“Die Inflation der Kritiker”…

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octopussy
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von octopussy »

susa hat geschrieben:Die Sau wird ja wirklich zig-Mal durchs Dorf getrieben und das Schauspiel und die Protagonisten sind immer dieselben, langsam hat es schon was von einem Ritual.
Wohl wahr.

Ich sehe ehrlich gesagt in Deutschland eine ziemlich große Krise des Weinjournalismus.

- Die Grabenkämpfe, die öffentlich ausgetragen werden, sind schon erschreckend und werfen ein schlechtes Licht auf alle Beteiligten - eine klassische Lose-Lose-Situation.

- Es gibt viele wahrscheinlich sehr talentierte Leute, die aber - so scheint es - als Einzelkämpfer oder in sehr kleiner Besetzung vor sich hinprokeln, die auf die großen Verkostungen gehen und danach davon berichten, die sich Probeflaschen schicken lassen und danach davon berichten, die Rebsorten-Cups austragen und danach davon berichten. Das ist aus meiner Sicht alles Stückwerk. Den Falstaff Deutschland habe ich die ersten drei Ausgaben noch gelesen und hab schon keine Lust mehr. Das ist alles so blutleer.

- Mir kommt es so vor, als würde sich eine recht kleine Szene ständig nur mit sich selbst beschäftigen. Der Kontakt zu den Ottonormalweintrinkern und - so scheint es jedenfalls - den Winzern scheint da einen immer geringeren Stellenwert einzunehmen.

- Das Problem liegt natürlich auf der Hand: irgendwo muss Geld herkommen. Ich persönlich bezahle gerne Geld für Qualitätsjournalismus von Leuten, die Ahnung haben, gut schreiben können und Begeisterung transportieren können. Das Problem ist m.E., dass im deutschsprachigen Raum vielleicht einfach zu wenig Marktpotenzial steckt für Bezahlcontent. Jedenfalls bräuchte es jemanden, der erst einmal eine ganze Menge Geld investiert für gute Leute, Reisen (die vielleicht auch mal nicht von einem Marketingverband bezahlt werden), gute Fotos und eine professionelle Aufmachung (ich finde, dass sehr viele Blogs zehntausend Mal besser aussehen als "professionelle" Seiten, die werbefinanziert oder leserfinanziert sind - Namen nenne ich mal keine). Die Leser lassen sich m.E. leichter überzeugen, wenn das Angebot überzeugt.

- Interessanterweise sind es aus meiner Sicht oft die eher etwas leiser auftretenden Leute, die die (aus meiner Sicht) besten Inhalte liefern - diejenigen, die nicht ständig auf Facebook, in Blogs, Weinforen und sonstwo kommentieren, diskutieren, hin und her streiten, usw. Im positiven Sinn möchte ich z.B. die Seite Weinkenner nennen, die ich durchaus gerne lese, auch wenn nicht immer alles interessant oder großartig geschrieben ist.

- Was am Ende zählt ist Inhalt, Inhalt und nochmal Inhalt, gut geschrieben, Leidenschaft transportierend und möglichst fehlerfrei (wobei ich Recherchelapsus durchaus ok finde, wenn sie nicht zu häufig vorkommen). Gute Fotos und eine professionelle Aufmachung runden das ab. In diesem Sinne möchte ich mal mit Vorbehalten das Fine Wine Magazin als in Ansätzen positives Beispiel nennen.

- Eine unabdingbare Voraussetzung ist aber aus meiner Sicht, dass die Professionellen mal etwas mehr über den Tellerrand schauen und die kleine Weinszene mal die kleine Weinszene sein lassen. Der Reiz so manches Blogs liegt aus meiner Sicht darin, dass deren Verfasser nicht nur über das berichten, was ihnen angeboten wird (Verkostungseinladung, o.ä.), sondern über das, was sie gerade interessiert. Als positives Beispiel möchte ich hier den Blog originalverkorkt.de (Link siehe rechts) nennen. Auch wenn es dort nur um ganz wenige bestimmte Weine oder Einzelflaschen geht, finde ich das oft interessanter als 100 Verkostungsnotizen von einer GG-Präsentation.
Beste Grüße, Stephan
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susa
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von susa »

Der Weinjournalismus in Deutschland ist eher ein Angebotsmarkt als ein Nachfragemarkt, es gibt kein so umfangreiches Interesse, das Platz für viele und gute Publikationen gibt.

Das hat sicher viele Ursachen, einerseits haben Themen wie Genuss, Essen, Küche, Wein erst seit ungefähr 10 Jahren Zulauf, vorher war das doch eher verpönt und Herr Siebeck war ein einzelner Rufer in der Wüste, der häufiger zu Unrecht als zu Recht gescholten wurde. Und deswegen durfte das auch alles nix kosten bei den Zeitungs- und Buchverlagen. Und was nix kost ..... das wusste schon meine Oma vwG.

Als das öffentliche Interesse an dem Thema erwachte kamen gleichzeitig auch neue Medien hoch, die viele der benötigten und nachgefragten Inhalte kostenlos (und oft in erstaunlich guter inhaltlicher und formaler Qualität) zur Verfügung stellen, blogs, Foren, usenet. Damit hat es der professionelle Weinjournalismus auch heute noch zu tun. Ich behaupte, die haben mehr zur breiteren öffentlichen Wahrnehmung von Wein beigetragen und Spaß am Weintrinken vermittelt als die klassische Weinjournaille.

Und das dritte Problem ist ein hausgemachtes. Solange etablierte professionelle Weinkritik, Weinjournalismus, Weinliteratur nicht den Ruf des Elitären, Abgehobenen los wird, gibt es auch kaum eine Chance auf größere Resonanz.

lieben Gruß
susa
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DerFranki
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von DerFranki »

Die Herren (gibt's eigentlich auch Damen zum Thema) Weinblogger und Internetweinjournalisten scheinen jeden Bezug zur „echten Welt“ verloren zu haben.

Sie glauben wohl tatsächlich, sie verstünden mehr als andere vom Wein und könnten, nur weil sie sich öffentlich und freiwillig zum Narren machen, auch entscheiden, wer denn etwas zum Thema zu publizieren hat und wer nicht.

Sorry, aber ein Großteil der (Wein-)Blogger und Internetweinjournaille wirkt schon sehr lächerlich auf mich.
Machmal kommen sie mir vor, wie mitessende Geschwüre am Ar... der realen Weinwelt, die sich hinten drauf setzen und versuchen noch etwas Kohle oder wenigstens Anerkennung zu verdienen.

Aber von mir aus, blogt und schreibt ruhig weiter, nehmt euch weiterhin für ungemein wichtig, ich werde euch auch in Zukunft nicht lesen und schon gar nicht ernst nehmen.
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susa
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von susa »

Ja Franki, es gibt auch Frauen darunter, selbst ich gehöre im weitesten Sinne zu den Geschwüren am A**** der realen Weinwelt.

Ich glaub übrigens, Du prügelst gerade auf die falschen ein ..... ;), es sind nicht die Internetblogger die sich beschweren, sondern eher die, die von den Printmedien herkommen.
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thvins
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von thvins »

DerFranki hat geschrieben:Die Herren (gibt's eigentlich auch Damen zum Thema) Weinblogger und Internetweinjournalisten scheinen jeden Bezug zur „echten Welt“ verloren zu haben.

Sie glauben wohl tatsächlich, sie verstünden mehr als andere vom Wein und könnten, nur weil sie sich öffentlich und freiwillig zum Narren machen, auch entscheiden, wer denn etwas zum Thema zu publizieren hat und wer nicht.

Sorry, aber ein Großteil der (Wein-)Blogger und Internetweinjournaille wirkt schon sehr lächerlich auf mich.
Machmal kommen sie mir vor, wie mitessende Geschwüre am Ar... der realen Weinwelt, die sich hinten drauf setzen und versuchen noch etwas Kohle oder wenigstens Anerkennung zu verdienen.

Aber von mir aus, blogt und schreibt ruhig weiter, nehmt euch weiterhin für ungemein wichtig, ich werde euch auch in Zukunft nicht lesen und schon gar nicht ernst nehmen.

Hallo Franki,

dürfen bzw. müssen wir deinen qualifizierten Beitrag zum Thema Internetweinschreibe jetzt alle persönlich nehmen? Und warum schreibst du dann in einem Forum, wo sich auch etliche Leute tummeln, die den Bezug zur realen Welt deiner Meinung nach verloren haben?

Für ungemein wichtig hab ich mich bislang nicht genommen, aber deine Aussage nehme ich schon für ungemein wichtig - und persönlich, denn auch ich bin ja aus der angesprochenen Zielgruppe, auf die du hier einen absetzt...

Ich kenne inzwischen recht viele Blogger auch persönlich, neben diversen gemeinsamen Verkostungen auch durch Veranstaltungen wie das Vinocamp und habe da kaum jemanden im Blick, der sich deinen Schuh anziehen müsste.

Überhaupt kenne ich fast niemanden derer, die über Wein schreiben (egal wo), die sich wirklich hinstellen und offen oder durch die Hintertür die Meinung vertreten: Seid ruhig, weil ihr doch alle keine Ahnung von der Materie habt. Fast jeder läßt andere Meinungen, aus welcher Ecke sie auch kommen, zu und freut sich sogar über den Gedankenaustausch.

Der hier aufgebauschte Typ "Besserwisser / ungekrönter Weingott, der einzig Recht hat / Weindogmatiker" ist doch eine Spezies, die an und für sich nahe dem Aussterben ist... ob der nun hochehrenwerter Profi oder lumpiger Amateur sein mag - er ist eine höchst seltene Spezies. Man pflegt diese Gattung auch nicht,in dem man immer wieder solche Diskussionen aufleben lässt.

Besser mehr Wein trinken und meinetwegen darüber schreiben. Auch wenn es gaaaanz wenigen nicht passt. Zum Wohl!
Beste Grüße

Torsten

http://www.torsten-hammer-priorat-guide.com
jetzt mit richtiger Startseite...
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DerFranki
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von DerFranki »

Ich wollte gar nicht prügeln, ich glaube die haben meine Prügel gar nicht verdient. ;)

Ich wollte nur klar machen, dass es zwischen der Selbstwahrnehmung und der Wahrnehmung durch ihre Umwelt, bei vielen „Internet-Wein-Journalisten“ eine heftige Diskrepanz gibt.
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susa
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von susa »

Franki, Hand aufs Herz und nicht rechts rüber schielen - wie viele Weinblogs/blogger kennst Du genauer ;)

lg
s
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DerFranki
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von DerFranki »

Ich kenne gar keine/n genauer.

Ich lese, sehr selten, mal in einem Blog, der z.B. hier verlinkt wird und stelle immer wieder das Gleiche fest: Ich kann keinen Sinn darin sehen. ;)

Das hat aber wenig mit Wein zu tun. Ich verstehe auch zu keinem anderen Thema, warum sich so viele berufen fühlen, unaufgefordert etwas zum Thema zu veröffentlichen.


Bei einem „nicht-technischen Thema“, wie dem Wein, ist es nur sehr viel einfacher Meinungen als Wahrheiten zu verkaufen.
Geht es in einem GTI-Forum um die Leistung des eigenen Babys, ist die Aussage messbar. Beim Wein nicht.
Und wenn dann jemand über Jahre zum Thema Wein veröffentlicht und alles was er schreibt „wahr“ ist (weil es ihm niemand ihm „falsch“ nachweisen kann), dann ist wohl der Schritt zur Selbstüberschätzung ganz nah.


Falls ich jemandem zu heftig auf die Füße getreten bin....sorry.
Ich bin halt kein Freund von diesem ungehemmten Drang nach Öffentlichkeit. Das fängt bei Weinblogs an und hört bei Facebook oder Google+ noch längst nicht auf.
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Mr. Nebbiolo
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von Mr. Nebbiolo »

DerFranki hat geschrieben:

Falls ich jemandem zu heftig auf die Füße getreten bin....sorry.
Ich bin halt kein Freund von diesem ungehemmten Drang nach Öffentlichkeit. Das fängt bei Weinblogs an und hört bei Facebook oder Google+ noch längst nicht auf.
Dann frage ich mich nur, warum du in einem Forum schreibst ?

Das ist doch schon ziemlich öffentlich und du schreibst ja auch deine Meinung.

Wo ist dann der Unterschied zwischen dir und den anderen Schreibern im Netz ?
Grüße

Klaus
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DerFranki
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Re: “Die Inflation der Kritiker”…

Beitrag von DerFranki »

Mr. Nebbiolo hat geschrieben:Wo ist dann der Unterschied zwischen dir und den anderen Schreibern im Netz ?
Das ist ganz einfach.

Ein Forum ist ein Platz für Menschen, die ein gemeinsames Interesse haben und gleichberechtigt schreiben. Oder eben auch nicht schreiben.

Ein Blog ist die Plattform für erst einmal einen Schreiber.
Er bestimmt die Richtung und kann dort seine Meinung viel breiter vertreten, als in einem Forum.

Interessant wäre es zu erfahren, warum einem Forenten eines Tages ein Forum nicht mehr ausreicht und er sich selbstständig macht.
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