Egon Schäffer

Lars Dragl
Beiträge: 815
Registriert: Mo 3. Okt 2016, 23:24

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Lars Dragl »

Hallo Josef!

Ich lese deine Beiträge sehr gerne. Bitte schreib weiter und halte dich nicht zurück. Nur weil man nicht immer die Rückmeldung bekommt, die man sich möglicherweise verdient hätte, heißt das nicht, dass die Leser nicht dankbar für deine Beiträge sind.

Von meiner Seite als ein längst überfälliges Dankeschön und mach bitte so weiter. Gerade deine jüngsten Beiträge hier sind wieder eine Bereicherung und aus meiner Sicht durchaus stichhaltig.

Grüße

Lars
Kle
Beiträge: 1174
Registriert: Fr 10. Dez 2010, 17:18
Wohnort: Hamburg

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Kle »

stollinger hat geschrieben:Ich habe etwas die Befürchtung, dass sie sehr abgehoben, besserwisserisch und überheblich zu lesen sind und damit einfach vielen anderen die Lust und die Motivation nehmen, sich an einer Diskussion zu beteiligen. Da ist dann wieder so eine Tapete voll Text von mir und das Thema ist damit begraben, das möchte ich nicht.
Keine Sorge, im Gegenteil! Auf gut recherchierte Beiträge, die neue Sichtweisen bringen, lässt sich weniger gut antworten, denn je erkenntnisreicher der Stoff, desto weniger kann der neugierige Leser mitreden. Trotzdem bewirken sie viel: Wenn Du z.B. Weinaromen auf ihren chemisch-technischen Ursprung zurückführst, kann ich mir meine Wahrnehmungen besser erklären und sie infrage stellen und mich gleichzeitig fragen, wie weit ich dabei gehen will.

Gruß, Kle
amateur des vins
Beiträge: 5158
Registriert: Sa 10. Mär 2012, 21:47
Wohnort: Berlin

Re: Egon Schäffer

Beitrag von amateur des vins »

Sodele, die ersten beiden Buddeln sind geleert. Über zwei Tage, und das ist ein Problem: Meine Eindrücke an beiden Tagen unterscheiden sich doch einigermaßen deutlich, und wie immer stellt sich die Frage: Ist es der Wein? Bin ich es selber?

Die Wahl fiel auf:

Egon Schäffer, Rivaner 2018
Egon Schäffer, Müller-Thurgau 2018


Und hier ist das zweite Problem: Ich habe keine Erfahrung mit der Rebsorte. Ob's gefällt oder nicht, sagt mir gleich das Licht ist davon natürlich unabhängig.

Und das dritte Problem: Ich trinke selten in der äußerst verbraucherfreundlichen Preisklasse dieser beiden (6,- und 8,50 €, resp.). Und das führt dazu, daß ich wohl tendenziell zu hohe Maßstäbe ansetze und dadurch übermäßig kritisch bin.

Nun denn, kommen wir zu den Weinen:

Interessant finde ich, daß auf der Homepage der Rivaner (ohne Jahrgangsangabe) als Bocksbeutel dargestellt ist, während er tatsächlich in der Burgunderflasche mit demselben ovalen Etikett kam. Und der Müller-Thurgau ist in der Burgunderflasche abgebildet, sogar mit Jahrgang 2018, kam aber in der Schlegelflasche. Man könnte fast glauben, hier wird etwas volatil in die Flasche abgefüllt, die gerade verfügbar ist. :twisted: Aber: Entscheidend ist im Glas.™

Der Rivaner (S: 6,2, RZ: 6,9) zeigte sich hell goldgelb, mit minimal rötlichem(!) Stich.
In der Nase fand ich gelben Pfirsich, rote Johannisbeere und - ja - einen Hauch Maracuja, aber kaum zu erahnen. Aber vor allem: Alles ist in die Aromatik von 70er-Jahre-Kaugummikugeln aus dem Wanddrehspender eingebettet.
[+20'] Am Gaumen eingermaßen frisch, obwohl die Säure schon rebsortentypisch niedrig und eine deutliche Restsüße erkennbar ist. Ich kann erahnen, wie man eventuell Sauvignon blanc assozieren könnte, aber selber finde ich das nicht: Die Struktur, speziell die Säure, paßt nicht, und im Abgang kommt eine kräftige erdig-würzige Note (vermengt mit etwas Kaugummi) hinzu.
[+1d] Sauvignon? Nein, eher kaltmazerierter Chardonnay. Heute deutlich "müder", d.h. die eh schon knappe Säure kann kaum noch Frische beitragen. Schlicht; im Abgang etwas erdig-bitter (und das mag MT-spezifisch sein; weiß ich nicht).

Der Müller-Thurgau (S: 6,0, RZ: 1,4) präsentierte sich minimal heller und nicht mit rötlichem, sondern grünlichem Hauch.
Dichter und etwas "ernsthafter" als der Rivaner: Weißer Pfirsich, Lychee, etwas Nashi, sowie ein bißchen erdig. Wenn man möchte, kann man sich einen Hauch Muskat einbilden, aber eher nicht.
[+30'] Scheint fast eine Spur milder in der Säure?! Leiser und balancierter als der Rivaner. Wieder die eher weiße Aromatik, recht dezent und ziemlich linear. Entgegen der Nase, im Vergleich weniger erdig, aber auch weniger/fast kein Kaugummi. Muskat eher nicht.
[+1d] Die Nase erinnert mich am ehesten an Weißburgunder. Gaumen frisch (da hat er sich wesentlich besser behauptet, als der Rivaner). Abgang erdig, heute mit metallischer Bitternote.

Fazit:
Beide haben am ersten Tag nicht enttäuscht. Die herbe und leicht bittere Note im Abgang empfinde ich schon als suboptimal; mag sein, daß sie zur Rebsorte gehört. Zusammen mit fester Nahrung relativiert sich das etwas. Mehr aber haben mich die künstlich wirkenden Kaugumminoten gestört. Komplexitätswunder sind sie beide nicht, das ist aber auch nicht zu erwarten. Der Rivaner als Einstiegswein ist ganz klar auf Schoppenwein getrimmt. (Es war bei Gies-Düppel, daß ich lernte, daß der Markt nach diesen süffigen "restsüßen" Weinen verlangt. Und Mme Amatrice mochte ihn auch... :? ) Der Müller-Thurgau zeigte sich im Vergleich doch erheblich spannender.

Zu meinem Leidwesen fühle ich mich bestätigt: Ich warte immernoch auf den Wein unter 10 €, an dem ich richtig Spaß habe. Aber wie gesagt: Wahrscheinlich bin ich da verzogen...

Die merkwürdige "2018er unsüße Süße" fand ich übrigens eher nicht. Nicht sicher bin ich aber, ob diese leichte Bitternote im Abgang nicht doch jahrgangsbedingtem Trockenstreß geschuldet sein könnte. Schon alleine deswegen freue ich mich auf die Verkostung der 2019er. Und dann war da ja noch einiges mehr in der Kiste... Stay tuned!
Besten Gruß, Karsten
Bernd Schulz
Beiträge: 7593
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 23:55

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Bernd Schulz »

Hallo Karsten,

ganz vielen Dank auch für Deine Eindrücke, die mir wieder einmal zeigen, wie unterschiedlich ästhetische Wahrnehmungen ausfallen können, ohne dass man die eine oder die andere Wahrnehmung als richtig oder als falsch bezeichnen könnte.
amateur des vins hat geschrieben: Aber vor allem: Alles ist in die Aromatik von 70er-Jahre-Kaugummikugeln aus dem Wanddrehspender eingebettet.


Mein von mir heißgeliebter, leider viel zu früh verstorbener Großvater hat mich am Ende der 60er Jahre (ich hoffe, die 60er gelten jetzt auch noch ;)) auf seinen Spaziergängen mit mir immer wieder mal für einen Groschen am Kaugummiautomaten drehen lassen, und ich bilde mir ein, mich an das betreffende Aroma (als prägende Kindheitserfahrung :mrgreen: :twisted:) immer noch ganz gut erinnern zu können. Die von dir geschilderte Assoziation wäre mir aber im Falle des 2019er Rivaners nicht einmal im Traum gekommen...spannend, dass du sie erlebt hast!
amateur des vins hat geschrieben:Der Rivaner als Einstiegswein ist ganz klar auf Schoppenwein getrimmt. (Es war bei Gies-Düppel, daß ich lernte, daß der Markt nach diesen süffigen "restsüßen" Weinen verlangt.


Als auf "Schoppenwein getrimmt" empfinde ich den Rivaner keineswegs - auf mich wirkt er - wie schon weiter oben gesagt - überhaupt nicht "getrimmt".

Und zwischen "diesen süffigen *restsüßen* Weinen" á la Gies-Düppel, nach denen "der Markt" (wohl tatsächlich) verlangt, und den mal mehr, mal minder, aber immer hinreichend deutlich ausgeprägten Charakterköppen, die das Weingut Schäffer schon im Basissegment erzeugt, liegen für meinen Geschmack ganze Welten..... insofern empfinde ich deine Wahrnehmung zunächst als ausgesprochen befremdlich - aber in ihrer Befremdlichkeit auch als zum weiteren Nachdenken über meine eigenen Vorlieben animierend... :!:

Herzliche Grüße

Bernd
Ralf Gundlach
Beiträge: 2506
Registriert: So 30. Jan 2011, 23:13

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Ralf Gundlach »

Bernd Schulz hat geschrieben:Hallo Karsten,

ganz vielen Dank auch für Deine Eindrücke, die mir wieder einmal zeigen, wie unterschiedlich ästhetische Wahrnehmungen ausfallen können, ohne dass man die eine oder die andere Wahrnehmung als richtig oder als falsch bezeichnen könnte!
amateur des vins hat geschrieben: Aber vor allem: Alles ist in die Aromatik von 70er-Jahre-Kaugummikugeln aus dem Wanddrehspender eingebettet.


Mein von mir heißgeliebter, leider viel zu früh verstorbener Großvater hat mich am Ende der 60er Jahre (ich hoffe, die 60er gelten jetzt auch noch ;)) auf seinen Spaziergängen mit mir immer wieder mal für einen Groschen am Kaugummiautomaten drehen lassen, und ich bilde mir ein, mich an das betreffende Aroma (als prägende Kindheitserfahrung :mrgreen: :twisted:) immer noch ganz gut erinnern zu können. Die von dir geschilderte Assoziation wäre mir aber im Falle des 2019er Rivaners nicht einmal im Traum gekommen...spannend, dass du sie erlebt hast!
amateur des vins hat geschrieben:Der Rivaner als Einstiegswein ist ganz klar auf Schoppenwein getrimmt. (Es war bei Gies-Düppel, daß ich lernte, daß der Markt nach diesen süffigen "restsüßen" Weinen verlangt.


Als auf "Schoppenwein getrimmt" empfinde ich den Rivaner keineswegs - auf mich wirkt er - wie schon weiter oben gesagt - überhaupt nicht "getrimmt".

Und zwischen "diesen süffigen *restsüßen* Weinen" á la Gies-Düppel, nach denen "der Markt" (wohl tatsächlich) verlangt, und den mal mehr, mal minder, aber immer hinreichend deutlich ausgeprägten Charakterköppen, die das Weingut Schäffer schon im Basissegment erzeugt, liegen für meinen Geschmack ganze Welten..... insofern empfinde ich deine Wahrnehmung zunächst als ausgesprochen befremdlich - aber in ihrer Befremdlichkeit auch als zum weiteren Nachdenken über meine eigenen Vorlieben animierend... :!:

Herzliche Grüße

Bernd
Hallo Bernd,

Karsten hat den 2018 Rivaner getrunken, der in der Tat etwas mehr Restzucker hat. Hat früher aufgehört zu gären. Den fand ich ganz schön, aber mehr auch nicht.

Gruß

Ralf
amateur des vins
Beiträge: 5158
Registriert: Sa 10. Mär 2012, 21:47
Wohnort: Berlin

Re: Egon Schäffer

Beitrag von amateur des vins »

Bernd Schulz hat geschrieben:Die von dir geschilderte Assoziation wäre mir aber im Falle des 2019er Rivaners nicht einmal im Traum gekommen...spannend, dass du sie erlebt hast!
Habe ich nicht! Die 2019er sind noch zu... ;)
Bernd Schulz hat geschrieben:
amateur des vins hat geschrieben:Der Rivaner als Einstiegswein ist ganz klar auf Schoppenwein getrimmt. (Es war bei Gies-Düppel, daß ich lernte, daß der Markt nach diesen süffigen "restsüßen" Weinen verlangt.
Als auf "Schoppenwein getrimmt" empfinde ich den Rivaner keineswegs - auf mich wirkt er - wie schon weiter oben gesagt - überhaupt nicht "getrimmt".

Und zwischen "diesen süffigen *restsüßen* Weinen" á la Gies-Düppel, nach denen "der Markt" (wohl tatsächlich) verlangt, und den mal mehr, mal minder, aber immer hinreichend deutlich ausgeprägten Charakterköppen, die das Weingut Schäffer schon im Basissegment erzeugt, liegen für meinen Geschmack ganze Welten...
Die Wortwahl ist natürlich schon ein bißchen provokant. Aber ich habe das tatsächlich so empfunden.

Wenn Du sagst, da sei nichts getrimmt: Wie erklärst Du den Unterschied beim RZ?

Und ich bin da wirklich ein bißchen empfindlich: Ich trinke durchaus mal süßen Wein, aber doch sehr selten. Edit: Und wenn, dann richtig. ;) Ich kann auch akzeptieren, wenn ein Wein mit unterschwelliger Restsüße "abgerundet" wird. Aber wenn es so prominent wird wie hier, bin ich persönlich raus.

Ich meine bemerkt zu haben, daß speziell die Prädikate mit steigendem Zucker höher bewertet werden. Ich kann nicht glauben, daß das wirklich immer der (wie auch immer zu messenden) Qualität entspricht. Folglich nehme ich an, daß es der Zucker ist, der zu dieser Inflation führt. Und ich bin auch davon überzeugt, daß das gerade im Einstiegssegment gezielt eingesetzt wird. Das meine ich mit "getrimmt".

Das ist natürlich erstmal eine Unterstellung; könnte ja auch stehengeblieben sein...
Besten Gruß, Karsten
Ralf Gundlach
Beiträge: 2506
Registriert: So 30. Jan 2011, 23:13

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Ralf Gundlach »

Ich habe Michael Schäffer angemailt. Sobald ich eine Antwort habe, melde ich mich. Aber vielleicht wird er sich auch selbst zu Wort melden. Mal schaun.
Nochmal zu den Sauvignon blanc-Noten: Die habe ich nur eindeutig im 2019 Rivaner entdeckt. Der 2019 M-T hat die, wenn überhaupt, m.E. nur ganz dezent. Bei den 2018er Rivaner und M-T habe ich gar keine entdeckt.

Gruß

Ralf
Bernd Schulz
Beiträge: 7593
Registriert: Sa 11. Dez 2010, 23:55

Re: Egon Schäffer

Beitrag von Bernd Schulz »

Ralf Gundlach hat geschrieben:Karsten hat den 2018 Rivaner getrunken, der in der Tat etwas mehr Restzucker hat. Hat früher aufgehört zu gären. Den fand ich ganz schön, aber mehr auch nicht.
Puh - da habe ich wohl mal wieder eine Ziffer mir nichts dir nichts überlesen....... :oops: :oops:

Trotzdem sehe ich größere Unterschiede in der grundsätzlichen Wahrnehmung - aber dazu mehr in näherer Zukunft!

Herzliche Grüße

Bernd
amateur des vins
Beiträge: 5158
Registriert: Sa 10. Mär 2012, 21:47
Wohnort: Berlin

Re: Egon Schäffer

Beitrag von amateur des vins »

Ralf Gundlach hat geschrieben:Ich habe Michael Schäffer angemailt. Sobald ich eine Antwort habe, melde ich mich. Aber vielleicht wird er sich auch selbst zu Wort melden. Mal schaun.
Du meinst, wegen der Frage ob Absicht oder steckengeblieben? Cool, danke.

Ich hätte ja auch mal vorher schauen können: Der 2019er Rivaner hat 2,5 RZ bei 5,9 Säure. Das wird sehr wahrscheinlich nicht im prominenten Bereich sein. Es ist also anzunehmen, daß es auch 2018 keine Absicht war. Da war ich wohl zu vorlaut mit meiner Unterstellung.
Ralf Gundlach hat geschrieben:Nochmal zu den Sauvignon blanc-Noten: Die habe ich nur eindeutig im 2019 Rivaner entdeckt. Der 2019 M-T hat die, wenn überhaupt, m.E. nur ganz dezent. Bei den 2018er Rivaner und M-T habe ich gar keine entdeckt.
Das deckt sich mit meiner Wahrnehmung. Ich bin gespannt, wie ich die 2019er wahrnehme.
Besten Gruß, Karsten
Benutzeravatar
EThC
Beiträge: 10638
Registriert: Fr 27. Feb 2015, 16:17
Wohnort: ...mal hier, mal dort...
Kontaktdaten:

Re: Egon Schäffer

Beitrag von EThC »

amateur des vins hat geschrieben:Ich kann auch akzeptieren, wenn ein Wein mit unterschwelliger Restsüße "abgerundet" wird. Aber wenn es so prominent wird wie hier, bin ich persönlich raus.
...ich auch! Da bin ich ganz froh, daß ich MT-seitig nur die 19er bestellt habe... :D
Viele Grüße
Erich

Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.

https://ec1962.wordpress.com/
Antworten

Zurück zu „Franken“