Bordeaux 2023

Medoc und seine Appellationen, Bourg und Umgebung, Fronsac, Pomerol, Saint Emilion und Umgebung, Entre Deux Mers, Graves und Pessac-Leognan, Sauternes und Co.
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Jochen R.
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Jochen R. »

Ich habe in den letzten Tagen Batailley gegen Belgrave 2023 getrunken (von letzterem ja auch schon am Donnerstag eine VKN unter Michel Rolland eingestellt).
Beide finde ich hervorragend gelungen und treffen voll meinen Geschmack. Der Batailley mit seinen 79 % CS very Pauillac, der Belgrave mit "nur" 60 % CS ebenfalls mit wunderbarer CS-Expression - für mich wie ein St. Julien in dieser Preisklasse schmecken sollte (natürlich steht hier Haut Medoc auf dem Etikett). Da könnte ich ständig die Nase ins Glas halten und: das Zeug läuft runter wie Öl :oops:

Batailley 2023:
Tief dunkel, Aufhellungen zum Rand. Erstmal Cassis und Brombeeren, dann Minze, bisschen Pfeffer, Tabak, frisch gespitzter Bleistift und florale Noten. Die floralen Noten + Tabak drängen dann immer mehr in den Vordergrund, es gesellt sich eine dezent laktische Note dazu.
Mittlerer Körper, extrem würziger Cabernet, kräftige Tanninstruktur, mittellanger bis langer Abgang.

Belgrave 2023:
Schwarz mit violetten Reflexen. Erstmal Tabakblätter, nasses Leder, Gartenkräuter, Bittermandeln, frische Minze im Hintergrund. Dann drängen Früchte in den Vordergrund: Cassis, Brombeeren, Kirschen, und es wechselt hin und her.
Mittelgewichtig, was für eine geile, trinkanimierende Cabernetfrucht, frische Säure, schöne Adstringenz, leicht würzig, langer Abgang.

Viele Grüße,
Jochen
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vanvelsen
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von vanvelsen »

Sauternes hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 12:23 Man könnte meinen, da war mal jemand in Italien zu Besuch bei Herrn Makaroni ;) , fast jeder Wein der absolut beste Wein :lol: .
Ich selbst kenne die Bordeauxweine des Jahrgang 2023 noch nicht, aber die einhellige Meinung die zu lesen ist, ein guter Jahrgang, aber doch mit deutlichen Abstrichen zu einem Jahrhundertjahrgang, dementsprechend sind diese inflationären Bewertungen mit derart hohen Punkten einfach lächerlich, sorry.
Eine Meinung über einen Jahrgang zu haben, ohne ihn je probiert zu haben, scheint eine Fähigkeit zu sein, die einige hier im Forum gut beherrschen. Umso bemerkenswerter ist, mit welcher Selbstverständlichkeit hier vorschnell ge- und verurteilt wird.

Muss ein Bordeaux tatsächlich opulent, schwer und alkoholreich sein, um als Jahrhundertjahrgang zu gelten? Ich habe da meine Zweifel.

Ich bin vielmehr überzeugt, dass viele derjenigen, die heute noch über vermeintlich inflationäre Bewertungen spotten, die 2023er Weine eines Tages sehr schätzen werden. Denn sie rücken stilistisch näher an das Bordeaux heran, das so viele eigentlich lieben.

Cheers.

Adrian
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Jochen R.
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Jochen R. »

Vollkommen d´accord, Adrian! Liegt aber vielleicht auch ein Stück Weit an der schreibenden Zunft, dass man sich bei so mancher Berichterstattung ver...scht vorkommt ...
Lobenberg hat heute per Email (Bordeaux 2023 tasted from bottle 🍇 »Die 100 Punkte-Phalanx«) mal wieder - für mich jedenfalls !! - dazu beigetragen.

Denke an selber probieren ob es für den persönlichen Geschmack passt führt nichts vorbei - Hilfestellungen von kompetenter Seite sind herzlich willkommen!!

Viele Grüße,
Jochen
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Sauternes
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Sauternes »

vanvelsen hat geschrieben: So 29. Mär 2026, 16:05 Eine Meinung über einen Jahrgang zu haben, ohne ihn je probiert zu haben, scheint eine Fähigkeit zu sein, die einige hier im Forum gut beherrschen. Umso bemerkenswerter ist, mit welcher Selbstverständlichkeit hier vorschnell ge- und verurteilt wird.

Muss ein Bordeaux tatsächlich opulent, schwer und alkoholreich sein, um als Jahrhundertjahrgang zu gelten? Ich habe da meine Zweifel.

Ich bin vielmehr überzeugt, dass viele derjenigen, die heute noch über vermeintlich inflationäre Bewertungen spotten, die 2023er Weine eines Tages sehr schätzen werden. Denn sie rücken stilistisch näher an das Bordeaux heran, das so viele eigentlich lieben.
Hallo Adrian,
eines vorab, meine Intention ist sicher nicht, dir auf die Füße zu treten, Sorry.
Du hast Recht, ich habe vorschnell über den Jahrgang geurteilt, ohne selbst ein Bild davon zu haben, Deine Bewertungen haben sicher Gründe, welche ich eines Tages vielleicht nachvollziehen kann, wir werden sehen.
Bordeaux muss mit Sicherheit nicht opulent, schwer und alkoholreich sein, um als großartig zu gelten, sehe ich jetzt bei mir selbst, das diese Blockbuster Weine mir immer weniger gefallen.
Es kann demnach durchaus sein, das mir die 23er Weine gefallen, ich hoffe es sogar.

Gruß Heiko
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vanvelsen
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von vanvelsen »

Im Kern geht mir die Jahrgangs-Pauschalbewertung ziemlich auf den Senkel. Es gibt einige "renommierten Weinkritiker" - ohne an dieser Stelle Namen zu nennen - die tendieren dazu, einen Jahrgang entweder Top oder Flop zu bewerten, was dann hier im Forum zu voreiligen Schlüssen führt.

2024 und auch 2021 z.B. haben von gewissen Kritikern pauschal schlechte Bewertungen bekommen - dabei hat es auch in diesen Jahren diverse Weine gegeben, die sensationell gelungen sind. Natürlich waren das klimatisch schwierigere Jahre als 2022 und ja, in der Breite sind 2021 und 2024 "kleiner" als 2022, aber das ist kein Grund, einem Top Wein 5 oder 8 Punkte weniger zu geben, nur weil er aus einem sogenannt schlechten Jahrgang ist. 2021 Schrott, 2022 Top, 2023 Mittelmass, 2024 Schrott... So einfach funktioniert die Welt nun mal nicht.

Es ist der Job der Weinkritiker, die Perlen des Jahrgangs zu erkennen, statt den Jahrgang zu bashen oder hochzujubeln.

Man kann mir inflationäre Bewertungen vorwerfen, weil ich selbst in 2021 und 2024 einige potentielle 100 Punkte Weine gefunden habe und nicht einfach aus Prinzip ein paar "Schrottjahrgang-Punkte" abziehe. Wer die Weinqualität der 80er Bordeaux mit der Qualität von heute (auch in sogenannt schlechten Jahren) vergleicht, wird irgendwann zugeben müssen, dass die Weine signifikant besser geworden sind - in der Breite. Eine Comtesse 1982 ist zweifelsohne grossartig - doch ich wage zu behaupten, dass eine Comtesse 2022 oder auch 2023 die besseren Weine sind.

Und nochmals: Stilistisch ist 2023 sehr nahe an dem, was viele "80er-Jahre-Bordeaux-Liebhaber" schätzen - nicht zu hoch im Alk, ausgewogen, klassisch Bordeaux jedoch mit reifen, feinen Tanninen - nix grün, nix Paprika... Probiert euch durch die Weine, findet die Perlen, statt nichtsahnend ins Horn der pauschalverurteilenden Schreiberzunft zu blasen.

Cheers.
Adrian
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Sauternes »

Deine Zeilen regen zum Nachdenken und umdenken an, danke dafür.
Comtesse 2023 eine Versuchung wert? Ich werde es wohl Mal probieren.

Gruß Heiko
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Kle »

vanvelsen hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 11:16
Und nochmals: Stilistisch ist 2023 sehr nahe an dem, was viele "80er-Jahre-Bordeaux-Liebhaber" schätzen - nicht zu hoch im Alk, ausgewogen, klassisch Bordeaux jedoch mit reifen, feinen Tanninen - nix grün, nix Paprika... Probiert euch durch die Weine, findet die Perlen, statt nichtsahnend ins Horn der pauschalverurteilenden Schreiberzunft zu blasen.

Cheers.
Adrian
Mir scheint, dass sich Laien über die Bewertungen von Profis eher wundern, als ihnen blind zu glauben.
Hast du Erklärungen dafür? Muss man sehr BDX-geübt sein, um einen Wein wie Pontet-Canet 23 jetzt angemessen einzuschätzen?
Denn dieser Wein hat ja weiter oben teils entrüstete Reaktionen (teilweise gelöscht, bzw. in der Datenbank zu finden) hervorgerufen. Ich war auch nur mäßig angetan.Sind stark divergierende Wahrnehmungen zu diesem Zeitpunkt nach deiner Meinung normal oder lässt sich alles durch individuelle Geschmäcker erklären? Natürlich wollen und können Kritiker nicht „objektiv“ urteilen. Das andere Extrem wäre, dass sie jeweils nur für kleine Schnittmengen individueller Geschmäcker zuständig sind.

Gruß, Kle
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von bordeauxlover »

vanvelsen hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 11:16 Eine Comtesse 1982 ist zweifelsohne grossartig - doch ich wage zu behaupten, dass eine Comtesse 2022 oder auch 2023 die besseren Weine sind.

Cheers.
Adrian
Lieber Adrian,

an dieser Stelle: Einspruch Euer Ehren! Aus zwei Gründen:
1. Die modernen Bordeaux müssen erst einmal ihre Reifefähigkeit auf lange Sicht unter Beweis stellen. Die Zeit wird es zeigen. Ich werde es altersbedingt leider nicht mehr erleben.
2. Du bist zu jung, um 1982er in ihrer Jugend getrunken zu haben. Wo ist da die Vergleichsbasis? Ich habe zumindest noch die Jahrgänge 1988-1990 in ihrer Jugend erlebt, 1982-1986 in deren frühem Mittelalter. Auch ich bin überzeugt davon, dass die Weine der letzten ein bis zwei Dekaden in der Breite deutlich besser geworden sind. Aber in der Spitze? Ich würde auch nie behaupten, aufgrund verbesserter Weinbereitung sei der Jahrgang 1982 in Bordeaux 1961, 1945 oder 1928 überlegen. Das hielte ich für vermessen.

Liebe Grüße
Armin
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von amateur des vins »

bordeauxlover hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 18:05 Die modernen Bordeaux müssen erst einmal ihre Reifefähigkeit auf lange Sicht unter Beweis stellen.
Müssen sie das?
Ist "Reifefähigkeit" ein Wert an sich?
Dürfen sie nicht einfach nur in ihrem eigenen Zeitfenster gut sein, ohne Vergleich mit Langläufern?

2021 ist trotzdem Mist nicht so überzeugend. SCNR
Besten Gruß, Karsten
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vanvelsen
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Re: Bordeaux 2023

Beitrag von vanvelsen »

bordeauxlover hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 18:05
vanvelsen hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 11:16 Eine Comtesse 1982 ist zweifelsohne grossartig - doch ich wage zu behaupten, dass eine Comtesse 2022 oder auch 2023 die besseren Weine sind.

Cheers.
Adrian
Lieber Adrian,

an dieser Stelle: Einspruch Euer Ehren! Aus zwei Gründen:
1. Die modernen Bordeaux müssen erst einmal ihre Reifefähigkeit auf lange Sicht unter Beweis stellen. Die Zeit wird es zeigen. Ich werde es altersbedingt leider nicht mehr erleben.
2. Du bist zu jung, um 1982er in ihrer Jugend getrunken zu haben. Wo ist da die Vergleichsbasis? Ich habe zumindest noch die Jahrgänge 1988-1990 in ihrer Jugend erlebt, 1982-1986 in deren frühem Mittelalter. Auch ich bin überzeugt davon, dass die Weine der letzten ein bis zwei Dekaden in der Breite deutlich besser geworden sind. Aber in der Spitze? Ich würde auch nie behaupten, aufgrund verbesserter Weinbereitung sei der Jahrgang 1982 in Bordeaux 1961, 1945 oder 1928 überlegen. Das hielte ich für vermessen.

Liebe Grüße
Armin
Hi Armin

1. Warum sollen Weine schlechter reifen, nur weil sie bessere Tanninqualitäten haben? (das ist ein Grossteil des Qualitätsvorsprungs der jüngeren Jahrgänge).

2. Ich bin 1972 geboren (ja, ein richtig übler Jahrgang) und habe, wie du richtig sagst, Comtesse 82 nicht ab Fass verkostet. Aber ich habe in meinem doch nicht ganz so kurzen Weinleben mit vielen, vielen älteren Winzern ältere Jahrgänge probieren und diskutieren dürfen. Da sprechen wir nicht von "ich muss verkaufen Diskussionen" sondern von erfahrenen Menschen, die eine offene, kritische und ehrliche Meinung zu ihren Weinen haben. Technisch gesehen sind die Weine erst über die letzten 20 Jahre besser geworden, nämlich ab dann, wo in der Breite in moderne Keller, Selektionsverfahren etc. investiert worden ist. Vorher waren diese Erneuerungen weniger Innovation als schlichte Renovation und die qualitativen Verbesserungen daher nur sehr punktuell. 45, 47, 59, 61, 82... da "wurstelten" alle noch mit ähnlich historischen Kelleranlagen und da bin ich bei dir; 82 ist nicht besser als 45 oder 61...

Gruss
Adrian
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