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Pinot weit weg

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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragFr 20. Feb 2015, 16:53

Hallo zusammen,

nach meinen beiden letzten "Pinots weit weg" - die eher an einen guten alten Griffs ins Klosett (natürlich nur im übertragenen Sinne) erinnerten - soll es heute mal wieder nach Oregon gehen. Dieses mal fülliger, fruchtiger und saftiger ... aber dennoch glücklicherweise nicht schlechter.

Der heutige Oregonese stammt von der im Jahr 2000 vom „dashing grape grower and winemaker“ Dai Crisp und seiner „groovy wife and business partner“ PK McCoy„ gegründeten Lumos Wine Company in McMinnville. Das Traubengut des Temperance Hill Pinot Noir 2008 stammt aus dem gleichnamigen 40 Hektar großen Weinberg, der seit 1999 nach Bio- (Oregon Tilth organic standards) und Salmon Safe (durchaus interessant, http://www.salmonsafe.org) Richtlinien bewirtschaftet wird. Die ältesten Dijon Klone in diesem von Nekia-, Rittner- und Joryböden dominierten Weinberg sind mittlerweile ca. 35 Jahre alt. Bewirtschaftet wird der komplette Weinberg von Dai Crisp. Ein kleiner Teil des Traubenguts wanderte in meinen heutigen Wein. Der große Rest des Traubenguts wurde und wird an namenhafte Weinproduzenten wie Adelsheim, Bergström, Brooks, Evesham Wood und einige mehr verkauft. Na dann lasst uns mal schauen wie sich der „hauseigene“ Pinot so auf meiner Zunge präsentiert hat ...


Lumos Wine Company Temperance Hill Pinot Noir 2008, Eola-Amity Hills


http://wine-zeit.blogspot.de/2015/02/lu ... -hill.html

Schon die beträchtlichen Mengen an Treibgut an der Innenfläche des Korkens verkündeten mir, dass dieser Wein reich an Schwebeteilchen sein dürfte. So war es dann auch. Wenig Transparenz und leuchtende Farbreflexe. Diese war für einen Pinot ziemlich dunkel und von üppiger Intensität. Die aus dem Temperance Hill "herausgezogene" Nase schrie förmlich nach Eola-Amity Hills. Düfte von kräftigem sowie trockenem Herbstlaub, feuchtem Unterholz und ausdrucks-intensiver Erde standen nasal im Vordergrund. Die fruchtige Untermalung wurde durch würzig pfeffrige Schwarzkirschen und dichtem saftigem Pflaumensaft, für mich in diesem Falle auf sehr passende weise, gewährleistet. Die Nase mag wohl nicht die komplexeste gewesen sein, doch an Lebendigkeit und Fülle, wiederum in dem Fall für mich positiv besetzt, dürfte die Frucht in ihrer eigenen Art schwierig zu überbieten sein. Am Gaumen verhielten sich die herbstlichen Aromen ein wenig zurückgefahrener, weniger erdig und durchweg feiner. Was die Frucht betrifft könnte der Ausdruck zurückgefahren kaum fälschlicher sein. Die lutsch'igen Aromen von Pflaumen und Schwarzkirschen waren saftig, prall, fleischig, dennoch durchaus kühl und spannungsgeladen intensiv. Zeitweise kam es mir so vor als ob noch Fruchtfleischfetzen in meinen Zahnlücken hängen würden. Trotz aller Saftigkeit, Freudhaftigkeit und gewisser „Wollust“ wirkte der Wein dennoch straff, sehr trocken und seriös. Sogar eine, gewiss etwas ausgeprägter ausgefallene, vanillige Beeinflussung vom Holz korrespondierte mit den restlichen Eigenschaften des Weines erstaunlich gut. Bei der Verkostung des Temperance Hill war ich über meine Zuneigung die ich für diesen eher etwas schweren und voll-fruchtigen Wein entwickelte selbst ein wenig erstaunt. Für mich war die ausgesprochene (und individuelle) Harmonie in diesem Pinot Noir das entscheidende Kriterium diesen Wein als sehr genussvoll und - an einem trüben Tag - als stimmungsaufhellend zu empfinden. Ich bin mir dennoch ziemlich sicher, dass dieser Wein ganz sich nicht jedem Pinot Freund, insbesondere den Puristen, gefallen dürfte. Naja, dem einen oder anderen offenherzigen Puristen könnte der doch gefallen. Wenn er mir verbohrten Pinot'isten schon gefallen hat!? Für mich ganz eindeutig ein sehr guter (+)-(++) Pinot Noir mit „neuweltlicher“ Kraft und fern jeglichem Verdachts burgundische Orientierungen verfolgen zu wollen.

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 5. Mär 2015, 19:50

Hallo zusammen,

mein heutiger „Pinot weit weg“ stammt von Craggy Range, einer der immer noch recht jungen Weinunternehmungen in Martinborough's Hawkes Bay Region im Süden der Nordinsel Neuseelands. Craggy Range verfolgt seit Anbeginn, immerhin seit dem Jahr 1997, einen Ansatz der darauf abzielt nur Einzellagenweine zu produzieren. Mein Einzellagen Pinot Noir stammt aus dem Te Muna Road Vineyard etwas außerhalb von Martinborogh Township. Die Bodenformationen im etwas höher gelegenen Pinot Noir Teil des Te Muna Road Vineyard sind sehr vielschichtig und karg. Vorherrschend sind mit unterschiedlichen Steinen (Alvi-Vulvic Vulkansteine, Arten von Ton und etwas Kalkstein) durchmischte schluffige Lehmböden. Beim Großteil der verwendenden Klone handelt es sich um fünf unterschiedlich Djon-Klone. Für den Jahrgang 2011 wurde 90 % des Traubenguts entrappt, in Stahltanks und offenen Holzbottichen vergoren und anschließend für 10 Monate in französischen Barriques (27% neue Fässer) ausgebaut. Na mal schauen wie sich dieser sicherlich noch junge Kiwi Pinot präsentiert hat …


Craggy Range Te Muna Road Vineyard Pinot Noir 2011, Martinborough

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/03/cr ... eyard.html

Die Farbe des Craggy Range Te Muna Road Vineyard Pinot Noir 2011 zeigte sehr satte, klare rubinrote Reflexe und beachtliche Transparenz. Seine Nase erschien mir über die zweitägige Verkostungsdauer eher etwas einfach gestrickt und verhältnismäßig "immobil". Viel Frucht, insbesondere Cranberries und zurückhaltende Brombeeren, welche eine Spur marmeladig wirkten gaben den Ton an. Darüber hinaus verirrten sich auch schüchterne Düfte von frischen Zitrone, Karamell(pudding), eher feines Holz und die eine oder andere Alge in meine Nase. Am Gaumen zeigte die üppige Fruchtigkeitsfülle zumindest etwas mehr Bewegung, eine Spur Leichtfüßigkeit, viel animierende Frische und etwas weniger Wärme. Etwas siruplastig fruchtig wirkten die Aromen von Cranberries, Brombeeren und saftigen Pflaumen dennoch. Auch die karamell'igen Noten wirkten eine Spur überproportioniert. Seine etwas überscharf wirkende Säure hatte ebenfalls etwas an Irritationspotential. Von Tiefe oder tertiären Aromen jeglicher Art konnte bei diesem noch jungen Pinot kaum die Rede sein. Die Stärken dieses Weines lagen ganz sicher in seiner intensiven, auch durchaus nicht kurzweiligen, Fruchtigkeit und leichten, sehr über-sanft seidig wirkenden, Struktur. Für pure Fruchtenthusiasten sicherlich ein durchaus empfehlenswerter Wein. Mehr als einige wenige Begeisterungssignale konnte dieser Pinot in mir leider nicht erzeugen. Ganz gut (o)-(+) war er dennoch. Für mehr wirkte er auf mich einfach zu simpel. Insbesondere für einen gehobeneren Mittelklasse Pinot Noir aus dem sonst nicht so sehr fruchtgetriebenen Martinborough.

Neben dem Pinot von Craggy Range hatte ich zwei Weine aus dem Hause Méo-Camuzet Frère et Sœurs. Die beiden Morey St. Denis der Jahre 2004 und 2006 zeigten sich ziemlich unterschiedlich. Mehr dazu findet ihr hier:

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/03/cr ... eyard.html

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 19. Mär 2015, 07:49

Hallo zusammen,

die Wahl meines heutigen "Pinot weit weg" fiel auf einen Wein aus den vom Meer und Nebel gekühlten Santa Rita Hills an der Central Coast Kaliforniens. Erst im Jahr 2007 begannen der Weinmacher Sashi Moorman und der Sommelier Rajat Parr, sowie einige Geschäftspartnern, mit dem Aufbau eines neuen Pinot-Projekts mit dem klangvollen und vielleicht auch etwas sehr programmatisch gewollten Namen: Domaine de la Côte! Aus ca. 16 ha sehr eng bestockten von Silex dominierten Weinbergen, welche früher zu Evening Land Vineyards gehörten, erzeugt das Team des Weingutes aus „selection massale californique“ Reben gerade mal drei unterschiedliche Pinots. Dabei handelt es sich um zwei Einzellagenweine namens Bloom's Field und La Côte, sowie meinen heutigen Appellations-„Pinot weit weg“: Sta. Rita Hills Pinot Noir 2012. Dieser wurde aus Traubengut von sechs unterschiedlichen Weinlagen der westlichen Santa Rita Hills erzeugt. Wichtig zu wissen ist, dass alle Weine von Sashi Moorman auf erstaunlichste Weise arm an Alkohol sind – mein heutiger hatte 12,5 %, dass bis auf den St. Rita Hills die Weine mit 100% Ganztraubenvergärung erzeugt werden – der Sta. Rita Hills wird mit ca. 50% ganzen Trauben vergorenen – und des weiteren sei anzumerken, dass alle Weine für ca. 20 Monate in gebrauchten Barriques ausgebaut werden. Jetzt aber genug der trockenen Verkündigungen und überlangen falsch gestellten Satzkonstruktionen ;) . Lasst uns schaun wie er den nun war …

Domaine de la Côte Santa Rita Hills Pinot Noir 2012, Santa Rita

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/03/do ... hills.html

Die Farbe des Sta. Rita Pinot Noirs erinnerte mich mit seinem hervorstechenden Sättigungsgrad und seiner fast schon blendenden Strahlkraft an feinste Himbeermarmelade von einem an dieser Stelle nicht weiter genannten Produzenten. Nur der Grad an Transparenz des Weines erwies sich als durchsichtiger. Glücklicherweise beschränkte sich die genannte und sicherlich unglückliche Himbeermarmelade-Assoziation rein auf meine visuellen Eindrücke. Seine Nase war von intensiven super-vollreif-saftigen – nicht überreifen oder rosinigen - Fruchtaromen geprägt. Genannt seien mitteleuropäische Waldbeeren, insbesondere Walderdbeeren, ein Hauch von hellen Kirschen und der eine oder andere dunkle Holunderstrauch (falls das überhaupt eine Frucht sein sollte!?). Erfreulicherweise versprühten diese aber keinerlei Anzeichen von eingekochter Wärme oder nasal absorbierbarer Süße. Neben der dominierenden fruchtigen Seite zeigten sich Ideen von Veilchen, von Kamille, von menthol'isch kräuteriger – nicht alkoholischer – Kühle und eine an Backpulver + Puderzucker erinnernde „Fülligkeit“. Trotz dieser nicht weiter erklärbaren, nicht sonderlich erwähnenswerten und sicherlich begriffs-technisch dümmlich anmutenden Fülligkeit, wirke dieser Pinot enorm verspielt und dicht. Diese beiden zuletzt erwähnten Attribute zeigten sich unvermittelt auch am Gaumen. Viel expressive Fruchtaromen, enorme Reife – ohne die schon erwähnten Negativeigenschaften, eine gewisse luftige Cremigkeit, dazu Anzeichen von milder Milchschokolade, einer Spur an jodiger Salzigkeit, eine gurkige – salatgurkige – Frische und sehr präsente Indizien für japanischen Bohnenkuchen (Süßspeise namens Ohagi) entzwickelten sich auf meiner Zunge. Mit fortschreitender Dauer immer offensichtlich werdenden zeigten sich darüberhinaus – noch etwas schüchternen wirkenden – erdig-mineralischen Eigenschaften, welche ich aus noch offensichtlicheren Gründen nicht mehr fähig war mental einzugrenzen ;).

Vieles, bis fast alles, wirke stimmig in diesem Pinot. Auch was seine Herkunft angeht zeigte er für einen Central Coast Pinot nicht unbedingt untypisch Eigenschaften. Eine Nähe zu pinotfreudiger Frankophile, wie man sie bei Arcadian und anderen ähnlich orientierten Herstellern ohne Probleme auffinden magn, zeigte sich zumindest in diesem Wein mit durchaus frankophilem Namen nicht wirklich. Gelungen wirkte der Wein allemal! Wenn er auch nicht der erhabenste, eleganteste oder tiefgründigste war, doch an herausposaunender Lebens-Saftigkeit und infantiler Verspieltheit mangelte es ihm auf keinen Fall. Abschließend sei angemerkt, dass diese enorme fruchtige Lebens-Saftigkeit, die mir in diesem Fall und an dem Tag zwar gefallen hat, dürfte mir auf die Dauer, und so manchem Pinotphilen generell, ein wenig zu viel Expression und Extraversion haben. Wie dem auch sei, ein immernoch sehr guter (+)-(++) und auch jetzt schon gut zugänglicher Pinot war es allemal.

Besten Gruss

Chris

PS: Hat von euch jemand in letzter Zeit einen "Pinot weit weg" probiert? Ich würde mich über euren Bericht freuen!
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 9. Apr 2015, 10:21

Hallo zusammen,

nach längerer Pause soll es heute mal wieder einen Oregonesen geben. Einen berühmten Oregonesen. Einen der schon ein paar Lenze auf der Flasche verbracht hat. Die Rede ist von einem "Pinot weit weg" eines Weinguts zweier berühmter Schwäger bzw. Beaux Frères. Ein beau-frère ist niemand geringeres als Robert M. Parker Jr. Seines Zeichen Weinpapst oder Ähnliches. Der andere, und mittlerweile auch nicht gerade unbekannte, beau-frère ist Michael Etzel. Zweiterer, also Michael Etzel, war es, der 1986 beschloss auf dem Grund einer ehemaligen Schweinefarm in Ribbon Ridge Weinreben anbauen zu wollen. Dazu benötigte er finanzielle Unterstützung, die er dank der Hilfe seines beau-frère aus Maryland erhielt. Die ersten Jahre verkaufte Etzel, der auch als Weinmacher fungiert, den Großteil seiner Ernten an namenhafte Nachbarn wie Ken Wright oder Dick Ponzi. Erst im Jahr 1991 begannen die Beaux Frères eigenen Wein im größeren Stil zu produzieren. Schon ab dem ersten Jahrgang zeichneten sich ihre Weine durch hohe Konzentration, durch viel Extraktion und durch lange Fasslagerung (im Schnitt 36 Monate) mit hohem Neuholzanteil aus. Eine Herangehensweise die mir in den meisten Fällen persönlich nicht sonderlich entgegenkommt. Da ich bis zu meinem heutigen „Pinot weit weg“ nur junge Weine von Beaux Frères verkosten konnte - die mir nicht sonderlich zusagten, habe ich mich um so mehr gefreut – gefreut im Sinne von pseudowissenschaftlichem Neugierigkeitswahn - einen sehr gereiften Beaux Frères Pinot Noir aus dem Jahr 1993 in die Hände zu bekommen. Na genug gefaselt, dann lasst uns lieber mal gucken wie er so war dieser "Parker Pinot" …

Beaux Frères Pinot Noir 1993, Willamette Valley


http://wine-zeit.blogspot.de/2015/04/be ... mette.html

Erstaunlich dunkelrote, aber immer noch überzeugend glänzende Reflexe im Kern, und hin zum Rand strebende an Doctor Pepper erinnernde Schattierungen - vielleicht etwas ausgemergelte und „schleierhafte“ Schattierungen - dürften die Farbgebung des Beaux Frères Pinot Noir 1993 relativ treffenden wiedergeben. In anbetracht seines Alters haute mich die Nase aufgrund ihrer Vitalität und Intensität fast schon ein wenig um. Kräftige und typisch-oregonesische Düfte von feuchtem Waldboden, nassen Blättern, dunkler Erde, altem Holz; dazu Pumpernickel Brot, vertrockneten Tomaten, etwas Rosenpaprikapulver und eine Spur abgestandener Pflaumensaft gaben in den ersten Stunden ein ausdrucksvoll bewegtes, schon leicht stürmisch anmutendes Nasenkonzert. Nach drei bis vier Stunden wirkte die Nase brachialer, etwas ätherisch alkoholisch (13%) und durchweg süßlicher. Diese Entwicklung war wohl auch durch ein nicht ganz gelungenes Temperaturmanagement meinerseits begünstigt. Naja, vorteilhafter erschien mir die Nase in den ersten Stunden allemal. Am Gaumen wirkte der Beaux Frère Pinot Noir (immer noch) sehr voluminös, leicht bullig und sicherlich etwas drall. Doch seine eigentliche Lebenskraft und seine konzentrierten aromatischen Attribute empfand ich sowohl als überraschend als auch ausgesprochen überzeugend, wenn ich auch mit ihrer stilistischen Ausformulierung - eine Stilart die sicherlich Nähe zu manch unterstellter Geschmackspräferenz des erwähnten Weinkritikers kaum wegzudiskutieren ist - eher weniger anfangen konnte. Kraft und Leben hatten die unterschiedlich gewichteten Aromen von getrockneten Kirschen, Tomaten Konfit, Gänseleberpastete, Wacholder, getrockneten Pilzen, feuchtem Laub, Eisen, gewisse Röstaromen und immer noch recht frisch anmutenden Pflaumen allemal. Auch seine mehr als passable Länge im Abgang und sein nicht komplett überlebtes feinkörniges Tannin gaben mir keinerlei Anlass zu meckern. Vier bis fünf Stunden konnte er „objektiv“ überzeugende Qualitäten aufrecht halten. Danach ging es langsam bergab. Was eine Bewertung nach meinem zugegeben durchweg mangelhaften System angeht, habe ich so meine Probleme. Da ich letztlich stets eine subjektive Bewertung abgebe, kann ich ihm nicht wirklich mehr als ein beeindruckendes gut (+) geben. Andere Pinot Freunde dürften sich an der reichhaltigen Stilistik weniger stoßen. Ich befürchte ich werde wohl nie ein großer Freund der Weine von Beaux Frères werden. Ob jung oder alt - mein Fall sind sie leider nicht. Ein wirklich interessantes Verkostungserlebnis war es dennoch allemal. Zum Abschluss sollte ich aber ein nicht zu unterschätzendes Wort - naja eigentlich zwei - über den Korken verlieren: fantastische Qualität!

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 30. Apr 2015, 10:21

Hallo zusammen,

heute stelle ich mich ausnahmsweise mal als ein williges und neugieriges Opfer von gekonntem, wenn auch nicht subtilen, Product Placement zu Verfügung. Über das vergangene Jahrzehnt konnte man allwöchentlich wahrnehmen, wenn man das nun wollte, dass in Chalie Harper's Malibu Beach House, neben dem guten alten Radeberger Bier, oft ganz halb-diskret Produkte der Firma Kendall-Jackson auf dem Küchetisch vorzufinden waren. Ich muss zugeben, noch nie zuvor von KJ je einen Wein probiert zu haben, da diese auf dem deutschen Markt nicht sonderlich gut distribuiert sind. Obwohl, wie an der Farbe zu erkennen war meist eher Califonia Chardonnay von Chalie's "herausgevordertem" Bruder Allen oder seinen Mikro-Lebensabschnitts-Genossinen konsumiert wurde, musste / durfte ich - man wird am Ende sehen wie sich meine Zufriedenheit äußern wird - zum wiederholten male ein Opfer meines "Pinot weit weg" Neugierismus werden und zu einem selbigen greifen. Daher gibt es heute Kendall-Jackson Vintner's Reserve Pinot Noir aus dem Jahr 2010! Lasst uns mal schauen ob es eher eine "Pflichtaufgabe" oder doch ein Vernügen war ...

Kendall-Jackson Pinot Noir Vintner's Reserve 2010, California

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/04/ke ... tners.html

Ein Vorteil dieses Weines ist die gebotenen Kürze seiner Beschreibung. Seine Farbe zeigte ein nicht weiter erwähnenswertes Pinot-Bilderbuch-Rubinrot mit vermehrten Schwebeteilchen, die dennoch eine gute Durchsichtigkeit zuließen. Seine Nase war mit intensiven Fruchtaromen von Himbeeren und Heidelbeeren sowie reifen Pflaumen parfümiert. Daneben zeigten sich recht gut abgestimmte nasale Eindrücke die an milden Rauch und feine Vanille (amerikanischer Holzprägung - Teilbelegung mit kalifonischem Eichenholz) erinnerten. Sicherlich möchte ich eine erdig-mineralische Ferne ebenfalls nicht unerwähnt lassen. Was meine Gaumen-eindrücke angeht standen Attribute wie überschwänglicher Komplexität und tiefsitzendem Anspruch nicht im Zentrum meiner wahrgenommenen Eindrücke. Interessanterweise störte mich das bei diesem Wein nicht all zu sehr. Im Gegensatz zu manchen preiswerten Pinot Noir's von kalifornischen Großerzeugern erwiesen sich die Fruchtaromen, die am Gaumen etwas stärker gen Kirsche strebten, sehr gut ausbalanciert, kaum vom Eichenholz erschlagen und sonst wenig marmeladig-angeköchelt oder gar zu sehr mit Alkohol verwöhnt. Kurzum, für mich war es ein monodimensional-einfacher, etwas wärmerer, überraschend schlanker, sehr klar fruchtiger Pinot Noir der es vermochte seine neuweltliche Herkunft nicht zu exzessiv interpretieren zu wollen. Alles in allem für mich ein immernoch ansprechender so la-la (o) Genuss. Aufgrund seiner etwas überraschenden Stilistik war seine Verkostung doch eher ein Vergnügen als eine reine "Pflichtaufgabe".

Besten Gruss

Chris
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Re: Pinot weit weg

BeitragMo 18. Mai 2015, 10:06

Hallo zusammen

aufgrund vorzüglicher Verbindungen pinotphiler Art gen Nordwesten der Vereinigten Staaten von Amerika, ist mir vor wenigen Tagen dank Dan und Chas von http://www.wineisseriousbusiness.com/ (nebenbei bemerkt auch sehr passonierte Moseltrinker) ein weiterer sehr erwähnenswerter oregonesischer Pinot Noir zu Teil geworden. Zwar nötigte mich das Wetter, eine sicherlich so nicht eingeplante und mehrheitlich pinotfeindliche Dreisiggradhitze, in die Tiefen meines kühlen Weinkellers, doch die äußeren Umstände konnten mich nicht ins „Schwitzen“ bringen. Die erwartete Qualität des Weines vielleicht doch ein wenig …! Genug dem Vorgeplänkel. Sechs Zeilen des gewohnten Geschwafels dürften ausreichend sein!

Mit meinem heutigen „Pinot weit weg“ begebe ich mich nach längerer Pause zurück in die Dundee Hills. Der Einstiegswein von De Ponte Cellars, einem von Scott und Rae Baldwin im Jahr 2001 mit wenigen Hektaren Dijon Klonen und Melon den Bourgogne - mittlerweile ist es ein wenig mehr - gegründeten Weingut, aus dem Jahr 2010 wurde auf für die Dundee Hills typischen Jory Böden kultiviert und für 12 Monate in 20 % neuem Holz ausgebaut. Direkt nach dem Einschenken (und ehrlich geschrieben auch schon davor, Dank der gelegentlichen Analysen der De Pont Weine von Dan und Chas) wurde mir klar, dass es sich bei diesem Wein um eine wirklich gelungene oregonesisch-burgundische Symbiose handelt. Diese Behauptung ist all zu weit hergeholt, da die Weinmacherin Isabelle Dutartre eine umtriebige Bourguignonne ist. Jetzt aber zum flüssigen Teil der Post ….

De Ponte Cellars Dundee Hills Pinot Noir 2010, Dundee Hills

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/05/de ... pinot.html

Ein wenig blass und am Rand möglicherweise ganz leicht wässrig wirkte die rubinrote Färbung des De Ponte Cellars Dundee Hills Pinot Noir 2010 schon, doch seine Nase zeigte von Beginn an wo die wohltemperiert expressive Reise hingeht sollte. Im Zentrum des Geschehens erroch beeindruckend raffinierte und ganz minimal expressiv-parfümiert wirkende Waldbeeren, später auch Aromen von Pflaumensaft, die keinesfalls aufgesetzt wirkten. Sich an diesen fruchtigen Eindruck harmonisch anschmiegend konnte die schüchtern wirkende fein-vanillige Idee von Eichenholz und die für einen Dundee Hills Pinot erstaunlich zivil ausgeprägten „Oregon Funk“ Noten. Am Gaumen herrschten Harmonie und Klarheit vor! Attribute die mir bei Pinot Noir sehr wichtig erscheinen. Diese überstrahlten die eher genügsam ausgelassen wirkende Komplexität des Weines mit Leichtigkeit. Neben den von der Nase schon bekannten Aromen erwiesen sich an der Zunge die Jory-typischen Aromen von Waldboden, Blattwerk, getrockneten Pilzen etc. etwas schwungvoller und weniger gezügelt. Auch die angenehm lebendige Säure fügte sich in die Gesamtkomposition sehr gut ein. Meiner Meinung nach einer tolle Symbiose meiner beiden liebsten Pinot-Welten! Einfach „nur“ sehr gut (++) trifft voll ins Rubinrote! Da bedarf es gar nicht so vieler Worte wie sonst ... :)

Besten Gruss

Chris

PS: Hat einer von euch letztens etwas pinot'ig Interessantes (oder auch Uninteressantes) aus den Weiten der Weinwelt im Glas gehabt?
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragSo 31. Mai 2015, 12:44

Hallo zusammen,

heute soll sich meine Zunge nicht all zu weit entfernen. Doch "nahe liegend" hinsichtlich sowohl Bekanntheits- als auch Besprechungsgrad (abgesehen von Gastons sehr lesenswerten Tschechien Thread) ist mein heutiger "Pinot weit weg" absolut nicht. Um meine Eindrücke festzuhalten habe ich mich vor einer Stunde mit einem bayrischen Pinot zur inspirativen Gedankenlubrikation hingesessen und versuche vergeblich meinen unerschöpflichen Vorrat an Pinot Expertise ;) anzuzapfen. Doch bei meinem heutigen „Pinot weit weg“ mag dieses lubrikierte Anzapfen leider nicht so ganz gelingen. Auch nicht weiter verwunderlich, da ich zum einen keinerlei Pinot-Erfahrung im Degustationsfeld Nordböhmen habe und zum anderen zeigen sich erhebliche Defizite meinerseits bei der Entzifferung des möglicherweise sehr informativen Rückenetiketts sowie den meisten internetgestützten Informationsquellen. Ich enttäusche mal wieder mit meiner Unfähigkeit auf ganzer Linie… ich weiß! Aber nicht weiter überraschend für den regelmäßigen Leser! Wenn ich schon keine – zumindest für mich verwertbaren - Informationen über den heutigen Rulandské Modré Roučí Mělincké 2004 von Vinařství Kraus aus Mĕlnik finden konnte, so habe ich immerhin wenige Spuren an Information über die Weinregion und das eigentliche Weingut einsammeln können. Mĕlnik, nicht zu verwechseln mit dem wahrscheinlich berühmteren bulgarischen Melnik oder dessen regionaler Rebsorte, ist eine Kreisstadt am Zusammenfluß von Elbe und Moldau ca. 40 km nördlich von Prag. Die meisten Weinberge liegen auf einer durchschnittlichen Höhe von 200 m über dem Meeresspiegel. Karge Kalksteinböden mit höheren Anteilen an sandigem Ton sind in der Gegend um Mĕlnik vorherrschend. Das Weingut von Vilém Kraus, nebenbei erwähnt eines der namenhaftesten Weingüter in Nordböhmen, verfügt mittlerweile wieder über ca. 22 Hektar Anbaufläche. Auf dieser werden vornehmlich klassisch mitteleuropäische Rebsorten wie Riesling (Ryzlink rýnský), Traminer, Grauburgunder und Pinot Noir kultiviert. Weitere einstens zeitgenössische Klassiker wie Dornfelder lass ich mal lieber unerwähnt. Genug dem unverhohlenen Anführen meines Nichtwissen! Jetzt gibt's Pinot aus Tschechien ...

Vinařství Kraus Rulandské Modré Roučí Mělincké 2004, Mělincké

Farblich überraschte mich der Pinot Noir von Kraus mit seiner tiefroten und immernoch sehr klar und transparent wirkenden granatroten Farbe. Am Rand war er eher von Wässrigkeit als von erheblichen Verfärbungen geprägt. In der Nase präsentierte er sich die ersten Minuten etwas gemüsig, leicht vom Holz (eher alte Fässer) geprägt und ziemlich rauchbetont. Nach kurzer Zeit öffneten sich seriös wirkende und recht streng anmutende Aromen von Unterholz, eine bei Pinot Noir etwas ungewohnte Pfeffrigkeit, ein Etwas an Holzkohle, ein wenig frisch gebrühten Filterkaffee sowie schüchteren Restposten an vergehenden Anklängen von Waldhimbeeren und Blaubeeren. Am Gaumen wurde schnell klar warum dieser „Pinot weit weg“ so gut die 10 Jahre seit seiner Abfüllung überdauerte. Eine überaus lebendige Säure zeigte sich auf jeder Geschmacksknospe meiner Zunge. Anzeichen von totaler Überalterung: Fehlanzeige! Im Gegensatz zur Nase hatte der Geschmack sogar noch erstaunliche schüchtern-mitteilsam und eher unkompliziert wirkende Frucht die mich an wild sortierte Waldbeeren erinnerten. Gepaart waren diese Fruchtaromen mit prägnanten Waldbodenassozitationen sowie etwas passend derbem Wacholderschinken. Wahrlich ein nicht übermäsig komplexer, dafür aber sehr charakterstarker, wunderbar schlanker und mehrheitlich ausgeglichener Pinot ohne jegliche Anzeichen von zurweilen recht nervig-zuckriger Süßfreudigkeit (übersetzt: er war knochentrocken). Sein Alter merkte man ihm erst nach gut zwei Stunden an. Ab dem Zeitpunkt begann er sehr säuredominiert zu wirken. Für mich ein total überraschender und wirklich guter (+)-(++) Pinot Noir aus für mich unentdeckten Landen!

Den Bayern gibt's hier! Zwar ebenfalls überraschend und ein wenig ungewöhnlich, aber in diesem Thread hat er dann doch nichts zu suchen:

http://wine-zeit.blogspot.de/2015/05/vi ... rouci.html

Besten Gruss

Chris
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olifant

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 11. Jun 2015, 08:22

Hallo Chris,

fyi

olifant hat geschrieben:

Pinot Nero Filari di Mazzon 2009, Viticoltore Carlotto Ferruccio - Auer

mittleres transparentes Rubinrot mit breiter Randaufhellung und granatroten Reflexen; Wildkirsche, Tabak, würzige Noten; am Gaumen mittelgewichtig, würzig-fruchtige Wildkirschnoten, Anklänge an 'mon cherie', wiederum viel unaufdringliche wald- und laubwürzige Noten und Tabak, reifes, annähernd samtiges, leicht sandiges Tannin, sehr schöne Säure, angenehm tief mit sehr guter Balance; annähernd langer Abgang auf würzige Frucht und animierender Säure - 16,5/20 op

Schöner Blauburgunder in typisch südtirloer Ausprägung. Kann sicher noch einige Jahre reifen.




Jetzt, nach ca. 2 Jahren wieder im Glas, bestätigen sich die damaligen Eindrücke voll und ganz, jedoch alles einen ordentlichen Tick reifer, tiefer, harmonischer mit deutlich beginnender Tertiäraromenprägung und mürber Frucht - einfach schön zu trinken ohne fordernd zu sein. Bei einer zwischenzeitlich getrunkenen Flasche zeigte sich der Wein hingegen verschlossen und unharmonisch - jetzt dürfte er im besten Trinkfenster sein. Insgesamt absolut Empfehlenswert, bei mir nun gefühlte 17/20 op - und ein Anlass ggf. mal andere Südtiroler Blauburgunder aus 2008 und 2009 an zu testen.
Grüsse

Ralf
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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 11. Jun 2015, 10:44

Hallo Ralf,

endlich mal wieder ein Italiener! Vielen Dank für deinen Beitrag. Ferruccio Carlotto muss ich mir mal notieren. Eine Quelle in Deutschland habe ich schon mal gefunden :-).

Mein nächster "Pinot weit weg" aus Italien wird immernoch der schon mal erwähnte Sizillianer sein. Anscheinend drücke ich mich ein wenig vor dem ;-). Leider sind meine drei / vier Pinots aus dem Trentino (und einer aus dem Friaul) allesamt noch viel zu jung. Da wage ich mich noch nicht ran ...

Besten Gruss

Chris
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olifant

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Re: Pinot weit weg

BeitragDo 11. Jun 2015, 12:05

Hallo Chris,

jung (quasi bei Freigabe) war der Carlotto Ferrucci Filari di Mazzon 09 eigentlich für südtirol. Verhältnisse rel. extrem auf Frucht getrimmt (und auch etwas vordergründige Vanille war da), sodass ich mir etwas unsicher war, welches Potential hier vorliegt, hatte mir aber dennoch ein paar Flaschen mitgenommen. Vor 2 Jahren kam dann eine schöne, wenn anscheinend auch nicht durchgängige Evolution.
Mich hat die gesamte Entwicklung des Wein positiv überrascht.

Pinots aus dem Trentino und Friaul, sag doch mal welche ...
Grüsse

Ralf
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