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Das Weinduell

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
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jessesmaria

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Das Weinduell

BeitragSa 27. Mär 2021, 23:56

Erfahrungsgemäß schärft ein Vergleichsobjekt die Wahrnehmung ungemein.
Deshalb werde ich immer mehr ein Freund vom Gegentrinken, sprich, wenn die Flasche am zweiten oder dritten Tag noch nicht ganz leer ist, öffne ich manchmal gerne schon den zweiten Wein, vorausgesetzt er ist wenigstens annähernd mit dem ersten vergleichbar.

Ergebnisse solcher "Weinduelle" dürfen in diesem Thread beisteuert werden, wer immer Lust dazu hat. Es sollte immer einen Gewinner und einen Verlierer geben, selbst wenn ein solches Urteil dem ein oder anderen Vergleich so pauschal gar nicht gerecht wird. Eine Variante des Spiels könnte sein, dass immer der Sieger von jemand anderem aufgegriffenen muss und sich einem neuen Kandidaten stellen muss. Dann dürfte man allerdings bei der Auswahl nicht zu exotisch werden und ich bin mir selbst dann nicht sicher, ob es genügend Teilnehmer gäbe, dass immer jemand den Sieger parat hätte bzw. Lust hätte, ihn zu besorgen und zu trinken.


Ich fange mal an mit:

Wittmann Westhofener 2018 vs. Molitor Alte Reben Mosel 2016

Beides trockene deutsche Rieslinge in etwa derselben Preiskategorie. Da hören aber die Gemeinsamkeiten auch fast schon auf.

Eine konkretere, erstaunliche Gemeinsamkeit: Beide exponieren im Zentrum die Grapefruit, allerdings auf denkbar unterschiedlichste Weise. Beim Wittmann ist es eher die Schale, dazu gesellen sich Zitronengras und salzige Mineralität. Die Frucht ist verhüllt, der Wein kühl und streng.
Molitors Wein zeigt die süße, reife Frucht (Pinke Grapefruit, auch Orange), dazu unheimlich viel Tropenfrucht (Sternfrucht, Mango) und vor allem Safran. Im Abgang petrolische Noten, auch Eisen, was den Wein komplex, aber auch anstößig macht.

Der Wittmann ist seriös, der Molitor provokant und verspielt. Beide Weine finde ich auf ihre Weise absolut gelungen, einen objektiven Gewinner kann es hier nicht geben – zu verschieden sind die Weine, der Vergleich geradezu Äpfel mit Birnen. Trotzdem, da es so sein soll:

Molitor gewinnt. Deshalb, weil er mehr riskiert. Vielleicht weniger subtil, sans discrétion, dafür mit größerer Farbpalette, anregender. Müsste ich vier Kisten von einem kaufen, würde ich trotzdem den Wittmann nehmen. Der fügt sich m. E. besser ein, zum Essen, und grundsätzlich mag ich's nicht immer so laut. Zum Molitor bräuchte man sehr würziges Zeug (vielleicht ein Thai-Curry, aber kein alltägliches), das dem Wein die Stirn bieten kann.
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jessesmaria

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Re: Das Weinduell

BeitragSo 18. Apr 2021, 20:39

Dieses Wochenende musste ich dann doch mal den Produttori del Barbaresco
Barbaresco 2016
probieren, den ihr im Barbaresco-Thread empfohlen hattet. Natürlich wäre es reizvoll gewesen, ihn etwa mit dem Cà del Baio Barbaresco Vallegrande 2017 zu vergleichen, der mir hier ebenfalls empfohlen wurde und von dem ich zwei Flaschen bestellt habe. Aber erstens möchte ich die Weine zum Großteil noch reifen lassen und zweitens fand ich dann zwei Barbarescos direkt hintereinander doch zu viel des Guten.

Dagegen halten musste der mit ca. 15€ nur halb so teure 2016er Chianti Riserva von Majnoni Guicciardini, ein Biowein mit 94% Sangiovese und 6% Colorino, 10-monatiger Ausbau in vorwiegend gebrauchten franz. Barriques.

Klar, die Weine sind nicht so wirklich vergleichbar. Immerhin zweimal Italien, viel Tannin und Fass (je 2 Jahre Eiche), gleicher Jahrgang.

Der Produttori del Barbaresco Barbaresco 2016 ist wirklich ein grandioser Wein, und der Vergleich mit dem Chianti am zweiten Tag machte ihn noch größer. Trotz der deutlichen Tannine und Fassnoten (Cola) noch so leuchtend mit verführerischer roter Frucht (Erdbeere, Himbeere), im Abgang dann dezente Anis, elegant und vielschichtig.
Der 2016er Chianti Riserva von Majnoni Guicciardini wirkte daneben müde, etwas bieder, die Tannine (noch?) zu streng. Die Sangiovese-Traube dominiert natürlich, aber der Coloriono sorgt für einen gegenüber dem leuchten roten Nebbiolo dunkleren Farbton und vermutlich die strengen Tannine. Überwiegend dunkle Frucht, Schwarzkirsche, Holunder, etwas Feige. Sehr fassig, vielleicht zu sehr. Was mir gegenüber dem Barbaresco fehlt, sind die Frische und Lebendigkeit als Gegenpol zu den Fassnoten und der Schwere des Weins und dadurch die Spannung.
Am heutigen Tag, ohne Vergleich, trinkt er sich viel besser (um nicht zu sagen ziemlich gut) und punktet durch Kraft und Fülle. Wie so häufig ist also das Bessere der Feind des Guten* (oder einfach: Meckern auf hohem Niveau).

Leider war auch diesmal für meinen Geschmack (und den meiner beiden Mittrinker) der günstigere Wein unterlegen, auch wenn nur bedingt vergleichbar; oder positiv ausgedrückt: der Barbaresco ist sein Geld wert.

Ich bedanke mich bei allen, die für diesen wunderbaren Barbaresco eingetreten sind!

* Allerdings sagte Voltaire auch (und meinte eigentlich): "Mein liebes Kind, nichts ist gefährlicher, als das Gute zu verlassen, um es noch besser zu haben." In diesem Sinne genieße ich heute den Chianti uneingeschränkt und versuche den Barbaresco für einen Moment zu vergessen, auch wenn er doch sehr in Erinnerung bleibt.

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