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Montlouis-sur-Loire

Appellationen des nördlichen Zentralmassivs, Sancerre und Umgebung, Touraine, Anjou, Umgebung von Nantes, die kleinen Gebiete zwischen der Loire und Bordeaux incl. Cognac
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Oh Dae-Su

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Montlouis-sur-Loire

BeitragDo 21. Feb 2013, 16:52

Hallo zusammen,

heute kann ich auch mal etwas zum Bereich Loire beitragen und das gleich mit einem neuen Faden. Würde ich auf fremdem Territorium normalerweise nicht machen, doch meiner Meinung nach hat diese (vielleicht unterschätzte?) Appellation und insbesondere der verkostete Wein es verdient erwähnt zu werden. Vielleicht finden sich bei euch ja auch ein paar Montlouis im Keller ;)

Domaine Stéphan Cossais Clos aux Renards 2006, Montlouis-sur-Loire

http://wine-zeit.blogspot.de/2013/02/do ... s-aux.html

...

Leider steckt hinter diesem Wein auch eine traurige Geschichte! Der Vater des Weines, Stéphane Cossais, ist im Sommer 2009 mit Anfang Vierzig recht jung verstorben und daher gibt es sein Weingut in dieser Form seitdem leider nicht mehr. Leider in jeglicher Hinsicht! Alle wenigen Weine, die ich von ihm verkosten konnte, fand ich stets wunderbar balanciert, sehr charakterstark, von spezieller Eleganz und meistens sehr inspirierend. Und das alles obwohl ich mit Chenin Blanc nur sehr selten etwas anfangen kann! Ich meine, dass dieser unglückliche Zustand des "Nichtanfangenkönnens", auf so manche Balance und Alkohol Probleme bei besagter Rebsorte zurückzuführen ist. Wie auch immer …! Mein Problem eben …! Weiter! Das schon eben erwähnte „inspirierend“ traf auf den Clos aux Renards 2006 in besonderer Weise zu. Soviel darf ich vorwegnehmen: ein wahrer Freak mit bestechenden Qualitäten!

Zu Beginn, bezüglich der Farbe, konnte ich nichts weiter Ungewöhnliches feststellen. Er zeigte sich klar, arm an Schwebeteilchen und die altersbedingten Verfärbungen tendierten schon ein wenig in Richtung strohgelb.

Doch die Nase zeigte gleich in welche Richtung dieser Abend gehen würde. Sofort meinte ich ein sehr diffiziles, leicht anstrengendes, trotz dem etwas fortgeschrittenem Alters ein sehr frisches, komplexes und kräftiges Weinerlebnis erwarten zu dürfen. Bei den Düften, die sich über die Stunden hinweg immer wieder änderten, betreibe ich heute reines Impressiondropping: nur leicht mostig wirkende rote Äpfel, gelbe Zitronenschalen (später mehr grüne), Spuren von Trockenwaschmittel, verhaltenen ins Gemüse gehende Noten von Auberginenhaut, Wacholder und sehr frischem kaltem Sauerkraut, Sesam, ganz leichtem Honig, zu Anfangs gar nicht so wenig Petrol, trockenes Heu, viel Rauch (mit der Zeit abnehmend), Kreide (!?), Kokosnuss und weitere vom Holzausbau abstrahlenden Eindrücken. Der Holzcharakter war nasal und oral vorhanden, aber für mich auf eine sehr passenden, eingebundenen und eleganten Art und Weise.

Die geschmacklichen Eindrücke waren nicht durchgehend mit dem Bouquet deckungsgleich. Die gemüsigen Eindrücke wurden glücklicherweise durch den Gaumeneindruck nicht bestätigt. Die Fruchtkomponenten kamen mir etwas aufgeprägter, reifer und kräftiger vor. Darüber hinaus konnte der aux Renards mit einer feste „Salzigkeit“ und einer weitergehenden intensive mineralische Tiefe auftrumpfen. Auch ein Hauch von feiner Cremigkeit und die sukzessiv abbauende Rauchigkeit (und Rauigkeit) trugen zu einem sehr beeindruckenden Gesamtbild bei. Für mich persönlich, wegen meinem schon erwähnten "Nichtanfangenkönnens", gefiel besonders der relativ niedrige, sehr vorteilhaft balancierte und überhaupt nicht im Vordergrund stehende Alkohol (13%). Balance, Abwechslung und wilder Facettenreichtum machen für mich diesen Wein, trotz seiner teilweise extremen, etwas rüpel'igen und freakigen Anklänge, aus! Er verfügte über Kraft und Eleganz, Frische und feine Alterungsnoten, ruppige Herbe und „seidige“ Geschmeidigkeit, reife Frucht und sehr viel mineralische Anklänge usw. … und ein sehr anständiger, lang anhaltender und sich um sich selbst windender Abgang.

Wie ich in diesem Text jetzt schon übermäßig erwähnt habe, sind Weine aus Chenin Blanc meistens nicht mein Ding! Das gebe ich sehr gerne und offen zu! Auch bei diesem Wein von Stéphane Cossais könnte ich hie und da ein wenig herumnörgeln. Dann würde ich aber an Eigenschaften herangehen, die man von dieser Rebsorte nicht lösen kann und meiner Meinung natürlich auch nicht sollte, da es sich nun mal doch, auch bei allem Relativismus, um rebsortentypische Eigenschaften handelt. Herumnörgeln ist heute nicht nötig! Wenn ein bekennender Chenin Blanc Miesepeter wie ich diesen Wein als sehr anständig (++) erachtet hat und überaus schätzen konnte, kann das schon etwas heissen. Ich weiss nur nicht was ;-)! Trotz aller Begeisterung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das Polarisierungs-Potential beim aux Renards sehr verlässlich ist! Der Preis erweist sich wiederum als sehr experimentiermotivierend!

Viele Grüße

Chris
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Pointless

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragDo 21. Feb 2013, 19:36

Da veruche ich die ganze Zeit mit maessigem Etfolg Dir Loireweine aus Chenin aufzudraengen und dann gelangst Du ohne mich zur Erleuchtung:-)
Freut mich!

Sehr guter Thread jedenfalls. Wenn ich wieder Handlungsfaehig geworden bin, werde ich mich um den Montlouis sur Loire von F. Chidaine aus 2009 bemuehen. Ob er die nun etwas hoeher liegende Latte reisst, werden wir sehen, ich war jedenfalls immer ein grosser Freund dieses Weines, nur dass er gelegentlich doch sie von Dir angesprochene Alkohoilstaerke aufwies.

Gruesse
Jochen
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Oh Dae-Su

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragFr 22. Feb 2013, 10:05

Hi Jochen,

war ein totaler Glücksgriff :D . Habe davor zwar zwei Weine von Stéphane Cossais getrunken, aber von diesem Lagenwein hatte ich gar keine Ahnung. Auch bei einer oberflächlichen Suche im Netz habe ich nur sehr wenig zu diesem Wein gefunden. Was ich gefunden habe war sehr zwiespältig. Mache mochten (mochten ist bei so einem Wein vielleicht das falsche Wort, eher - waren begeistert) den Wein, andere überhaupt nicht ...
In einem älteren GM kommt er sehr gut weg

Besten Gruss

Chris
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Barrique-Haus

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragDi 12. Mär 2013, 10:11

Le Rocher des Violettes - Cuvée La Négrette Sec 2007

Chenin Blanc als Burgunder.

http://barriquehaus.de/2013/03/barrique ... ng-zum-13/
Viele Grüße
Das Barrique-Haus

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octopussy

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragSa 16. Mär 2013, 15:35

Barrique-Haus hat geschrieben:Le Rocher des Violettes - Cuvée La Négrette Sec 2007

Chenin Blanc als Burgunder.

Hallo Barrique-Haus,

da muss ich jetzt mal nachfragen. Warum Chenin Blanc als Burgunder? Weil der Wein im Holzfass mit etwas Neuholz ausgebaut wurde (hier übrigens demi-muid Fässer, also keine Barriques)? Das ist für trockenen Chenin Blanc an der Loire nichts Besonderes. Xavier Weisskopf baut seine Weine sehr ähnlich aus wie andere Erzeuger von trockenem Chenin Blanc an der Loire, außer vielleicht dass der Ausbau auf der Feinhefe manchmal etwas länger ist als bei den Kollegen.

Genau diesen Wein habe ich vor einiger Zeit ebenfalls getrunken und fand ihn eigentlich recht typisch für trockenen Chenin Blanc von der Loire. Mit Chardonnay hat die Chenin Blanc Traube für mich aromatisch nicht so viel gemeinsam, deshalb finde ich den Vergleich zum Burgund nicht wirklich passend. Das mag aber auch daran liegen, dass m.E. in letzter Zeit geradezu inflationär alle Weine, die in kleinen und mittelgroßen Holzfässern ausgebaut werden und (das ist bei diesem speziellen Wein der Fall, normalerweise bei Xavier Weisskopf aber nicht der Fall) durch die Malo gehen, mit weißen Burgundern verglichen werden. "Burgundisch" ist ein Modewort geworden wie "mineralisch". Ich würde mir da etwas mehr Differenzierung wünschen (pardon, dass du das jetzt abbekommst ;)).

Recht geben möchte ich dir übrigens darin, dass die Holznote bei dem Wein recht ausgeprägt war. Ich hatte ja gehofft, dass sich das Holz mit der Zeit besser integriert, aber da muss man wohl noch etwas warten.
Beste Grüße, Stephan
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UlliB

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragSa 16. Mär 2013, 16:28

octopussy hat geschrieben:"Burgundisch" ist ein Modewort geworden wie "mineralisch". Ich würde mir da etwas mehr Differenzierung wünschen


Völlige Zustimmung. Wobei "mineralisch" meistens nicht so ein Blödsinn ist wie "burgundisch" - mineralisch können Weine von überall schmecken. Weine, die als "burgundisch" bezeichnet werden, haben aber in aller Regel weder mit weißen noch mit roten Burgundern irgendwelche nähere Verwandtschaft. Da reicht es offensichtlich schon aus, wenn ein Roter nicht gar so fett und dicht daherkommt wie sonst gebietsüblich, oder ein Weißer eine Malo durchlaufen und ein bisschen Neuholz abbekommen hat, und schon wird der Schalter umgelegt: burgundisch.

Für mich ist "burgundisch" so ziemlich der sinnentleerteste Begriff der heutigen Weinsprache, und ich habe den Eindruck, dass etliche von denen, die diesen Begriff gerne verwenden, nur höchst selten einen echten Burgunder ins Glas bekommen (und noch viel seltener einen wirklich guten :twisted: ).

Gruß
Ulli
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sorgenbrecher

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragSa 16. Mär 2013, 19:05

UlliB hat geschrieben:
Für mich ist "burgundisch" so ziemlich der sinnentleerteste Begriff der heutigen Weinsprache, und ich habe den Eindruck, dass etliche von denen, die diesen Begriff gerne verwenden, nur höchst selten einen echten Burgunder ins Glas bekommen (und noch viel seltener einen wirklich guten :twisted: ).

Gruß
Ulli


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Gruß, Marko.
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Oh Dae-Su

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragSa 16. Mär 2013, 19:33

Will nicht von der aktuellen Diskussion ablenken. ;)

Ich habe eben gerade den Thread mal wieder ganz oben auf der aktuellen Beiträge Liste gesehen und wollte eine kleine "Warnung", falls jemals jemand eine Flasche davon in die Hand bekommen sollte, nachschieben.

Vor ca. einer Woche hatte ich einen weiteren Wein von Stéphane Cossais. Dieses Mal den:

Stéphane Cossais Le Volagré 2006, Montlouis-sur-Loire

Leider habe ich mir keine ausführlichen Notizen gemacht. Nur soviel sei kurz zur "Warnung" erwähnt:
Erstaunlich viele Schwebeteilchen (!), sehr oxidativ (soll aber wohl so gedacht sein), reichlich rauchig, etwas gewaltig und intensiv (auch leicht alkoholisch, 13,5%), am zweiten Tag machte etwas wie Chenin Blanc typische Frucht (z. B. rote Äpfel, etwas mostig, etwas schüchteren Zitrone) auf, insgesamt ein herrlich nerviger und anstrengender Wein, hatte für mich aber sicher nicht die Größe des aux Renards 2006. Auf seine ganz spezielle Art hat mir der Wein aber gefallen. Doch ich bin mir ganz sicher, dass nicht jeder dieses extreme Zeug braucht ;)

Gruss

Chris
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Barrique-Haus

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragDo 21. Mär 2013, 12:33

Hallo zusammen,

wir können das mit dem "burgundisch" sehr gut nachvollziehen. Wir haben den Begriff gewählt, weil viele dann sehr leicht die prinzipielle Richtung im Kopf haben. Ein wirklicher Fakt ist es natürlich nicht. Auch ist richtig, dass der Chenin Blanc Charakter eindeutig ist. Klare Abgrenzung zum Chardonnay. Wir hoffen es geht aus der VKN auch entsprechend hervor.
Viele Grüße
Das Barrique-Haus

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amateur des vins

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Re: Montlouis-sur-Loire

BeitragDi 2. Mai 2017, 23:43

Ha, mal wieder einen Thread aus der Versenkung holen. 8-)

François Chidaine, Les Bournais 2015 (13%)

Chidaine war mein Highlight auf der letzten Passion Terroir in der Französischen Botschaft. Mit Pineau de Loire/Chenin Blanc war ich lange Zeit nach nur sehr wenigen Begegnungen auf Kriegsfuß: zu breit, zu mostig, zu viel mürber Apfel... Erst jetzt finde ich in ihr eine weitere spannende Façette der großen, weiten Weinwelt. :geek:

Im Glas präsentiert er sich satt goldgelb, was angesichts seiner Jugend doch ein wenig verblüfft. Erst später kam ich darauf, daß das wohl dem Ausbau sur lie in demi-muids geschuldet sein dürfte. Jedenfalls gab es keinerlei Zeichen einer fortgeschrittenen Oxidation: "Steinige" Nase, dann zunehmend gelbfruchtig: Aprikose, Mispel, etwas Nektarine und reife Birne. Am Gaumen frische Säure, entfernt "Riesling-esk". Darunter weich und voll, wie die Nase, aber "steiniger", weniger fruchtig. Komplex, harmonisch, lang.
[+15']
Das Holz ist mir zunächst garnicht aufgefallen - ein gutes Zeichen! Vmtl. kommt ein Gutteil der Fülle eh vom Ausbau auf der Hefe und nicht vom Holz. Spontanvergoren, biodynamisch.

Zunächst erschien mir der Wein (nur) gut, aber nicht sonderlich beeindruckend. Tatsächlich aber schafft er es auf bemerkenswerte Weise, gleichzeitig sowohl "easy drinking" als auch "komplex-intellektuell" zu sein. Das könnte auch daran liegen, daß er trotz moderater analytischer Säure recht frisch daherkommt und auch nicht knochentrocken ist. Genaue Werte habe ich nicht gefunden; in anderen Jahren lag er so um die 5g RZ. Entgegen meinen Befürchtungen war es auch kein fataler Babymord, denn er präsentierte sich sehr zugänglich, wenngleich er problemlos viele Jahre überdauern und dann womöglich noch geschliffener daherkommen sollte.
Besten Gruß, Karsten
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