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Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 18:27

Wäre die Welt nicht schwarz und weiß, man müsste sie in Schwarz und Weiß malen. Graustufen sind etwas für Sissies ;). Und so lässt sich auch jeder Weinliebhaber einer bestimmten Kategorie zuordnen ;) ;). Wo seht ihr euch?

1. Der Weinhipster

Er trinkt Hipster-Weine, das sind entweder Weine aus Gegenden, die dem Elite-Etikettentrinker (siehe Nr. 2) zu profan und dem Basis-Etikettentrinker (siehe Nr. 3) unbekannt sind, Weine, deren Genuss man als Ironie verkaufen kann oder und ganz besonders Vins Naturels. Wer nicht weiß, was Hipster-Weine sind, lese bitte hier.

Im Portfolio des Weinhipsters dürfen nicht fehlen: Brut Nature Champagner und Cavas, mit den Schalen vergorene Weißweine, Jura-Weine, ungeschwefelte Beaujolais und Sake.

2. Der Elite-Etikettentrinker

Ihn braucht man eigentlich nicht mehr vorzustellen. Die Grenze zum Punktetrinker verschwimmen manchmal, aber 100 Parker-Punkte Spanier aus Toro oder Jumilla würde der Elite-Etikettentrinker eher nicht anrühren. Bordeaux, Burgund, Piemont, die Rhône, die Champagne, die Toskana, Kalifornien und neuerdings auch Große Gewächse aus Deutschland, das sind seine bevorzugten Gegenden. Schwache Jahrgänge werden gnadenlos ausgelassen (außer zur Vervollständigung von Vertikalen), von allem darf es nur das beste sein. Die besten Weingüter, die Spitzenweine, die besten Jahrgänge.

Im Portfolio des Elite-Etikettentrinkers dürfen nicht fehlen: Romanée-Conti, Rousseau, Coche Dury, Comtes Lafon aus dem Burgund, die Bordeaux 1er Cru Classés, Petrus und die anderen Großen vom rechten Ufer, Guigals LaLa Côte Rôties, Rayas, Beaucastel u.a. von der Rhône, Champagner Dom Perignon, Krug oder Bollinger, Gaja und Bruno Giacosa aus dem Piemont, Klaus Keller, Egon Müller, von Winning und Dönnhoff aus Deutschland, usw.

3. Der Basis-Etikettentrinker

Auch ihm ist der Name, der auf dem Etikett prangt wichtig. Seine finanziellen Mittel reichen aber nicht zum Elite-Etikettentrinker. Deshalb wird auf Zweitweine von Bordeaux- und Supertoskaner-Weingütern, Kooperationen von Bordeaux-Beratern mit Übersee-Weingütern, VDP Basisweine und Weine wie Villa Antinori oder Villa Bürklin zurückgegriffen. Der Jahrgang ist dem Basis-Etikettentrinker nicht so wichtig.

Im Portfolio des Basis-Etikettentrinkers dürfen nicht fehlen: s.o.

4. Der Parker-Punkte-Trinker

Die Parker-Punkte sind ihm das ein und alles. Die ganz harte Fraktion (angeblich v.a. in aufstrebenden Ländern zugegen) trinkt nichts unter 100 Parker-Punkten. Die etwas softeren lassen alles über 90 Parker-Punkte gelten. Ob die Punkte von Robert Parker himself oder einem seiner Mitarbeiter oder Ex-Mitarbeiter stammen, ist egal. Auch 100 Winspectator oder 100 Tanzer Punkte Weine sind ihm egal, 20 Gabriel oder 20 Jancis Robinson Punkte sind ihm auch egal. Parker und seine Mitarbeiter geben den Ton an. Die Relation der preisbewussten Parker-Punkter-Trinker lautet "Cent je Parker Punkt". Ein "Cent je Parker Punkt" Faktor von mehr als 100 ist die Benchmark, aber drunter geht es auch. Wichtig ist dem Parker-Punkte-Trinker insbesondere auch die Vergabe eigener Punkte, bevorzugt gekoppelt mit einer Parker-ähnlichen Einschätzung des Trinkfensters (z.B. 94 Heinzer-Punkte, Trinken 8/2015-12/2058).

Im Portfolio des Parker-Punkte-Trinkers dürfen nicht fehlen: Châteauneuf du Pape und Gigondas-Supercuvées, spanische Provinzweine, moderne Bordeaux, Supertoskaner, Über-Drüber-Malbecs aus Argentinien, Shiraz aus Australien.

5. Der Lecker-Trinker

Der Lecker-Trinker hat mit den Gedanken, die sich die Etikettentrinker, Parker-Punkte-Trinker und Weinhipster machen, nichts am Hut. Punkte sind ihm egal, An- und Ausbaumethoden auch, allenfalls Bio oder nicht Bio spielt eine kleine Rolle. Die Hauptsache ist aber: der Wein schmeckt oder er schmeckt nicht.

Im Portfolio des Lecker-Trinkers dürfen nicht fehlen: Cabernet-Sauvignon aus Chile, Nero d'Avola aus Sizilien, ganz leicht restsüße Rieslinge, Sancerre und Pouilly-Fumé und vor allem Sauvignon Blanc aus Neuseeland.

6. Der Terroir-Trinker

Terroir geht ihm über alles. Er ist lagen- und bodenversessen. Seine Hunting-Grounds sind fast ausschließlich reinsortige Weine aus Riesling, Pinot Noir, Nebbiolo und Syrah. Seine Notizen zu Weinen enthalten selbstbewusste Aussagen wie "typisch Reiterpfad" oder "die profunde Griotte-Note des zentralen Teils der westlichen Flanke des Corton-Renardes kommt hier besonders schön zur Geltung". Auch "Basalt-Mineralität", "dreckig-kalkige Noten" oder "Würze des Grauverwitterungsschiefers" gehören zum Wortschatz. Dem Terroir-Trinker widerspricht man nur ungern. Will man ihn ärgern, macht man eine fiese Blindprobe.

Im Portfolio des Terroir-Trinkers dürfen nicht fehlen: Rieslinge von der Mosel und Nahe und aus der Pfalz, Pinot Noir von der Côte de Nuits, Einzellagen Barolo und Barbaresco.

Hab ich noch welche vergessen ;)? Wenn ja, bitte gleich mit Beschreibung ergänzen.

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 19:04

7. Der Alkohol-Trinker.

Ist süchtig, benutzt das Kulturgut-Image von Wein, um seine Sucht zu kaschieren. Weiß über alle Lagen, Winzer, Parker-Bewertungen etc. bestens Bescheid, trinkt aber eigentlich nur, um den Pegel zu halten.

Fatal: Sozialer Abstieg führt dazu, dass Tignanello und Halenberg durch billigen Fusel ersetzt werden müssen, was dann gegebenenfalls (und im günstigen Fall) zum Entzug und zur Genesung führt. Alternative: Lebertransplantation.

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 19:15

Ganz wichtig, der Weinpunk!

Es ist nicht wichtig, was für einen Wein er trinkt, wichtig ist, dass er pro Satz einmal Fu.ck sagt oder Ar.sch, dass das Flaschenetikett aussieht wie eine CD von den Sex Pistols und der Wein "Bitch" heißt oder "Merde", dass die Weine hart sind und knallen (sind sie zu stark bist Du zu schwach). Er ist schwer tätowiert und trägt einen Irokesenschnitt und trinkt gerne fette Bordeaux direkt aus der Flasche - zu Pommes Schranke!

Er ist der natürliche Feind der Typen 1 bis 4 und kämpft gegen das Weinestablishment von VDP bis UGCB.

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to be continued! ;)

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 20:09

Schöner Thread.

Mir fällt noch der Modernist ein. Sein Metier sind die eher extraktreichen, geschliffen-eleganten, fruchtig-vanillig-röstigen Weine, die viel Trinkfluss bereiten können und trotzdem "ernst" sind. Mit Ecken und Kanten und Mineralik hat er eher weniger am Hut. Kenne mich hier nicht so aus aber aus der Erinnerung dürfte der Modernist Gefallen finden an Weinen von Poliziano, Alion, Hillingers Hill No. 1, chilenische Grössen aber auch Südafrika und Australien, "Parker-Spanier". Rebsorten wie Carignan, Mourvedre und Nebbiolo sind wohl selten im Keller anzutreffen. Ebenso säurereiche trockene Weine. Die Beschreibung ist sicherlich noch ausbaufähig. ;)

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 20:42

hallo,

mal angenommen, man möchte das thema aus dem bereich kaffeesatzlesen und spekulation herausführen und eine wissenschaftliche studie dazu machen - wen/wo könnte man da befragen um es möglichst repräsentativ zu machen?

best, martin

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 21:03

keine Ahnung, aber es fehlen noch jede Menge Kategorien, um die Masse der deutschen Weintrinker repräsentativ abbilden zu können. Ganz wichtig allein schon wegen seiner numerischen Bedeutung scheint mir der

Der Traditionalist zu sein.

Der Traditionalist hat in seiner Jugend einen Ausflug/Urlaub/Radtour nach Württemberg/an die Ahr/Mosel oder nach Südfrankreich/ins Elsass/Beaujolais bzw. in die Toskana/Piemont/Venetien gemacht und ist dort zum ersten Mal mit etwas niveauvolleren Erzeugnissen von Buschenschanken/Genossenschaften/Nebenerwerbswinzern oder schlicht dem erst besten Winzer am Ort zusammengetroffen. Es war ein schönes initiales Zusammentreffen, dass ihm sehr lange im Gedächtnis geblieben ist. Daher kauft er bis heute kreuzbrav zur immer gleichen Zeit seinen immer gleichen Vorrat an Vin des Pays/ Trollinger/ Valpolicella/ Edelzwicker/ Grauburgunder bzw. deren modernen Nachkommen. Einmal im Jahr ergänzt er seinen Bestellung um eine Flasche edelsüßen Wein oder die Sonderrotweincuvee des Hauses für festliche Anlässe. Er fühlt sich nicht unbedingt als Weinfreak, sondern zieht einfach nur Wein anderen alkoholischen Getränken wie Bier/Schnaps/Cocktails schlicht vor. In der Gegenwart von Weinenthusiasten jeglicher Couleur fühlt er sich häufig minderwertig und kann mit deren heftig angepriesenen Fetischobjekten schon allein auf Grund deren bedauerlichen Preis/Leistungsverhältnisses wenig abgewinnen. Nach deren Abreise fühlt er sich mit sich aber wieder mit sich und der Welt im Reinen und genehmigt sich erst Mal ein Gläschen.

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 21:08

sociando hat geschrieben:hallo,

mal angenommen, man möchte das thema aus dem bereich kaffeesatzlesen und spekulation herausführen und eine wissenschaftliche studie dazu machen - wen/wo könnte man da befragen um es möglichst repräsentativ zu machen?

best, martin


wo, wenn nicht hier? ;)

lg
s

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 21:17

ne das ist doch nicht repräsentativ hier :-). und dafür braucht man schon so mind. 500 leute. habe auch an grosse messen gedacht - aber auch das wäre eine selektierte stichprobe. gerade bei typologien wäre es wichtig, repräsentative stichproben zu haben - also möglich den querschnitt aller weintrinker einer gesellschaft in diesem fall.

ich würde ja schon gerne mal zum thema wein systematisch forschen - ein kollege in stockholm meinte neulich, ich könnte doch mal die jhdedbdw-hypothese einem empirischen test unterziehen (hatte ihm davon erzählt)- also mit ratern, die die "schönheit" eines etiketts raten und dann nimmt man z.b. die punkte aus gerald's datenbank dazu. (habe aber meine zweifel denn wir alle wissen dass die punkte dort über die verkoster hinweg gesehen nicht auf den gleichen inhaltichen skalen basieren - lange geschichte).

best, martin

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 21:21

Einen etwas unterhaltsamen (pseudo-)wissenschaftlichen Ansatz, der vom Autor so weit ich weiß gar nicht eingefordert wurde, gibt es von
Stephan Pinkert (2005), Weinmilieus - Kleine Soziologie des Weintrinkens, Lit Verlag

Wenn ich mich richtig erinnere lehnt er sich ein wenig an die in der Lebensstilsoziologie beliebten Sinus Milieus an.
Hey, bist du das Stephan ;) ?

Mir würde noch "der über das gesunde Maß neugierige Weintrinker" einfallen der ein wenig zu viel "schräge" Sachen aus reiner Neugier nach Neuem verkostet. Zugegebenermaßen und vermutenderweise eine sehr kleine soziale Gruppe :mrgreen:

Gruss

Chris

Re: Die Typologie der Weintrinker

Do 3. Jan 2013, 22:57

susa hat geschrieben:Ganz wichtig, der Weinpunk!

Es ist nicht wichtig, was für einen Wein er trinkt, wichtig ist, dass er pro Satz einmal Fu.ck sagt oder Ar.sch, dass das Flaschenetikett aussieht wie eine CD von den Sex Pistols und der Wein "Bitch" heißt oder "Merde", dass die Weine hart sind und knallen (sind sie zu stark bist Du zu schwach). Er ist schwer tätowiert und trägt einen Irokesenschnitt und trinkt gerne fette Bordeaux direkt aus der Flasche - zu Pommes Schranke!

Er ist der natürliche Feind der Typen 1 bis 4 und kämpft gegen das Weinestablishment von VDP bis UGCB.

Hahaha, den hatte ich ganz vergessen. Wobei... dann wäre die Hauptfigur aus Sideways mit seinem 1961er Cheval Blanc im Kentucky Fried Chicken ja auch ein Weinpunk ;).

Darauf einen Kick Ass Cabernet

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mixahls hat geschrieben:7. Der Alkohol-Trinker.

Ist süchtig, benutzt das Kulturgut-Image von Wein, um seine Sucht zu kaschieren. Weiß über alle Lagen, Winzer, Parker-Bewertungen etc. bestens Bescheid, trinkt aber eigentlich nur, um den Pegel zu halten.


Der ist hart. Dazu fällt mir spontan Gerard Depardieu ein.

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Oh Dae Su hat geschrieben:Mir würde noch "der über das gesunde Maß neugierige Weintrinker" einfallen der ein wenig zu viel "schräge" Sachen aus reiner Neugier nach Neuem verkostet.


Der ist mir auch die ganze Zeit im Kopf rumgeschwirrt, aber ich würde ihn nennen wollen:

8. Der Exotiktrinker

Für den Exotiktrinker wichtig ist vor allem die möglichst große Individualität und Obskurität des Weins. Sein Lieblingswort ist "autochton". Er kann sich nicht nur für Weine aus fast ausgestorbenen heimischen Rebsorten begeistern, egal wie gut oder gruselig sie schmecken (z.B. Tauberschwarz, Gelber Orléans), sondern vor allem auch für Obskuritäten aus allen Herren Länder. Georgische Amphorenweine sind sein Steckenpferd, aber auch Pflaumenwein aus Myanmar, Syrah aus Paraguay, Savagnin Vert aus Kreplekistan und sogar der Kreuz-Neroberger sind ihm außergewöhnlich genug. Zu jedem Wein hat er eine kleine Geschichte. Da er vielgereist ist und die meisten Weine mit den Locals in örtlichen Hinterhöfen und Behausungen (z.B. der sehr seltene Yakkraut-Wein, verkostet in der mongolischen Jurte) entdeckt, fällt ihm das Geschichtenerzählen nicht schwer.
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