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Deutschland 2015

Berichte, Erfahrungen, Prophezeiungen
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Gaston

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Re: Deutschland 2015

BeitragDo 17. Mär 2016, 12:11

UlliB hat geschrieben:Was den Kommentar von MK zu 2015 betrifft, bleibt festzuhalten, dass er beim Jahrgang 2011 der einzige war, der die Problematik dieses Jahrgangs frühzeitig erkannt und publik gemacht hat - zur gleichen Zeit waren die nämlichen Jubelperser, die jetzt den Jahrgang 2015 in den Himmel loben, noch völlig ungebremst euphorisch unterwegs. Heute zeigt sich, dass Kössler voll und ganz Recht gehabt hat. Insofern nehme ich das schon ernst.

"Erhobener-Zeigefinger-Duktus" und eine gewisse Dogmatik hin oder her (auch mich nervt das manchmal): hier bewahrt jemand eine kritische Distanz zum heute branchenüblichen Vorgehen, jeden auch nur halbwegs akzeptablen Jahrgang in den Himmel zu loben und entsprechend zu bepunkten.

Hallo Ulli,

das sehe ich genauso. Die 2011er-Erfahrung fand ich schon sehr kennzeichnend, ein von manch einem total gehypter Jahrgang, der sich schließlich als genauso problematisch entpuppt, wie er von M.K. eingeschätzt wurde. Deshalb nehme ich ja auch seine Aussagen zu 2015 sehr interessiert zur Kenntnis. Insgesamt bin ich ja sowieso dafür, bei den Jahrgangsbewertungen zurückhaltend zu sein und auf dem Teppich zu bleiben – und zwar umso mehr, je lauter das Getöse ist - im positiven (2011, 2015) wie im negativen (2010). M.K.s Dikussionsstil und Duktus sind in diesem Zusammenhang tatsächlich nicht so wichtig, sondern eher Geschmackssache...
Beste Grüße
Gaston
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Bernd Schulz

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Re: Deutschland 2015

BeitragDo 17. Mär 2016, 23:18

Ullis und Gastons Ausführungen schließe ich mich gerne an (wobei mir Martin Kösslers Tonart schon manchmal arg auf die Nerven geht :roll: )!

Außerdem bin ich bei speziellen Jahrgängen ganz gut damit gefahren, meinen eigenen Eindrücken im Weinberg - so sie denn stattgefunden haben - genug Raum zu geben. Ich erinnere mich noch bestens an den Oktober 2006. Da habe ich ein paar Tage an der Mosel verbracht, und die Fäulnisproblematik war in diversen Wingerten auffälligst zu sehen und zu riechen!

Im letzten Jahr sahen viele Rebanlagen in und um Oppenheim, wo ich meinen Sommerurlaub bei südländischen Temperaturen gemacht habe, sehr auffällig vergilbt und vertrocknet aus. Immer wieder schien ein kräftiges Gewitter zu drohen, aber in der ganzen Woche fiel wie auch schon längere Zeit zuvor kein Tropfen Niederschlag. Mein laienhafter Eindruck: Wenn der Begriff "Trockenstress" überhaupt sinnvoll ist, dann in Situationen wie diesen!

Und insofern war und bin ich im Hinblick auf 2015 erst einmal besonders skeptisch. Aber natürlich lasse ich mich gegebenenfalls auch eines Besseren belehren. Klar ist allerdings, dass ich in diesem Jahrtausend :mrgreen: die vergleichsweise schlanken Jahrgänge bevorzuge. Und zu denen scheint 2015 auf den ersten Blick nicht zu zählen...

Viele Grüße

Bernd
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Charlie

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Re: Deutschland 2015

BeitragFr 18. Mär 2016, 09:57

Bernd Schulz hat geschrieben: Ich erinnere mich noch bestens an den Oktober 2006. Da habe ich ein paar Tage an der Mosel verbracht, und die Fäulnisproblematik war in diversen Wingerten auffälligst zu sehen und zu riechen!

In der Südpfalz hatte es damals bis auf die Strasse gestunken. Dementsprechend waren die Weine. Muss zugegen: sie waren dann doch besser als erwartet. "Denn der Wein entsteht im Weinberg"
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octopussy

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Re: Deutschland 2015

BeitragSa 19. Mär 2016, 21:39

Ich hab den Artikel auch mit großem Interesse gelesen. Nachdem ich 2013 und 2014 wirklich wenig (eigentlich kaum) Riesling gekauft habe, steht für 2016 eigentlich der Kauf einiger 2015er Rieslinge an. Aber ich denke, ich werde erstmal ein bisschen was probieren. Ein wesentlicher Punkt aus Kösslers Artikel ist der Trockenstress. Und dafür gibt es ja eigentlich halbwegs verlässliche Lösungen: Böden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung gut Wasser speichern und/oder eine gute Bodenbewirtschaftung, die den Regen nicht wegspült, sondern tief ins Erdreich eindringen lässt. Ich werde vermutlich sehr winzerspezifisch kaufen. Mosel, Saar und Ruwer scheinen ja besonders gut gelungen zu sein, die interessieren mich eh am meisten.
Beste Grüße, Stephan
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Pointless

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 17:36

Böden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung gut Wasser speichern und/oder eine gute Bodenbewirtschaftung, die den Regen nicht wegspült, sondern tief ins Erdreich eindringen lässt.


Welche Böden sind den eigentlich besonders geeignet für die Wassserspeicherung? Klar, dass viele Faktoren Winzerspezifisch sind. Aber gibt's da auch was allgemeines? Lehm besser als Kalkböden? Schiefer besser als Löss? Oder umgekehrt? Irgendsowas als Faustformel?

Grüße

Jochen
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Gerald

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 17:43

Meines Wissens kommt es vor allem auf die Korngröße an - Tonböden sind damit besser als Sandböden oder gar grober Kiesel oder Schiefer. Ein höherer Anteil an Humus ist selbstverständlich auch vorteilhaft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bodenart

Grüße,
Gerald
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OsCor

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 18:37

Wein kann man auf nahezu jedem Substrat anbauen. Bei Trockenheit ist aber Löß durch sein Wasserhaltevermögen vielen anderen Böden überlegen. Kann sein, dass Ton eine noch höhere Porosität aufweist, aber wichtig ist, dass die Poren nicht zu klein sind. Lößböden enthalten auch Ton, aber der Hauptbestandteil ist Schluff, dessen viele mittelgroßen Poren im Löß bewirken, dass Wasser pflanzenverfügbar bleibt.

Oswald
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Leo

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 19:42

OsCor hat geschrieben:Wein kann man auf nahezu jedem Substrat anbauen. Bei Trockenheit ist aber Löß durch sein Wasserhaltevermögen vielen anderen Böden überlegen. Kann sein, dass Ton eine noch höhere Porosität aufweist, aber wichtig ist, dass die Poren nicht zu klein sind. Lößböden enthalten auch Ton, aber der Hauptbestandteil ist Schluff, dessen viele mittelgroßen Poren im Löß bewirken, dass Wasser pflanzenverfügbar bleibt.

Oswald
Gerald hat geschrieben:Meines Wissens kommt es vor allem auf die Korngröße an - Tonböden sind damit besser als Sandböden oder gar grober Kiesel oder Schiefer. Ein höherer Anteil an Humus ist selbstverständlich auch vorteilhaft.

https://de.wikipedia.org/wiki/Bodenart
Diesen Aussagen möchte ich mich gerne anschließen.
Während meiner Pfalztour um den 10.September 2015 war die Weinlese dort in vollem Gang.Kein Wunder,die Böden sind fast durchgängig leicht erwärmbar und die Mostgewichte waren für die Jahreszeit schon recht hoch. Ob die rasche Reifung der Trauben die Gewinnung großer Rieslinge zugelassen hat, werden wir bald wissen.
Ich persönlich tippe für die Pfalz auf einen früh trinkbaren 2015er Jahrgang und hoffe auf ein paar Ausreißer nach oben.
Kalkreiche Tonböden mit guter Humusversorgung und gutem Laubmanagement könnten zu den Gewinnern des Jahrgangs 2015 gehören.Da gab es bei gesunden Rieslingtrauben Mitte Oktober Öchslegrade zwischen 92 und 98 Grad mit kräftigen Mostsäuren über 1o Promille.
Aus solchen Lagen durfte ich schon einige Faßproben verkosten, die mehr als nur vielversprechend waren:
Knackig trockene Rieslinge mit gut 9 Promille, die die 13 Vol.% Alk. nicht schmecken lassen.Da scheint Langlebigkeit garantiert.Einige Rheinhessen und Rheingauer könnten da sehr interessant werden.
Die Schieferböden in den nördlichen Anbaugebieten werden uns aus 2015 viele hervorragende Rieslinge bescheren,wenn nicht zu spät geerntet wurde: rel. hohe Mostgewichte, niedriger pH-Wert,prägnante Säure. Sind das nicht Superkriterien für excellente restsüße Tropfen?
Ich als Rieslingliebhaber sehe den Jahrgang 2015 sehr positiv, kaufe ohnehin fast nur bei "sicheren" Winzern und mache mir deshalb auch über Trockenstress, UTA u.s.w. auch keine Sorgen.
Ich freue mich auf die 2015er Riesling und warte gespannt auf ihre Freigabe.

Gruß Leo
Grüße,
Gerald
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Ollie

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 20:13

Vorneweg: Der Zusammenhang zwischen Bodenart und Wasserversorgung ist ziemlich kompliziert.

Tonboeden sind hochproblematisch, denn Ton nimmt zwar sehr viel Wasser auf, gibt das Wasser aber nicht gerne her; es ist nicht pflanzenverfuegbar. U.a. deswegen ist es wichtig, in Tonboeden Humus einzubauen (vgl. Ton-Humus-Komplex) - hier fliesst also die Bewirtschaftung des Weinbergs ein! Ton quillt bei Wasseraufnahme stark auf und saettigt dann, kann also kein weiteres Wasser aufnehmen - es bildet sich eine wasserdichte Schicht, das Wasser kann nicht mehr ablaufen, es entsteht ein Sumpf.

Daher ist z.B. im Medoc Kies auch so wichtig, genaugenommen sogar notwendig, weil er einen Wasserabzug garantiert. Rotweinreben kommen deshalb in warmen Augusten in einen leichten(!) Trockenstress, was dichtere Weine hervorbringt. Wo mehr Lehm im Boden ist (z.B. auch in eingelagerten "Linsen", also sehr lokalen Flecken), werden die Weine "saftiger", aber auch groeber und rustikaler (St-Estephe vs. Pauillac z.B.; ein aehnliches Phaenomen gibt es auch in Pommard oder Gevrey).

Vom reinen Bodenmaterial kann man uebrigens genau nix ableiten; so gibt es z.B. in Schiefersteillagen an Mosel und Rhein, also eigentlich sowohl vom Material (quasi nackter Fels) als auch von der Hangneigung her kein optimaler Wasservorrat, viele kleine wasserfuehrende Spalten, die die Reben auch im Hochsommer bestens mit Wasser versorgen. (Sonst gaebe es dort auch nicht seit 2000 Jahren Weinbau!) Ebenso in Burgund, wo die Feinerdeauflage in den besten Lagen weniger als einen Meter betraegt. (Die Wurzeln wachsen also nicht tief, sondern lang.)

Umgekehrt gibt es reine Lehmlagen wie z.B. den Ruedesheimer Bischofsberg, wo die Wasserversorgung eigentlich immer super sein sollte - und es 2003 Leitz dennoch gelang, eine astreine UTA-Bombe zu keltern. Ein bisschen aufpassen muss der Winzer also schon, auch wenn er Spitzenwinzer ist. Deswegen sollte man Koesslers Philippika auch nicht gleich als nur fuer die Supermarktklasse zutreffend abtun.

Cheers,
Ollie
Die Erde ist flach, und wir leben auf ihrer Innenseite.
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Bernd Schulz

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Re: Deutschland 2015

BeitragMi 23. Mär 2016, 21:37

Ein bisschen aufpassen muss der Winzer also schon, auch wenn er Spitzenwinzer ist.


Und unter gewissen Umständen hilft es auch nichts, wenn der Winzer ein bisschen aufpasst.

Ich beschäftige mich ja nun schon etwas länger mit deutschen Rieslingen. Richtig intensiv seit gut 15 Jahren, aber auch schon Ende der 80er des verflossenen Jahrhunderts habe ich Winzer wie Dönnhoff oder Ratzenberger heimgesucht. Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe, vernünftig mit Jahrgangsprognosen umzugehen, aber inzwischen glaube ich, es einigermaßen gelernt zu haben.

Regel Nr. 1 lautet für mich: Die (für mich und mein Kaufverhalten) entscheidenden Punkte können nicht erkannt/formuliert werden, bevor die Weine überhaupt auf der Flasche sind. Und sie können auch nicht erkannt/formuliert werden, wenn ein Großteil der Weine gerade mal auf den Markt gekommen ist. Eine vernünftige Einschätzung benötigt vor allen Dingen eines: Zeit!

Und meine aus entsprechenden (wenig guten!) Erfahrungen mit den Jahrgängen 2003, 2005, 2006, 2007 und eingeschränkt auch 2009 resultierende Regel Nr.2 heißt: Bei lautstarkem Oechslejubel im Vorfeld ist auf jeden Fall besondere Vorsicht geboten! Die Gefahr, dass es sich um ein für meinen Geschmack nicht ideales Jahr handeln könnte, ist vergleichsweise groß (wenn auch natürlich nicht absolut gegeben, denn hier greift dann direkt schon wieder Regel Nr. 1 :mrgreen: ).

Herzliche Grüße

Bernd
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