octopussy hat geschrieben:Insofern ist die Tradition der nicht ganz trockenen Rieslinge in Deutschland jedenfalls nicht allein eine kulturelle Tradition, sondern jedenfalls auch eine Tradition, die mit lokalen klimatischen Gegebenheiten und der säurestarken Rieslingtraube zu tun hat.
Nein, es ist vor allem eine "technologische Tradition", die daher noch sehr jung ist (im Vergleich zum vorherrschenden, durchgegorenen Stil der letzten 5000 Jahre Menschheitsgeschichte). Die Deutschen machen's, weil sie's koennen, aber nicht, weil deutscher Riesling ursaechlich Restzucker braeuchte - die grossen trockenen Weine (gerade 2012) zeigen das doch ganz eindruecklich, und zwar relativ losgeloest von kalten Analysewerten. Genauswenig wie Chenin Blanc von der Loire das
braeuchte (nicht von Ungefaehr ein ganz anderer Weinstil als 7.5%, 60 g/l Moselkabinett, gell).
Ob das besser schmeckt oder besser passt oder nichts davon, ist eher kulturell tradiert als eine im weitesten Sinne individuelle Geschmacksvorliebe. Insofern kannst du, Gerald, durchaus der Meinung sein, dass trockene Weine
dir besser zum Essen schmecken als untrockene, aber es ist halt nur deine
Meinung und nicht ein Naturgesetz. (Meine natuerlich auch, ich bin ja kultiviert.)
Dazu kommt ein Phaenomen, dass vor einiger Zeit auch in der UK-Weinpresse aufgegriffen wurde: Dass naemlich die allermeisten jungen Konsumenten Wein tatsaechlich eher so trinken denn zum Essen; aber nicht weil es als altbacken oder spiessig angesehen wuerde, sondern schlicht aus der Lebensreaelitaet dieser Menschen heraus - und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das in Deutschland anders sein sollte. Dann aber haetten 15%-Australier ein Problem (deren stark gesunkener Absatz in UK war auch einer der Aufhaenger) und "untrockene" Rieslinge durchaus einen Vorteil, zumal gerade letztere sehr nah an der Limonade sind, mit denen die Kids grossgeworden sind (verringerte Hemmschwelle). Aber die Marktrealitaeten scheinen gegen diese attraktive, weil simple Logik zu sprechen, wenn man Armin und (vor allem!) den jammernden Restsuess-Winzern glauben mag.
Eines noch zum "nach 15 bis 20 Jahren schmeckt Riesling weniger suess". Das ist natuerlich nicht falsch, aber es ist doch voellig unsinnig, Riesling mit deutlich schmeckbarem RZ auf Flasche zu bringen, um dann zwei Jahrzehnte zu warten, bis er so trocken schmeckt, dass er zum Essen passt. Erstens nimmt man dann einen "echttrockenen" Wein, der genau dasselbe Ergebnis produziert, und zweitens ist diese Argumentation ein bisschen suizidal veranlagt, denn es soll ja gezeigt werden, dass restsuess
schmeckende Weine zum Essen passen. Oder kaufen und trinken Konsumenten jetzt doch Analysewerte?
Cheers,
Ollie
*Gleiches gilt uebrigens fuer das hochtechnische Pilsbier, das erstens nur durch neue Technologien moeglich wurde und das kulturell bedingt als hoeherwertiges Bier angesehen wird. Jeder, der mit
proper ale sozialisiert wurde, kuckt da nur sehr komisch. (Uebrigens kleine Randnotiz: Es ist kein Zufall, dass das leichte
pale ale eine Spezialitaet aus dem stahlkochenden Sheffield ist und ausserhalb dieser Stadt einen eher "Arbeiterklasse-Ruf" hat - man vergleiche das mit dem "Export" der Malocher im Pott, woll. Reine Kultur.)
Yeah, well, you know, that’s just like, uh, your opinion, man.
Parfois, quand c'est trop minéral, on s'emmerde.
"Souvent, l'élégance, c'est le refuge des faibles." (Florence Cathiard)