
Sancerre
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Re: Sancerre
Viele Grüße
Erich
Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.
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Erich
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amateur des vins
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Re: Sancerre
Mal wieder 'was von meiner nicht ganz unproblematischen Sauvignon-Benchmark:
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2016
Die Robe hellgolden; kaum gedunkelt.
Die Nase "chablis-esk": deutlich mineralisch, wenig Frucht (am ehesten diffus weiß und ein Hauch unreifer Ananas).
Am Gaumen aromatisch dito. Wunderbar balanciert; gleichzeitig seidige Textur und etwas Grip. Unaufgeregt frische Säure. Total unauffälliges, nur unterschwellig stützendes Holz. Die Rebsorte ist qua Abwesenheit praktisch aller Pyrazinaromen für mich nicht zu erkennen: Der Wein ist "chablis-esker" als die meisten der letzten Chablis, die ich im Glas hatte (mit Ausnahme von Louis Michel). Das kommt nicht überraschend: So habe ich die Weine von Boulay bei Passion Vin vorgestellt bekommen (hervorragend reifend (sic!), dann "burgundisch") und kennengelernt.
Der Wein ist jetzt in exzellenter Verfassung, hat aber sicher noch etliche Jahre vor sich. Daß er besser wird, ist aber schwer vorstellbar.
Ich hatte in der Vergangenheit diverse technische Probleme mit den Weinen, vor allem aus den nuller Jahren des Jahrtausends: mehrfach TCA, aber auch mal vorzeitige Oxidation. Mittlerweile scheint Boulay das Korkproblem aber endlich in den Griff bekommen zu haben. Und wenn sie gut sind - wow, sind sie gut!
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2016
Die Robe hellgolden; kaum gedunkelt.
Die Nase "chablis-esk": deutlich mineralisch, wenig Frucht (am ehesten diffus weiß und ein Hauch unreifer Ananas).
Am Gaumen aromatisch dito. Wunderbar balanciert; gleichzeitig seidige Textur und etwas Grip. Unaufgeregt frische Säure. Total unauffälliges, nur unterschwellig stützendes Holz. Die Rebsorte ist qua Abwesenheit praktisch aller Pyrazinaromen für mich nicht zu erkennen: Der Wein ist "chablis-esker" als die meisten der letzten Chablis, die ich im Glas hatte (mit Ausnahme von Louis Michel). Das kommt nicht überraschend: So habe ich die Weine von Boulay bei Passion Vin vorgestellt bekommen (hervorragend reifend (sic!), dann "burgundisch") und kennengelernt.
Der Wein ist jetzt in exzellenter Verfassung, hat aber sicher noch etliche Jahre vor sich. Daß er besser wird, ist aber schwer vorstellbar.
Ich hatte in der Vergangenheit diverse technische Probleme mit den Weinen, vor allem aus den nuller Jahren des Jahrtausends: mehrfach TCA, aber auch mal vorzeitige Oxidation. Mittlerweile scheint Boulay das Korkproblem aber endlich in den Griff bekommen zu haben. Und wenn sie gut sind - wow, sind sie gut!
Besten Gruß, Karsten
- thvins
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Re: Sancerre
Hallo Erich, soweit ich weiß, sind für die AOC - Erteilung in Sancerre nur zugelassen: Sauvignon Blanc für weiß und Pinot Noir für rot und rosé.
Genaueres könnte sicher nur der Winzer direkt sagen... Manchmal gibt es ja auch illegalem "Wildwuchs"... - aber wer gibt das offiziell zu? Zumal die AOC-Erteilung dann vielleicht verwehrt werden würde? Vielleicht leigt es auch am speziellen Ausbau dieses Weines, dass er weniger rebsortentypisch daher kommt.
- EThC
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Re: Sancerre
Hallo Torsten,
ja, so steht's auch bei den ganzen "second-party"-Quellen, wenn man sich aber die Originalfassungen der jeweiligen Verordnungen ansieht, findet man häufig was hinsichtilich der zugelassenen "Verunreinigungen". Allgemein sind's im EU-Recht 15 %, die AOC-Regulierung dürfte da vermutlich strenger sein, möglicherweise gibt's da tatsächlich eine "zero tolerance". Hab aber die Originalfassung nicht gefunden (bzw. bisher nicht genügend Zeit gehabt...)
Viele Grüße
Erich
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Re: Sancerre
Diesen Wein zog ich auf, um mich im direkten Vergleich zu Weedenborn zu rekalibrieren:
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2020
Boulay und seine Korken...
Dieser war trotz der relativen Jugend ungefähr zur Hälfte nicht nur benetzt, sondern geradezu außen nass. Es gab aber keine erkennbare Leckage, und auch sonst keine Probleme; insgesamt sah das viel positiver als manchmal in der Vergangenheit aus.
Der Wein präsentiert sich mit goldener Robe. Was ich an diesem Wein in der Vergangenheit so schätzte, finde ich auch hier: nur ganz, ganz dezente Pyrazine. Nicht umsonst macht die Geschichte die Runde, gereifte Boulays seien auch für Experten kaum von Burgundern zu unterscheiden. (Ich konnte das, wenngleich kein Experte, im Experiment nachvollziehen.)
Am Gaumen zeigt dieser Wein dichte gelbe Frucht (vorwiegend Pfirsich), gewürzt mit Maracuja, Autumn Sencha und Estragon. Zwar ist da eine gewisse Opulenz, aber ohne Breite, wozu auch die lebendige Säure mit einem Hauch von Blutorange und Pink Grapefruit beiträgt. Sehr saftig und hedonistisch, fast ein wenig süßlich wirkend (der Wein ist trocken!), und mit erschreckendem Trinkfluß trotz Spannung und Komplexität.
Es war eine gute Entscheidung, diesen Wein parallel aufgemacht zu haben: Ich finde die Weedenborn durchaus gut, v.a. die SB Réserve. Aber Boulay, und speziell Clos de Beaujeu, ist einfach so viel mehr meine Kragenweite...
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2020
Boulay und seine Korken...
Der Wein präsentiert sich mit goldener Robe. Was ich an diesem Wein in der Vergangenheit so schätzte, finde ich auch hier: nur ganz, ganz dezente Pyrazine. Nicht umsonst macht die Geschichte die Runde, gereifte Boulays seien auch für Experten kaum von Burgundern zu unterscheiden. (Ich konnte das, wenngleich kein Experte, im Experiment nachvollziehen.)
Am Gaumen zeigt dieser Wein dichte gelbe Frucht (vorwiegend Pfirsich), gewürzt mit Maracuja, Autumn Sencha und Estragon. Zwar ist da eine gewisse Opulenz, aber ohne Breite, wozu auch die lebendige Säure mit einem Hauch von Blutorange und Pink Grapefruit beiträgt. Sehr saftig und hedonistisch, fast ein wenig süßlich wirkend (der Wein ist trocken!), und mit erschreckendem Trinkfluß trotz Spannung und Komplexität.
Es war eine gute Entscheidung, diesen Wein parallel aufgemacht zu haben: Ich finde die Weedenborn durchaus gut, v.a. die SB Réserve. Aber Boulay, und speziell Clos de Beaujeu, ist einfach so viel mehr meine Kragenweite...
Besten Gruß, Karsten
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amateur des vins
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Re: Sancerre
Gerade gefällt mir ganz ausgezeichnet:
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2018
In der Nase gut erkennbares, aber exzellent gemanagtes Holz. Fast verschämt dahinter ein wenig helle Steinfrucht und vielleicht (?) ein Hauch reife Ananas. Keine Spur der SB-typischen Pyrazine, und auch nicht grasig.
Am Gaumen cremiger, aber nicht fetter Antrunk mit (nur) ausreichender Säure. Feine Mandarinennote; Richtung (langem) Abgang auch eine Spur Blutorange, nun sogar mit feinem und anhaftendem Säurenerv. Sicher etwas auf der weicheren, weniger straffen Seite, aber aromatisch keine Spur von Hitzestreß.
Ich hab' die Geschichte schon (zu) oft erzählt, vermutlich auch hier im Forum:
Als ich das erstemal bei Passion Vin im Laden war und gezielt auch Richtung Loire fragte, wurde mir im Gespräch versichert, daß Boulays weiße extrem gut altern und dann selbst für Profis kaum von Burgundern zu unterscheiden sind, wie just tags zuvor in einer tiefen Vertikalen verifiziert worden sei.
Dieser 2018er ist Testament dieser Eigenart. Irgendetwas ist da zwar, das mich nicht gleich "Chardonnay!" denken läßt, aber eher das, als SB - obwohl sich mit dem Wissen darum zarte Hinweise finden. Man könnte also kritisieren, daß dieser Wein untypisch wenige, ja: fast keine Aromen von Stachelbeere/Maracuja/Cassis zeigt. Aber ich genieße gerade sehr die perfekte Harmonie und den Charme. Toll!
Gérard Boulay, Clos de Beaujeu 2018
In der Nase gut erkennbares, aber exzellent gemanagtes Holz. Fast verschämt dahinter ein wenig helle Steinfrucht und vielleicht (?) ein Hauch reife Ananas. Keine Spur der SB-typischen Pyrazine, und auch nicht grasig.
Am Gaumen cremiger, aber nicht fetter Antrunk mit (nur) ausreichender Säure. Feine Mandarinennote; Richtung (langem) Abgang auch eine Spur Blutorange, nun sogar mit feinem und anhaftendem Säurenerv. Sicher etwas auf der weicheren, weniger straffen Seite, aber aromatisch keine Spur von Hitzestreß.
Ich hab' die Geschichte schon (zu) oft erzählt, vermutlich auch hier im Forum:
Als ich das erstemal bei Passion Vin im Laden war und gezielt auch Richtung Loire fragte, wurde mir im Gespräch versichert, daß Boulays weiße extrem gut altern und dann selbst für Profis kaum von Burgundern zu unterscheiden sind, wie just tags zuvor in einer tiefen Vertikalen verifiziert worden sei.
Dieser 2018er ist Testament dieser Eigenart. Irgendetwas ist da zwar, das mich nicht gleich "Chardonnay!" denken läßt, aber eher das, als SB - obwohl sich mit dem Wissen darum zarte Hinweise finden. Man könnte also kritisieren, daß dieser Wein untypisch wenige, ja: fast keine Aromen von Stachelbeere/Maracuja/Cassis zeigt. Aber ich genieße gerade sehr die perfekte Harmonie und den Charme. Toll!
Besten Gruß, Karsten
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Re: Sancerre
...also nur für mich erstmal (basierend auf meinen Erfahrungen) gilt, daß richtig guter Loire-SB diese Aromen nur im Oberschwingungsbereich zeigt, gerade noch so, daß die Sorte erkennbar bleibt. Wer oder was da nun die Typizität vorgibt, sei mal dahingestellt...amateur des vins hat geschrieben: ↑Mo 29. Dez 2025, 18:44 Man könnte also kritisieren, daß dieser Wein untypisch wenige, ja: fast keine Aromen von Stachelbeere/Maracuja/Cassis zeigt.
Viele Grüße
Erich
Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
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Re: Sancerre
Pyrazine, die für die grünen und grasigen Noten verantwortlich sind, werden früh in der Beere gebildet und bauen sich bei Reife und ausreichend Licht ab.EThC hat geschrieben: ↑Mo 29. Dez 2025, 19:50...also nur für mich erstmal (basierend auf meinen Erfahrungen) gilt, daß richtig guter Loire-SB diese Aromen nur im Oberschwingungsbereich zeigt, gerade noch so, daß die Sorte erkennbar bleibt. Wer oder was da nun die Typizität vorgibt, sei mal dahingestellt...amateur des vins hat geschrieben: ↑Mo 29. Dez 2025, 18:44 Man könnte also kritisieren, daß dieser Wein untypisch wenige, ja: fast keine Aromen von Stachelbeere/Maracuja/Cassis zeigt.
Thiole (typische Assoziationen sind Maracuja, Stachelbeere, Grapefruit, Holunderblüte) dagegen, liegen als Vorstufen in der Traube vor, werden erst während der Gärung freigesetzt und sind extrem oxidationsempfindlich.
Der Erhalt dieser primären Aromatik ist ja stilbildend gewesen für die Sauvignon Blancs aus Neuseeland. Erforderlich dafür ist, dass früh gelesen und konsequent reduktiv ausgebaut wird. Will man diese Aromen nicht so präsent, muss reif gelesen werden, was in 2018 nicht das Problem gewesen sein soll, und oxidativ ausgebaut werden. So wie ich lese, benutzt Boulay Holzfässer.
Beides Sauvignon Blanc und auch beide Stile typisch.
VG Nora
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Re: Sancerre
Danke, Nora!
Das mit der Oxidationsempfindlichkeit wußte ich nicht. Paßt aber.
Stollinger hatte hier mal eine Studie verlinkt, die die Ursachen für die ausgeprägt exotische Aromatik speziell Neuseeländischer SB durchaus komplexer darstellte, als nur von früher Lese und reduktivem Ausbau abhängig. Es ging um die Entstehungsrate und Konzentration der Reaktanden in der Schale, und irgendwie kam auch Mikroporösität in's Spiel iirc (bin gerade zu faul, das rauszusuchen).
Das mit der Oxidationsempfindlichkeit wußte ich nicht. Paßt aber.
Stollinger hatte hier mal eine Studie verlinkt, die die Ursachen für die ausgeprägt exotische Aromatik speziell Neuseeländischer SB durchaus komplexer darstellte, als nur von früher Lese und reduktivem Ausbau abhängig. Es ging um die Entstehungsrate und Konzentration der Reaktanden in der Schale, und irgendwie kam auch Mikroporösität in's Spiel iirc (bin gerade zu faul, das rauszusuchen).
Besten Gruß, Karsten
Re: Sancerre
Danke Karsten für den Hinweis zur Studie! Ich gucke mir das mal an.
Dass das nicht so simpel ist, wie ich oben dargestellt habe, ist klar. Ich wollte lediglich auf diese 2 wichtigen Aspekte hinweisen und damit auch ausdrücken, dass der Ausdruck eines Sauvignon Blancs durch die Entscheidung des Winzers oder der Winzerin im Weinberg und auch sehr leicht durch deren Vinifikation beeinflusst werden kann.
VG Nora
Dass das nicht so simpel ist, wie ich oben dargestellt habe, ist klar. Ich wollte lediglich auf diese 2 wichtigen Aspekte hinweisen und damit auch ausdrücken, dass der Ausdruck eines Sauvignon Blancs durch die Entscheidung des Winzers oder der Winzerin im Weinberg und auch sehr leicht durch deren Vinifikation beeinflusst werden kann.
VG Nora