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Hanns-Josef Ortheil, "Die Moselreise"

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Einzelflaschenfreund

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Hanns-Josef Ortheil, "Die Moselreise"

BeitragMo 27. Dez 2010, 18:34

Moin,

fast 15 Jahre hatte ich mich nicht mehr mit dem Autor befasst, über den ich seinerzeit meine Magisterarbeit geschrieben habe. Nun schenkte mir meine Frau kürzlich das schmale Bändchen "Die Moselreise". Stimmte mich das länglich-selbsterklärende Vorwort zunächst kritisch, ob Ortheil seiner endlosen autobiografischen Annäherung an eine belastete und belastende Familiengeschichte wirklich noch etwas Neues hinzuzufügen haben könnte, belehrte mich der eigentliche Erzählungstext eines Besseren.

Es handelt sich dabei um die (mutmaßlich nur sehr behutsam aus Erwachsenensicht redigierten) Reiseaufzeichnungen des elfjährigen Ortheil, der seinerzeit mit seinem Vater einer mehrtägige Moselwanderung von Koblenz nach Trier unternahm. Das Besondere dabei ist die Verflechtung der Reiseeindrücke mit reflexiven Einschüben aus kindlicher Sicht. Man erhält dabei zugleich Einblick in die (bis heute fortgeführte) Arbeitsweise des Autors, aus fortwährendem, täglichem Schreiben, aktuellen Zeitzeugnissen und späterer Nachbearbeitung zu einem mehr oder minder abgeschlossenen Werk zu kommen.

Besonders verblüffend und anrührend ist jedoch die einerseits unverstellte, andererseits breit intererssierte und dabei erstaunlich präzise Annäherung des kindlichen Erzählers an Natur, Kultur und Menschen. Kurze Illustrationen des Beherbergungswesens der frühen Sechziger sind ebenso interessant wie die Beschreibung der väterlichen Beschäftigung mit dem Moselwein und die kulturellen Bezugnahmen von Stefan Andres bis Ausonius. Ausgesprochen gelungen (und dabei gleichermaßen intim wie - mir fällt kein besserer Begriff ein - diskret) ist auch die Vermittlung der Famlienkonstellation und der großen Annäherung von Vater und Sohn.

Es ist dies weder ein Kinderbuch noch die eitle und vorlaute Selbstbespiegelung eines Neunmalklugen, sondern ein sowohl individuell als auch zeitgeschichtlich ganz offenes, ehrliches und auch sprachlich extrem gelungenes kleines Werk. Für mich eines der schönsten Bücher seit langem.

Beste Grüße
Guido
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susa

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Re: Hanns-Josef Ortheil, "Die Moselreise"

BeitragDi 28. Dez 2010, 14:11

Ich finde es schade, dass diese wunderbare einfühlsame Beschreibung hier so vollkommen unbeantwortet da steht und zermartere mir schon seit gestern das Hirn nach einer angemessenen Replik. Leider fällt mir nicht mehr ein, als ganz herzlich Danke zu sagen. Es hat dieses letzten Anstoßes bedurft, mir das Büchlein zu bestellen.

lieben Gruß
susa
Red wine with fish. Well, that should have told me something.
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Einzelflaschenfreund

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Re: Hanns-Josef Ortheil, "Die Moselreise"

BeitragDi 28. Dez 2010, 14:59

Vielen Dank, Susa. Wahrscheinlich täte ich mich mit einer Antwort auch schwer, wenn ich das Buch noch nicht gelesen hätte, und den eher dem "Weintrinker-Service" Zugeneigten gibt dieser Beitrag sicherlich auch nicht viel (no offense intended, Serviceinteresse ist ja vollkommen legitim).
Insofern freue ich mich jetzt schon darauf, demnächst mehr von deinen eigenen Leseeindrücken zu erfahren.

Gruß
Guido
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Kle

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Re: Hanns-Josef Ortheil, "Die Moselreise"

BeitragMo 9. Mai 2011, 18:12

Nun habe ich die "Moselreise" auch geschenkt bekommen und mit Genuss gelesen. Guido, vielen Deiner Eindrücke stimme ich voll zu. Man sollte sich vom Untertitel – "Roman eines Kindes" – nicht täuschen lassen. Dies ist kein putziger Schreibversuch, sondern dürfte für viele Leser, die sich ernsthaft für die Mosel und ihre Weine interessieren, ein Gewinn sein. Es zeigt, wie relativ die Unterscheidung zwischen Kind und Erwachsenem ist. Der Geist kann oft schon ziemlich früh weit entwickelt sein.
Das Kindliche des damals 11-jährigen Autors bedeutet: Nichts ist selbstverständlich. Statt die oft formelhafte Sprache der Erwachsenen zu verwenden, gibt der Junge zu spüren, dass er die Mosel zum ersten Mal sieht (1963) und sich von ihr buchstäblich einen Begriff machen muss.
Man will sich Vater und Sohn am liebsten anschließen – in Ruhe Farben und Ufer der Mosel betrachten, Kirchen und Winzerhäuser besichtigen. Ob die Gegend bereits bekannt ist, spielt nach meinem Eindruck keine Rolle. In jedem Fall wird große Lust geweckt, die Mosel zu bereisen und zu ergründen. Im Austausch zwischen Vater und Sohn werden Menschen, Landschaft und Gebäude nicht pathetisch, sondern sehr prägnant vor Augen geführt. Gerade das wirkt sinnlich und inspirierend. Es ist spannend, von einer kleinen Sensation zur nächsten zu wandern – ob es sich nun um eine Jugendherberge, ein Schwimmbad oder das Geburtshaus von Nikolaus von Kues handelt.
Reizvoll sind zudem die Einblicke ins Verhältnis der beiden. Es wird geprägt von tiefem Verständnis füreinander und ähnlichen Interessen. Fast ließe sich daraus eine Philosophie des Miteinander-Reisens ableiten. Der Text liest sich aber auch wie eine jugendliche Aneignung der Erwachsenenwelt.
Oft scheint es, als würde die Wirklichkeit lediglich vermessen und gesammelt. Als Futter für Sinne und Geist, das hingenommen wird, wie es erscheint. Das Kind ist ein braver Schüler, fast ein (sympathischer) Streber. Es gibt Abneigungen – wie gegen die Lokale von Cochem – aber niemals die Furcht, man könne ein Zierfisch in einem schlecht eingerichteten Aquarium sein.
Der Junge saugt die Vorlieben und Maßstäbe des Vaters geradezu auf. Entsprechend verwendet er auch gern dessen Begriffe und nennt ein Frühstück oder eine Landschaft „fürstlich“ oder „schön“, kurz nachdem der Ältere es getan hat. Immer wieder glaubte ich nicht das Buch eines Kindes zu lesen, sondern das Kinderbuch eines erwachsenen Autors. Nicht selten fühlte ich mich wie in einer pädagogisch genau kalkulierten „Dingsda“-Lehrstunde. Papa ist nach der Weinprobe nicht angetrunken, nein, er hat einen roten Kopf und sagt lustige Dinge. Es gab Passagen, die so zielsicher auf die Moral-von-der-Geschicht zusteuerten, dass ich kurzzeitig an der Authentizität zweifelte,
Was mich an Ortheils Buch störte, scheint bis heute sein literarisches Prinzip zu sein. So interpretiert er im Vorwort seine Erlebnisse wie in einem literarisch- psychologischen Seminar. Das Leben wird zu einem eindimensionalen Lehrstück, ohne Zweifel an den persönlichen Wahrnehmungen. Auch das pure Sammeln von Wirklichem gehört zum Arbeitsprinzip des erwachsenen Autors, der viel Zeit damit verbringt, seine alltäglichen Gedanken und Handlungen zu notieren. Als Erwachsener hat Ortheil die Reise wiederholt und fast exakt die gleichen Etappen und Unterkünfte gewählt. "Ja, ich versuchte sogar, dieselben Speisen in denselben Wirtschaften zu essen", schreibt er. So wie in der Naturwissenschaft ein Sinn darin gesehen wird, dasselbe Atom ein wenig modifiziert in die gleiche Versuchsanordnung zu stecken.
Am meisten wiegen aber die großen Qualitäten des Buches, Zumal am Ende die Mutter in die etwas statische Männerwelt einbricht und sie durcheinanderwirbelt. Sie hat andere Vorlieben als der Vater, eine andere Art zu reisen und wahrzunehmen. Dies führt zu kleinen, erfrischenden Konflikten. Sie machten für mich das Buch erst perfekt, da das Korsett durchbrochen wird.

Gruß, Kle

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