An Tagen wie diesen kann man sich über so vieles ärgern:
- darüber, dass es gar nicht mehr mit jauchen aufhören will und dass es wieder dunkel ist, bevor es hell wurde,
- darüber, dass manche Dinge nicht so laufen, wie sie sollten,
- darüber, dass so viel Zwietracht unter den Menschen ist,
- darüber, dass still, heimlich und leise versucht wird, uns die PKW Maut schnell noch unterzujubeln
- darüber, dass der Maroilles so dolle stinkt
- darüber, dass die Katze die Türen zwar alle immer auf, aber keine einzige wieder zu macht
und vor allem auch darüber, dass der blöde Wein aus dem Beaujolais - Gebiet, der heute die Tarte aux Maroilles begleiten soll, damit der Stinkekäse weg kommt, blöderweise mit Siegellack - ja, diesem doofen bröseligen... - verschlossen ist.
Aber dann gibt es zur Tarte aux Maroilles diesen wunderbaren Wein ins Glas:
Domaine Michel Cheveau; Naissance; Saint Amour; 2003 rot;
Was für ein kristallklarer Gamay-Duft, welch - super Gaumen nach 10 Jahren, viel Himbeeren, etwas rostige Nägel, etwas Schokolade, eine etwas kalkig wirkende Mineralik, ein ganz klein wenig Herbstlaub. Eine burgundisch anmutende Finesse (das ist aber alles, was den Vergleich zu Burgund rechtfertigt, ansonsten ist er Gamay durch und durch, geschmacklich näher an meinen geliebten Gamay - Weinen aus der Auvergne von Rougeyron als an Burgund). Am Gaumen wunderbar ausbalanciert und zärtlich, wenn der Wein nicht die AOC Saint Amour hätte, müßte man diese für ihn erfinden. Ein wahrer Schatzfund - unerwartet und nach dem letzen missratenen 2003er Beaujolais eine Offenbarung, ja tatsächlich eine Geburt - die eines großen Weines.
Ich weiß nicht, ob es immer noch verpönt ist, und es immer noch keine großen Weine aus dem Beaujolais geben darf - es hat sich ja allerlei getan und die Gegend erfährt grad einen Hype, aber ich habe den Wein damals gekauft, als es noch als verpönt galt, Weine aus dem Beaujolais als Groß zu bezeichnen. Ein Vor-Hype -Wein sozusagen, aber einer, der diesen Hype heute nachträglich rechtfertigt. Nur Ole hat damals die Fahne des Beaujolais schon kräftig geschwungen - aber der tat das doch schon immer...?!
Und ihr dürft mich gern als Ketzer beschimpfen, ich halte das aus - und ich gebe diesem Saint Amour liebende 95/100 Th. Und bezeichne ihn somit nach meiner Skala, über die ich mich mit euch nicht schon wieder streiten will, als Großen Wein.
Heute gibt es nur eines, über das ich mich ärgern könnte - diesen Wein zu 9 € auf der Weinmesse in Lille damals nicht kistenweise gekauft zu haben...
Ärgern macht Pickel und Falten und die machen häßlich - also bin ich dankbar. Dankbar, dass es mir vergönnt ist, diesen Wein zu trinken, auch wenn es eine Einzelflasche war. Ein singuläres Ereignis - ich erlaube mir besser nicht, die Experten zu fragen, ob es für den Wein noch eine Bezugsquelle gäbe... Falls jemand (...ungefragt) doch eine hat, würde ich schwach werden. Selbst, wenn er da ein bisschen mehr als 9 € kostet...
Ein gutes Glas habe ich noch - und das genieße ich jetzt.
