Gereifte Rotweine aus Kalifornien in Würzburg

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
Antworten
weinaffe
Beiträge: 1362
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 13:19
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Gereifte Rotweine aus Kalifornien in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

Hallo zusammen,

vor kurzem konnte ich an einer Weinprobe mit gereiften kalifornischen Weinen teilnehmen, die der hiesige Weinhändler Sebastian Schütz (Rotweissrose) veranstaltete. Leider hatten wir diesmal weniger Glück als sonst und mussten den einen oder anderen Ausfall hinnehmen.
Insgesamt wurden 13 kalifornische Rotweine aus den 80er und 90er Jahren sowie ein etwas jüngerer "Pirat" ausgeschenkt. Doch der Reihe nach...

Zur Begrüssung gab es folgenden Sekt:

2022er Blanc de Blancs Tradition (Griesel & Companie)
Cuvee aus Weißburgunder und Chardonnay, bei der der Weißburgunder mit etwas birniger Frucht hervorstach. Ein ordentlicher Schaumwein, aber nicht mehr.

Dann gab es als Solist folgenden Wein:

1991er Pinot noir Carneros (Robert Mondavi)
schon in der Nase sehr oxidativ, auch wenn sich geschmacklich noch Frucht und Extraktsüsse erkennen lassen. Durchaus ein qualitativer Wein, der einfach nur 20 Jahre zu spät entkorkt wurde.

Dann gab es eine 3-er Serie mit einer Rebsorte, der man solch eine Alterungsfähigkeit nicht unbedingt zutrauen würde. Allerdings stammen sie auch von einem Produzenten, der als Spezialist für diese Rebsorte gilt:

1990er Zinfandel Sonoma Valley (Rosenblum Cellars)
dieser Einstiegs-Zin ist noch überraschend lebendig: aufgehelltes Rubin, saftige Dunkelfrucht, vor allem Sauerkirsche, eher schlanke Stilistik, frische Säure, sogar gewisse Eleganz, macht noch sehr viel Spass.

1990er Zinfandel Contra Coast County (Rosenblum Cellars)
zuerst etwas Altersmuff, verliert sich dann weitgehend, etwas kräftiger, reife Sauerkirsche, aber auch etwas Ätherik (Kräuter) und Spargelanklänge, ebenfalls noch gut in Form, sollte aber jetzt getrunken werden.

1989er Zinfandel Georg Hendry Vineyard (Rosenblum Cellars)
das ist jetzt ganz nach meinem Geschmack: intaktes Rubinrot, reife, aber nicht überreife Herzkirsche etwas Himbeere, elegante Frucht, am Gaumen dicht gehaltvoll, aber nicht überpowert, schöne Würze, wirkt kühl und finessenreich, sehr saftig, gute Länge. Blind wäre ich sicher nicht auf Kalifornien oder gar Zinfandel gekommen; vom Stil her wirkt das eher wie ein bestens gereifter Pinot. Das ist jedenfalls ein Parade-Zin, bei dem man glatt zum Fan dieser Rebsorte werden könnte.

Als nächstes gab es 3 x Merlot von 3 verschiedenen Produzenten, die allesamt überzeugen konnten:

1997er Merlot Napa Valley (Joseph Phelps)
mit Ausnahme des "Piraten" der jüngste Wein im Verkostungsfeld: intaktes, kräftiges Rubin, elegante Dunkelfrucht (Kirsche, Cassis, Himbeere),jugendlicher Eindruck, am Gaumen ausgewogen-samtig, strukturiende Säure, Tannin fast komplett abgeschmolzen, tiefe Frucht, geschmeidig, extraktsüss, ein echter Crowd-Pleaser auf durchaus hohem Niveau.

1990er Merlot Napa Valley (Rutherford Hill)
wirkt gereifter als der Vorgänger mit ganz zarter Oxidation in der Nase, auch hier reife Dunkelfrucht, elegante Würze, zarter Tanninschleier, gut Länge. Macht noch Spass, sollte aber jetzt getrunken werden.

1985er Merlot Selected Cuvee (Pine Ridge)
der älteste Wein war wahrscheinlich sogar der beste Wein der gesamten Probe: kräftiges Granatrot, sehr elegante Nase, die frappierend an einen hochwertigen Pomerol erinnert, komplex mit Noten von Tabak, Unterholz, Pilzen und Graphit, saftige Cassis-/Kirschfrucht, perfekter Holzeinsatz, ein perfekter Pirat in einer Bordeaux-Probe. Chapeau!

Zum Abschluss gab es noch eine Serie mit 6 kalifornischen Cabernet Sauvignon, die leider alle aus unterschiedlichen Gründen nicht überzeugen konnten. Lediglich der Cabernet-Pirat aus dem Jahre 2003 konnte hier noch positiv herausstechen:

1994er Cabernet Sauvignon Reserve (ZD Wines)
etwas Oxidation in der Nase, dazu leicht käsige Noten, noch Frucht vorhanden, aber insgesamt zu weit gereift. Dazu vielleicht keine optimale Flasche. Schade !

1992er Cabernet Sauvignon (Hess Select)
auch hier etwas Oxidation, aber noch tolerabel, am Gaumen besser, saftige Säure, Cassis, Kirsche und Brombeere, intaktes Tannin, ordentliche Länge. Hat seinen Zenit aber schon längst hinter sich gelassen.

1988er Cabernet Sauvignon Stags Leap (Shafer)
leider ein kompletter Ausfall, schon farblich ein leuchtendes, untypisches Rosa, sehr oxidativ, deutliche Mäuselnote, die den Wein unendlich lang im Mund nachklingen lässt :lol: , als freakiger Naturwein könnte der glatt noch durchgehen, für mich aber ein Fall für den Ausguss... :(

1986er Cabernet Sauvignon Hillside Select (Shafer)
potentiell ganz großer Wein, der aber leider von einer deutlichen Oxidationsnote durchzogen ist, ansonsten sehr klassisch mit Substanz und versteckter Eleganz, in dieser Flaschenform leider nur bedingt ein Vergnügen :shock: Eigentlich sollte ein Wein dieser Klasse jetzt richtig glänzen.

1986er Cabernet Sauvignon Napa Valley (Clos Pegase)
leider noch oxidativer als der Vorgänger, am Gaumen ist die Klasse dieses Weines durchaus erkennbar, aber in dieser Flaschenform ist der Wein einfach zu alt. Schade!

1985er Cabernet Sauvignon Private Reserve (Raymond Vineyards)
Das wäre wahrscheinlich der Wein des Abends gewesen, aber gegen einen Bombenkork ist natürlich kein Kraut gewachsen. Jammerschade!

Im Gegensatz hierzu machte der "Pirat" eine gute Figur:

2003er Cabernet Sauvignon (Divino Nordheim)
Ein fränkischer Cabernet Sauvignon, an dem 22 Jahre offensichtlich völlig vorübergegangen sind, kräftiges Dunkelrubin, fast noch jugendliche Dunkelfrucht, eleganter Holzeinsatz, trotz 14 Vol% mit gewisser Eleganz, eine große Überraschung. Blind probiert hätte ich diesen Wein ins Napa Valley verfrachtet. Anfangs dieses Jahrtausends machten die Genossen in Nordheim offensichtlich einen sehr guten Job!

Trotz des grossen Flaschenpechs ein wiederum schöner Abend mit angenehmen Mitstreitern.

Demnächst werde ich über eine Weinprobe mit australischen und neuseeländischen Spitzenweinen berichten, die ich für die hiesige Weinbruderschaft abgehalten habe. Hier gab es auch dank vieler Schrauber keinerlei Ausfälle--- ganz im Gegenteil gab es hier einige Weine, die einige europäische Spitzenweine direkt vom Tisch fegen würden.

LG
Bodo
Antworten

Zurück zu „Weinproben und Verkostungsberichte“