im Rahmen meiner VHS-Weinseminare trafen sich wieder einmal einige Weininteressierte, um gereifte Weine, die mindestens 10 Jahre oder älter waren, zu verkosten. Obwohl die Probe ausgebucht war und sich kurz vorher 2 Teilnehmer aus privaten Gründen abgemeldet hatten, erschienen 3 angemeldete Teilnehmer einfach nicht. Dies ist für mich absolut unverständlich, da jeder Teilnehmer immerhin 52 EURO zu entrichten hat und ggf. immer bei Verhinderung auch eine(n) Ersatzfrau/mann schicken könnte. Somit blieben einige Reste, so dass ich fast alle Weine über 3 Tage nachverkosten konnte. Die Probe erfolgte wie immer blind, wobei nach jedem Wein aufgelöst wurde. Die Teilnehmer sollten zunächst das Alter des Weines abschätzen, wobei es im Rahmen der Power-Point-Präsentation "Jahrgangshinweise" gab und zu jedem Wein markante Eriegnisse aus Sport, Kunst und sonstigem Zeitgeschehen aufgelistet wurden. Somit kam es zu einer kleinen kulinarischen "Zeitreise" mit Weinen und sonstigen individuellen Erinnerungen an die jeweiligen Jahre. Gereifte Weine sind immer ein Risiko und eigentlich musste man bei 15 Weinen, die zwischen 10 und 39 Jahre alt waren, mit dem einen oder anderen Ausfall rechnen, zumal fast alle Weine verkorkt waren. Aber sensationellerweise hatten wir keinen Korkschmecker, keinerlei Oxidationsnoten oder sonstige Weinfehler. Es waren einfach 15 Glücksgriffe, alle Weine lieferten voll ab und "strahlten".
Doch nun zu den Weinen (5x weiss, 10x rot) im einzelnen:
2015er Hohen-Sülzener Kirchenstück Pinot Brut Nature (Raumland, Flörsheim-Dalsheim) -Rheinhessen-
100% Pinot noir--- knapp 8 Jahre Hefelager---degorgiert 04/2024---12.5 Vol%.
Volker Raumland gehört zweifellos zu den Sekt-Pionieren Deutschlands, die von Anfang an auf hochwertigen Sekt im Stile eines Champagners gesetzt haben. Der oben genannte Sekt gehört für mich regelmäßig zu den allerbesten deutschen Schaumweinen mit einem Top-Preis-Leistungs-Verhältnis.
Optisch mittleres Strohgelb mit kleinen, flinken Perlen, in der Nase zarthefig, Brioche, aber auch dezente Frucht, frisch und speichelziehend, am Gaumen komplett trocken, saftige, dank gelungener Malo abgerundete Säure ohne jeglichen Spitzen, tolle Harmonie, gewisse Fülle und Cremigkeit, aber alles perfekt austariert, saftige Frucht, recht dicht und lang. Dieser Sekt ist jedenfalls um Längen besser als ähnlich teure Marken-Champagner.
Ca. 36 EURO im Handel.
2007er Escherndorfer Lump Silvaner Spätlese "L" trocken (Rainer Sauer, Escherndorf) -Franken-
Der einzig verschraubte Wein der gesamten Probe, der wohl mit "Schutzgas" abgefüllt wurde, da es beim Öffnen deutlich "ploppte".
Optisch ein zartes Gelbgold, in der Nase schon ein "Gedicht", ein Füllhorn an kräutrigen Nuancen (Salbei, Majoran,Dill), vermischt mit einer kaum festzumachenden, dezenten Frucht, seh tiefer und harmonischer Naseneindruck, das setzt sich am Gaumen exakt so fort, trocken mit ein paar Gramm Restzucker, passende Säure, sehr lebendig, harmonisch und sehr nachhaltig, vor allem im Mittelteil sehr dicht, die 13,5 Vol% sind bestens verpackt, wiederum diese Mischung aus Kräutern, "gelb-grüner" Frucht, die aber nur ganz hintergründig wirkt, sehr langer Abgang. Ein großartiger Silvaner in allerbester Reife, der das Potential und die Alterungsfähigkeit dieser Rebsorte eindrücklich beweist. Für damalige 15 EURO ein Mega-Schnäppchen !
2006er Westhofener Kirchspiel Riesling GG (Keller, Flörsheim-Dalsheim) -Rheinhessen-
Sicherlich sind die Weine dieses Weinguts mit die gehyptesten und teuersten, trockenen Rieslinge weltweit. Dieser Wein, der seinerzeit keine 30 EURO gekostet hat, wird heute mit Preisen zwischen 200 und 400 EURO gehandelt. Das ist natürlich völlig absurd, gleichwohl ist der Wein aber durchaus hochwertig. Zartes Gelbgold, in der Nase dezente Karamell-Noten,gepaart mit reifem Weinbergspfirsich, etwas Ananas, Agrumen, erinnert etwas an den traditionellen, sehr reifen Wachauer Smaragd-Stil, am Gaumen trocken mit einigen Gramm Restzucker, reife, aber noch strukturierende Säure, reifes Steinobst mit tropischen Akzenten, zarte Würze, hat nicht die Dichte des Vorgängers, schwächelt ein wenig im Mittelteil, trotzdem gute Länge. Ein sicherlich sehr guter Riesling, der aber seine optimale Reife erreicht hat und wohl nicht mehr besser wird. Wer etwas "molligere" Weine mit eher dezenter Säure schätzt, wird diesen Wein sicherlich noch besser finden als ich. Wenn ich mal "Äpfel mit Birnen" vergleiche, war der Silvaner für mich der klar hochwertigere Wein
2005er Vina Tondonia Blanco Rioja Reserva (Lopez de Heredia, Haro) -Rioja-
Die "unzerstörbaren" Weißweine dieses Betriebes sind Unikate, die gerade in einer Weinprobe mit "gemischtem Publikumsgeschmack" immer polarisieren. Wer Frucht im Wein liebt, ist hier völlig falsch. Wer dagegen Reife, ausgewogene Oxidation, zartes Holz und Mineralität liebt, könnte hier richtig sein. Optisch nur zartes Goldgelb, in der Nase zarte Gelbfrucht, ausoxidiert durch mehrjährige Lagerung im gebrauchten Holz, Würze spielt hier die erste Geige, Kardamon, etwas Bohnerwachs, ein Hauch Sherry-Attitüde, salzig, hefig, Umami, am Gaumen knochentrocken, gesunde Säure, dezent im Alkohol (12,5 Vol%), ein komplexer Mix aus Holzwürze und salinen Noten, sehr langer Abgang. Großartiger, einzigartiger Wein, den man wahrscheinlich unverändert auch in 10 Jahren noch geniessen kann. Love it or hate it ! Da bin ich doch bei der "Liebesfraktion"...
Zum Abschluss der Weissweinserie musste es noch etwas Restsüsses sein:
1999er Erdener Prälat Riesling Auslese*** (Jos. Christoffel jun.,Ürzig) -Mosel-
Die Weine des leider schon verstorbenen KaJo Christoffel sind schon längst "Legende" und auch diese Auslese zeigt dies in Perfektion:
noch lebendiges Strohgelb, wunderbar komplexe und einladende Nase nach reifem Pfirsich, Ananas, Hauch Grapefruit, ohne auch nur im geringsten "laut" oder zu reif zu sein, tolle Harmonie, gepaart mit reifen, würzigen Noten, keinerlei Petrolnoten, am Gaumen federleicht mit saftiger Säure und nur dezent wirkender Süsse, obwohl dieser Wein vermutlich 70 oder 80 Gramm Restzucker hat, trotz aller Leichtigkeit (8 Vol%) hat der Wein Kraft und Tiefe zu bieten, speichelziehende Gelbfrucht, gepaart mit Schiefernoten und Würze, langer, ebenmässiger Abgang, der retronasal noch nachwirkt.
Mosel at its best, ein Wein, der eigentlich nur in der Magnum vermarktet werden sollte, da für 2 Personen 1 Normalflasche definitiv nicht ausreicht
Weiter geht es mit den Rotweinen:
2013er Chambolle-Musigny "Les Veroilles" a.c. (Bruno Clair, Marsannay) -Burgund-
Trotz 12 Jahren Reife steht diese "Dorflage" noch am Anfang und blühte eigentlich erst am 2. Tag richtig auf: lebhaftes Rubinrot mit noch dunklem Kernbereich, in der Nase zunächst verschlossen, mit Luft blüht die feine Dunkelfrucht (Kirsche, Himbeere, Hauch Cassis) richtig auf, nur zarter Holzeinsatz, elegant und fest zugleich, am Gaumen absolut trocken, etwas Extraktsüsse, saftige Säure, sehr feinkörniges, strukturierendes Tannin, elegante Dunkelfrucht, Hauch Kräuter, sehr eleganter, aber auch fest strukturierter Pinot, der manches 1er Cru alt aussehen lässt, perfekt integrierter Alkohol, ausgezeichnete Länge. Wird in dieser Flaschenform in den nächsten Jahren sicherlich noch besser.
1986er Chateau du Monthil Cru Bourgeois Medoc a. c. (Codam S.A.) -Bordeaux-
12,5 Vol%--- Cuvee aus jahrgangsbedingt viel Cabernet Sauvignon, dazu etwas Cabernet franc und Petit Verdot. Kein Merlot!
Dieses "kleine" Weingut gibt es auch heute noch, da es in 2012 von Jean Guyon (Rollan de By) aufgekauft wurde. Ofensichtlich hat man aber auch schon vor 39 Jahren ordentliche Arbeit geleistet. Diesen Wein hatte ich schon zweimal mit Vergnügen im Glas und habe ihn daher aus voller Überzeugung nachgekauft, zumal der Preis von 18 EURO sowieso sehr überschaubar war. Und der Wein liefert auch zum dritten Mal: sehr elegante, vollkommen ausgewogene Cabernet-Nase (Cassis, Kirsche, Brombeere), vermischt mit Tabak, Graphit und etwas ätherischer Kräuteraromatik, am Gaumen elegant mit zarter Säure, fast komplett abgeschmolzenes, feinkörniges Tannin, komplexer Mix aus dunkler Frucht, etwas Holz und Ätherik sowie tabakiger Würze. Ein toller, kleiner, perfekt gereifter Wein, der deutlich über seiner Klasse performt. Ein Teilnehmer, der bei meiner kürzlich stattgefundenen "Kult-Weinprobe" den großartigen Mouton-Rothschild aus gleichem Jahrgang probieren konnte, stellte sogar gewisse Ähnlichkeiten fest, was man nur als Kompliment für diesen "Underdog" auffassen kann. Natürlich hat dieser Wein nicht die Dichte und Länge und auch nicht das weitere Potential des Mouton, aber er macht einfach auch am 3. Tag noch so unendlich viel Trinkspass.... und kostet im Vergleich zum Mouton fast nichts
In Kürze geht es weiter mit den noch fehlenden 8 Rotweinen, die noch einmal richtig abgeliefert haben!
LG
Bodo