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Internationale Rotwein-Probe in Würzburg

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weinaffe

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Internationale Rotwein-Probe in Würzburg

BeitragSo 14. Nov 2021, 18:08

Hallo zusammen,

vor einigen Wochen trafen sich wieder einige Weinliebhaber, um einige interessante internationale Rotweine zu verkosten und teilweise zu vergleichen. Ausgeschenkt wurden insgesamt 14 Rotweine, die wie immer blind verkostet wurden.

Mit den ersten beiden Weinen gab es einen Blaufränkisch/Lemberger-Vergleich:

2017er Blaufränkisch Leithaberg DAC (Lichtenberger-Gonzales, Breitenbrunn) -Burgenland-
ein Weingut, das man im Auge behalten sollte: Martin Lichtenberger war ehemals Kellermeister bei Gernot Heinrich und Adriana Gonzales Kellermeisterin bei Birgit Braunstein-also nicht die schlechtesten Adressen!
Zum Wein: absolut kein Blockbuster, ehrliche, leicht durchscheinendes Rubinrot,finessenreiche Nase, die zwischen Brombeeren, Preiselbeeren und würzig-ätherischen Noten changiert, nur mittelgewichtig (13 Vol%), absolut trocken mit saftiger Säure,zartes Tannin, aromatische Länge. Ein Wein mit enormen Trinkfluss ;)

2016er Heilbronner "Löwenherz" Lemberger QW tr. (G. A. Heinrich, Heilbronn) -Württemberg-
ein Wein auf Samtpfoten, der sich nur ganz allmählich im Gaumen "festkrallt", wirkt zunächst sehr zurückhaltend, aber voll in sich ruhend, elegante Nase in "Pinot-Stilistik", Holz völlig im Hintergrund, aufgrund der Feinheit merkt man zunächst gar nicht die Fruchtdichte und Konzentration, die dieser Wein besitzt, wie der Vorgänger komplett trocken, etwas zurückhaltendere Säure, auch nur mittelgewichtig (13 Vol%), sehr feinkörniges Tannin, alles ist hier perfekt im Lot, Kirsche, etwas Cassis,saftige Pflaume, gewürzt mit etwas Tabak und einem Hauch angenehmer Vegetabilität, seidige Länge. Dieser Wein ist sehr fein, so dass man seine Qualitäten gerne etwas unterschätzt. Ein richtiger Understatement-Wein mit hoher Qualität. Für die meisten auch der Gewinner des Vergleichs; allerdings ist der Württemberger auch 8 EURO teurer als der Ösi-Blaufränker.

Weiter geht es mit einem 3-er-Pinot-Vergleich:

2018er Pinot noir "Home Vineyard" (Black Estate, Waipara)- Neuseeland-
schon in der Nase absolut sortentypisch, bezaubernde Cassis-Kirsch-Himbeerfrucht, die aber nobel rüberkommt, absolut ehrliches Rubinrot, am Gaumen komplett trocken, trotz nur 12 Vol% dezente Extraktsüsse, seidenweiches Tannin, zarte Säure, auch am Gaumen rotbeerige Harmonie mit ganz dezenter Holzwürze, wirkt kühl und nobel, nachhaltige Rückaromatik. Hier hat jemand die Rebsorte verstanden und gefühlvoll unter den dortigen Klima- und Bodenverhältnissen vinifiziert. Dieser Wein hat aber seinen -berechtigten- Preis (ca. 35 EURO im Handel).

2012er Spätburgunder "Schulen" Landwein tr. (Ziereisen, Efringen-Kirchen) -Baden-
wieder eine andere Pinot-Interpretation: kraftvoller, mehr Pommard als Chambolle-Musigny, aber in sich sehr stimmig, nach 9 Jahren noch lange nicht am Ende, dunkle Beerenaromatik (Pflaume, Brombeere, Kirsche),Hauch röstiges Holz, völlig trocken, sehr stimmige Säure, sogar noch ein Rest Tannin, der für Charakter sorgt, Alkohol völlig integriert (nur 12,5 Vol%), sehr saftig, angenehme Würze und Länge. Ernsthafter und gelungener Sortenvertreter aus deutschen Landen.

2011er Volnay "Les Caillerets" 1er Cru (Joseph Voillot, Volnay) -Bourgogne-
zuletzt darf natürlich das "Original" nicht fehlen: sehr feine, rotbeerige Nase mit zart vegetabilen Einschüben, positioniert sich stilistisch zwischen dem sehr zartgliedrigen Neuseeländer und dem "Charakterkopf" aus Südbaden, verbindet idealerweise Eleganz mit einer gewissen Stoffigkeit, seidenweiches Tannin, angenehme, strukturierende Säure, guter Nachhall bei angenehmen 13 Volt.
Alle 3 Weine haben Ihre Meriten, wobei der deutsche Vertreter wohl das beste Preis-Leistungsverhältnis besitzt.

Als nächstes ein 2-er-Vergleich mit der Rebsorte Syrah/Shiraz:

2017er "Bishop" Shiraz Barossa Valley (Ben Glaetzer, Tanunda) -Australien-
der Prototyp eines Aussie-Shiraz: blickdichtes Purpur, intensive Dunkelfrucht (Brombeere, Cassis, Pflaume, Kirsche), gewürzt mit unverkennbarer Ätherik (Eukalyptus), noch sehr jugendlich, trotz komplett trockenem Ausbau unüberschmeckbare Extraktsüsse dank bis zu 120-jährigen Rebstöcken, passende Säure, die 14,5 Vol% sind kaum schmeckbar, ein Maul voll Wein mit viel Frucht und Würze. Perfekt vinifiziert mit dezentem Holzeinsatz, aber als Solist auf Dauer wohl etwas sattmachend.

2018er "Melchisedec" Syrah QW tr. (Heid, Fellbach) -Württemberg-
deutlicher Gegensatz zum Vorgänger: weniger exaltiert in der Frucht, Cassis, Brombeere, etwas Holzkohle (findet man auch nicht selten bei den Nord-Rhone-Vertretern), angenehmer Holzeinsatz, am Gaumen komplett trocken, zartgliedrige Säure, sehr feinkörniges Tannin, das nur dezent am Gaumen "schmirgelt", sehr saftig, Alkohol (13,5 Vol%) bestens verpackt, angenehme Dunkelfrucht mit delikater Würze. Der Wein ist aber noch sehr jugendlich und wird in ein paar Jahren noch mehr aus sich rauskommen.
Auch hier 2 interessante Vertreter in völlig unterschiedlicher Stilistik, aber qualitativ durchaus auf Augenhöhe.

Weiter geht es mit einem Solisten, der die Rebsorte Sangiovese repräsentieren soll:

2012er Brunello di Montalcino DOCG (Tenuta Il Poggione, Montalcino)-Toscana-
nach wie vor einer der zuverlässigsten Brunelli zu auskömmlichen Preisen. Bei 125 ha Rebfläche ist das schon eine nicht ganz einfache Sache: noch ziemlich jugendliches Rubinrot, verführerische Kirsch-Frucht mit etwas Tabak und Graphit, sehr einladende Nase, delikate Frucht am Gaumen, hintergründiger und vernünftiger Holzeinsatz, sehr saftig, extraktsüss, würzig, gute Länge. Der Wein macht jetzt schon Spass, kann aber noch locker 5-8 Jahre liegen und sich noch etwas verfeinern.

Noch einmal ein Solist, diesmal ein Nebbiolo-Vertreter:

2010er Barolo "Villero" DOCG (Oddero, La Morra)-Piemont-
leicht durchscheinendes Rubin mit dezenten Ziegelrot-Reflexen, komplexe Melange aus dunkler Frucht (vor allem Herzkirsche) und Würze, etwas Tabak, jetzt perfekt gereift, keinerlei Liebstöckel-Noten, am Gaumen sehr saftig, deutliche Extraktsüsse, passende Säure, die 14,5 Vol% sind bestens integriert, gute Länge mit saftiger Würze. Ein vorbildlicher Sortenvertreter, der sein Niveau noch einige Jahre halten wird.

Die restlichen 5 Weine folgen in Kürze!

LG
Bodo
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weinaffe

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Re: Internationale Rotwein-Probe in Würzburg

BeitragDi 16. Nov 2021, 11:40

.... und weiter geht es mit den internationalen Rotweinen:

Als nächstes gibt es einen interessanten 3-er-Vergleich, bei dem die Rebsorte Tempranillo im Fokus steht:

2015er "Val Sotillo" Ribera del Duero Reserva (Ismael Arroyo)-Ribera del Duero-
ein ausgezeichneter Vertreter aus diesem bekannten Anbaugebiet: sattes, fast schwarzes Purpurrot, deutliche, aber angenehme, dunkle Fruchtausprägung (Kirsche, Brombeere, Pflaume), vermischt mit balsamischen und dezenten Holzeinflüssen, sehr klar und noch jugendlich, satte, aber nicht exaltierte Frucht am Gaumen, absolut trocken, passende Säure, kräftiger Extrakt, trotzdem eher unauffälliger Alkohol (14,5 Vol%), dezent abgeschmolzenes Tannin mit durchaus Grip, feine Würze, sehr harmonisch mit würzigem Ausklang. Ein eher moderner Sortentyp, der dennoch nicht charakterlos daherkommt. Mit seinen 15 EURO (jährliches, vorweihnachtliches Sonderangebot eines sehr bekannten deutschen "Spanienspezialisten" im Six-Pack) hat dieser Wein ein extrem gutes Preis-/Leistungsverhältnis und ist daher ein must-have für jeden Liebhaber dieser Stilistik.

2005er Rioja Gran Reserva "904" DOCa (La Rioja Alta, Haro) -Rioja-
ein wunderschöner Sortenvertreter (90% Tempranillo, 10% Graciano) in bester Reife.
Was für ein würzig-komplexer Duft ! Ja, der Wein hat Bret, aber in so edler Form, dass es schon wieder genial ist. Tabak, Leder, Graphit, ein Hauch Pferdeschweiss, vermischt mit einer makellosen Dunkelfrucht (Herzkirsche, Granatapfel, Zwetschge), man könnte hier stundenlang riechen! Komplett trocken, aber deutlich extraktsüss, seidenweiches Tannin mit angenehmer Säurespannung, frisch und gereift zugleich, völlig eingebundener Alkohol (13,5 Vol%), äusserst harmonisch und komplex, tolle Länge. Ein Klassiker at its best ! Mehr davon !

2005er Rioja Reserva "Vina Tondonia" DOCa (Lopez de Heredia, Haro) -Rioja-
der Wein mit dem "geringsten" Tempranillo-Anteil (75%), Rest Garnacha, Graciano und Mazuelo.
Leider haben wir hier eine nicht optimale Flasche erwischt, die schon leichte Oxidationsspuren aufwies. Eine vor 3 Monaten geöffnete Flasche dieses Weines präsentierte sich deutlich besser. Schade ! In der Nase oxidative Noten, die die Dunkelfrucht in eine pflaumige und reife Richtung lenken, durchaus Würze und feine Fassnoten, aber hier fehlt es leider dann an Frische. Normalerweise ist das ein einzigartiger Rioja der alten Schule, der zwar eine andere Tonart, aber das gleiche Qualitätslevel wie der Rioja Alta "904" bespielt.


Zum Abschluss noch 2 Beispiele, bei der die Rebsorte Cabernet Sauvignon die Hauptrolle spielt:

2008er Chateau Langoa-Barton 3e Grand Cru Classe St. Julien -Bordeaux-
74% Cabernet Sauvignon/22% Merlot/4% Cabernet franc.
ein durch und durch klassischer St. Julien aus einem nicht zu heissem Jahrgang: mittelkräftiges, leicht durchscheinendes Rubinrot, kühle, noble Aromatik mit Cassis, Brombeere und Blaubeere, vermischt mit zarter Holzuntermalung, ein Hauch Ätherik und grünr Würze, Tabak, Graphit und Zedernholz, sehr animierend. Am Gaumen ohne Chi-Chi: knalltrocken, feine Säure, geradlinige Dunkelfrucht, nur mittelgewichtig (13 Vol%), schmeckbarer, aber nicht übertriebener Extrakt, zarte Würze, nicht hochkomplex, aber sehr stimmig und einladend. Ruht absolut in sich und überzeugt jetzt mit souveräner Reife. So liebe ich Bordeaux.

2009er Chateau Poujeaux Cru Bourgeois Moulis (Fam. Cuvelier) -Bordeaux-
51% Cabernet Sauvignon/41% Merlot/4% Cabernet franc/4% Petit Verdot.
Im Vergleich zum Vorgänger die deutlich tiefere Farbe, was nicht nur am Jahrgang, sondern auch an der deutlich "moderneren", etwas international orientierten Stilistik liegt. Schon in der Nase eine sattere, "wärmere" Frucht (Kirsche, Cassis, Pflaume), perfekter Holzeinsatz mit einem Gutteil neuem Holz, durchaus attraktiv.
Am Gaumen deutliche Dunkelfrucht, vermischt mit Holzaspekten und reifer Würze, mehr Extrakt als der Vorgänger, deutlich kraftvoller (14 Vol%), durchaus saftig,nicht besonders komlex, aber in seiner Art sehr stimmig. Auch wenn er nicht meinem Bordeaux-Ideal entspricht, ist das ein echter Crowd-Pleaser mit einem gewissen Anspruch. Der Wein trinkt sich jetzt sehr schön, wird aber das Niveau bestimmt über die nächsten 5-10 Jahre halten. Ein bezahlbarer Wein für Liebhaber der etwas moderneren Bordeaux-Stilistik.

Die Probe hat wieder sehr viel Spass gemacht und vielleicht auch für den einen oder anderen Teilnehmer einen Erkenntnisgewinn gebracht.

In gut 1 1/2 Wochen steht eine bereits vor 1 Jahr geplante Probe auf dem Plan, auf die ich mich besonders freue.
12 überwiegend gereifte "Kultweine" werden dann verkostet, die man sicherlich nicht so häufig in seinem Leben verkosten wird. Ich hoffe nur, dass uns Corona nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht.

Ich werde berichten!

LG
Bodo
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Re: Internationale Rotwein-Probe in Würzburg

BeitragDi 16. Nov 2021, 11:58

Sehr schöner Bericht. Danke
Beste Grüße
Gerhard aus Wien

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