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Deutscher Spätburgunder und Terroir

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octopussy

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Deutscher Spätburgunder und Terroir

BeitragFr 29. Jul 2011, 09:30

Besonders umfangreiche Erfahrungen habe ich mit deutschem Spätburgunder noch nicht sammeln können, jedenfalls nicht über die Breite der verschiedenen Anbaugebiete und Erzeuger. Was mich generell beschäftigt, ist aber Folgendes:

Mein Eindruck ist, dass bei Spätburgunder aus Deutschland gerne ca. 20 - 30 Namen aufgelistet werden, die guten bis sehr guten Spätburgunder erzeugen. Ich habe das Gefühl, dass wir meistens Vergleiche weniger in einem bestimmten Gebiet vornehmen, sondern mehr auf ganz Deutschland bezogen.

Das Burgund ist vielleicht die am genauesten aufgefächerte Terroir-Region der Welt mit unzähligen Mikro-Climats. Die Philosophie vieler Winzer ist: Das Climat ist wichtiger als der Erzeuger, wobei sich dies natürlich in der Praxis schnell als teurer Irrtum herausstellen kann ;). Unstreitig scheint auch zu sein, dass sich die Pinot Noir Traube besonders gut für die Herausarbeitung von Lagen-, Klima- und Bodenbeschaffenheiten eignet.

Ist eine ähnliche Spätburgunder-Terroir-Kultur in Deutschland auch möglich? Arbeiten genügend Winzer die ihnen zur Verfügung stehenden Lagen-, Klima- und Bodengegebenheiten beim Spätburgunder heraus? Anhand welcher Kriterien lassen sich deutsche Spätburgunder (etwas losgelöst vom Erzeuger) wohl am besten vergleichen - anhand des Bodens? des Anbaugebiets (trotz unterschiedlicher Böden)? einer bestimmten Tradition? der Klone?

Bitte Bescheid sagen, falls das schon eine völlig ausgelutschte Diskussion ist. Mich interessieren diese Fragen sehr, insofern würde ich mich über rege Beteiligung freuen.
Beste Grüße, Stephan
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Birte

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Re: Deutscher Spätburgunder und Terroir

BeitragFr 29. Jul 2011, 10:46

Mir persönlich ist bei einem Spätburgunder der Winzer wichtiger als Lage, Klima und Bodenbeschaffenheit. Selbst, wenn mir jemand mitteilt, Spätburgunder Soundso schmeckt nach Baden, kann ich das noch nicht mal nachvollziehen. Vor allem ist mir wichtig, dass der Winzer mit dem Einsatz von Holz umgehen kann, da gibt es in Deutschland noch schaurige Übungsversuche. Ziereisens Holzeinsatz finde ich zum Beispiel sehr gelungen.
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frank

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Re: Deutscher Spätburgunder und Terroir

BeitragMo 1. Aug 2011, 08:40

Mir geht es da genauso wie Birte, mit persönlich ist der Winzer ebenfalls wichtiger als die Lage oder die Region. Ich habe schon Weine verschiedenster Winzer im Glas gehabt, mittlerweile habe ich mich in Sachen Spätburgunder aber "festgetrunken", wenn Ihr so wollt. Mein persönlicher Favorit ist das Weingut Jean Stodden. Habe mal ein wenig recherchiert, auch bei viele Experten (zu denen ich mich jetzt nicht zählen würde) gilt das Weingut als der deutsche Spätburgundermacher schlechthin. Vielleicht habt Ihr künftig ja auch mal einen Jean Stodden im Glas, würde mich über eine Rückmeldung freuen, ob es Euch genauso geht wie mir.

Viele Grüße,

Frank

Bezugesquelle des Weins: http://wirwinzer.de/
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Don Miguel

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BeitragDi 2. Aug 2011, 16:49

Servus Stephan!

Das habe ich fast befürchtet: Eine Diskussion um „Terroir“ und „Deutscher Spätburgunder“? Das wird schwierig! Alleine schon deshalb, weil wir hier keinen Konsens zum Begriff des Terroir bekommen werden.

Die Fragestellung ist auch sehr komplex und weitläufig. Ich fange mal mit einer provokanten These an:
„Bei Spätburgundern aus Deutschland gibt es kein Terroir, hierzu fehlt schon die historische Komponente“!

Spätburgunder wurde in Deutschland überwiegend als Gebrauchswein ausgebaut, einen hochklassigen Qualitätsweinbau wie im Burgund gab es in Deutschland doch nirgends, oder? Die aktuelle Entwicklung hin zu hochwertigen Spätburgundern ist noch sehr jung.

Maßgeblich ist das Können, das Engagement und der Innovationswille des einzelnen Winzers, die Region und Lage spielt erst mal eine eher untergeordnete Rolle. Wo ein Winzer entsprechend agierte, dort entstand herausragender Spätburgunder .

Beispiel Franken und Rudolf Fürst: Bürgstadt oder der mittlerweile bekannte Centgrafenberg waren vor Fürst als Spätburgunderlage nicht in Erscheinung getreten. Überhaupt gibt es dort außer Fürst keinen weiteren namhaften Spätburgundererzeuger, auch nicht aus gleichen Lagen.

Oder Friedrich Becker am äußersten Rande der Pfalz, na ja, eigentlich fast Elsass, denn dort liegen ja einige seiner Lagen, gab es dort vor Becker schon Spätburgunder? Und außer Becker, wer schafft dort noch nennenswerte Qualitäten?

Die Ahr und Teile Badens sind Gebiete, wo nicht nur punktuell, sondern in der Fläche Spätburgunder angebaut wird. Aber auch dort verteilen sich die Qualitätsproduzenten auf viele Lagen.

Ich bin aber sowieso zwischenzeitlich ein Terroirskeptiker. Dieser Begriff stammt noch aus einer Zeit ohne fortschrittliche Kellertechnik, Reinzuchthefen und unzähligen chemisch-biologischen Hilfsmitteln. Wie soll ich heute noch wissen, ist das nun reines „Terroir“ oder rafiniert-perfekte Kellertechnik ? (OK, auch etwas überspitzt, aber ich mag diesen Begriff inflationär gebrauchten Begriff einfach nicht mehr).


Grüße
Don
Zuletzt geändert von Don Miguel am Di 2. Aug 2011, 20:31, insgesamt 1-mal geändert.
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UlliB

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Re:

BeitragDi 2. Aug 2011, 17:43

Don Miguel hat geschrieben:Die Fragestellung ist auch sehr komplex und weitläufig. Ich fange mal mit einer provokanten These an:
„Bei Spätburgundern aus Deutschland gibt es kein Terroir, hierzu fehlt schon die historische Komponente“!

Spätburgunder wurde in Deutschland überwiegend als Gebrauchswein ausgebaut, einen hochklassigen Qualitätsweinbau wie im Burgund gab es in Deutschland doch nirgends, oder? Die aktuelle Entwicklung hin zu hochwertigen Spätburgundern ist noch sehr jung.


Hallo Don,

ich würde dieser These zustimmen, da der heutigen Generation von Erzeugern und Konsumenten der historische Kontext fehlt.

Ich bin aber nicht sicher, ob es in Deutschland nie zuvor eine Erzeugung von qualitativ hochwertigen Spätburgundern gegeben hat. Die Rotweininsel Assmannshausen genoss im ausgehenden Kaiserreich einen ziemlich legendären Ruf, und man kann durchaus davon ausgehen, dass den Kennern der damaligen Zeit trotz Erbfeindschaft die französischen Originale bekannt gewesen sind (schaut man sich historische Weinkarten an, war Burgund und Bordeaux in Deutschland damals durchaus gut vertreten). Und ob die Ahr vor dem verheerenden Einfall rheinischer Kegelclubs nicht eine durchaus qualitätsorientierte Tradition hatte, ist ebenso fraglich. Aber wie gesagt, zum Anknüpfen ist das zu lange her.

Ich bin aber sowieso zwischenzeitlich ein Terroirskeptiker. Dieser Begriff stammt noch aus einer Zeit ohne fortschrittliche Kellertechnik, Reinzuchthefen und unzähligen chemisch-biologischen Hilfsmitteln. Wie soll ich heute noch wissen, ist das nun reines „Terroir“ oder rafiniert-perfekte Kellertechnik ? (OK, auch etwas überspitzt, aber ich mag diesen Begriff inflationär gebrauchten Begriff einfach nicht mehr).


Na ja, man muss ja das T-Wort nicht unbedingt benutzen; vielleicht geht es auch etwas kleiner mit "Herkunftscharakteristik". Und da sehe ich durchaus Ansätze. Zunächst einmal lassen sich Weine, die auf Schiefer gewachsen sind (Ahr, Mittelmosel, Assmannshausen) ganz gut von solchen unterscheiden, die von Lehm / Löss / Kalk u.a. kommen. Das gelingt meistens auch blind, wenn nicht exzessiver Holzeinsatz den Blick auf den Wein selber versperrt. Und wer bei Salwey gelernt hat, worin sich Spätburgunder von vulkanischen Böden von Spätburgundern, die auf Löss gewachsen sind, unterscheiden, erkennt die gleichen Unterschiede auch gegenüber bei Gleichenstein oder ein paar Kilometer weiter bei Heger. Die Grundvoraussetzungen sind also da: die Rebsorte kann auch in Deutschland ihre Herkunft ausdrücken (warum sollte sie das auch nicht?). Um eine Lagencharakteristik auszumachen, ist allerdings das Netz qualitativ hochwertiger Erzeuger viel zu dünn geknüpft. Und daran wird sich, fürchte ich, auch so bald nichts ändern.

Gruß
Ulli
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Don Miguel

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BeitragDi 2. Aug 2011, 20:54

UlliB hat geschrieben:Ich bin aber nicht sicher, ob es in Deutschland nie zuvor eine Erzeugung von qualitativ hochwertigen Spätburgundern gegeben hat. Die Rotweininsel Assmannshausen genoss im ausgehenden Kaiserreich einen ziemlich legendären Ruf,...

Servus Ulli,

an Assmannshausen hatte ich auch gedacht, aber ich bin historisch zu unbeleckt, um es wirklich zu wissen. Aber auch hier die Frage: War es das Weingut Assmannshausen oder das Terroir seiner Lagen, welches die Klasse seiner Weine ausmachte?

Na ja, man muss ja das T-Wort nicht unbedingt benutzen; vielleicht geht es auch etwas kleiner mit "Herkunftscharakteristik".

Gerne :), das gefällt mir auch besser, ich habe mich auch nur auf den Threadtitel bezogen ;) !

Und da sehe ich durchaus Ansätze. Zunächst einmal lassen sich Weine, die auf Schiefer gewachsen sind (Ahr, Mittelmosel, Assmannshausen) ganz gut von solchen unterscheiden, die von Lehm / Löss / Kalk u.a. kommen. Das gelingt meistens auch blind, wenn nicht exzessiver Holzeinsatz den Blick auf den Wein selber versperrt. Und wer bei Salwey gelernt hat, worin sich Spätburgunder von vulkanischen Böden von Spätburgundern, die auf Löss gewachsen sind, unterscheiden, erkennt die gleichen Unterschiede auch gegenüber bei Gleichenstein oder ein paar Kilometer weiter bei Heger.

Wirkliche sehr interessante Fesstellungen! Ich kenne zwar einzelne Weine der genannten Weingüter, aber noch viel zu wenige, um schon so dezidierte Aussagen treffen zu können. Aber Geduld, ich arbeite daran.

Grüße
Don
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Charlie

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Re: Deutscher Spätburgunder und Terroir

BeitragMi 3. Aug 2011, 08:08

Thomas Deck hatte sich das Thema Herkunftstypizität an eine paar Beispilen vorgenommen. Leider konnte ich an keiner Stelle die gesammelten Beschreibungen finden. Aber hier Beispiele:
viewtopic.php?f=54&t=289
http://forum.weinfreaks.de/showthread.php?tid=701
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Moulis

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Re: Deutscher Spätburgunder und Terroir

BeitragMi 3. Aug 2011, 08:13

Gestern hatte ich den Knipser Laumersheimer Kirschgarten Spätburgunder trocken "Großes Gewächs" 2007

Löß und Kalkboden

Sehr zu empfehlen, kann aber noch etwas lagern.
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Pinot Nerd

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Re:

BeitragMi 3. Aug 2011, 17:13

Don Miguel hat geschrieben:Oder Friedrich Becker am äußersten Rande der Pfalz, na ja, eigentlich fast Elsass, denn dort liegen ja einige seiner Lagen, gab es dort vor Becker schon Spätburgunder? Und außer Becker, wer schafft dort noch nennenswerte Qualitäten?


z.B. Weingut Bernhart, sein Rädling GG liegt genau zwischen Sankt Paul und Kammerberg ist billiger und für einige Leute fast auf Augenhöhe...
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UlliB

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Re:

BeitragMi 3. Aug 2011, 20:46

Don Miguel hat geschrieben:Aber auch hier die Frage: War es das Weingut Assmannshausen oder das Terroir seiner Lagen, welches die Klasse seiner Weine ausmachte?


Hallo Don,

ich nehme an, mit "dem Weingut" ist die weiland Königlich-Preußische Weinbaudomäne Assmannshausen gemeint, der Vorläuferbetrieb der heutigen Domäne Assmannshausen, eines Teils der Hessischen Staatsweingüter? Soweit ich weiß, hat es auch zu Kaisers Zeiten daneben weitere Erzeuger in den Assmannshäuser Lagen gegeben, und ob der Ruf der Assmannshäuser Spätburgunder ausschließlich der Domäne geschuldet war, weiß ich nicht - das wäre eine Frage für einen Weinhistoriker. Dokumentiert ist der Anbau von Spätburgunder hier aber seit der frühen Neuzeit, so dass es wohl tatsächlich eine gewisse Tradition gibt (oder gab).

Weingut oder Lage - ich gehe mal davon aus, dass auch vor hundert Jahren die gleiche Rangordnung bestand wie heute: für die Qualität des Weins ist zunächst einmal der Erzeuger relevant und erst danach die Qualität der Lage. Ein schlechter Erzeuger produziert auch aus einer Toplage einen schlechten Wein. Über die Frage, ob ein sehr guter Erzeuger auch aus einer mittelmäßigen Lage einen sehr guten (oder gar: großen) Wein machen kann, könnte man sich vermutlich genauso lange streiten wie über den Terroirbegriff... :ugeek:

Für meinen Geschmack kommen jedenfalls auch heute aus dem Höllenberg außerordentlich interessante Spätburgunder, allerdings nicht von den Staatsweingütern, sondern von August Kesseler (leider teuer), und in einer etwas konventionelleren, "deutschen" Stilistik gelegentlich auch von Robert König.

Gruß
Ulli
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