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Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Mo 23. Jan 2017, 18:25
von ledexter
Einzelflaschenfreund hat geschrieben:
Warum ergibt sich nach einem Totalverriss eine Bewertung von 85-87 Punkten?
Meine Bewertung war natürlich sehr von meiner Erwartungshaltung aus geschrieben, eigentlich hätte der Haut-Bailley 2005 für mich ein Knaller sein müssen. Von dem Standing und den Bewertungen ging ich davon aus, dass er genau meinen Geschmack trifft. Zudem war er auch nicht gerade billig. Trotz meines Verrisses hätte er es wahrscheinlich trotzdem mit einem einfachen 85-87 Punkte Bordeaux aufnehmen können. Aber ich gebe dir schon recht, unter 90 Punkten sollte ein Wein eigentlich "gut" sein. Parker legt sein System wie folgt dar:
50 bis 69 Punkte: schlecht bis unterdurchschnittlich
70 bis 79 Punkte: durchschnittlich
80 bis 89 Punkte: überdurchschnittlich bis sehr gut
90 bis 95 Punkte: hervorragend
96 bis 100 Punkte: außerordentlich
In der Realität ist aber in meiner Erfahrung 100-96 außerirdisch, 96-93 sehr gut, 92-90 gut, 89-87 eher befriedigend, 87-85 ausreichend, 85-83 ungenügend und unter 82 Punkten mangelhaft.
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Mo 23. Jan 2017, 19:02
von Michl
ledexter hat geschrieben:In der Realität ist aber in meiner Erfahrung 100-96 außerirdisch, 96-93 sehr gut, 92-90 gut, 89-87 eher befriedigend, 87-85 ausreichend, 85-83 ungenügend und unter 82 Punkten mangelhaft.
Heißt das, du punktest so? Oder ist das deine Wahrnehmung der heute durchschnittlich verbreiteten Punkteweise? Beides hielte ich für völlig unangebracht. Eine derartige Auslegung führt dazu, dass man sich vollends nicht mehr versteht. Aber ich will nicht off-topic werden...
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Mo 23. Jan 2017, 21:35
von port_ellen
so ist das mit den punkten, da hat jeder sein eigenes referenzsystem, seine(n) referenz-vorkoster. das funktioniert auch ganz gut für einen selbst. objektiv ist es aber trotzdem nicht, ein "verstehen" über die punkte nur bedingt möglich.
macht aber nichts, jedenfalls für mich, so lange eine beschreibung dabei ist.
gruss, m
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Mo 23. Jan 2017, 23:00
von ledexter
Michl hat geschrieben:
Heißt das, du punktest so? Oder ist das deine Wahrnehmung der heute durchschnittlich verbreiteten Punkteweise? Beides hielte ich für völlig unangebracht. Eine derartige Auslegung führt dazu, dass man sich vollends nicht mehr versteht. Aber ich will nicht off-topic werden...
Sowohl als auch, ich habe jetzt einfach mal random zwei Weinbewertungen aus dem Forum gegriffen, was für mich meine subjekitve Wahrnehmung stützt. Aber klar, jeder kann das für sich sehen wie er will.
Für mich entsprechen diese Bewertungen eher einem "ausreichend" als wie bei Parker beschrieben "überdurchschnittlich bis sehr gut":
susa hat geschrieben:
1998 Cos d'Estournel
to make a long story short, ich war reichlich enttäuscht.
Nase war eigentlich recht angenehm, rote Frucht, ein wenig fleischig, erdig, schokoladig; am Gaumen zunächst dünn und nach hinten etwas unangenehme Säure, Aromen nicht sehr intensiv, gewann nach ca. 3 Stunden Luft geringfügig, ließ Eleganz und Komplexität vermissen, Abgang für einen Wein dieser Kategorie entschieden zu kurz, (eigentlich überhaupt zu kurz)
Fazit: 87 Punkte mit Rücksicht auf die Eltern und ich hoffe auf ein Einzelphänomen, vielleicht war ja was mit der Flasche; war der erste 98er Cos, den wir geöffnet hatten; habe damals ein Sixpack gekauft und habe noch 5 Flaschen.
innauen hat geschrieben:
heute eine Flasche Potensac 1998
Die Nase ist das schlechteste an dem Wein. Nasse Pappe, gemüsig, Kellertöne. Vielleicht liegt es am Wein, vielleicht an der Lagerung, vielleicht am Korken (ich tippe auf schleichenden Kork, denn am Gaumen zeigen sich später ähnliche Eindrücke). Zunächst jedoch dünn/elegant, kantig/grünlich und leicht. Später findet sich noch ein Kern Frucharomen. Der Abgang ist dann wiederum erstaunlich lang und süß.
Fazit: Gabriel hat mal gesagt, Potensac habe ihn noch nie überzeugt und der Wein sei zu teuer. Diesem Urteil kann man an Hand dieser einen Flasche sicherlich nicht anschließen. Aber dass der Potensac hinter Vertretern aus dem medoc wie Rollan de By hinsichtlich Extrakt, Glyzeringehalt und Würze zurücksteht, habe ich auch in anderen Jahrgängen schon beobachtet. Auch diese Flasche ist keine Empfehlung.
85 Punkte
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Di 24. Jan 2017, 08:35
von UlliB
Michl hat geschrieben:Eine derartige Auslegung führt dazu, dass man sich vollends nicht mehr versteht.
Es ist eine interessante Frage, ob Punkte jemals dazu geeignet waren, effektiv über Qualität zu kommunizieren.
Wenn sie es aber einmal waren, sind sie es heute jedenfalls nicht mehr. Die Auslegung von
ledexter kann ich voll und ganz nachvollziehen, sie wird durch die Benotungen des am Ende altersmilde gewordenen Parker und auch durch andere Profis wie Gabriel und Suckling verursacht, und vor allem auch durch die Bepunktung durch bestimmte Händler. Und das System der "Ultrahochbepunktung" hat, wie völlig richtig angemerkt, auch breiten Eingang in dieses Forum gefunden. Jeder auch nur leidlich gute Bordeaux oder akzeptable Mosel bekommt da von den Fans gleich mal eine 9 vorne verpasst...
Da aber manche Leute das System immer noch so benutzen, wie es ursprünglich mal angelegt war, ist das Chaos komplett. Ich habe deshalb vor ein paar Jahren aufgehört, Punkte zu vergeben, und bewerte Weine nur noch verbal.
Gruß
Ulli
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Di 24. Jan 2017, 13:54
von Michl
UlliB hat geschrieben:Es ist eine interessante Frage, ob Punkte jemals dazu geeignet waren, effektiv über Qualität zu kommunizieren.
"Effektiv" sicherlich nicht, aber i.d.R. liefern sie mir größere Anhaltspunkte hinsichtlich der GESAMTqualität als Verbalisierungen, die für mich eher den Stil bzw. Charakter eines Weines erfassen können. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich als VKN-Schreiber mit meinen eigenen sprachlichen Möglichkeiten nicht immer zufrieden bin. Andere beschreiben m.E besser, bspw. marzemino, dessen VKN ich sehr schätze. Dennoch fehlen mir auch bei ihm die Punkte, um wirklich die Gesamtqualität tendenziell einschätzen zu können.
UlliB hat geschrieben:Die Auslegung von ledexter kann ich voll und ganz nachvollziehen, sie wird durch die Benotungen des am Ende altersmilde gewordenen Parker und auch durch andere Profis wie Gabriel und Suckling verursacht, und vor allem auch durch die Bepunktung durch bestimmte Händler
Okay, zugegeben Ulli, auf die von dir angeführten Beispiele mag das zutreffen, die Händlerbewertungen zählen für mich jedoch nicht. Daneben gibt es aber auch den GM, der ziemlich klassisch beurteilt, Eichelmann wohl auch, habe ich aber schon seit Jahren nicht mehr gelesen, Hofschuster hat zumindest bis vor einigen Jahren, als ich seine Notizen noch verfolgte, im Bereich 83-87 P sehr konservativ geurteilt, JR und AM punkten zumindest im Bereich Burgund zumindest nicht übertrieben generös. Und hier im Forum bepunkten Bernd Schulz, Ralf Gundlach und Gaston wohl ziemlich klassisch, ich auch, Octopussy tendenziell vielleicht einen Tick freigiebiger, aber ganz und gar nicht im oben skizzierten Stil. Auch mixhals, innauen, Fränkie u.a. bewegen sich doch alle in einer ziemlich klassischen Interpretation. Von Bordeaux spreche ich jetzt nicht, denn davon verstehe ich nichts.
Jetzt mag man sagen, dass gerade die Forumsmitglieder keine Bedeutung als Verkoster haben und insofern den Trend unter den professionellen Verkostern nicht relativieren. Stimmt. Aber für mich als Forumsmitglied haben sie große Bedeutung. Ich orientiere mich primär an deren Empfehlungen.
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Di 24. Jan 2017, 14:03
von Einzelflaschenfreund
Wollte gar nicht die x-te Punktediskussion heraufbeschwören, sorry.
Mir ging es nur darum: Wenn wir mal behelfsweise die Verkostungsnotiz als Text und die Bewertungspunkte als Bild nehmen, gab es hier eine Text/Bild-Schere. Daher hatte ich nachgehakt (und bin dabei ein wenig zu grundsätzlich geworden).
Ich finde grundsätzlich nämlich Beschreibung UND Punkte am hilfreichsten. Das nivelliert dann auch ein bisschen die zugrunde liegende und im Einzelfall sehr unterschiedliche Handhabung von Skalen. Wenn mir beides zusammen nicht ganz rund/konsistent erscheint, frage ich nach. ledexter hat das nachvollziehbar beantwortet - alles Folgende wird uns auch im tausendsten Versuch nicht zu einem Konsens führen.
Viele Grüße
Guido
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Do 2. Feb 2017, 10:38
von Einzelflaschenfreund
Tronquoy-Lalande 2005
Hatte davon bereits einige Flaschen; der Wein hat sich relativ schnell verschlossen, das letzte Exemplar vor ca. zwei Jahren ließ fast nichts mehr raus.
Und nun dies: Nase riecht nach "Süden und Hitze" und ein bisschen Bdx: etwas Cassis, Tomate, mediterrane Gewürze. Wirkt eher warm.
Im Mund dann herber als erwartet, noch etwas ruppige Tannine, dazu Grünholznoten und insgesamt etwas wie ein "gepimpter Hänfling" wirkend, der gern mehr Fleisch am Knochen hätte. Wird mit mehr Luft eher noch unharmonischer und kippt momentweise sogar etwas ins Oxidative/Gekochte.
Ein Wein, der das seltsame Paradoxon schafft, zugleich überreif und unreif zu wirken, eigenartig.
Zum Entrecôte ging das noch ganz ordentlich (harmonisch zum Fett), aber solo nicht wirklich ein Vergnügen.
Bin gespannt, wie sich heute oder morgen der Flaschenrest präsentiert (noch ca. 150 ml).
Viele Grüße
Guido
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Sa 4. Feb 2017, 09:00
von Gerald
Bisher konnte ich leider (oder zum Glück für mein Konto

) keinen rechten Zugang zu Bordeaux finden. Der zuletzt getrunkene Le Boscq 2005 hat daran aber auch nichts geändert, eher im Gegenteil:
Dabei sollte er laut diversen VKN im Web gut gelungen und auch derzeit schon trinkreif sein. Für mich hingegen nur nette, wenn auch schlichte Aromatik, dazu recht unsauber am Gaumen. Geschätzt 95% der bisher probierten Rotweine in dieser Preisklasse geben mehr her. Ich warte immer noch auf den Bordeaux bis ca. 30 oder 40 Euro, der mich überzeugt - so es diesen gibt ...
Grüße,
Gerald
Re: Bordeaux 2005
Verfasst: Sa 4. Feb 2017, 10:16
von vanvelsen
Hi Gerald
Probier mal die Weine von La Voute
http://www.vvwine.ch/2016/06/ch-la-vout ... perle.html die könnten dir evtl. gefallen und kosten keine 40 Franken...
Und wenn es 2005 sein muss, dann... Petit Gravet Ainé 2005 aus St-Emilion sowie Sociando Mallet bieten viel Wein fürs Geld...
LG
Adrian