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Re: Martin Müllen

Verfasst: Mi 15. Apr 2015, 23:49
von Bernd Schulz
Puh, einen solchen Einfluss haben diese blöden Parker-Bewertungen??

Ich sehe schon kommen, dass ich mir Martin Müllens Weine irgendwann nicht mehr leisten kann. :cry:

Aber wenn ich einem Winzer den großen Aufschwung gönne, dann ist es Martin Müllen, der seinen Betrieb aus dem Nicht gestampft hat und lange, lange Zeit richtig hart kämpfen musste, obwohl er, wie seine Altweine regelmäßig beweisen, von Anfang an einer klaren Qualitätsphilosophie gefolgt ist.

Herzliche Grüße

Bernd

Re: Martin Müllen

Verfasst: Fr 8. Mai 2015, 13:15
von Bernd Schulz
Aus aktuellem Anlass (siehe Weinpartei-Thread) habe ich in meinen alten E-Mails nach meinem ersten Internetbeitrag zum Thema Martin Müllen gesucht und bin auch fündig gworden. Vielleicht ist es ja für den einen oder anderen im Nachhinein ganz interessant, die im Juli 2003 (!) auf Wein-Plus (dieses Forum war ja damals mailbasiert) erschienenen Zeilen zu lesen:

"Besuch bei Martin Müllen

Eigentlich wollte ich ja bei meinem Moselabstecher an diesem Wochenende keinen Winzer heimsuchen. Es ging vielmehr darum, einen alten Freund aus Kröv, der nach langjährigem Pfälzer Exil zurück in die Heimat gezogen war, endlich einmal wiederzusehen.

Charlie hatte mich eingeladen, und die Zeit war knapp genug. Aber an die Mosel so ganz ohne Weingutsbesuch? Es juckte mich schon am ganzen Körper. Vielleicht etwas früher mit der Bahn (ich habe kein Auto) anreisen und unterwegs noch schnell einen Sprung zum Winzer machen? Wer bot sich da an? - Erste Wahl war Martin Müllen, verkehrstechnisch sehr günstig am Zielbahnhof Traben-Trarbach gelegen, von Stuart Pigott in seinem letzten Buch als einer von wenigen Moselerzeugern gewürdigt, und im 03er GM als "Aufsteiger" klassifiziert.

Beinahe hätte ich versucht, mit den Müllens für den Samstagmittag einen Termin auszumachen. Aber dann
besann ich mich doch eines Besseren und beschloß, meine Rieslingmanie diesmal etwas im Zaum zu halten.

Mein Freund Charlie ist diplomierter Informatiker und hat sich mit Internetdienstleistungen erfolgreich selbstständig gemacht. Er holte mich vom Bahnhof ab, und nach wenigen Minuten kam es zu folgendem (sinngemäß verkürztem) Gespräch:

"Du, gestern war einer der besten Winzer der Umgegend bei mir. Wir wollen jetzt gemeinsam versuchen, seine
Internetpräsenz zu verbessern!"

"Wie heißt der denn?"

"Martin Müllen. Ich kenne ihn noch gut von früher
her...!

"!!!!!!!"

Das Gespräch endete von Charlies Seite mit: "Ich ruf den Martin mal an!"

Und gestern früh saß ich dann in der Probierstube der Müllens....von wegen Moselabstecher ohne Winzerbesuch ;-)....

Martin Müllen wirkte auf Anhieb äußerst sympathisch und gesprächsoffen. Man merkt, daß er äußerst ehrgeizig ist, aber seinem Ehrgeiz fehlt jegliche Neigung zur Eitelkeit oder zur Arroganz. Alle meine Fragen zur Betriebsphilosophie, zum Ausbau der Weine und zu den Lagen wurden mit viel Geduld und Liebe zur Sache beantwortet.
Das Weingut als solches existiert erst seit 1991. Damals machte sich Martin Müllen selbständig, um seine eigenen Vorstellungen vom Weinbau zu verwirklichen, obwohl sein Vater damals auf dem Kröver Familiengut wohl auch nicht unbedingt miserable Weine produzierte.
Im Gespräch wurde jedenfalls deutlich, daß die qualitätsorientierte Weinbautradition der Familie auch heute noch eine große, bis in die Kellertechnik reichende Rolle spielt.

Ansonsten hat Martin Müllen beim Aufbau seines eigenen Weinguts ganz von vorne angefangen. Ich zitiere aus
Pigotts Buch "Die großen Weissweine Deutschlands" die Sätze von Chris Hermann: "Er ist wirklich ein Ikonoklast, Martin Müllen, er macht alles nach seinen eigenen Vorstellungen, egal was die Welt davon hält......es ist toll, wie sie sich von außen zur
Spitze hocharbeiten, diese Energie und Besessenheit"

Ein Ikonoklast ist Müllen nach meinem Dafürhalten nicht unbedingt. Die Weine haben bei aller Individualität etwas sehr Gebietstypisches, um nicht zu sagen "Klassisches". Es handelt sich um Moselrieslinge, die man anhand der Säure, der
Schieferminaralität und des vergleichsweise leichten Körpers sofort als solche indentifizieren kann. Sie wirken eigenständig, aber sie fallen stilistisch nicht so aus dem Rahmen wie etwa die Weine von Löwenstein
oder Herrenberg.

Müllen arbeitet ausschließlich mit weinbergseigenen Hefen und baut im großen Holzfaß aus. Früher hat er auch mal Versuche mit Reinzuchthefen gemacht, aber Terroir und Spontanvergärung gehören seiner Ansicht nach zusammmen. Die mit Reinzuchthefe vergorenen Weine seien durchaus gut gewesen, aber die letzte Feinheit hätte ihnen gefehlt. Ich erinnere mich an entsprechende Aussagen von Knebel, Gernot Kollmann, Nik Weis, Theo Haart.....und an erbitterte Diskussionen in diesem Forum.....

Die vielen verkosteten Weine kann ich nicht alle im Einzelnen beschreiben, aber besonders beeindruckt
haben mich:

- Kröver Letterlay Riesling Spätlese 1995 halbtrocken

- Trarbacher Hühnerberg Riesling QbA trocken 2002

- Trarbacher Hühnerberg Riesling Eiswein 2001

Der trockene Hühnerberg QbA wirkte noch recht unfertig (Müllens Weine entwickeln sich langsam und sind dafür
entsprechend langlebig), aber man konnte schon sehr gut schmecken, daß er den exzellenten 01er, den wir am Abend zuvor bei Charlie getrunken hatten, vermutlich noch übertreffen wird. Alleine die unglaubliche Mineralität in der Nase hat mich bei beiden Weinen überwältigt.
Der Hühnerberg ist in der preußischen Weinbergskarte von 1897 als Grand Cru klassifiziert, und wenn man Müllens Exemplare probiert, weiß man, warum es sich so verhält. Eigentlich hat der Hühnerberg das Zeug dazu, bei Terroir-Rieslings-Freaks zum Kultwein a lá Calidus Mons oder Uhlen zu avancieren.

Wer hätte gedacht, daß ich alter Kindermörder mir noch mal einen Riesling von 1995 kaufen würde? Die halbtrockene Letterlay wirkte so komplex und gleichzeitig noch so frisch, daß selbst ich nicht widerstehen konnte. Allen Freunden eines älteren
Rieslings sei diese damals mit 10,4% Säure und lediglich 9% Alkohol auf die Flasche gekommene Spätlese dringend empfohlen. Noch kann man diese Synthese von reifer Fülle und grenzenloser Leichtigkeit bei Müllen kaufen.

Beim Eiswein handelte es sich nicht um einen vom Zucker beherrschten, extrem süß-sauren Pappkameraden, sondern um ein glasklares Konzentrat von Aromen. Auch bei diesem Wein ist es Müllen wie bei der 95ger Spätlese halbtrocken gelungen, die Gegensätze zu vereinen. Im Falle des Eisweins geht es nicht um den Dualismus von Fülle und Leichtigkeit, sondern um den
von Fülle und Klarheit.

Alles in allem war das ein Vormittag, an den ich noch lange zurückdenken werde. Großartige Weine, ein äußerst patenter Winzer, intensive Gespräche rund um den M-S-R-Wein - das ist genau der richtige Zunder für das Feuer meiner Rieslingbesessenheit. Die Besuchstunden bei so herzlichen, gesprächsoffenen Winzern wie Manni Loch, Uli Franzen, Gernot Kollmann, Hermann Grumbach und eben Martin Müllen bedeuten fü mich immer wieder das Erlebnis einer Oase inmitten der
tristen Steppe der Alltagszeit.

Beste Grüße

Bernd

P.S.: Martin Müllen war nicht sonderlich begeistert von Sams Bewertung seiner 99ger. Nachdem ich einige dieser Rieslinge probiert habe, kann ich seine Enttäuschung sehr gut nachvollziehen. Entweder waren die Weine damals noch sehr unfertig und unzugänglich, oder Sam hat ausnahmsweise mal einen schlechten Tag erwischt. Der trockenen Spätlese aus dem Kröver
Steffensberg hat Sam 76 Punkte gegeben. Stuart Pigott punktet mit 87 und beschreibt den Wein folgendermaßen:

"Er ist ein sich unaufhörlich veränderndes, kaleidoskopartiges Bild von Blumen und Kräutern mit einer Tiefe, die ich nicht ausloten konnte, obwohl ich vielleicht später, wenn der Wein reifer sein wird, den Boden dieses Teiches mit meiner Fußsspitze gerade werde berühren können."

Noch krasser ist der Unterschied bei der Auslese aus dem Steffensberg. Sams 75 Punkten stehen hier 91 von Pigott gegenüber."


Herzliche Grüße

Bernd

Re: Martin Müllen

Verfasst: Do 11. Jun 2015, 23:01
von Bernd Schulz
Meine letzte Flasche des Müllenschen 011er Spätburgunders aus dem Königsberg wollte ich eigentlich gemeinsam mit Markus und Ralf trinken, aber heute abend hatte ich plötzlich einen unbändigen Pinot-Schmacht und ansonsten tatsächlich keinen einzigen Burgunder mehr im Keller :oops: :

Bild

Ein wirklich eindrucksvoller Roter von der Mosel! Leider ist er inzwischen ausverkauft - ansonsten hätte ich auf jeden Fall ein paar Flaschen nachgeordert! Der Wein wirkt schon ein wenig deutsch, aber mit seiner ausgeprägten Säure und prägnanten Mineralität auch wieder nicht zu deutsch. Er wurde nicht totgeholzt und nicht auf einen übermäßig üppigen Körper mit entsprechend viel Alkohol hingetrimmt. Auf eine charmante Art erinnert er mich an die besten von mir getrunkenen Meyer-Näkel-Spätburgunder aus den 90er Jahren....

Herzliche Grüße

Bernd

Re: Martin Müllen

Verfasst: So 14. Jun 2015, 19:33
von Ralf Gundlach
Der Literwein: 2014 Riesling trocken, saftig, schöne Kräuternoten ( da fällt mir wieder genau ein weshalb ich die Müllenschen Rieslinge früher öfters Richtung Ruwer bei Blindproben gesteckt habe ), Frucht ( Citrus, Mirabelle) spielt die zweite Geige, die Säure ist ausgesprochen fein für einen Literwein, fast spielerisch, das gefällt mir, genau der richtige Alltagswein, auch bezogen auf den monatlichen Etat ;) , 86 Punkte, kostet 6,55 Euro, sprich in der normalen Pulle unter 5 Euro, tolles PLV, ich bin gespannt auf die trockenen Kabis aus 2014

Gruß

Ralf

Re: Martin Müllen

Verfasst: Fr 19. Jun 2015, 18:00
von Ralf Gundlach
Der nächste: 2014 Kröver Paradies Kabinett trocken, zeigt die charmante Art des Paradies, Mirabellen, etwas Pfirsich, Kräuter, mit einer feinen Säure, was einfach erstaunlich ist: er ist saftig und nicht gerade ein schlanker Kabi, und das bei 10% Alkohol, 86 Punkte,
Und: was mir auch schon bei anderen Weingütern aufgefallen ist: trotz vergleichbarer Säurewerte ist die 14er Säure deutlich harmonischer und feiner, seht ihr das auch so??

Gruß

Ralf

Re: Martin Müllen

Verfasst: Di 30. Jun 2015, 22:25
von vinos
Gerade im Glas:

Trarbacher Hühnerberg Riesling Spätlese 2003

Sehr animierende feinkräuterige Nase.
Am Gaumen die pure Eleganz, was für eine Harmonie! Der Wein streichelt förmlich den Gaumen.
Alles absolut perfekt, nicht zu süß, ein Hauch Säure verleiht dem Wein ein schönes Spiel.
Zum Reinlegen. Ich musste mich zwingen nicht am 1.Abend gleich die ganze Flasche zu leeren.
Aber auch heute am 3.Abend unverändert gut.
Vom vermeintlichen Hitzejahrgang nichts zu spüren. Ein großer Wein - Chapeau! 94 VP

Gekauft habe ich den Wein bei Martin Müllen nach dem 1. Forumstreffen von taw.
Muss wohl ziemlich genau 11 Jahre her sein, Kinder wie die Zeit vergeht.

Re: Martin Müllen

Verfasst: Di 14. Jul 2015, 18:47
von Ralf Gundlach
2011 ist für mich der Jahrgang der reinen Trinkfreude, vom Anfang bis zum Ende ;), der 2011 Trarbacher Hühnerberg Kabinett trocken* macht da keine Ausnahme, riecht nach weißen Johannisbeeren, am Gaumen weiße Früchte ( Johannisbeeren und weißer Weinbergspfirsich), mit einem schönen Bitterl a la Pampelmuse, sehr mineralisch, dezente Kräuternoten, die florale Note zeigt sich auch, aber nur dezent, sehr angenehme, aber durchaus spielerische Säure ( ich empfinde diese "spielerischen Noten meistens nur in säurereichen Jahren mit einer reifen Säure), unheimlich dicht, mit viel Extrakt, ich frage mich, ob der nicht immer noch zu jung ist??.. was fehlt ihm noch??...: Eleganz, und Komplexität, trotzdem...er macht auch so Spaß und zeigt sich als Kind des Jahrgangs und hätte auch locker als Spätlese durchgehen können, 88 Punkte, kostete 12,90 Euro Und 2011?? So einen Jahrgang wünsche ich den Winzern und mir öfters :D

Gruß

Ralf

Re: Martin Müllen

Verfasst: Di 11. Aug 2015, 21:37
von Allegro
Heute mal wieder im Glase - als Test, ob die restlichen Flaschen bald weg müssen oder nicht :D :

Weißer Burgunder trocken 2008


Zu meinem Erstaunen ist der Wein immer noch so schön wie vor 1 1/2 Jahren, als er auf den Markt kam ... und das trotz Lagerung in der Wohnung :oops:

Re: Martin Müllen

Verfasst: Fr 4. Sep 2015, 18:53
von Ralf Gundlach
Der macht richtig Spaß: 2012 Kröver Letterlay Spätlese trocken, sehr mineralisch,mit herben Blutorangen (etwas Boytritis?) - und Kräuternoten, feine, harmonische Säure, durchaus kraftvoll und dicht, lang, mit komplexen "Ansätzen" geht in Richtung GG, hier vereint sich Trinkfreude (oder Trinkfluß) mit Anspruch, steht gerade erst am Anfang seiner Entwicklung und wird sicher noch in der Komplexität zulegen, toller Riesling für 12,90 Euro, 90+ Punkte, was ich an den Weinen von Martin Müllen besonders mag ist, dass sie die Stärken des Jahrgangs wiedergeben, und Jahrgänge wie 11 und 12 liebe ich mittlerweile

Gruß

Ralf

Re: Martin Müllen

Verfasst: Mo 7. Sep 2015, 16:53
von Vertigo
War irgendjemand bei der Weinverkostung von Martin Müllen diese Woche und kann etwas über 2014 bei ihm sagen? Vielen Dank für ein kurzes Feedback.