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Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Di 15. Mär 2011, 13:44
von octopussy
Jancis Robinson hat heute über eine Château Clinet Vertikale (Pomerol, Bordelais) berichtet. Eines fällt auf: der steigende Alkoholgehalt.

1987 - 1999: durchgängig 12,5 Volumenprozent
2000 - 2008: durchgängig 13,5 Volumenprozent
2009: 14,0 Volumenprozent
2010: ?

An das "Klimawandel" Argument als Hauptargument für die steigenden Alkoholgehalte habe ich ja noch nie geglaubt. Aber die Werte hier zeigen noch einmal deutlich, wie stark der Alkoholgehalt sich dann eben doch vom Erzeugerbetrieb steuern lässt.

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Di 19. Apr 2011, 13:15
von Gerald
Auf seinem Blog schreibt Bernhard Fiedler, dass seiner Beobachtung nach alkoholreiche Weine vor allem von stärker am Wein interessierten Personen höher eingestuft werden, was dann natürlich die Winzer in diese Richtung motiviert.

Meiner Meinung nach sind die Winzer (bzw. ihre Verbände) aber zumindest teilweise daran nicht unbeteiligt, da - zumindest in Österreich - viele Qualitätseinstufungen einfach nach steigendem Alkoholgehalt funktionieren. Am prominentesten vielleicht das Kategoriensystem in der Wachau, das z.B. die "Wertigkeit" der Lagen überhaupt nicht berücksichtigt und nur den Alkoholgehalt heranzieht. Als Weinfreund lernt man mit der Zeit einfach, wie ein teurer / hochwertiger Wein schmeckt (nämlich alkoholischer :oops: ) und zieht das so Gelernte auch für zukünftige Urteile heran.

So zumindest meine bescheidene Interpretation der Frage ...

Grüße,
Gerald

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Mi 20. Apr 2011, 15:39
von BuschWein
Hohe Zuckergradationen waren und sind in nördlichen Anbaugebieten schon immer ein Qualitätszeichen, was bei trockenen Weinen eben einen hohen Alkoholgrad ergibt. Neu ist das nicht.

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Sa 23. Apr 2011, 11:41
von Weinzelmännchen
Wenn ich den Thread Bordeaux - wohin geht die Reise? verfolge, muss ich feststellen, dass jetzt auch das Weinbaugebiet aller bekannten Weinbaugebiete mit dem hier diskutierten Problem zu kämpfen hat.

Also Laie vermute ich, dass in der Vergangenheit die Weingartentechnik darauf getrimmt war, möglichst hohe Zuckerwerte aus den Trauben zu holen. Diese Technik, die früher einmal ein Segen war, entpuppt sich nunmehr als Fluch. Von weinkellertechnischen Maßnahmen will ich hier gar nicht reden; diese lassen sich aber viel schneller abstellen. Ich glaube - wie auch schon im anderen Thread andiskutiert - dass es neuer Techniken im Weingarten bedarf, um der aktuellen Herausforderung des Klimawandels Herr zu werden.

P.S.:
Wenn Mario Scheuermann berichtet, dass gewisse Häuser im Bordeaux überlegen, auf andere, im Ausbau weniger zum Alkohol neigende Sorten auszuweichen, kann ich dazu auch ein Beispiel aus Österreich besteuern. Willi Bründelmayer aus Langenlois gehört mit Sicherheit zu den allerbesten Winzern in Österreich. Er ist vor allem für seine Veltliner und Rieslinge bekannt. Seine beste Lage ist der Heiligenstein, wobei der Name nichts mit Heilig zu tun hat, sondern mit Hölle; auf diesem Weinberg wird es also richtig heiss. Auch hier: früher Segen, in Zukunft Fluch. Daher experimentiert Willi Bründelmayer mit diversen Rotweinsorten am Heiligenstein und meint, dass vor allem der Riesling zukünftig auf anderen Standorten bessere Qualitäten erbringen wird.

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Do 28. Apr 2011, 20:30
von thvins
Ausgerechnet im meist immer schon mit Alkohol gesegneten Priorat war ich gestern zu einem Vortrag mit Verkostung uber aktuelle Forschungen zur Dealkoholisation.

Vorgestellt wurden Weine mit normal 15,4° (Tempranillo / Grenache) bzw. 15,6° (Grenache / Syrah), die sensorisch nur noch wenig Spass machten, wegen des doch arg brennenden Mundgefuehls und die Pendants dazu, bei denen durch Umkehrosmose ein Grad Alkohol entzogen wurde. Die Weine wirkten zwar weniger eckig und kantig, etwas mehr gemacht, aber eben auch deutlich trinkiger, das Brennen und die uebermaessig starken Likoernoten waren weg. Man hat auch Forschungsergebnisse mit 2° Alkoholentzug gemacht, diese Weine sollen aber bei den Verkostern der vorhergegangenen wissenschaftlichen Studie nicht mehr positiv aufgenommen worden sein.

Kann man nun also solche oenologischen Methoden empfehlen oder wird das wieder als "maschinelles Teufelszeug" abgetan? Ich jedenfalls wuerde nach der gestrigen Verkostung das nicht generell unter Bann und Verdammnis stellen.

Auch zu veraenderter Weinbergsarbeit, zu anderen Hefen und weiteren Moeglichkeiten laufen hier aktuell Untersuchungen. Klar koennte man auch noch versuchen, durch andere Sorten was zu machen, aber das gilt dann wohl eher fuer die frueher kaelteren Zonen...

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Do 28. Apr 2011, 20:38
von Allegro
Hallo,

als "nur" Weintrinker interessiert mich viel eher die Frage: was gibt es für Alternativen ?

Gerade meine beiden Lieblingsweißweine werden nicht mehr lange meine Lieblingsweine bleiben können; der eine hat 14,5 % Alk. (eine deutsche Chardonnay :oops: -Spätlese) und der andere (ein franz. Viognier) auch seine 13,5 % :roll:
Anfänglich hat mich das irgendwie nicht so gestört - aber mittlerweile stört mich der deutlich vorschmeckende und etwas brennende Alkoholgeschmack doch sehr ... was also tun ? Sind Eiswürfel die Lösung ? ;)
Oder muss ich mich nach ganz anderen Weinen umsehen ? :evil:
Oder habe ich keine andere Wahl, wenn ich sehr fruchtige, vollmundige Weißweine bevorzuge ?

Gespannte Grüße - Allegro

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Fr 29. Apr 2011, 07:23
von austria_traveller
Allegro hat geschrieben:Oder muss ich mich nach ganz anderen Weinen umsehen ? :evil:

Tun wir das nicht alle und laufend? ;) Ich denke, wenn mann immer wieder was neues probiert, kommt es einfach, dass man neue Weine entdeckt, die einem dann mehr schmecken.
Die Priorat-Dinger schmecken mir ja nicht und mittlerweile habe ich dieses Problem auch mit den Spaniern, der geschmack verändert sich einfach.
Gerade in Bezug auf Alko-Bomben habe ich dieser Tage einen sehr stoffigen Weißwein entdeckt, der mit nur 12(!)% auskommt. Und an den könnt ich mich gewöhnen ;)

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Fr 29. Apr 2011, 14:43
von Charlie
Gestern Abend ein Beispiel getrunken: R&C Schndeider Weissburgunder *** 2003 mit 14,5 % Alk aufm Etikett. Schmeckt auch so, nur etwas besser. Will sagen, hintenrum kam dann doch etwas weiniges. Denn vorne rum praktisch nur Likör.

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Do 9. Jun 2011, 13:27
von octopussy
Hierauf habe ich gewartet: Diese Studie unter dem Titel "SPLENDIDE MENDAX: FALSE LABEL CLAIMS ABOUT HIGH AND RISING ALCOHOL CONTENT OF WINE" wurde vor kurzem veröffentlicht: http://www.wine-economics.org/workingpa ... E_WP82.pdf

Sie soll belegen, dass der steigende Alkoholgehalt im Wein zum Großteil doch auf die Weinbereitung und nicht primär auf den Klimawandel und steigende Temperaturen zurückzuführen ist. Ich werde mir die Studie mal ausdrucken und an einem der nächsten Abende lesen.

Re: Alko-Bomben

BeitragVerfasst: Do 9. Jun 2011, 13:49
von Gerald
Das habe ich mir ohnehin schon länger gedacht. Denn in vielen Weinbaugebieten (z.B. Wachau) gibt es Weingärten in sehr unterschiedlicher Höhe und Sonnenexposition, die sich aber hinsichtlich Alkoholgehalt kaum unterscheiden. Dabei sind zwischen diesen Lagen wohl stärkere Unterschiede der Durchschnittstemperaturen zu verzeichnen als die Effekte der Klimaerwärmung in den letzten Jahrzehnten.

In seinem Blog erklärt Bernhard Fiedler das - vielleicht etwas provokant, aber für mich nachvollziehbar - so, dass steigende Alkoholgehalte bewusst von den Winzern angestrebt werden, da es der Markt einfach verlangt, auch wenn das offiziell immer beklagt wird ...

Grüße,
Gerald