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Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

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Charlie

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 14:40

Birte hat geschrieben:
Konzepte wie Terroir und Mineralität gehen Hand in Hand auch wenn sie streng genommen nichts miteinander zu tun haben


Warum haben sie streng genommen nichts miteinander zu tun???
OK, ich war zu lakonisch. Alle (auch die wirrsten) Definitionen des Terroir haben etwas damit zu tun wo der Wein herkommt. Grob gesagt heisst es dann: "der Wein schmeckt so weil das seinem Terroir entspricht". Nun kann es dem Terroir eines Weins entsprechen, dass er nach Frucht duftet oder eben nach Stein. Beides kann also vom "Terroir kommen". In den letzten Jahren hat man im Rahmen der Terroir- und der Mineralik-Mode diese beien Dinge verknüpft. Ein mineralischer Wein wurde dann viel eher ein Terroir-Wein als ein nach Frucht duftender Wein. Überhaupt wollten viele nur noch "gute", "charaktervolle" Weine als Terroir-Weine bezeichnen.

Wenn ich hier versuche, diese Dinge streng zu trennen, dann gelingt mir das natürlich nur in der Theorie. In der Weintrinkpraxis klingelt bei mir auch "Stein" zusammen mit "gut", "komplex", "authetisch" und sogar "Terroir" zu einem heimeligen Gesumme und Trala.
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Birte

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 14:49

Vielen Dank für die ausführliche, gute Klarstellung. Da ist eben eine Zeit lang der Begriff Terroir Wein falsch verwendet worden. Jeder Wein ist ein Terroir Wein, wenn man nicht südafrikanische und sächsische Reben mischt.
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octopussy

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 17:29

Charlie hat geschrieben:Hier weht der Zeitgeist und läßt die Jünger in Zungen sprechen. Falls es Zeitgeist (also etwas mehr als Mode) sein sollte, dann passt er zu der Tendenz, auf Ornamente zu verzichten, sich auf die Substanz, die klare Linie oder so ähnlich zu konzentrieren.

Schön gesagt und absolut Feuilleton-würdig, wenn das "oder so ähnlich" nicht wäre ;).

Charlie hat geschrieben:In den letzten Jahren hat man im Rahmen der Terroir- und der Mineralik-Mode diese beien Dinge verknüpft. Ein mineralischer Wein wurde dann viel eher ein Terroir-Wein als ein nach Frucht duftender Wein. Überhaupt wollten viele nur noch "gute", "charaktervolle" Weine als Terroir-Weine bezeichnen.

Wenn ich hier versuche, diese Dinge streng zu trennen, dann gelingt mir das natürlich nur in der Theorie. In der Weintrinkpraxis klingelt bei mir auch "Stein" zusammen mit "gut", "komplex", "authetisch" und sogar "Terroir" zu einem heimeligen Gesumme und Trala.

Geht mir häufig genau so. Und auf den Punkt wollte ich hinaus. Lassen wir uns vielleicht alle mit dem "Böse-Frucht"-Mantra einlullen? Aus meiner Sicht essentiell ist die Vielfalt. Ich persönlich möchte auf hohem Niveau die Wahl haben zwischen asketischen, kühlen, die Mineralik betonenden "Steinweinen" und eher warmen, die Frucht betonenden trockenen "Fruchtweinen". Beide Stile und auch jeder Stil zwischen diesen Polen hat m.E. seine Berechtigung und kann (mit der Betonung auf kann) Ausdruck des jeweiligen Terroirs sein.

Lässt sich eigentlich Frucht im Riesling bewusst "rausvinifizieren" so wie sie sich "reinvinifizieren" lässt?
Beste Grüße, Stephan
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dylan

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 18:01

octopussy hat geschrieben:Beide Stile und auch jeder Stil zwischen diesen Polen hat m.E. seine Berechtigung und kann (mit der Betonung auf kann) Ausdruck des jeweiligen Terroirs sein.



Zu dieser These eine kurze Anmerkung: Bei dem nun schon zwei Wochen zurückliegenden Treffen in Bodenheim besuchten wir das Weigut Kühling-Gillot.
Jeweils parallel konnten wir die Weine von Battenfeld-Spanier und Kühling-Gillot verkosten.
Obwohl diese nach Angaben von H.O.Spanier im Keller praktisch identisch behandelt wurden, hätten der unterschiedliche Ausdruck der Weine kaum grösser sein können: Hier die bei aller Mineralität mit einem üppigen Fruchtkörper wuchernden Gewächse vom Roten Hang, dort die nur mit rudimentärer Frucht ausgestatten puristischen Weine aus Höhen-Sülzen und Mölsheim.
Was mann hier preferiert ist weniger einige Frage der Qualität der Weine, als eine des persönlichen Geschmacks.

Beste Grüsse

dylan
Zuletzt geändert von dylan am Mo 30. Mai 2011, 19:02, insgesamt 1-mal geändert.
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weinfidél

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 18:30

Hallo allerseits!
dylan hat geschrieben:...
[Was mann hier preferiert, ist weniger einige Frage der Qualität der Weine, als eine des persönlichen Geschmacks.
dylan

Hm, 100% d'accord! Fakt ist doch, dass das eine wie das andere grandios sein kann.
Im Übrigen glaube ich ebenfalls, dass die Ausdrücke solcher Weine in erster Linie in den betreffenden Lagen entstehen, und nicht so sehr in den jeweiligen individuellen Interpretationen der einzelnen Produzenten. Deren Spitze weiß doch schon lange, wie man die einzelnen Charaktereigenschaften heraus "kitzelt". Man nehme z.B. F.X.Pichler und vergleiche direkt die Lagen! Da ist alles vorhanden, und zwar zumindest auf sehr hohem Niveau!
Die Interpretation selbst ist dann nur noch das "Tüpfelchen auf dem i"

fidélst
RicoE
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pivu

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 30. Mai 2011, 19:22

Hi there,

ich hab's hier auch schon geschrieben glaub' ich, mit einer der größten Terroir-Rieslinge überhaubt lebt von seiner so typischen Fruchtexpression, das 'Kirchenstück' von Bürklin-Wolf (nein Rico, den 'Singerriedel' nenn' ich jetzt nicht). IMO ist die Herkunft ebenso wie Klima oder Winzer auch "nur" indirekt verantwortlich für den Weincharakter. So profitieren mineralisch betonte, hier "Stein"-Weine nicht etwa von irgendwelchen Inhaltsstoffen aus der Erde, sondern von in der Traube vorhandenen Phenolen, deren jeweilige Ausbildung von Lage, Wetter und Winzer (=Terroir) begünstigt wird.

Ciao
Peter

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 15. Aug 2011, 20:46

Beitrag auf Wunsch des Autors gelöscht ...
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Birte

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragMo 15. Aug 2011, 22:43

Ich genieße Wein lieber selber, statt dass ich genießen lasse. Ich lasse meine Frau ja auch nicht von anderen beurteilen und testen und ausgewählt habe ich sie auch nicht nach einem Trend. Gut, was andere machen und wie adere das handhaben geht mich natürlich nichts an...


Das ist zum Grölen. :lol: Hoffentlich findet es Deine Frau auch lustig. Aber ich glaube, dass es bei den Beiträgen die Übereinstimmung gab, dass das Einzige was zählt, die eigenen Geschmacksnerven sind.
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Leo

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Re: Trockener Riesling: Frucht vs. Stein

BeitragDi 15. Jun 2021, 18:51

Hallo Forum,

richtig, das Einzige, das zählt, sind die eigenen Geschmacksnerven. Und da ist jeder von uns gottlob etwas unterschiedlich strukturiert.

Habe gerade ein 17er Riesling GG aus der Pfalz geöffnet aus einem auch von mir sehr geschätzten 5 Sterne Betrieb und war schon beim Eingießen leicht geschockt angesichts der Weinfarbe: sattes rotfarbenes Gold, nur die Säure ließ noch auf Riesling schließen.

Da mußte ein Vergleich her :

17er Hubacker, Riesling GG

wie auch beim Pfälzer sehr sympathischer, wertiger Naturkork, aber zartes Grüngelb in der Farbe. Das beruhigte ungemein. Nach 1o Minuten im Glas war der Hubacker so richtig Hubacker :tiefgründig, ungemein feine Blütennase( ob das mit dem 1oo Rosenstöcken zusammenhängt, die auch heuer gerade dort in vollster Blüte stehen ? :D )pUH; Was ein Trinkvergnügen. Die Flasche wird die nächsten Stunden höchstes Vergnügen bereiten, toller Wein. Nicht absolute Spitze, aber jeden Cent wert und die Zuversicht, auch in 1o oder mehr Jahren noch viel Freude und Genuß daran zu haben.
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