Frankreich-Weinprobe in Würzburg

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weinaffe
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Frankreich-Weinprobe in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

Hallo zusammen,

letzten Freitag trafen sich wieder einige Weinbegeisterte, die im Rahmen meiner VHS-Seminare insgesamt 15 Weine (6x weiss, 9x rot) probieren konnten. Da bei einer solchen Probe immer Reste bleiben, konnte ich einige Weine sogar über 2-3 Tage verfolgen.

Folgende Weine wurden -wie immer blind- verkostet:

Zum Einstieg passt ein "Schampus" immer:

2017er Mono Village Oger Blanc de Blancs Grand Cru Extra Brut (Pertois-Moriset, Mesnil-sur-Oger) -Champagne-
100% Chardonnay--Dosage: 2gr.---Grundwein 25% Ausbau im Holz---deg. Oktober 2021---
sehr feine Perlage, Zitrus, Brioche, am Gaumen perfekt ausgewogen zwischen Cremigkeit und Säure, saftig mit super Trinkfluss. Ein völlig in sich ruhender Blanc de Blancs mit Klasse. Schmeckt garantiert jedem ;) Nicht viel teurer als manch banaler Marken-Champagner (49 EURO im Handel).

2021er "Grandes Lignes" Riesling Alsace a.c. (Leon Boesch, Westhalten) -Alsace-
Der Einstiegs-Riesling dieses sympathischen Demeter-Weingutes, der schon richtig abliefert. Sehr typische Rieslingnase, Agrumen, ein angenehmer zarter Hauch Petrol, am Gaumen knochentrocken, saftige Säure, komplexer Mix aus mineralischer Würze und eleganter Frucht, nur mittelgewichtig (12 Vol%), schlank, aber nicht schmalbrüstig, mittlerer Abgang. Ein extrem trinkiger Riesling für kleines Geld (ab Weingut 11 EURO). Allerdings kein Wein für extrem säureempfindliche Zeitgenossen ;)

2020er "Chalasse" Cotes du Jura a. c. (Domaine des Ronces,Michel et Kevin Mazier, Orbagna) -Jura-
Cuvee aus 70% Chardonnay und 30% Savagnin, 12 Monate Holzfassausbau beim Chardonnay, 36 Monate beim Savagnin, 60 Jahre alte Reben.
Angedeutetes Gelbgold, in der Nase feine, saline Hefenoten, zarte hintergründige Gelbfrucht, dezente Holzausprägung, am Gaumen komplett trocken, stimmige Säure, fester Grip, Hauch Gerbstoff, Quitte, Kernobst, etwas Curry, mittelgewichtig (13 Vol%), recht dicht, tolle Länge mit Frische und Saftigkeit. Ausgezeichneter Jura-Wein aus einem Bio-Dyn-Weingut im nicht-oxidativen Stil. Sehr gutes PLV (ca. 21 EURO im Handel).

2020er "Le Refuge de Chavannes" Saumur a. c. (Domaine du i'Echantoir, Chavannes) -Loire-
100% Chenin blanc---Bio---2 Jahre Fassausbau---13 Vol%---
KLassische, sortentypische Nase nach Quitte, Birne mit etwas (Alt-)Holz, Hauch Malo, am Gaumen knochentrocken mit lebendiger, aber nicht spitzer Säure,gute Struktur, Quitte, Gelbfrucht, etwas Kardamon, angenehme Reife, nur mittelgewichtig (13 Vol%), langer, fruchtig-würziger Ausklang. Sehr typischer Chenin blanc mit Klasse. Vernünftiger Preis (ca. 27 EURO im Handel).

2023er "Les Boucauds" Sancerre a. c. (Claude Riffault, Sury-en-Vaux) -Loire-
Einzellage---Bio---12 Monate Ausbau---14 Vol%---
Dezente Sauvignon-Nase, etwas Stachelbeere, Kiwi, Cassis, unterlegt mit kalkig wirkenden Noten, am Gaumen trocken, passende Säure, mittel-bis kraftvoll, Hauch Malo, sehr saftig, im typischen Loire-Stil überhaupt nicht plakativ, sehr dicht , ausgezeichnete Länge. (ca. 31 EURO im Handel).

2023er "La Combe Desroches" Saint-Veran a. c. (Domaine La Soufrandiere, Bret Brothers)-Bourgogne-
100% Chardonnay,1,5 ha Einzellage am Fusse der Roches de Vergisson (Maconnais),Ausbau 80% Stahl und 20% Holz,13,5 Vol%.
Dieser bio-dynamisch arbeitende Betrieb der 3 Bret-Brothers ist in Sommelier-Kreisen zu Recht hoch geschätzt.
Sehr klare, feine und sortentypische Nase mit ganz dezentem Holzeinfluss, noch sehr jugendlich, klare Gelbfrucht, am Gaumen komplett durchgegoren, gewisse Eleganz, perfekt integrierte Säure, sehr straight, dezente Würze, gute Länge. Ein hochwertiger, typischer Maconnais, der viel trinkiger und saftiger ist als viele, schwerere Sortenvertreter der Cote d`Or (ca. 32 EURO im hiesigen Handel).

Die 9 Rotweine folgen in Kürze!

LG
Bodo
weinaffe
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Re: Frankreich-Weinprobe in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

... und weiter geht es mit den roten Franzosen:

2019er Mont Durou Madiran a. c. "Vignobles Marie Maria" (Vigneron du Vic-Bilh) -Madiran-
100% Tannat---5ha Einzellage ---12 Monate Fassausbau (1/3tel Neuholz)---14 Vol%---
kräftiges, leicht durchscheinendes Rubinrot, recht elegante Nase, dezent Holz, Brombeere, Cassis, am Gaumen trocken mit erstaunlich feinkörnigen Tannin, keinerlei rebsortenübliche Ruppigkeit, relativ geschmeidg, passende Säure, trotz 14 Umdrehungen nicht fett oder überpowert, saftige Rotfrucht, mittlere Tiefe und ein mittellanger, harmonischer Abgang. Elegante Interpretation dieser urwüchsigen Rebsorte, wohl einer der Spitzenweine dieser Genossenschaft. Preis passt (knapp 15 EURO im Handel).

2022er "Les 4 Vents" Crozes Hermitage AOP (Lucie Fourel et Nancy Cellier, Mercurol) -Rhone-
100% Syrah--- 30-40 Jahre alte Reben---je hälftiger Barrique- und Holzfassausbau---Biowein---13 Vol%---
So gut der Vorgänger auch war, jetzt spielen wir eine Liga höher: mittelkräftiges Purpur, sehr feine, komplexe und elegante Nase nach roten Früchten (Cassis, Brombeere, Himbeere), zart grüne, ätherische Noten und Spuren von Tabak, rohem Fleisch und Pilzen. Macht neugierig auf den ersten Schluck, komplett trocken, aber zart extraktsüss, tolle seidige Tanninqualität, strukturierende Säure, nur mittelgewichtig, keinerlei Alkoholschwere, wie die Nase so auch am Gaumen eine komplexe Mischung aus seidiger Rotfrucht, etwas Ätherik und fleischigen Unterholznoten, perfekt tariert zwischen Eleganz und gewisser Tiefe,eleganter, nachklingender Abgang. Ein großartiger Crozes-Hermitage, der mir aufgrund seiner Eleganz und Typizität besser gefällt als manch wuchtiger und körperreicher Hermitage--- und der Preis spricht auch für sich (ca. 24 EURO im Handel). Viel besser geht Crozes Hermitage vermutlich nicht.

2012er Morgon a. c. (Jules Desjourneys, La Chapelle de Guinchay) -Beaujolais-
100% Gamay---aus 2 Lagen mit gesamt 1,5 ha---60 Jahre alte Reben---überwiegend Granitboden---13 Vol%---2.284 Flaschen--
Fabien Duperray, der Inhaber dieses Bio-Weingutes ist, geht im Beaujolais seinen eigenen Weg und erzeugt einige Crus,die doch deutlich vom Pauschalbild eines Beaujolais abweichen. So auch dieser hochklassige Wein:
trotz bereits 13 Jahren auf dem Buckel wirkt der Wein am Tage der Probe unheimlich jugendlich und recht unzugänglich und monolithisch, was ich nicht erwartet hatte, der Wein wurde auch nicht vorher dekantiert, sondern nur am Nachmittag geöffnet und dann wieder verschlossen. Sattes Purpur, verschlossene Nase, zarte Rotfrucht (Himbeere, Kirsche) schimmert durch, konzentrierter Eindruck schon in der Nase, am Gaumen trocken, sehr dichter und extraktreicher Eindruck, obwohl alles noch sehr eingesperrt wirkt, feinkörniges, noch präsentes Tannin, wirkt trotz Mittelgewichtigkeit sehr konzentriert, langer, aber noch nicht zu greifender Abgang. Die Überraschung kam dann am 3. Tag nach der Probe: jetzt war er geöffnet, tolle Nase nach roten Früchten, blumige Aspekte, sehr elegant und tief, am Gaumen jetzt auch voll da, zwar trocken, aber mit großartiger Fruchtsüsse, dicht und extraktreich, die Kraft kommt hier überhaupt nicht über den Alkohol, stützende Säure und nocht nicht ganz abgeschmolzenes Tannin, sehr langer Abgang. Ein großartiger Rotwein, den wohl in einer Blindprobe niemand ins Beaujolais schicken würde. Ob typisch oder nicht, der Wein hat absolute Klasse und ist ein wahrhaft würdiger Vertreter seiner Herkunft. Für damals 26 EURO ein Mega-Schnäppchen. Aktuelle Jahrgänge dieses Weines sind leider fast doppelt so teuer geworden. Trotzdem ein Wein, der offensichtlich gut altern kann und auch vielleicht heute noch sein Geld wert ist.

1995er Chateauneuf-du-Pape a. c. (Le Vieux Donjon, Michel Lucien) -Rhone-
Cuvee aus 75% Grenache, 10% Syrah, 10% Mourvedre und 5% Cinsault---13,5 Vol%---
30 Jahre alt und trotzdem noch auf der Höhe: in der Nase eine dezente Reifenote, dezente Oxidation, die auch am 2. Tag nach der Probe nicht mehr stärker wurde, sehr feine Frucht nach Herzkirsche, Himbeere, Granatapfel, verwoben mit etwas Altholz und Tabak, durchaus komplex und einnehmend, im Mund fein gereifter Eindruck, trocken, zarte Sucrosite,strukturierende Säure, Tannin fast völlig abgeschmolzen, Alkohol perfekt eingebunden, reife Dunkelfrucht mit Ätherik und Würze,Hauch Lakritze, gute Länge. Chateauneuf-du-Pape der "alten" Schule mit gemäßigtem Alkohol und tollem Trinkfluss, die Antipode zu den heutigen Alkohol- und Kraftboliden. So geht Ch9dP. Nachkauf aus einem "guten" Keller für 35 EURO. Passt !!

2019er Beaune "Les Teurons" 1er Cru (Rossignol-Trapet, Gevrey-Chambertin) -Burgund-
Bio-Dyn- Betrieb---13 Vol%--
Mittelkräftiges Rubin, sehr sortentypische Nase nach Kirschen, Cassis, etwas Erdbeere, etwas Rhabarber, anfangs ein Hauch Reduktion, die schnell verschwand, sehr klar und fein, am Gaumen knochentrocken, hat durchaus Extrakt, ohne seine athletische Struktur zu verleugnen, passende Säure, sehr feinkörniges, noch präsentes Tannin, nur mittelgewichtig, genau richtig proportioniert, elegante und dichte Rotfrucht, sogar ein Hauch Blaubeere, perfekter, kaum schmeckbarer Holzeinsatz, ruht fast in sich, elegante Länge. Sehr hochwertiger 1er Cru von der Cote d`Or. Die Lagen von Beaune stehen manchmal etwas zu Unrecht im Schatten der Lagen der Cotes de Nuits--- vor allem auch preislich ;) Im Hinblick der sonstigen Burgunderpreise ist dieser Beaune noch fair bepreist (ca. 46 EURO im Handel).

Die letzten 4 Roten folgen in Kürze !

LG
Bodo
weinaffe
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Re: Frankreich-Weinprobe in Würzburg

Beitrag von weinaffe »

.... abschließend noch die 4 fehlenden Rotweine:

2019er Roc d`Anglade Vin de Pays du Gard IGP (Remy Pedreno) -Languedoc-
Cuvee aus 50% Carignan, 20% Mourvedre, 20% Grenache und 10% Syrah---13 Vol%---
Seit Jahren einer der interessantesten Rotweine des Languedoc: kräftiges Rubinrot, in der Nase eine komplexe Mischung aus knapp reifen roten Früchten (Craneberries, Cassis, Brombeere) und ätherischen Noten (Hauch Rosmarin, Macchiadüfte) mit feinem Tabak und einer winzigen Spur Reduktion, sehr einladend, am Gaumen komplett trocken mit saftiger Säure, feinkörnigem Tannin, gerade genug Fleisch an den Knochen, mittelgewichtig, dunkle Beeren mit kräutrigen Noten,florale Noten (Veilchen), perfekter Holzeinsatz, besitzt durchaus Eleganz, hohe aromatische Länge. Ohne Zweifel einer der besten Weine Südfrankreichs, der allerdings auch seinen berechtigten Preis hat (ca. 40 EURO im Handel).

2015er Chateau Moulin Saint-Georges St. Emilion Grand Cru (Fam. Vauthier, St. Emilion) -Bordeaux-
Cuvee aus 80% Merlot und 20% Cabernet franc---14,5 Vol%---
Dieses 7 ha-Weingut gehört der Familie Vauthier, die mit Chateau Ausone einen der legendären St. Emilion-Weingüter ihr Eigen nennt. Da der Wein mit gleicher Sorgfalt im identischen Keller produziert wird, konnte man auch von einer sehr guten Qualität ausgehen, was tatsächlich auch der Fall war: sehr elegante, ebenmäßige Nase mit feiner Dunkelfrucht, perfektem Holzeinsatz, am Gaumen fast perfekt abgerundet, extraktsüss, extrem feinkörniges Tannin, dunkle, reife Früchte, Tabak, Leder, etwas Graphit, Kardamom, der hohe Alkohol ist erstaunlich gut abgepuffert, sehr ausgewogen und perfekt trinkreif, ausgezeichnete Länge. Ein hochwertiger St.Emilion aus bestem Hause (ca. 44 EURO im Handel).

1995er Chateau Leoville-Barton 2e Grand Cru Classe St. Julien (Fam. Barton) -Bordeaux-
Cuvee aus 77% Cabernet Sauvignon, 20% Merlot und 3% Cabernet franc---12,5 Vol%---
Der Unterschied zum Vorgänger könnte kaum größer sein: statt 10 Jahre hat dieser Old-school-Bordeaux satte 30 Jahr auf dem Buckel, ohne dass dieser Wein seinen Zenit überschritten hätte. Leider hatte diese Flasche leicht dumpfe Noten schon in der Nase, was auf einen Korkschleicher hindeutete. Allerdings hatte ich mit gereiften, nicht dekantierten Weinen schon öfters die Erfahrung gemacht, dass sich dumpf-muffige Noten manchmal durch genügend Luftzufuhr verflüchtigen. Am Abend selber war ein abschließendes Urteil nicht möglich. Da ich den Wein aber über 3 Tage verfolgen konnte, erhärtete sich die Prognose eines Korkschleichers. Sehr schade :x Der Wein hätte ansonsten viel zu bieten: klassische Cabernet-Frucht, die leider daher etwas maskiert war, Tabak, altes Leder, sehr kühle, aber nicht unreife Stilistik, eben ein Klassiker aus St. Julien. Ich habe glücklicherweise noch 1 Flasche hiervon im Keller, die hoffentlich ohne Muff daherkommt.

Zum Abschluss noch ein Rotwein-Typ, den man leider nicht so oft trinkt, nämlich einen alkoholverstärkten Vin doux naturel als relativ preisgünstige Antwort auf fassgereifte Portweine:

2008er "Baillaury" Banyuls Grand Cru (La Cave de l'Abbe Rous, Banyuls) -Roussillon-
100% Grenache---5 Jahre Holzfassausbau--- 96 Gramm Restzucker---16 Vol%---
wunderschöne, leicht oxidativ angehauchte Nase, die der reifen Kirschfrucht viel Raum lässt, Schokolade, am Gaumen perfekt ausgewogen zwischen Süsse, Säure und feinkörnigem Tannin, am Gaumen saftige Dunkelfrucht, würzig, kräutrig, Altholz, Schoko- und Mokkanoten, etwas Lakritze, sehr fruchtdicht und in keiner Weise klebrig oder pappig, integrierter Alkohol, langer, fruchtig-würziger Abgang. Der perfekte Begleiter zur Schokoladen-Mousse. Qualitativ ebenbürtig mit teilweise viel teureren Tawny-Ports, sehr gutes PLV (ca. 25 EURO im Handel), eines der Spitzenprodukte dieser sehr gut arbeitenden Cooperative.

Dank Stamm-Publikum immer eine sehr angenehme und entspannte Atmosphäre. Die Weine konnten bis auf den korkbedingten Ausfall durchwegs überzeugen, was will man mehr :D

In 1 Woche gibt es eine große Nord-Rhone-Blindprobe, auf die ich mich besonders freue, sowie in knapp 2 Wochen eine große Italien-Probe.

Nach Möglichkeit werde ich wieder berichten.

Bis dahin immer einen guten Wein im Glas :lol:

LG
Bodo
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