Beaujolais

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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Hallo zusammen,

in einer Woche Frankreich war ich auch zwei Tage im Beaujolais und habe ein paar Winzer besucht. Los ging es bei mittelmäßigem Wetter zu Nicole Chanrion und ihrer Domaine de la Voute des Crozes in Cercié. Nicole Chanrion ist eine zierliche Frau um die 60, die schon in den 70er Jahren anfing, in der elterlichen Domaine mitzuhelfen, und das Weingut 1988 ganz übernahm. Sie bewirtschaftet heute ca. 7 ha in der AOP Côte de Brouilly, einem der südlichen Crus des Beaujolais. Sie bewirtschaftet ihre Lagen komplett alleine, nur zur Lese nimmt sie externe Hilfe in Anspruch. Nicole Chanrion wird auch die "Patronne de la Côte" genannt.

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Hinter der Domaine geht es gleich hoch zum Mont de Brouilly und die Weinberge liegen eher auf dem unteren und mittleren, flacheren Teil. Sie sind nach Osten und Nordosten ausgerichtet (zum Vergleich: die Reben von Château Thivin stehen überwiegend auf der nach Süden ausgerichteten Seite des Mont de Brouilly, sind deshalb etwas üppiger). Die AOP Côte de Brouilly ist mit 305 ha deutlich kleiner als die AOP Brouilly und umfasst letztlich nur die Reben am Mont de Brouilly bis knapp in die Flachlagen rein. Auch geologisch unterscheiden sich die AOP Brouilly und die AOP Côte de Brouilly. Während in der AOP Brouilly Granitböden vorherrschen, besteht der Mont de Brouilly aus einer Art bläulichem vulkanischem Bastalt- und Schiefergestein, relativ ähnlich zu den Böden an der Côte du Py in Morgon.

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Ihre Reben sind unterschiedlich alt, in den Côte de Brouilly kommen Trauben aus Anlagen mit ca. 15-70 Jahre alten Reben. Ihre Weinberge werden nicht bio- oder biodynamisch bewirtschaftet, sondern nach "Lutte raisonée" (heißt in etwa: "so viel Chemie wie nötig, so wenig Chemie wie möglich"). Mme Chanrion arbeitet sehr traditionell, die Trauben werden nicht entrappt in Stahltanks gefüllt und durchlaufen eine komplette Macération Carbonique, es wird also zunächst nicht gepresst, sondern die Trauben vergären etwas Zucker in Alkohol (bis ca. 2 % Vol.) und gehen bereits teilweise durch die malolaktische Gärung. Einige Trauben platzen aufgrund der interzellulären Prozesse, andere werden durch die später eingefüllten Trauben zerquetscht. Nachdem die Macération Carbonique abgeschlossen ist, werden die Trauben entnommen, gepresst und der Saft zum Vergären wieder in Stahltanks gefüllt. Nach der spontanen Vergärung wird der Wein in gebrauchte Fässer von etwas mehr als 2.000 l Fassungsvermögen gefüllt und lagert dort je nach Jahrgang zwischen 9 und 12 Monaten. Die Weine werden unfiltriert abgefüllt.

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Es gibt praktisch nur einen Wein - "Côte de Brouilly". Anders als andere Winzer hat Mme Chanrion sich weder in andere Crus ausgestreckt, noch gibt es bei ihr mehrere Cuvées ("Tradition", "Vielles Vignes", o.ä.). Sie will keine Qualitätspyramide aufbauen. Wein, der es nicht in den Côte de Brouilly" schafft, wird als Fassware verkauft. Nur eine Ausnahme gibt es: seit kurzem füllt sie in kleiner Auflage (ca. 2.000 Fl. p.a.) auch noch einen Blanc de Noir Gamay Schaumwein ab.

Probiert haben wir zuerst den aktuellen Jahrgang 2012. Er war sehr kalt und deshalb schwer zu beurteilen, vom Hocker gerissen hat er mich aber nicht. Er hat zwar eine schöne frische Frucht, aber im Mund wirkten die Tannine etwas kräftig für die Frucht, jedenfalls aktuell. Viel besser war der 2011er, der schon ein paar Tage offen war. Ich liebe diesen Jahrgang im Beaujolais, für mich haben die 2011er zumeist einfach eine wunderbare Harmonie aus Substanz, Frische, Muskeln und Charme. Absolut weggepustet hat mich aber der 2005er, der ca. 24 Stunden offen war. Für den Jahrgang war er herrlich finessenreich, zart, feingliedrig. Mitgenommen habe ich v.a. 2011, 2009 (eine Kiste konnte ich ihr abquatschen) und 2005. Am Ende habe ich aber auch noch eine gemischte Kiste älterer Jahrgänge mitgenommen. Denn viele ältere Jahrgänge sind noch verfügbar, und zwar (bis auf 2009) alle zum selben Preis wie der aktuelle Jahrgang.

Ich kannte die Domaine vorher noch nicht, in den USA ist Mme Chanrion dank Imports durch Kermit Lynch allerdings ziemlich bekannt. Ich bin zum großen Fan geworden. Dieses Unterstatement, die sehr freundlichen Preise, die gute Qualität, die große Freundlichkeit der Inhaberin, all dies sind für mich große Pluspunkte.

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Zuletzt geändert von octopussy am Di 21. Jan 2014, 16:25, insgesamt 1-mal geändert.
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Der nächste Besuch war bei Richard Rottiers in Romanèche-Thorins. Die Domaine ist nicht so leicht zu finden, ein Schild gibt es nicht wirklich. Es hat ordentlich geregnet. Rottiers hat sich in Romanèche-Thorins in einem klassischen französischen "Arbeitshaus" wie man es von mehreren Winzern kennt, niedergelassen, will heißen: Einfahrt, großer Hof, Wohnbereich auf der einen und Arbeitsbereich auf der anderen Seite. Er ist ein wirklich netter Typ, sehr gesprächig, sehr positiv in der Ausstrahlung.

Kurz zur Domaine. Richard hat sich ca. vor sechs Jahren in Romanèche-Thorins niedergelassen. Er kommt aus einer Winzerfamilie im Chablis (und benutzt auch alte Fässer der mütterlichen Domaine), hat ein paar Stagen durchlaufen, unter anderem längere Zeit bei Château Thivin (Côte de Brouilly) gearbeitet und dort auch den Beaujolais schätzen gelernt. Er war daran interessiert, im Burgund oder an der nördlichen Rhône Wein zu erzeugen, fand dort aber nur mit großen Schwierigkeiten (bzw. gar nicht) Weinberge. Fündig geworden ist er dann in der AOP Moulin-à-Vent, wo er mittlerweile 5 ha Weinberge gepachtet hat und bewirtschaftet, u.a. Parzellen in den Climats Champ de Cour (auf dem Plateau, wo die Windmühle steht), Les Bruyères, La Teppe, Les Amandilliers und Burdelines. Die Weinberge sind mittlerweile alle auf Bio-Anbau umgestellt. Aus seinem Flickenteppich von Rebflächen erzeugt Richard pro Jahr zwei bis drei Weine: den "Villages" Moulin-à-Vent (eine Lagenassemblage), einen Einzellagenwein "Dernier Souffle" und den Einzellagenwein "Champ de Cour".

Wie schon vorher hier im Thread erwähnt, heißt der "Dernier Souffle" so, weil der Weinberg neben dem Friedhof steht. Laut Rottiers handelt es sich bei dem Weinnamen aber eher um einen Witz, die Parzelle heißt eigentlich nicht so. Die Weine werden im Wege der Macération Semi-Carbonique erzeugt, d.h. Macération Carbonique (siehe vorheriger Thread), aber nur zum Teil. Zum anderen Teil werden die Beeren (teilweise) entrappt, gepresst und vergoren. Dann kommen die Weine zum Teil in Fuderfässer (für den Villages), zum anderen Teil in gebrauchte 228 l Fässer (für den Villages, für den Dernier Souffle und für den Champ de Cour). Ausbauzeit sind meist ca. 9 Monate.

2012 war ein eher schwieriger Jahrgang - es gibt auch nur den Villages und den Dernier Souffle, im Champ de Cour hatte Richard einen Ertrag von lediglich 5 hl/ha wegen diverser Ausfälle (Hagel, Frost, usw.) und füllt diesen nicht separat ab. Auch 2013 ist ertragsmäßig sehr schlecht, immerhin wird es aber wohl alle drei Weine geben. Mit der Qualität war Richard allerdings zufrieden.

Probiert haben wir zunächst die 2013er aus dem Fass, die ein paar Tage vorher gezogen worden waren. Ehrlich gesagt kann ich die Weine null einschätzen, das Fass Les Bruyères (kommt in den Villages Wein) hatte noch ziemlich viel Kohlensäure, aber eine sehr schöne Frucht, das Fass einer anderen Lage schmeckte schon deutlich anders, aber die Weine sind schlicht noch nicht fertig. Das gilt auch für die aus dem Fass probierten Champ de Cour und Dernier Souffle.

Die 2012er sind schon auf der Flasche, der Dernier Souffle hat mir wie auch aus 2011 exzellent geschmeckt und deutlich besser als der Villages. Richard sagt selbst, dass er die beiden Einzellagenweine anders vinifiziert als den Villages, der schon eher etwas vordergründig sein darf und für den kurzfristigen Genuss gedacht ist. Die Trauben für den Villages werden auch geringfügig stärker extrahiert. Den Villages aus 2012 fand ich einen Tick besser als aus 2011, aber wie auch im Jahr zuvor nicht 100% überzeugend. Zum Schluss haben wir nochmal Champ de Cour aus 2011 probiert, der meinen äußerst positiven vorherigen Eindruck bestätigte. Ganz zum Schluss gab es auch noch den aktuellen Jahrgang (ich glaube 2012) des Manganèse Rosé, einem restsüßen Roséwein aus 100% Gamay, ehrlich gesagt ein saumäßig süffiges Getränk. Mitgenommen habe ich davon aber nichts, weil ich einen solchen Wein am Ende doch seltener trinke als ich vorher denke.

Insgesamt muss man sagen, dass Pinard de Picard mit Richard Rottiers eine wirklich schöne Entdeckung für Moulin-à-Vent im klassischen Stil gelungen ist, die Weine haben (vielleicht bis auf den Villages) Klasse, sind appelationstypisch (will heißen: runder als ein Morgon Côte du Py oder Côte de Brouilly und üppiger als ein Fleurie), müssten eigentlich sehr gut in der Flasche reifen und sind bezahlbar. Was will man mehr? Höchstens vielleicht etwas größere Mengen. Was da auf Paletten rumstand zum Verkauf (einschließlich 2012), war nicht der Rede wert. Zum Glück habe ich noch ein bisschen 2011 Champ de Cour (+ Mg) und 2012 Dernier Souffle bekommen.

Hier meine Notizen zu den beiden 2012ern:

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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Nächste Station auf dem kurzen Beaujolais-Trip war die Domaine Labruyère in Romanèche-Thorins. Der Name Labruyère dürfte dem ein oder anderen bekannt sein. Die Familie Labruyère hat ihr Vermögen mit einer Supermarktkette im südlichen Burgund gemacht, die sie irgendwann verkauft hat. Der Familie gehören im südlichen Burgund aber immer noch einige Carrefour Märkte. Die Familie hat aber auch Wurzeln im Weinbau. 1850 heiratete Jean-Marie Labruyère seine Frau Suzanne und wurde Weinhändler in Chénas. Seine Frau brachte 10 ha Weinberge in der heutigen AOP Moulin-à-Vent mit ein.

1988 kaufte die Familie Labruyère die Domaine Jacques Prieur in Meursault und konnte in den Folgejahren das Lagen-Portfolio erweitern. Es werden 22 ha Reben in 22 Appelationen bewirtschaftet. Es gibt nur wenige Domaines im Burgund, die ein derart gemischtes, aber auch hochkarätiges Lagenportfolio aufweisen können: Chambertin, Clos de Bèze, Musigny, Clos de Vougeot, Echezeaux, Corton-Bressandes, Corton Charlemagne, Montrachet, Chevalier-Montrachet, Meursault Charmes und Perrières, Puligny-Montrachet Combettes, Volnay Champans, Clos des Santenots und Santenots, usw. Noch Fragen :lol:? Ebenfalls im Besitz der Familie sind das Château Rouget in Pomerol und seit 2012 die Domaine Christian Busin in der Champagne.

Die Keimzelle des Weinbaus der Familie Labruyère liegt aber in Romanèche-Thorins und dort auf dem Hügel, auf dem sich die berühmte Windmühle und die lieu-dits Le Moulin-à-Vent und Les Thorins befinden. Dort besitzt die Familie mittlerweile ca. 14 ha Weinberge, und zwar so ziemlich in den besten Lagen, die es im ganzen Beaujolais gibt.

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Le Clos du Moulin-à-Vent ist die prestigeträchtige Monopollage der Domaine mit etwas weniger als einem Hektar Fläche. Sie befindet sich direkt unterhalb der Mühle. Wahnsinn.

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Auf der anderen Seite der D 266 befindet sich der lieu-dit Carquelin, den sich die Familie Labruyère und das Château des Jacques von Louis Jadot (Clos du Grand Carquelin) teilen. Château des Jacques hat vielleicht den etwas besseren Teil am oberen Hangende. Es lässt sich aber festhalten: Wenn der Le Clos der Romanée Conti ist, ist der Carquelin der La Tâche (oder so ähnlich ;)).

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Schließlich ist die Domaine auch noch im Champ de Cour, ebenfalls auf dem Hügel bei der Windmühle, sowie in einigen weiteren Lagen begütert. Damit kann Château des Jacques konkurrieren, vielleicht noch Château du Moulin-à-Vent, ganz evtl. noch Bernard Diochon mit seinen uralten Reben, ansonsten in der AOP Moulin-à-Vent aber kaum einer.

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Da musste ich also unbedingt mal hin. Natürlich würde ich nicht Edouard Labruyère antreffen, der sich aus der Familie um die Weinaktivitäten kümmert, eher auch nicht Nadine Gublin, die Önologin der Domaine Jaques Prieur, die seit dem Jahrgang 2009 auch die Weine der Domaine Labruyère betreut. Den Termin hatte ich mit dem Verkaufsleiter, der für die Beaujolais und die Champagner zuständig ist, ein sehr netter und höflicher sowie kundiger junger Bursche aus Mâcon, mit dem ich mich ausgezeichnet verstanden habe.

Zunächst musste ich die Domaine aber überhaupt finden, was nicht ganz einfach war. Denn es gibt überhaupt kein Schild, was auf die Domaine hinweist. Per Telefon habe ich mich aber hinlotsen lassen. Das Haus ist Understatement pur, auch die "Werkshalle", wo die Weine vergoren und ausgebaut werden, hat fast schon einen provisorischen Charakter.

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Die Domaine vermarktet ihre eigenen Weine erst seit kurzem wieder selbst. Bis einschließlich des Jahrgangs 2006 wurden die Trauben an Georges Dubeouf verkauft, der damit immerhin keinen Beaujolais Nouveau machte, sondern Moulin-à-Vent unter einer seiner zahlreichen Marken. Mit dem alten Team, das sich um die Weinberge gekümmert hatte (und dies immer noch - jetzt unter der Regie von Nadine Gublin - tut, wurden ab dem Jahrgang 2007 die Weine selbst ausgebaut. So wie auch einige andere burgundisch inspirierte Domaines in Moulin-à-Vent (allerdings wirklich auch fast nur da) werden die Weine à la Bourgignonne erzeugt, d.h. entrappt, gepresst, ein paar Tage kalt mazeriert. Die Vergärung erfolgt hier in Betontanks. Der Ausbau erfolgt dann überwiegend in 228 l pièces, die zu einem kleinen Teil neu, zum größten Teil ein oder zwei Jahre alt sind. Es werden die Fässer der Domaine Jacques Prieur verwendet. Der Ausbau dauert je nach Jahrgang zwischen 16 und 20 Monate.

Es gibt vier Weine, die "Grande Cuvée", das ist der Village Moulin-à-Vent, den Champ de Cour, den Le Carquelin und das Flaggschiff Le Clos.

Verkostet haben wir die Weine im Haus der Labruyères, dem Stammsitz der Familie. Wow, ein altmodischeres und authentischeres Wohnzimmer habe ich seit langem nicht gesehen. Laut Nicolas, dem Verkaufsleiter, wurde hier seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr viel bewegt. Ich habe mich noch ein bisschen im Haus umgesehen und alles ist wirklich alt und angestaubt. Ich war völlig aus dem Häuschen.

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Probiert haben wir 2007 Champ de Cour, 2008 Le Clos, 2011 Le Carquelin und 2009 Grande Cuvée, eine gut zusammengestellte Reihenfolge. Die ersten Weine stammten also aus der Zeit vor Nadine Gublin als Önologin, standen den anderen Weinen bezüglich der Qualität aber in nichts nach. Der 2007er Champ de Cour erinnerte mich frappierend an Morey St. Denis, er war eher rotfruchtig mit leichten Erdbeernoten. Auch beim Nachprobieren, nachdem wir alle Weine durch hatten, fiel er übrigens überhaupt nicht ab. Der 2008 Le Clos war ein sehr dunkelbeeriger, tiefgründiger, muskulöser Wein, der für eine sehr lange Lebensdauer erzeugt zu sein scheint. Das gilt erst recht für den 2011 Le Carquelin, der wirklich sehr jung wirkte, aber schon so tolle Anlagen hat. Die 2009er Grande Cuvée zum Schluss war auch hervorragend, aber der sehr heiße Jahrgang machte sich schon bemerkbar, zum einen im fürs Beaujolais recht hohen Alkohol, zum anderen in der recht süßen, fast marmeladigen Frucht. Ein toller Wein ist das trotzdem.

Ich bin wirklich glücklich über diese Neuentdeckung. Bei den traditionellen Erzeugern kommen die Erzeuger mit ihrer burgundischen Vinifikation und ihren Barriques nach meiner Wahrnehmung nicht so gut an. Aber das Trio aus Château des Jacques, Domaine Labruyère und Château du Moulin-à-Vent da oben auf dem Hügel ist aus meiner Sicht schlicht nicht zu vernachlässigen. Nach allem ist Moulin-à-Vent Moulin-à-Vent und eben nicht ein Juliénas oder Chiroubles. Schaut man sich alte Restaurant-Weinkarten vom Anfang des letzten Jahrhunderts an, wurden schon damals die Moulin-à-Vents am teuersten verkauft und standen neben den Burgundern. Die Weine aus den Groß-lieu-dits Les Thorins und Le Moulin-à-Vent vertragen aus meiner Sicht die burgundische Vinifikation und den Ausbau in teils neuen Pièces schon sehr gut und werden nicht zu sehr vom Holz geprägt. Das ist eine andere Interpretation des Gamay als z.B. bei Mathieu Lapierre, aber es ist aus meiner Sicht eine sehr valide Interpretation.

Hier noch meine Notizen:

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innauen
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Re: Beaujolais

Beitrag von innauen »

Toller Bericht Stephan. Macht sehr viel Lust auf weitere Entdeckungen im Beaujolais!

Beste Grüße,

Wolf
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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Re: Beaujolais

Beitrag von Burzuko »

Ja Stephan, beachtlich was du da in ein paar Tagen an hochinteressanten Informationen aufsaugen konntest... vielen Dank dass du uns bei deiner Suche nach faszinierenden Beaujolais teilhaben lässt! Ich staune erneut, was es da noch alles zu entdecken gibt...

Sehr gespannt bin ich im Übrigen auf die beiden 2011er Moulin-à-Vents von Thibault die bald hier in HH eintreffen werden... die sollten wir dann unbedingt mal zusammen verkosten!

Gruß
George
Créot
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Re: Beaujolais

Beitrag von Créot »

Danke Stephan! Macht sehr viel Lust darauf beim nächsten Frankreichbesuch einen Abstecher ins Beaujolais einzuplanen.

Auf die Thibaults bin ich übrigens auch gespannt.
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sorgenbrecher
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Re: Beaujolais

Beitrag von sorgenbrecher »

toller bericht, stephan !
das macht lust darauf, beim nächsten besuch im burgund einen abstecher einzuplanen.

das wohnzimmer der labruyères erinnert mich an die geniale stube der fallers auf der domaine weinbach....großartig !
Gruß, Marko.
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Créot hat geschrieben:Danke Stephan! Macht sehr viel Lust darauf beim nächsten Frankreichbesuch einen Abstecher ins Beaujolais einzuplanen.
sorgenbrecher hat geschrieben:das macht lust darauf, beim nächsten besuch im burgund einen abstecher einzuplanen.
Das freut mich. Es lohnt sich unbedingt. Ich war zwar vorher schon ein oder zwei Mal kurz im Beaujolais, aber dieses Mal das erste Mal etwas länger (zwei Tage sind allerdings auch nicht lang). Die Landschaft ist zwar nicht sonderlich spekakulär, aber letztlich eigentlich schöner als im Burgund, da es etwas hügeliger und etwas verwinkelter ist. Bei Interesse kann ich nur dazu raten, Ole anzuschreiben, der sich exzellent auskennt und gute Tipps zum Essen, Übernachten, für Winzer, usw. geben kann.

Ein Muss ist aus meiner Sicht das Atelier du Cuisinier in Villié-Morgon, in dem sicher 30 Beaujolais im Glas ausgeschenkt werden. Leider hatte das Lokal am Tag meiner Übernachtung zu :(.
Beste Grüße, Stephan
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Und weiter geht's.

Ebenfalls auf dem Hügel mit der Windmühle befindet sich die Domaine Bernard Diochon, deren Weine in Deutschland nicht erhältlich sind, die in den USA dank Import durch Kermit Lynch aber ebenfalls sehr beliebt ist.

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Bernard hat die Domaine mittlerweile an einen Nachfolger namens Thomas Patenôtre weitergegeben, engagiert sich aber selber noch in der Domaine und hat auch die Verkostung in der kleinen Probierstube durchgeführt. Er gehört zur alten Garde im Beaujolais, die Domaine existiert seit 1935, Bernard selbst führt die Domaine seit den späten 60er Jahren. Die ca. 5 ha Weinberge liegen nahezu ausschließlich im Climat "Champ de Cour", das direkt unterhalb der Domaine liegt und sich den Hang hinunter erstreckt. Er verfügt über sehr alte Reben, unter anderem eine ca. 1 ha große Parzelle mit über 120 Jahre alten Pre-Phyloxerra Gamay Reben im Champ de Cour, die je nach Jahrgang aber immerhin noch bis zu 25 hl/ha Ertrag bringen.

Zwei Weine gibt es: einen "Tradition" von jungen Reben (heißt hier: ca. 50 Jahre im Durchschnitt) mit relativ kurzer Ausbauzeit in Fuderfässern und einen "Vielles Vignes" von alten Reben (heißt: ca 80 Jahre im Durchschnitt) mit etwas längerer Ausbauzeit, ebenfalls in Fuderfässern. Die Weine werden per Macération Semi-Carbonique erzeugt und nur minimal beim Abfüllen geschwefelt.

Probiert haben wir den 2012 Moulin-à-Vent Tradition und den 2011 Moulin-à-Vent Vielles Vignes. Zwischen beiden liegen preislich zwar nur 3 Euro, geschmacklich aber Welten. Bernard Diochon sagte aber selber, dass der Tradition nichts besonderes sei, eher ein einfacher Wein auf der fruchtigen Seite für Bistros & Co. Das liege aber auch am Jahrgang 2012, der eher leichte Weine mit weniger Substanz hervorgebracht hat. Den Tradition habe ich daher nicht gekauft, sondern nur den Vielles Vignes. Mit etwas Beharrlichkeit konnte ich ihm zwar keine 2010er VV, aber noch eine 6er Kiste 2009er VV abschwatzen.

Beim Probieren wirkte der 2011er VV für mich sehr typisch für Moulin-à-Vent, eher auf der üppigen Seite, mit kräftiger Statur und vor allem einer schönen Würze.

Hier meine Notizen:

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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Ungeplante letzte Weinstation im Beaujolais war das an meine Unterkunft angeschlossene Weingut. Fährt man von Villié-Morgon den Berg rauf, stößt man irgendwann auf das Château de Bellevue, ein Schloss aus dem 19. Jahrhundert, das früher mal den Frères Lumières (die in Europa Pioniere in der Kinotechnik waren) und der Prinzessin Lieven gehörte.

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Heute gehört das Schloss dem Maison Jean Loron, das von Xavier Barbet geführt wird. Jean Loron gründete im 18. Jahrhundert in Chénas eine Domaine. Im 19. Jahrhundert wurde die Domaine um ein Handelshaus ergänzt. 1852 legte die Familie Loron ihre Aktivitäten mit der Familie Charlet zusammen, denen u.a. der sehr gute Weinberg Clos des Billards in Saint Amour gehörte. Über die Jahre erwarb das Maison/die Familie Loron weitere Weingüter, namentlich die Domaine de la Vieille Eglise in Juliénas (14 ha), das Château de Fleurie in Fleurie (13 ha) und das Château de la Pierre in Regnié (17 ha). 2006 kauften Xavier Barbet und sein Bruder Nicolas 4,5 ha Weinberge in der AOP Moulin-à-Vent in guten Lagen (Champ de Cour, Les Bruyères, Perelles).

Die letzte Akquisition war das Château de Bellevue. Eigentlich wollte Xavier Barbet nur die ca. 8 ha Weinberge kaufen, die sich im Besitz des Vorschlossherrn befanden. Dieser wollte aber nur alles zusammen verkaufen: das Schloss, den Weinkeller und die 22 ha Weinberge. Xavier Barbet schlug zu und begann mit der Zeit, das Schloss mehr und mehr zu nutzen. Heute befindet sich im linken Flügel der Keller und der Vergärungsraum und im rechten Flügel einige (derzeit noch unmöblierte) repräsentative Räume und ein kleines B&B. Man merkt deutlich, dass die Familie Barbet mit ihren ganzen Besitztümern mehr Platz hat, als sie eigentlich braucht. Aber was tut man nicht alles für ein paar Weinberge :lol:.

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Das Château de Bellevue erzeugt zwei Weine: einen Morgon Charmes in größerer Auflage und einen Morgon "Le Clos" als Réserve-Wein. Anders als an der Côte du Py (dort Schiefer/Basalt) besteht der Boden im Climat Charmes eher aus Kalkmergelböden mit pinken Granitablagerungen. Außerdem werden im Keller des Schlosses noch die Moulin-à-Vents von Xavier & Nicolas Barbet ausgebaut, sonst aber keine weiteren Weine. Die Saint Amours, Juliénas, Fleuries, Brouillys und Regniés sowie die Négociant-Weine werden im jeweiligen Ort bzw. in einer "Weinfabrik" in Saint-Étienne-des-Oullières vinifiziert und ausgebaut.

Die Vergärungshalle im Château de Bellevue ist hypermodern. Zur Vergärung werden konisch geformte Beton- und Holztanks sowie INOX-Tanks verwendet, die Holztanks für die Moulin-à-Vents (die etwas mehr Luft vertragen können), die Betontanks für die Morgons, die INOX-Tanks keine Ahnung wofür. Laut Francoise Barbet gibt es solche konisch geformten Betontanks frankreichweit nur noch in einem anderen Weingut im Bordelais (keine Ahnung, ob das stimmt).

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Die Weine des Hauses Loron und der unterschiedlichen Domaines werden übrigens jeweils unterschiedlich erzeugt: es gibt nahezu alles von einer vollen Macération Carbonique über eine Macération Semi-Carbonique bis hin zu Weinen, die nach burgundischen Methoden vinifiziert werden. Mit dem Château de la Pierre Regnié "Sans SO2" gibt es auch einen komplett ungeschwefelten Wein. Kurz zusammengefasst kann man die Vinifizierung wie folgt einteilen:

- Regnié, Brouilly, Juliénas, Saint Amour, Fleurie sowie der Moulin-à-Vent "Champ de Cour" werden nach Beaujolais-Methode vinifiziert;
- Morgon und Moulin-à-Vent "X&N Barbet" werden nach Burgunder-Methode vinifiziert.

Es gibt also kein "Hausrezept". Auch bei den Ausbauzeiten scheint alles dabei zu sein. Der aktuelle Jahrgang des Morgon Charmes, der Moulin-à-Vents und des Saint Amour ist 2010. Dann gibt es noch Réserve-Weine, z.B. den Morgon Le Clos (aktueller Jahrgang 2009) oder einen Moulin-à-Vent aus 2005, den es nur in Magnums gibt. Irgendwie war mir dieser verwirrende Flickenteppich aus eigenen Weinbergen, Weinbergen der Familie, Négociant-Weinen, reinen Handelsweinen, unterschiedlichen Ausbaumethoden, Réserve-Weinen, etc. sympathisch. Ich habe Xavier Barbet auch kurz getroffen. Er hat definitiv seine eigenen Vorstellungen und will die Weine so haben, wie er sie eben haben will.

Probiert habe ich mit Francoise Barbet, der Ehefrau von Xavier. Wir haben mit einem 2010 Pouilly-Fuissé aus zugekauften Trauben angefangen. Wow, da war ich gleich mal ziemlich begeistert. Das ist vielleicht ein bisschen ein Blender-Wein mit nicht zu wenig Vanille vom Holz, aber diese sexy Mischung aus Holz, exotischer Frucht und Chardonnay-Fülle, aus Opulenz und Frische hat mich schon ziemlich begeistert, ebenso wie der Preis (13,50 Euro).

Dann ging es weiter mit dem Juliénas (Château de la Vieille Eglise), der mich nicht umgehauen hat, und dem Saint Amour Clos des Billards. Sind Saint Amours sonst eher als leichtere Beaujolais-Crus für den schnellen Genuss bekannt, ist das hier schon ein Vertreter mit einigem Anspruch. Der Wein hat mir ausgezeichnet gefallen. Als nächstes haben wir die Moulin-à-Vents probiert, zunächst den Champ de Cour, direkt aus dem Keller. Mir lief der Sabber schon aus dem Mund - Champ de Cour, Champ de Cour, Champ de Cour :P. Bis Madame mich darauf aufmerksam machte, dass der Wein reserviert sei "aux Clients". Ich sei ja "Client" sagte ich. Mit "Client" meinte sie aber leider Händler und Restaurants. Alles Bitten und Betteln half nichts, nicht eine einzige Flasche habe ich bekommen (was aber auch verständlich ist, die Champ de Cours waren nicht mal etikettiert und hatten keine Kapsel). Am Ende war es aber auch kein großes Problem, denn der Moulin-à-Vent "X&N Barbet", in den auch Trauben aus dem Champ de Cour einfließen, war mindestens genauso gut, vielleicht sogar für meinen Geschmack noch einen Tick besser (Burgunder- statt Beaujolais-Vinifikation).

Zum Schluss haben wir dann noch den 2009 Morgon Le Clos probiert. Später am Abend habe ich mit Xavier Barbet noch ein Glas dieses tollen Weins getrunken. Was für ein Geschoss. Dieser Wein ist vom klassischen Bild eines fruchtigen Beaujolais ziemlich weit weg. Tief, brodelnd, leicht holzbetont, nicht alkoholisch, aber schon sehr üppig(2009!!). Man könnte diesen Morgon vielleicht einen "Parker-Morgon" nennen. Ich fand ihn großartig.

Auch hier lohnt es sich, bei einem Besuch im Beaujolais vorbeizuschauen. Klar ist Loron/Barbet ein Großerzeuger (so wie Chapoutier an der Rhône oder Faiveley, Jadot, Drouhin, usw. im Burgund). Aber wie auch bei den vorgenannten Häusern muss das nichts Negatives sein. Im Gegenteil: mir schien, als ob im Hause Loron keinesfalls risikofrei auf Nummer sicher gegangen wird. Es werden Risiken eingegangen (wie der schwefelfreie Regnié) und es wird gnadenlos auf die Qualität geachtet. Mir waren die Barbets und auch das Haus insgesamt sehr sympathisch.

Hier noch meine Notizen:


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Beste Grüße, Stephan
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