BORDEAUX 2010 - Aktuelles zur Primeurkampagne

Medoc und seine Appellationen, Bourg und Umgebung, Fronsac, Pomerol, Saint Emilion und Umgebung, Entre Deux Mers, Graves und Pessac-Leognan, Sauternes und Co.
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innauen
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von innauen »

@Andreas. "Herr vergib Ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun". Später einmal werden wir über die Parallelen und Unterschiede zwischen zwei wahnsinnig guten Zwillingsjahrgängen sprechen. Aber wer hat ausser Dir und harti und den Jungs aus dem Gründerforum schon den Jahrgang verkostet und wer kann die Massen an Frucht, Tannin und Säure richtig einschätzen? 2009 war schon auf dem Papier einfacher zu verstehen (genauso wie 2005, was konnte man da schon falsch machen?). Die Zurückhaltung und die Amputationsschmerzen, wenn man sich von seinen üblichen Subskandidaten trennen muss, werden da verständlich.

@C9dP. Du sprichst mir aus der Seele. Genauso ist es :!:

Grüße,

wolf

P.S. Decanter-Meldung von heute. 2011 wird zu trocken. Verhältnisse wie 2003, nur dass die Hitze noch früher kommt.
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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Oberpfälzer
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von Oberpfälzer »

Hallo Dominik und Boromir,

ich durfte im Frühjahr ein paar wenige 09er Burgunder der einfacheren Art probieren und mir gefielen sie alle mit ihrer etwas dichteren Art ohne dass sie fett wirkten. Für mich wird das wohl ein Kaufjahr sein.

Zurück zu BDX:
Keller voll, Arrivage 09 noch bevorstehend und damit ist für mich alles klar. Subs 2010 fällt aus. Und die vielen Nachrichten aus dem Umfeld hier machen mir dies noch leichter. Nach der Arrivage könnte es durchaus ein paar Versuchungen geben, da mir Senejac und die beiden Mille Roses sowie Clos du Jaugueyron sehr gut gefielen. Die werde ich aber bei der Arrivage in aller Ruhe nachprobieren. Ferriere und Co. habe ich spät aus dem 08er bestellt und zu vergleichsweise "Schnäppchen"-Konditionen erhalten (Ferriere < 18,- netto!). Die grösseren Namen mit den deutlichen Aufschlägen bleiben aussen vor. Das "Gesparte" wandert nach Piemont und Toskana.

Weiter oben hat Harti erwähnt, dass noch viele Kellerbestände auf den Markt kommen könnten. Die jüngste Auktionsliste von Steinfels untermauert dies. Bestimmte bekannte Namen werden zu Dutzenden und Hunderten auf den Markt geworfen (z.B. Lascombes, Ducru, Figeac, Gaffeliere, Lynch-Bages, Montrose, Comtesse ... 250 Fl. 07er Mouton gefällig oder 100 Fl. 2006er oder 300 Fl. Rauzan-Segla 2003?). Ob das reicht? :)
Servus
Wolfgang
albarello
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von albarello »

Erstmal herzlichen Dank fuer die off-topic Reaktionen auf Burgund 2009. Da ich noch keine Gelegenheit hatte, diesen Jahrgang selbst zu verkosten, sondern mich bislang auf Notizen der professionellen Verkoster stuetze, bin ich fuer Eindruecke der Forumsteilnehmer sehr dankbar. Darf ich die Gluecklichen unter uns ermuntern, einen Burgund 09 thread zu eroeffnen? Das wuerde sicherlich nicht nur von mir sehr geschaetzt und wuerde mithelfen, das Burgund aus dem Schattendasein zu heben, das es in diesem Weinforum bedauerlicherweise fristet!

Mit den besten gruessen, albarello
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susa
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von susa »

Für die, die hier die Wetterbeiträge vermissen, geht es hier weiter: http://www.dasweinforum.de/viewtopic.php?f=108&t=882

lieben Gruß
susa
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innauen
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von innauen »

Hört, hört. Parker O-Ton:

"I sense(pure instincts rather than hard facts), the dangerbird of overpricing a product that won't even be delivered for two years has landed in Bordeaux....they need a courageous visionary among the very top chateaux to publicly announce "enough is enough", and drop the price by at least 20% from the 2009 level"

Grüsse,

Wolf
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Desmirail
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von Desmirail »

innauen hat geschrieben:Hört, hört. Parker O-Ton:

"I sense(pure instincts rather than hard facts), the dangerbird of overpricing a product that won't even be delivered for two years has landed in Bordeaux....they need a courageous visionary among the very top chateaux to publicly announce "enough is enough", and drop the price by at least 20% from the 2009 level"

Grüsse,

Wolf

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weinfex
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von weinfex »

Hallo Wolf,

es wäre wünschenswert er hätte recht, nur fehlt mir der Glaube...
Man kann sich dieses Jahr wirklich nicht beklagen, er würde nicht
alles in seiner Macht mögliche tun, um die Chateaus zur Vernunft
zu bringen (auch mit zumindest zweifelhaften Mitteln),
vielleicht ist es auch sein letzter grosser Kampf, vielleicht
ist es aber auch nur das Gefühl etwas tun zu müssen, da die Felle
davonschwimmen, ich weiss es wirklich nicht, mein Gefühl sagt mir
aber (ohne harte Fakten), er wird den Kampf verlieren... ;)
Grüsse weinfex
Ingo
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von Ingo »

Wäre ich ein Chateaubesitzer ersten oder zweiten Gewächses und würde die Weine gen Asien gut verkaufen können, würde ich den Preis gegenüber 2009 verdoppeln, so etwa 300 - 400 Euro für einen Baron zum Beispiel. Ich würde mir die Taschen füllen, so gut es nur geht. Den Preisspielraum ausreizen, so weit es möglich ist. Die ganze liebe Welt handelt doch danach, die lieben Weinfreunde, die sich jetzt beklagen, auch: Jetzt schnell die älteren Primeurs, die irgendwann in den 80ern oder 90ern mal gekauft und eingelagert wurden, für eine Superrendite in den Osten verauktionieren. Wer kann es den Weinfreunden verübeln, wer den Chateaubesitzern? Beim Kraftstoff vor den Feiertagen verhält es sich prinzipiell nicht anders. Guter Bordeaux ist für nicht-Asiaten bald unerschwinglich (für viele schon jetzt), aber was interessiert es den Verkäufer, solange er einen intakten Markt vorfindet, der die Preise akzeptiert. Angebot und Nachfrage, das ist alles. Wir sind doch nur erbost, weil die Liquidität sich verlagert hat und hier die Trockenlegung beginnt.

Wenn die Preise sinken, irgendwann vielleicht, aus den unterschiedlichsten Gründen, werden die Europäer (und andere, jetzt Fernbleibende) wieder kaufen. Voller Freude. Da wird sich niemand vom Kauf fernhalten, nur weil er einen Groll gegen die Chateaubesitzer hegt. 2008 ist ein gutes Beispiel. Die Chateaubesitzer sind weder gut noch böse, gierig vielleicht, aber das ist durch die Marktwirtschaft abgesegnet. Ich kann die Weinbarone sehr sehr gut verstehen und verüble ihnen nichts.
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von Desmirail »

Verübeln kann will das Geschäft, glaube ich, keiner den Chateaus, aber man darf sich doch noch darüber echauffieren wie sie "uns" versuchen nach dem letzten Euro auszuquetschen. :? :lol:

... natürlich nur, wer sich quetschen lässt.
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Matthias Hilse
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Re: BORDEAUX 2010 - erste Berichte von "Front"

Beitrag von Matthias Hilse »

Guten Abend zusammen,

die Hermeneutik eines Jahrgangs erschließt sich nicht vom Hörensagen (auch Terminatoren gelangen da an ihre Grenzen :D ), sondern aus dem theoretischen Studium klimatischer Bedingungen und der praktischen In-Gaumen-Nahme der Testate.

Wie nicht anders zu erwarten bei einem Jahrgang, bei dem das, was ephemer ist und am wenigsten lang vorhält, die Primärfrucht, relativ weniger dominant ausgeprägt ist als in qualitativ ähnlichen Jahrgängen wie 2009 und 2005, bleibt der Jahrgang 2010 bisher weitgehend gefangen in einer Diskussion um sein Preisgefüge, wo es zunächst, um überhaupt eine Basis für Preisdiskussionen zu haben, um seine Verortung in den Koordinaten von Stil und Qulität gehen müsste.

Ich erlaube mir daher einen Versuch der Einordnung.

Bordeaux 2010 – der polarisierende Jahrgang der Dialektik der Perfektion

Auch wenn es dem Wortsinn nicht widerspräche, kontinuierlich Jahrhundertjahrgänge auszurufen, würde ein dauerhaft exzessives Qualitätsniveau vermuten lassen, dass etwas mit der Kalibrierung nicht stimmt. Schon früh ist die dem bereits während der Ernte als Jahrhundertereignis gefeierten Jahrgang 2009 nachgefolgte Ernte 2010 in den Ruf geraten, als möglicher Zwilling auch nicht von schlechten Eltern zu sein.

In der Nachfolgezeit einer weltweiten Banken- und Finanzturbulenz ist aber das Wort Credibilität selbst in eine Vertrauenskrise geraten, dergestalt, dass superlative Duplizität ihrem Wesen nach in Frage gestellt wird.

Wenn überdies einem kolossal attributsreichen Jahrgang, bei dem es neben viel Frucht auch viel Tannin, Extrakt und Säure zu interpretieren gilt, eine „Vorernte“ mit der unerträglichen Leichtigkeit seduktiver Frucht gegenübersteht, ist die Apologetik vorgezeichnet.

Fast möchte ich von einer babylonischen Verkostungsverwirrung sprechen, die den Bordeaux-Jahrgang 2010, der an Reinheit und Klarheit alles aus der Ahnengalerie mythischer Jahrgänge überstrahlen wird, in den Nebel der Distinktionslosigkeit zieht

Um es deutlich zu formulieren: am Bild, dass 2009 der primus inter pares der großen Jahrgänge des letzten Jahrzehnts ist und überdies äonische Qualitäten besitzt, hat sich nichts geändert. Auch gebührt der Lorbeer der Brillanz in der Breite 2009.

Wenn es aber um die großen Terroirs geht, dann ist 2010 zumindest ebenbürtig – ich persönlich halte ihn in der Spitze für das Alter Ego von 2009. Unter der Annahme, dass, wenn in der sinnlichen Rezeption das Empfinden von Perfektion möglich ist, Vollkommenheit nicht dem Postulat der Identität unterliegt, ist 2010 die dialektische Wiederkehr der 2009er Perfektion.

Camouflage wäre wohl der treffendste Begriff für das Verbergen der Exzellenz im Verwirrspiel überbordender Attributsträger. Nicht wenige Verkoster haben sich auf der Suche nach der scheinbaren Defizienz des Jahrgangs auf einen Holzweg begeben und dort einen Mangel ausgemacht, wo exorbitant-komplexe Fülle zu finden wäre. Vielleicht ist das Aufblättern von Pontet-Canet in den Verkosterannalen hilfreich, interpretatorische Irrwege zu erkennen. Nicht selten wurde noch vor kurzem das als qualitativ minderwertig prognostiziert, was jetzt als große Reüssite gefeiert wird.

Fast hat es den Anschein, als ob sich der Jahrgang 2010 für seine exzellente Klasse legitimieren müsste. Niemand würde dies ohne das Wissen um 2009 erwarten, denn schon ein Blick auf die klimatischen Rahmenbedingungen genügt, das intrinsische Potential von 2010 zu erkennen. Weil aber das maximale Quantum an Akklamation schon für 2009 verbraucht scheint, erachten viele die faktische qualitative Duplizität – bei kompletter stilistischer Disparität – als äußerst suspekt. Im Vordergrund steht dabei die Befürchtung, einem potemkinschen Marketingbluff aufzusitzen.

Wie aber läßt sich ein Jahrgang wie 2010 verstehen? Das naturgemäß iterative Rebenwachstum wird von zyklischen Klimaprozessen begleitet und bedingt. Diese Prozesse, etwa Sonnenscheindauer, Tages- und Nachttemperaturen und Niederschläge, können sehr differenziert ausgeprägt sein und dabei unterschiedliche Veränderungsformen vom einen zum anderen Extrem durchlaufen. So wie z.B. eine stetige Veränderung von „trocken“ bis „nass“ denkbar ist, ist auch der sprunghafte Aggregatswechsel möglich.

Versteht man das Klima als die soziale Prägung der Rebe und den Boden als ihre genetische, dann wurde der Jahrgang 2010 erratisch und dehydriert sozialisiert...

Bei fast allen großen Terroirs, eher mehr auf der linken als auf der rechten Seite, sind äußerst beachtliche, brillante Weine von großer Rasse und beeindruckender Definition entstanden, die die Perfektion der 2009er Ernte dialektisch widerhallen lassen.

Herzliche Grüße,
Matthias Hilse
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