Vinooracle

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Charlie
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Re: Vinooracle

Beitrag von Charlie »

Bernd Schulz hat geschrieben: Warum überfällt mich gerade jetzt mal wieder das verflixte Gefühl, dass das ganze Computer/Handygewese trotz verschiedener sehr sinnvoller Nutzungsmöglichkeiten nicht wenig zur weiteren Verblödung der Menschheit beiträgt?
Weil es formal stimmt: je mehr es zu wissen gibt (egal wie wichtig/relevant) desto mehr Menschen werden davon nichts wissen, also nimmt insgesamt das Unwissen zu. :P
Bernd, dieses Gefühl kommt mir zBsp bei Amazon auch, denn die geben mir Tipps, ohne dass ich danach gefragt hätte. Fühlt sich an wie Bervormundung und die wie Verblödung. Simons Anwendung geht anders vor: sie gibt dir nur dann eine Antwort wenn du fragst. Und in einem Punkt führt Simons Anwendung sicher nicht zur Verblödung: bei ihm selbst. Es hält munter, an sowas rumzubasteln. Und man kann am Beispiel dieser Anwendung paar grundsätzliche Fragen zum Wein durchexezieren - siehe Geralds Post zur Bennenbarkeit.
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Mr. Tinte
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Re: Vinooracle

Beitrag von Mr. Tinte »

simvino hat geschrieben:Das viele Leute ablehnend gegenüber Neuem sind, ist ja nichts Neues..

Das eigentliche Problem mit künstlicher Intelligenz und der ablehnenden Haltung kommt sicherlich aus der Problematik der Definition von Intelligenz. Was ist Intelligenz? Es gibt da unzählige interessante Dinge darüber zu lesen.
Ein sehr zentrale Sache in den wissenschaftlichen Diskussionen sind folgende Artikel:

http://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_room
(Kurzform in Deutsch) http://de.wikipedia.org/wiki/Chinesisches_Zimmer
http://cogprints.org/296/1/102.htm (Frame of Reference Problem)

Der Unterschied zu Amazon, Wetterprognosen etc. und meinem System sind folgende:
1. Die Ergebnisse sind nicht durch kommerzielle/ökonomische Absichten verfälscht. Was nicht heisst, das ich nicht durch Werbeeinahmen etc. Geld verdienen will :-).
2. Die Algorithmen bedienen sich interdisziplänerer Heuristiken welche keine mathematische Exaktheit anstreben. Was auch der experimentelle Teil daran ausmacht.
(Da kommt die alte Vorstellung über künstliche Intelligenz, welche von der menschlichen Intelligenz Top Down ausgeht (.. googelt mal "GOFAI".. siehe auch Frame of Reference Problem..), welche viele Leute in das System hinein projizieren und es für Blödsinn und oder trivial halten.)
.. etc. etc. etc. ;)

P.S: Meine Voraussage: Empfehlungs-Systeme wird es in den nächsen Jahren wie Sand am Meer geben (der nächste Schritt nach Social Networks) .. sei es als App oder WebApp .. gut oder schlecht.. siehe auch "Google Prediction API" von Google (welche ich nicht verwende).
Intelligenz zeichnet sich aus durch:
-> Selbstreferenz (es gibt keine ausser den eigenen Operationen)
-> Autopoeisis (neue Operationen enstehen immer und ausschliesslich aus eigenen, vorhergehenden Operationen)
-> Fähigkeit zur strukturellen Kopplung (analog zu den menschlichen Sinnessystemen soll es möglich sein kommunikativ mit der Ausswenwelt durch einen gemeinsamen Code in Verbindung zu treten und diese in das eigene System zu "übersetzen")
-> usw.
Näheres zu diesen Themen findet man unter Kybernetik und/oder Systemtheorie, Niklas Luhmann etc.
Liebe Grüsse,

Goce
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Mr. Tinte
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Re: Vinooracle

Beitrag von Mr. Tinte »

Gerald hat geschrieben:Das Grundproblem ist meiner Meinung nach das Modell, dass ein Wein mir gefällt, wenn er in einer Reihe von einzelnen, benennbaren Parametern mit einem anderen Wein gut übereinstimmt, der mir zugesagt hat. Ich bin mir da ja nicht so sicher ...

Denn für mich ist vor allem die "Benennbarkeit" das Hauptproblem, denn da beschränkt man sich zwangsläufig auf Faktoren wie bestimmte Geruchs- und Geschmacksassoziationen, Süße, Säure etc.

Faktoren hingegen, für die es keinen allgemein akzeptierten Namen gibt wie z.B. eine "Leere in der Mitte" oder ein "schal-rustikaler Abgang" (meine Sprachschöpfung ;) , andere Leute würden es garantiert ganz anders nennen) oder gar solche, die man überhaupt nicht in einzelne Eindrücke auftrennen kann wie z.B. die Harmonie, lassen sich da wohl nicht berücksichtigen. Diese sind aber nach meiner bescheidenen Meinung für das Gesamtbild wichtiger als die Frage, ob ich jetzt Zitrus- oder Steinobstnoten im Wein entdecken kann ...

Grüße,
Gerald
Hallo Gerald,

auch hier kann man auf die Systemtherie verweisen. Sprich ein System ist mehr als die Summe der Einzelteile bzw. es reicht nicht einzelne Merkmale zu beschreiben, sondern es müssen auch die Relationen dieser Einzelteile zueinander kategorisiert werden können. Das mag ein Hirn noch rasch mit vorhergehenden Erfahrungen verknüpfen und daraus "Sinn" basteln. Eine Maschine kann dies eben wegen der Fehlenden Fähigkeit der Selbstreferenz und Autopoeisis nicht...

Das heisst: wenn ich einen Temperanillo beschriebe mit Brommbeeren und Kirschen, weiss ich in etwa wie das Ganze bei einem Spanier schmeckt und wie das Ganze bei einem Wein aus Australien sich ausdrücken kann...
Liebe Grüsse,

Goce
simvino
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Re: Vinooracle

Beitrag von simvino »

Tja wie gesagt .. dahinter ist ein Neuronales Netz... also keine 1:1 Abbildung von dem was du eingiebst (also was du auf dem Bildschirm siehst ).. und die einzelnen Elemente werden sehr wohl in Beziehung zu einander gesetzt :-).

@Mr. Tinte: Aber ich gebe dir recht Autopoiesis besitzt es sicherlich nicht.. aber das würde ich schon als höhere Intelligenz bezeichnen.. welche auch nicht notwendig ist z.B. um die Intelligenz/Verhaltensweise einer Ameise zu beschreiben ;) (was für viele Leute ja schon intelligenter ist als ein Computer... da Biologie nach gängiger Volksmeinung zwingend intelligenter sein muss).
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octopussy
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Re: Vinooracle

Beitrag von octopussy »

Bernd Schulz hat geschrieben: Warum überfällt mich gerade jetzt mal wieder das verflixte Gefühl, dass das ganze Computer/Handygewese trotz verschiedener sehr sinnvoller Nutzungsmöglichkeiten nicht wenig zur weiteren Verblödung der Menschheit beiträgt?
Das Thema der personalisierten Such- und Empfehlungslogarithmen und ihres Einflusses auf das persönliche (Medien-) Konsumverhalten finde ich wahnsinnig spannend. Ich lese gerade das Buch "The Filter Bubble" von Eli Pariser und möchte das Buch hier ausdrücklich empfehlen. Parisers These der "Filter Bubble" ist zwar streitbar, völlig von der Hand zu weisen finde ich sie aber nicht. Mehr kann ich dazu noch nicht schreiben, ich bin nämlich noch nicht ganz durch mit dem Buch.
Beste Grüße, Stephan
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Birte
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Re: Vinooracle

Beitrag von Birte »

Bernd Schulz hat geschrieben: Warum überfällt mich gerade jetzt mal wieder das verflixte Gefühl, dass das ganze Computer/Handygewese trotz verschiedener sehr sinnvoller Nutzungsmöglichkeiten nicht wenig zur weiteren Verblödung der Menschheit beiträgt?
William Stern definiert Intelligenz als: "Die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewußt auf neue Forderungen einzustellen; sie ist allgemeine Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens."

Bleibt also alles so, wie es schon immer war.
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Mr. Tinte
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Re: Vinooracle

Beitrag von Mr. Tinte »

Birte hat geschrieben:
Bernd Schulz hat geschrieben: Warum überfällt mich gerade jetzt mal wieder das verflixte Gefühl, dass das ganze Computer/Handygewese trotz verschiedener sehr sinnvoller Nutzungsmöglichkeiten nicht wenig zur weiteren Verblödung der Menschheit beiträgt?
William Stern definiert Intelligenz als: "Die allgemeine Fähigkeit eines Individuums, sein Denken bewußt auf neue Forderungen einzustellen; sie ist allgemeine Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens."

Bleibt also alles so, wie es schon immer war.
Individuum ist ein vom Menschen konstruierter Begriff, der so um das 14 JH entstanden ist... ;)

Diese Definition ist also rein in sich noch offen...Also keine...
Ansonsten wäre der Mensch ja vor dem 14 Jh nicht intelligent gewesen...Zudem lässt sich Intelligenz besser mit dem Begriff System beschreiben, denn damit wird der Intelligenz die Verknüpfung zum Menschen entzogen, was wiederum dafür spricht, dass ein Kollektiv (und damit kein Individuum) auch intelligent sein kann...Oder als Beispiel aus der Filmgeschichte: die Borg sin intelligent (Star Trek). Man kann sie aber kaum als Individuum beschrieben.
Zudem wären auch Aliens keine Individuuen, da dies ein gesellschaftlich geprägter Begriff der Erde ist und trotzdem könnte man davon ausgehen, dass sie intelligent sind/sein könnten. Intelligenz ist nichts rein menschliches...Ansonsten wäre der ganze kybernetische Ansatz schon von vornherein falsch.

Aber eben..hochtheoretisch da noch nicht Alltagswissen :idea:
Liebe Grüsse,

Goce
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Gerald
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Re: Vinooracle

Beitrag von Gerald »

Hallo,

leider bin ich mit der Systemtheorie nicht so gut vertraut, um da wirklich mitreden zu können. :oops:

Allerdings ist das Hauptproblem ja - wie schon vorher erwähnt - meiner Meinung nach ein ganz anderes. Nämlich dass ein Teil der für "gefällt mir" oder "gefällt mir nicht" wichtigen Sinneseindrücke bei Wein nicht zwischen Menschen ausgetauscht werden können, da es dafür keine allgemein anerkannten Bezeichnungen gibt. Aus diesen Grund muss auch eine Empfehlung durch einen Computer scheitern, der durch Eindrücke anderer Weinfreunde "gefüttert" wurde.

Assoziationen mit bekannten Aromen sind meiner Meinung nach einfach zu wenig für eine zuverlässige Empfehlung. So wie die "Obstkörbe" aus den Weinguides auch keine große Hilfe für die Weinauswahl sind ...

Grüße,
Gerald
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Birte
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Re: Vinooracle

Beitrag von Birte »

Aber eben..hochtheoretisch da noch nicht Alltagswissen :idea:
Dir ist schon klar, dass Du gerade einen der größten "Intelligenzforscher" des letzten Jahrhunderts kritisierst, der bis heute in der Wissenschaft herangezogen wird? Ich gebe Dir noch ein bisschen Futter:

"Intelligenz ist die Befähigung zur Auffindung von Redundanz" (Hofstätter)
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Re: Vinooracle

Beitrag von simvino »

@Gerald: Aber sicher die bessere Beschreibung/Sprache als die Eindimensionalität der Parket Punkte :twisted:

Und ja es ist schwierig die Kommunikation über Weine zwischen zwei Menschen. Da die Benennbarkeit der Parameter komplex ist. Daher wenn ich hier frage: Sagt mir einen Wein der wie die Stilistik von Dr. Loosen ist, werden einige sagen.. es gibt keine genaue Stilistik von Dr. Loosen und jeder andere wird mir auch andere Mekrmale beschreiben und auch andere Weine empfehlen. Was aber meist auf einer emotionalen Basis geschieht... darum die Idee zur objektivierung der subjektiven Wahrnehmung... genügend Parameter und genügend Meinungen sollten zumindest zu einem allgemeinen Konsens / Kategorisierung führen, welche zu einer Grundaussage führt.
Zuletzt geändert von simvino am Mo 27. Feb 2012, 16:59, insgesamt 2-mal geändert.
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