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Geschmackssozialisation

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Don Miguel

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BeitragMo 6. Jun 2011, 11:09

Markus Vahlefeld hat geschrieben:Ich bin der Überzeugung, dass jeder von uns einen wie auch immer geeichten Geschmackshorizont besitzt, innerhalb dessen er Wein als positiv/bekannt/bewertbar einordnet. Weine, die diesen Geschmackshorizont verlassen/unterschreiten/überschreiten werden dann als fremdartig und oftmals als unbewertbar angesehen. "Interessanter Wein, aber mir fehlt die Erfahrung, um ihn bewerten zu können" ist dann eine der freundlichsten Aussagen dazu.

Das sehe ich weitgehend auch so, in jedem Fall soweit es mich betrifft. Wobei „fremdartig“ mir zu negativ besetzt ist, „ungewohnt“ oder „ungewöhnlich“ würde ich vorziehen. Beurteilen kann man solche Weine durchaus, aber bewerten im Sinne von Punkte vergeben, da passe ich dann meistens wirklich. So geht es mir noch heute z. B. bei Süßweinen, oder auch bei reifen, alten Weinen tue ich mich mit Bewertungen sehr schwer.

Am meisten würde mich interessieren, wo sich die Forumianer selbst verorten und welche Weine es waren, die sie anders haben denken und schmecken lassen.

Je unerfahrener man ist, um so einfacher ist es wahrscheinlich, dass man von einem neuen, unbekannten Wein(stil) nachhaltig beeindruckt wird. So waren es bei mir die gereiften Moselauslesen von Jos. Christoffel jr., die mich damals in eine völlig neue Geschmackswelt führten.

Je mehr man sich bewusst, intensiv und auch systematischer mit dem Kosmos Wein beschäftigt, desto fließender und subtiler gestalten sich Veränderungen, Im Moment befinde ich mich mal wieder in einer – auch kopfgesteuerten – Umbruchphase und bin fasziniert von deutschen Spätburgundern.

Meine Geschmacksvorlieben sind definitiv konditioniert, d. h. sie verändern sich, aus welchen Gründen auch immer (z. B. Gründe, wie sie ChezMatze zuvor beschrieb). Lediglich säurebetonte oder karge Weine, das geht bei mir gar nicht und daran wird sich nach meiner Überzeugung auch in Zukunft nichts ändern. Eine Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist inzwischen bei meinem Einkaufsverhalten erkennbar, ich bin sehr zurückhaltend geworden, neue Kellerbestände aufzubauen.

Grüße
Don
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octopussy

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragMo 6. Jun 2011, 12:59

Spannendes Thema, das eindeutig einen eigenen Thread verdient hat.

Ich glaube, von Geschmackssozialisation kann sich keiner frei machen, selbst professionelle Weinjournalisten nicht. Ich denke, jeder sucht bei bestimmten Weinen jedenfalls unterbewusst immer nach bestimmten Attributen in bestimmten Proportionen: Frucht, Süße, Säure, Mineralik, Animalik, Primär-, Sekundär-, Tertiäraromen, etc. Das kommt alleine daher, dass eine Einschätzung umso interessanter wird, je mehr man sie in einen Kontext stellen kann. Wie verhält sich Sauvignon Blanc x aus Deutschland zu Sauvignon Blanc y von der östlichen Loire? Wie verhält sich Jahrgang x zu Jahrgang y? Und so weiter.

Leider bin ich in Sachen Psychologie nicht bewandert. Ich würde aber vermuten, dass in meinem Gehirn und auch im Gehirn der meisten anderen beim Trinken eines Weins, beim Essen eines bestimmten Produkts/Gerichts, beim Hören von Musik und bei vielen anderen die Sinne stimulierenden Tätigkeiten ein Erinnerungs- und Vergleichsprozess in Gang geworfen wird. Alle abrufbaren und grob vergleichbaren Erlebnisse werden zum Vergleich mit dem gerade ablaufenden Erlebnis hervorgeholt. Dies führt dann aber dazu, dass man das gerade ablaufende Erlebnis nur konditioniert beurteilen kann.

Ich finde das aber nicht negativ. Es erschwert zwar die Offenheit für Neues und Ungewohntes. Auf der anderen Seite ermöglicht es aber die oben schon erwähnte Kontextbildung. Für mich persönlich versuche ich so gut wie es geht, mir eine gewisse Offenheit zu bewahren und positive wie negative Eindrücke lieber ein zweites oder drittes Mal zu überprüfen, bevor ich für mich geschmackliche Entscheidungen treffe. Die Entscheidungen, bestimmte Weinstile links liegen zu lassen, rühren bei mir meistens weniger daher, dass ich Weine eines bestimmten Stils gar nicht trinken kann/mag, sondern eher daher, dass für mich eine Prioritätensetzung unumgänglich ist.
Beste Grüße, Stephan
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Birte

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 11:51

Ich suche in Weinen nach dem Geruch meiner Kindheit, den Gerüchen der Berge. Ich muss an die Kräuter denken, die ich mit meinem Großvater für Tee und Hausmittel gesammelt habe oder an den wilden Thymian, der so herrlich riecht, wenn man ihn zwischen den Fingern zerreibt. Ein Wein, der im Anfangsstadium nach nassem Heu riecht macht mir keine Schwierigkeiten, Gebirgsbäche herrlich. Viele Gerüche dort sind strenger, zum Beispiel die modrig sumpfigen Bächlein, die durch die Wiesen fliesen. Richtig hart wurde es in der Kirche, die roch nach Kuhstall.
Ich merke immer wieder, dass ich mich bei Weinen, die nach Steinobst oder gar nach tropischen Früchten riechen, anstrengen muss, gerecht zu bleiben, sie entsprechen nicht meiner Geruchssozialisation. Dazu kommt natürlich noch eine genetische Komponente.
Zu diesem Thema hat sich bei mir zufällig in den letzten Monaten ein interessantes Experiment ereignet. Es handelt sich um eine Dame, die zum einen ähnliche genetische Anteile besitzen müsste und zum anderen ähnlich sozialisiert ist. Es handelt sich um das Muttertier. Sie ist eine fundamentalistische Supermarkweinkäuferin und bekennende, stolze Weinbanausin. Vor einigen Monaten stand ich mit ihr im Kaufhof und sollte einen Wein für den Abend aussuchen. Da sie es nicht länger als dreißig Sekunden vor einem Weinregal aushält, griff ich blind zum Basisriesling Dreissigacker 2010. Zu Hause nahm die Katastrophe ihren Lauf. Als ich merkte, was ich da für ein grausames Getränk im Glas habe, stand mir schon der Angstschweiß auf der Stirn. Die Mutter trank und sprach: „ Ich kriege das kaum runter, das schmeckt ölig. Diese besseren Weine sind nix für mich, der Riesling von Netto schmeckt mir besser.“ Das war es, alle Erklärungsversuche scheiterten. Man kann die Welt nur nach dem verstehen, was man erlebt hat. Ich habe mich Monate lang nicht mehr getraut, ihr etwas mitzubringen, bis vor kurzem. Ich hatte den Riesling von Bürklin-Wolf 2011 schon alleine probiert und habe eine weitere Flasche für meine Mutter gekauft. Es hat funktioniert. Sie hatte den Wein im Glas. Ich: „Riechst Du noch die Hefe?“ Sie: „JAAA.“ Gluck, gluck, gluck, hatte sie ratz fatz ihr halbes Glas leer. Sie: „OHHHH ist der gut. Man sollte nur noch alle zwei Wochen Wein trinken und dann nur noch so was.“ Sie kannte den Preis nicht.
Zuletzt geändert von Birte am Sa 17. Mär 2012, 13:12, insgesamt 1-mal geändert.
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sociando

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 12:25

Birte hat geschrieben: ein interessantes Experiment ereignet. Es handelt sich um eine Dame, die zum einen ähnliche genetische Anteile besitzen müsste und zum anderen gleich sozialisiert ist. Es handelt sich um das Muttertier.


hi birte,

na das ist aber wohl ein fehlschluss. gerade zwischen generationen gibt es erhebliche unterschiede in der sozialisation. allein schon aus historische gründen. es sei denn, ihr seid absolut gleich auf einer "entfernten" almhütte als selbstversorger gross geworden. aber auch nach der kindeit geht die sozialisation weiter und man geht ja getrennte wege dann. beste grüsse, martin
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Birte

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 12:33

ihr seid absolut gleich auf einer "entfernten" almhütte als selbstversorger gross geworden.

OT, er will es nicht anders:
Ich bin bei den wilden Tieren groß geworden und musste mich durchsetzen. Deshalb habe ich heute so scharfe Zähne und so spitze Krallen, damit ich Dich besser kratzen kann. :mrgreen:
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Birte

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 13:00

Und nun zum ernsten Teil. Für mich ist nichts so prägend, wie die Gerüche aus der Kindheit. Natürlich erweitert sich das Spektrum im Laufe des Lebens. Aber nichts hat für mich so einen hohen Wiedererkennungswert, wie die Gerüche aus der Kindheit. Und zur Verwandtschaft. Meine Mutter und ich haben allein dadurch eine ähnliche Geruchssozialisation, weil wir 21 Jahre fast das selbe gegessen haben.
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sociando

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 13:39

...klar, aber deine mutter ist sicherlich (etwas) anders aufgewachsen also du. kohorteneffekt eben. cheers, martin
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Birte

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Re: Geschmackssozialisation

BeitragSa 17. Mär 2012, 13:55

sociando hat geschrieben:...klar, aber deine mutter ist sicherlich (etwas) anders aufgewachsen also du. kohorteneffekt eben. cheers, martin


Natürlich muss man das berücksichtigen. Ich glaube jedoch nicht, dass es zu enormen Abweichungen bei der Prägung des Geschmackssinns beiträgt. Wenn meine Mutter in der Kindheit Tafelspitz serviert bekam, mir wieder Tafelspitz serviert, aber ab und zu auch Pasta, weil sie sich weiter entwickelt hat, dann ist meine Geschmackssozialisation die weiter entwickelte Geschmackssozialisation meiner Mutter.
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