Sodele, die ersten beiden Buddeln sind geleert. Über zwei Tage, und das ist ein Problem: Meine Eindrücke an beiden Tagen unterscheiden sich doch einigermaßen deutlich, und wie immer stellt sich die Frage: Ist es der Wein? Bin ich es selber?
Die Wahl fiel auf:
Egon Schäffer, Rivaner 2018
Egon Schäffer, Müller-Thurgau 2018
Und hier ist das zweite Problem: Ich habe keine Erfahrung mit der Rebsorte. Ob's gefällt oder nicht,
sagt mir gleich das Licht ist davon natürlich unabhängig.
Und das dritte Problem: Ich trinke selten in der äußerst verbraucherfreundlichen Preisklasse dieser beiden (6,- und 8,50 €, resp.). Und das führt dazu, daß ich wohl tendenziell zu hohe Maßstäbe ansetze und dadurch übermäßig kritisch bin.
Nun denn, kommen wir zu den Weinen:
Interessant finde ich, daß auf der Homepage der Rivaner (ohne Jahrgangsangabe) als Bocksbeutel dargestellt ist, während er tatsächlich in der Burgunderflasche mit demselben ovalen Etikett kam. Und der Müller-Thurgau ist in der Burgunderflasche abgebildet, sogar mit Jahrgang 2018, kam aber in der Schlegelflasche. Man könnte fast glauben, hier wird etwas volatil in die Flasche abgefüllt, die gerade verfügbar ist.

Aber: Entscheidend ist im Glas.™
Der Rivaner (S: 6,2, RZ: 6,9) zeigte sich hell goldgelb, mit minimal rötlichem(!) Stich.
In der Nase fand ich gelben Pfirsich, rote Johannisbeere und - ja - einen Hauch Maracuja, aber kaum zu erahnen. Aber vor allem: Alles ist in die Aromatik von 70er-Jahre-Kaugummikugeln aus dem Wanddrehspender eingebettet.
[+20'] Am Gaumen eingermaßen frisch, obwohl die Säure schon rebsortentypisch niedrig und eine deutliche Restsüße erkennbar ist. Ich kann erahnen, wie man eventuell Sauvignon blanc assozieren könnte, aber selber finde ich das nicht: Die Struktur, speziell die Säure, paßt nicht, und im Abgang kommt eine kräftige erdig-würzige Note (vermengt mit etwas Kaugummi) hinzu.
[+1d] Sauvignon? Nein, eher kaltmazerierter Chardonnay. Heute deutlich "müder", d.h. die eh schon knappe Säure kann kaum noch Frische beitragen. Schlicht; im Abgang etwas erdig-bitter (und das mag MT-spezifisch sein; weiß ich nicht).
Der Müller-Thurgau (S: 6,0, RZ: 1,4) präsentierte sich minimal heller und nicht mit rötlichem, sondern grünlichem Hauch.
Dichter und etwas "ernsthafter" als der Rivaner: Weißer Pfirsich, Lychee, etwas Nashi, sowie ein bißchen erdig. Wenn man möchte, kann man sich einen Hauch Muskat einbilden, aber eher nicht.
[+30'] Scheint fast eine Spur milder in der Säure?! Leiser und balancierter als der Rivaner. Wieder die eher weiße Aromatik, recht dezent und ziemlich linear. Entgegen der Nase, im Vergleich weniger erdig, aber auch weniger/fast kein Kaugummi. Muskat eher nicht.
[+1d] Die Nase erinnert mich am ehesten an Weißburgunder. Gaumen frisch (da hat er sich wesentlich besser behauptet, als der Rivaner). Abgang erdig, heute mit metallischer Bitternote.
Fazit:
Beide haben am ersten Tag nicht enttäuscht. Die herbe und leicht bittere Note im Abgang empfinde ich schon als suboptimal; mag sein, daß sie zur Rebsorte gehört. Zusammen mit fester Nahrung relativiert sich das etwas. Mehr aber haben mich die künstlich wirkenden Kaugumminoten gestört. Komplexitätswunder sind sie beide nicht, das ist aber auch nicht zu erwarten. Der Rivaner als Einstiegswein ist ganz klar auf Schoppenwein getrimmt. (Es war bei Gies-Düppel, daß ich lernte, daß der Markt nach diesen süffigen "restsüßen" Weinen verlangt. Und Mme Amatrice mochte ihn auch...

) Der Müller-Thurgau zeigte sich im Vergleich doch erheblich spannender.
Zu meinem Leidwesen fühle ich mich bestätigt: Ich warte immernoch auf den Wein unter 10 €, an dem ich richtig Spaß habe. Aber wie gesagt: Wahrscheinlich bin ich da verzogen...
Die merkwürdige "2018er unsüße Süße" fand ich übrigens eher nicht. Nicht sicher bin ich aber, ob diese leichte Bitternote im Abgang nicht doch jahrgangsbedingtem Trockenstreß geschuldet sein könnte. Schon alleine deswegen freue ich mich auf die Verkostung der 2019er. Und dann war da ja noch einiges mehr in der Kiste... Stay tuned!