Auf die Gefahr hin zu nerven, möchte ich auch noch
meinen Beitrag zur Diskussion leisten.
EThC hat geschrieben:...wobei sich mir schon die Frage stellt, was tatsächlich "typisch SB" ist. Wenn ich sowas von der Loire aufmache -wo die Sorte ja eigentlich herkommt- springt mir nicht automatisch die Stachelbeere und Co. entgegen (diese grüne Rebsortentypizität ist wohl ganz woanders entstanden), nicht gerade selten ist es nicht unbedingt einfach, einen Loire-SB auch als solchen zu erkennen; einen aus NZ dagegen praktisch immer...
Es ist mir bislang nicht klar, um welche
typischen Sauvignon Blanc Aromen es geht. Jedenfalls gibt es ein paar aktuellere Untersuchungen, dass die Strahlungsintensität und Sonnenstunden einen wichtigen Beitrag für die Aromatik von Sauvignon Blanc haben. Cool climate SB werden ja eher durch grüne Aromen (z.B. Paprika und Spargel) charakterisiert, in SB aus warmen Anbaugebieten sind dann Aromen von tropischen Früchten präsent.
Diese Fruchtaromen (z.B. Passionsfrucht, Papaya,...) werden durch flüchtige Thiole erzeugt, die schon in den Traubenbeeren, in Vorstufen gebunden, vorhanden sind. Der Einfluss der Temperatur auf die Konzentration dieser Vorstufen ist bislang nicht eindeutig untersucht, es ist schwer, Versuche durchzuführen, bei denen der Einfluss von Temperatur, Wasserverfügbarkeit und Sonnenstrahlung von einander getrennt wird. Untersucht ist aber, dass durch eine erhöhte Sonneneinstrahlung (herbeigeführt durch Entlaubung in der Traubenzone) die Konzentration der Vorstufen für diese Aromen, die Vorstufen der flüchtigen Thiole, erhöht wird. Z.B. weil die Häute der Beeren dicker werden.[1]
Damit diese Aromen dann aber frei (also nicht mehr chemisch gebunden in ihren Vorstufen) im Wein verfügbar sind, müssen sie währende der Gärung durch die Hefe biochemisch verstoffwechselt werden. Eine starke mechanische Verarbeitung der Traubenhäute (also schön klein schreddern mit dem Vollernter) erhöht die Konzentration zusätzlich, die Vorstufen sind hauptsächlich in der Traubenhaut.
Ein Einfluss der Sonnenstrahlung auf die Konzentration von flüchtigen Thiolen ist auch in anderen Rebsorten gezeigt worden, allgemein eine Erhöhung mit höherer Sonnenstrahlmenge. Es gibt sehr viele unterschiedliche flüchtige Thiole, die hervorgerufenen Aromen sind durchaus von Rebsorte zu Rebsorte sehr verschieden. Für Müller-Thurgau kenne ich aber keine entsprechende Untersuchung, die Rebsorte ist halt wenig im Fokus, auch in der önologischen Forschung.
Ich kann mir also gut vorstellen, dass erst die sehr sonnenreichen Jahrgänge, besonder 2019 in Deutschland, zu einer Anreicherung der Aromenvorstufen geführt haben.
UlliB hat geschrieben:Das gibt's häufiger. Vor gut einem Jahr hatte ich im Trentino (wo die Sorte gerade sehr angesagt ist) gleich mehrere Müller-Thurgau im Glas, die dermaßen deutlich nach Sauvignon blanc gerochen und geschmeckt haben, dass ich blind wohl keinen Moment daran gezweifelt hätte, dass es auch Sauvignon ist. Da es so etwas früher nicht gab, vermute ich, dass diese Aromatik das Ergebnis von kellertechnischen Eingriffen ist und vermutlich auch mit anderen eher neutralen Ausgangssorten in ähnlicher Weise erzielt werden könnte.
Ob es dann wirklich eine bewusste Veränderung im Keller ist, die zu diesen Aromen führt, oder die Winzer alles wie immer machen, es aber einfach der Jahrgang macht? Beides halte ich für möglich.
UlliB hat geschrieben:Aber einerlei, ob ich damit nun richtig liege oder nicht: was soll das? Wenn ich einen Wein im Glas haben möchte, der nach SB riecht und schmeckt, mache ich halt einen SB auf. Da brauche ich keinen Müller-Thurgau aus Franken oder dem Trentin oder von sonstwo, der etikettenschwindelnd daherkommt.
Ich befürchte schon, dass der Klimawandel zu einer merklichen Veränderung von Typizität und Rebsorten Charakteristik führt. Hat jemand schon mal einen Müller-Thurgau aus Neuseeland getrunken? Vielleicht hat der ja schon immer eine SB lastige Aromatik. Ich bin mir nicht so sicher, ob man es als Etikettenschwindel verbuchen kann. Ralf, wolltest du nicht eine Mail an die Schäffers schreiben? Du könntest ja fragen, ob in dem Jahrgang im Keller etwas verändert wurde.
Grüße, Josef
[1] Effect of leaf removal and ultraviolet radiation on the composition and sensory perception of Vitis vinifera L. cv. Sauvignon Blanc wine, K. Šuklje, G. Antalick, Z. Coetzee, L.M. Schmidtke, H. Baša Česnik, J. Brandt, W.J. du Toit, K. Lisjak, A. Deloire, Australian Journal of Grape and Wine Research,
2014, 20(2), 223-233.
[Link]
p.s.: Ich hatte immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, einen Faden zu skripten (im Sinne eines Theaterstücks) wo ich die Vielschreiber und ihre typische Art in einer fiktiven Diskussion aufs Korn nehme. Mir fehlt da aber bislang die zündende Idee und auch die feinsinnige Ironie von z.B. Ollie. Ich war mir auch nicht sicher, ob man mir es böse nimmt, meine Intention ist jedenfalls wohlwollend, es wird wohl eh nie dazu kommen. Ich finde, dieser Faden wäre aber wirklich eine schöne Blaupause dafür.
