Ich lebe in einer Stadt mit 240000 Einwohnern und der entsprechenden Anzahl von Weinhandlungen (7-8 sind es bestimmt, eher noch mehr). Komm mal hierher und versuche, einen guten restsüßen Riesling Kabinett zu erstehen! Einen findest du vielleicht, vielleicht in einem weiteren Laden noch einen zweiten, aber dann wird es schon arg eng! Die Sachen werden nicht angeboten, weil sie nicht gekauft werden!
Ja diese Weine werden eher nicht gekauft, diese Weine werden aber auch nach Proben eher nicht gekauft, vielleicht 1-5 Kunden von 100 sind nach einer Probe begeistert von einem restsüßen Wein, der Rest schlicht nicht. Vielleicht sollte sich mancher hier auch von der gern kolportierten Mär verabschieden, dass die Leute aus ideologischen Gründen unbedingt trocken trinken wollen, ich denke es liegt an etwas anderem.
Weißwein wird heute sehr oft zum Essen getrunken, da hat es einen kompletten kulturellen Wandel in Deutschland gegeben. Wo früher in der Breite zum Essen Wasser, Bier oder Most getrunken wurde und dann später in der "guten Stube" der gute Wein aufgemacht wurde, da gibt es vielfach die gute Stube gar nicht mehr, heute trifft man sich mit Freunden in der Wohnküche, am Esstisch und es gibt Essen und DAZU Wein, aber auch zu zweit zuhause wird Wein viel mehr zum Essen getrunken. Eine der wichtigsten Fragen im Weinhandel ist:
Ich koche folgendes Gericht, welchen Wein würden Sie dazu empfehlen?
Und zu den allermeisten Gerichten passt einfach ein trockener Wein schlicht besser als ein restsüßer Wein.
Auch Rotweine werden natürlich gern zum Essen getrunken, aber wenn man dann nach dem Essen noch einen Wein trinken will, oder wenn es mal etwas besonderes sein soll, oder ein Kaminwein, ein Wein zum Buch, ein Meditationswein, dann ist das heute viel häufiger ein Rotwein als ein restsüßer Riesling. Vielleicht weil Rotwein allgemein als hochwertiger empfunden wird (zumindest sind die allermeisten Weinkäufer beim Rotwein bereit mehr Geld auszugeben als beim Weißwein).
Dazu kommt, dass eine ganze Generation an Weintrinkern in Deutschland mit italienischen und französischen Weinen sozialisiert wurde und da eben eher nicht mit den wenigen süßen Exemplaren, schaut mal die ersten Programme von heute so beliebten Weinhandlungen wie Pinard de Picard, K&U, Lobenberg aber auch Jaques Weindepot an.
Diese Generation hat zwar heute den Deutschen Wein und die Winzer wiederentdeckt, aber eher nicht die restsüßen deutschen Rieslinge, diese Weintrinker suchen, wollen eher trockene Weine. Dass da einer beim Riesling auch mal einen halbtrockenen mag, oder Weine die knapp an der Grenze zu halbtrocken sind, ag sein, die Säure des Riesling macht halt manchem zu schaffen. Aber ich kann einfach nicht feststellen, dass das Gros Weine mit Restsüße geschmacklich bevorzugen würde und nur aus ideologischen Gründen trocken verlangen würde.
Wie gesagt ich stehe seit ungefähr 20 Jahren hinter dem Verkostungstisch.
Insofern sehe ich den kulturellen Wandel in Deutschland Wein heute eher zum Essen, der Wein nach dem Essen eher Rotwein und die Weinsozialisation mit Weinen aus Italien oder Frankreich.
Mein Weg war ja auch ein ähnlicher, wobei bei mir noch die Frankenweine dazukamen, die damals auch wirklich noch fränkisch trocken waren, zumindest bei den von mir bevorzugten Erzeugern. Ich konnte auch lange wenig mit süßlichen Weinen anfangen, außer dann die ganz süßen Dessertweine, aber auch die trank ich so gut wie nie.
Heute gefallen mir manche restsüße Rieslinge durchaus, dafür musste ich aber erst mal eine ganze Menge probieren und auch mal trinken, warum sollten das Herr und Frau Mustermann machen?
Im Prinzip hat Therry Theise schon recht, es gab einen echten Kulturumschwung in Deutschland und für einen wie ihn ist das schon verwunderlich, dann sein Leitbild des Deutschen Weins war halt der restsüße Wein.
Würde uns nicht viel anders gehen, wenn wir feststellen würden , dass im Burgund immer mehr Winzer auf halbtrockene und richtig restsüße Chardonnays stehen und diese erzeugen würden.
Das ist für mich der Hauptgrund