr würzig in der Nase (Walnuss, Kakao, Mandel, Weihrauch, Piment),balsamisch,staubtrocken auf der Zunge, altes Holz, Kaffe, Röst- und Rancio-Noten, sehr kraftvoll, im Stile des Hauses kompromisslos mit Ecken und Kanten. Sehr langer Abgang. Ist zwar nicht mehr ganz in der blendenden Verfassung wie vor einigen Jahren, aber das ist Jammern auf hohem Niveau und vielleicht auch dem grandiosen Nachfolger geschuldet. Der Wein hat über 50 Jahre Durchschnittsreife hinter sich ! (knapp 50 EURO) 94P.
--- Palo Cortado Vinos viejos (El Maestro Sierra, Jerez) 20 Vol%
Machen Frauen bessere Sherries als Männer? Wenn man die Weine von El Maestro Sierra probiert, würde das wohl mit einem eindeutigen "ja" beantworten. In der machobetonten Sherry-Welt ist dieser Betrieb schon ungewöhnlich: 2 Frauen als Inhaber und auch fast alle Angestellten sind weiblich. Ein kleiner Betrieb, in dem man in handwerklicher Manier arbeitet und den Weinen die notwendige Zeit zum Reifen gibt.
Der Palo Cortado aus diesem Hause mit einem Durchschnittsalter von über 70 Jahren ist eine absolute Sensation:
mittleres Bernstein mit grünen Nuancen, unwahrscheinlich komplexe und feine Nase mit einer regelrechten Gewürzorgie (Nüsse, Schokolade, Kaffee, noble Hölzer), auf der Zunge absolut trocken, aber mit einer einmaligen Finesse und Frische (!) dank lebendiger Säure, kraftvoll, aber sehr fein und elegant, der Wein wirkt fast etwas verspielt, der Alkohol ist kaum spürbar, am Ende baut sich ein extrem langer und unwahrscheinlich würziger Abgang auf, den man fast nicht mehr aus dem Mund bekommt. Eine Ballerina mit Knock-out-Qualitäten. Besser kann ein Palo Cortado eigentlich nicht sein, nur anders. Kratzt an der Perfektion. Gigantisch ! (knapp 80 EURO) 98 P. Nicht nur für mich der Sherry des Abends.
Zum Abschluss noch eine ganz andere Art von Sherry:
--- Pedro Ximenez viejo "Noe" VORS (Gonzales-Byass, Jerez) 15,5 Vol%
produziert von auf Matten getrockneten P.X.-Trauben, mit hochprozentigem Branntwein gestoppt und mehr als 30 Jahre oxidativ gereift. Optik wie Motoröl kurz vor dem höchstnotwendigen Ölwechsel, extrem viskos, man schwenkt aus lauter Angst permanent das Glas, damit hier nichts geliert, in der Nase Karamell und in Alkohol eingelegte Rosinen, etwas Holz, sehr monolithisch, folgerichtig am Gaumen extrem süss, flüssiger Karamell mit Rumrosinen, viel zu wenig ausgleichende Säure, klebriges Gaumengefühl, sehr einseitig und null Eleganz und Finesse, immerhin wirkt der Wein fast zeitlos, Reife- und Würzenoten sind nur ein klein wenig beim Abgang bemerkbar. Ein wahrer Zuckerbolide und die Todesdroge für alle Diabetiker ! Ein interessantes Erlebnis, aber wer braucht solch einen Wein ?? (knapp 50 EURO), 87 P.
Schlussfazit: Trockene Sherries machen über alle Stilarten hinweg sehr viel Spass und sind fast immer ihr Geld wert, was man von den süssen Sherries nicht unbedingt behaupten kann.
P.S.: Nächsten Freitag werden wir hier in Würzburg in einer vergleichenden Blindprobe ausloten, wie sich der Einfluss des Winzers auf das Endprodukt durch Betätigen unterschiedlicher Stellschrauben im Weinproduktionsprozess auswirkt. Es werden jeweils paarweise vergleichbare Weine (selbe Rebsorte und/oder Herkunft oder sogar identische Ausgangsweine) nebeneinander gestellt, bei denen die Winzer im Keller und/oder im Weinberg unterschiedliche Maßnahmen ergriffen haben. Ich werde nach Möglichkeit darüber berichten.
Grüsse
Bodo
- Charlie
- Beiträge: 1065
- Registriert: Mo 6. Dez 2010, 15:13
- Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
- Wohnort: Berlin, Heidelberg
- Kontaktdaten:
Re: Sherry-Probe in Würzburg
Au ja, Maestro Sierra. Abgefahrenes Gut, abgefahrene Weine, spezielle Leute. 
Übringens: ich finde solche VKNs hätten auch einen sehr berechtigten Platz in der Datenbank.

Übringens: ich finde solche VKNs hätten auch einen sehr berechtigten Platz in der Datenbank.
Charlie
http://weinlagen.info/
http://weinlagen.info/