ich war etwas träge und habe in den letzten Monaten über viele, wahnsinnig spannende Altweinproben nicht mehr berichtet. Eigentlich schade.
Aber nach so vielen Jahren begleitender Verkostungsnotizen und der anschließenden Übertragung in den Computer habe ich mich zuletzt mehr auf den puren Genuss der Weine bzw. der Weinabende mit lieben Weinfreunden konzentriert.
Nach dem außergewöhnlichen Weinabend am 12.4.2014 in Bonn, gesponsort durch einen besonders lieben Weinfreund, fühle ich mich dann doch getrieben, meine Eindrücke mal wieder festzuhalten.
Bereits der Empfang auf der Terrasse bei nahezu sommerlichen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein geriet für mich zu einem besonderen, weil völlig unerwarteten Erlebnis. Eigentlich habe ich einen der unsäglichen Champagner erwartet, über den alle anderen so begeistert kommunizieren und bei denen ich dann immer kopfschüttelnd feststellen muss, wieso sollte ich diese überalterte, häufig nach altem Holz schmeckende Brühe, der jede Frische und Lebendigkeit abhanden gekommen ist, mögen müssen. Warum setzen sie mir nicht einen belebenden, fruchtintensiven Sekt vom Raumland, Wilhelmshof oder Kirsten vor?
Aber es geht auch anders. Es kam ins Glas, ein
1993er Oberemmeler Hütte Riesling Spätlese
Weingut von Hövel
Bereits in der Nase springt mich eine feinreife, hochintensive, für Weine von der Saar typische Riesling-Aromatik an, im Mund von mittlerem Körper, eine feinreife Süße und ein ausdrucksstarkes, harmonisches Mundgefühl bringen mich ins Schwärmen obwohl ich nicht wirklich Liebhaber restsüßer Weine bin, ein guter Start, 93 NK Punkte
Danach ging es in die gute Stube. Uns erwartete erstmals die Weinbegleitung des Abends durch ein von einer Profiköchin zubereitetes Menü, das sich über den Verlauf des Abends hinzog. Da war es besser, dies gleich am Wohnzimmertisch zu beginnen und nicht zwischendurch umziehen zu müssen.
Die nachfolgend besprochenen Weine wurden nun endlich (nach Jahren der Lagerung) Ihrer Bestimmung zugeführt. Einige dieser Weine wollte ich schon immer mal probiert haben. Alle Weine wurden blind verkostet. Ausgenommen jeweils 2 Weine, die den einzelnen Teilnehmern im Sinne einer Weinpatenschaft vorangekündigt worden sind. So konnte sich der jeweilige Pate über die Weine im Vorfeld informieren und der Runde etwas über die Weine erzählen. Wie so häufig, spiegelt meine nachfolgend formulierte Extremistenmeinung nicht immer den Durchschnitt der Wahrnehmung der anwesenden Gäste wieder. Bei einzelnen Weinen lag ich doch deutlich unter den von anderen Weinliebhabern aufgerufenen Punkten. So bleibt meine Protokollierung eine durch und durch subjektive Darstellung. In Extremfällen weise ich gezielt darauf hin.
1.
1990 Dom Perignon
Moet et Chandon
Nun kam er doch noch, der unvermeidliche Champagner, die Farbe ging schon ziemlich ins Bräunliche, aus meiner Sicht hat der Korken den Champagner negativ beeinflusst, ein unangenehmer Muffton zieht sich durch, aus meiner Sicht war es aber kein TCA, dennoch keine Wertung möglich, nicht der erste Dom Perignon den man nur dem Ausguss zuführen konnte, schade
2.
1982 Clos St. Hune Riesling
F.E. Trimbach
Goldbraune Farbe, in der Nase sehr schöne, altersfirne Aromatik, ich habe aufgrund einer leichten, Chlor-ähnlichen Aromatik auf einen 1970er aus dem Rheingau getippt, der Jahrgang wies häufiger diesen Ton auf, im Wein leichter bis mittlerer Körper, reifes, aber etwas trocknendes Mundgefühl, aber schöne Säure, ein typische Riesling der mir sehr gut gefällt, hinten heraus etwas kurz, 88 NK Punkte
3.
1996 Chateau Laville Haut-Brion
Graves
Goldbraune Farbe, in der Nase hochreif, leicht maderisiert, erinnert auch etwas an Apfelkompott von hochreifen Äpfeln, im Wein leichter Körper, eigenwillige, reife Frucht, bereits oxidativ, sehr trocken im Ausbau, hat aber eine durchaus präsente aber eindimensionale Säure, recht langer Abgang, aber absolut nicht mein Ding, 81 NK Punkte, hier gab es deutlich andere Wertungen
4.
2001 Bienvenues Batard-Montrachet
Domaine Leflaive
Kräftiges Gelb in der Farbe, in der Nase finde ich eine komplexe aber holzgeschwängerte Frucht, was ich bei einem Weißwein eigentlich eher verabscheue, im Wein von mittlerem Körper, cremig-saftige, komplexe Frucht mit mineralischen Spuren, Nusstöne, reife Birne, sehr langer Abgang, ich muss trotz meiner Vorbehalte zugeben, der Wein hat was, 92 NK Punkte, wenn man weiß, was die Domaine Leflaive im Burgund bedeutet, wird man die Bewertung als lächerlich ansehen, aber ich wusste ja nicht was ich im Glas habe, andere, weniger holzempfindliche Weinfreunde punkten deutlich höher
5.
2005 Clos Saint-Théobald Grand Cru Rangen Gewürztraminer
Bernard et Robert Schoffit, Colmar
Essensbegleiter
Kräftiges Gelb in der Farbe, in der Nase finde ich einen hochintensiven, mir schon zu aufdringlichen Rosenduft, unglaublich expressiv, im Wein von mittlerem bis dichten Körper, hocharomatisch, süß, leicht alkoholisch, deutliche Bittertöne stören die Harmonie, der Gaumen wird gnadenlos belegt, langer Abgang, aber nicht mein Ding, 84 NK Punkte, auch hier gab es eindeutig positivere Sichtweisen
6.
1978 Solaia - Toskana
Antinori
Ziegelrote Farbe mit braunem Rand, in der Nase finde ich ein herrlich reifes, ja fragiles Aroma von Pilzen und Unterholz, die Fruchtkomponenten sind komplett zurückgetreten, für mich einfach nur wunderbar, im Wein leichter bis mittlerer Körper, sehr feine Cabernet-Frucht, reif, abgeschmolzene Tannine, langsam in den Vordergrund vortretende Säure, schöne Balance, mittlere Länge, ein toller Wein der so langsam am Ende seines Weges angekommen zu sein scheint, 89 NK Punkte, für eine höhere Bepunktung mangelt es an Komplexität, das hat aber keinen Einfluss auf den Trinkfluss, der ist grandios, danke an den Gastgeber für dieses schöne Erlebnis
7.
1925 Castillo Ygay Reserva Especial - Rioja
Marques de Murrieta
Ziegelrote Farbe mit rostbraunem Rand, in der Nase fragile, reife Aromen, Mokka und Zimt, im Wein leichter bis mittlerer Körper, hochreife Frucht, mir kommt ein Füllhorn von Aromen entgegen, wieder Unterholz, Pilze, Kaffee und noch viel mehr, schöne Säure, Tannine kein Thema mehr, langer Abgang, 95 NK Punkte, und ich wusste nicht was es war............., Bordeaux ja, aber Rioja?
8.
1994 l’Ermita - Priorat
Alvaro Palacios
Rubinrote Farbe mit leicht braunem Rand, in der Nase finde ich eine wunderschön Frucht von dunkelroten Beeren, nobel gereift, eine Nase zum Träumen, ein Wein von mittlerem Körper, hochintensive, noble Frucht, ein Wein mit Struktur, feinkörnigen Tanninen, einer wunderbar integrierten Säure, dezente Fruchtsüße, langer Abgang, toller Wein, 94 NK Punkte
9.
1996 Pingus - Ribera del Duero
Peter Sisseck
Rubinrote Farbe mit leicht braunem Rand, in der Nase feinreife, unglaublich würzige Frucht, Schokolade-Note, dezenter, nobel wirkender Holzeinsatz, im Wein von mittlerem Körper, saftig-konzentrierte Frucht, und dennoch fein, seidige Tannine, schöne Länge, wird sich noch Jahre halten, 93 NK Punkte (einer meiner beiden Patenweine, d.h. ich habe den Wein bei der Bewertung gekannt, dabei habe ich geglaubt, das ich im meiner Trinker-Karriere keinen mehr in Glas bekommen werde, auch hier mein besonderer Dank an den Gastgeber)
10.
1999 Weissenkirchen Ried Weitenberg Grüner Veltliner Smaragd
Weingut Prager
Essensbegleiter
Kräftiges Gelb in der Farbe, in der Nase sehr feine Frucht von reifen gelben Früchten mit deutlicher Honignote, im Wein von mittlerem Körper, saftige, angenehm gereifte, fein wirkende Frucht, wirkt dennoch frisch, dabei erscheint mir die Säure eher moderat, gute Länge, 90 NK Punkte
11.
1949 Richebourg
Tastevinage Confrérie des Chevaliers du Tastevin
Domaine Jules Belin
Ziegelrote Farbe mit deutlich braunem Rand, in de Nase von ausschließlich reifer Aromatik geprägt, Kaffee, Kakao, Kräuter und ein Hauch Liebstöckel, im Wein leichter bis mittlerer Körper, reife, hochintensive Frucht mit erdiger Grundnote, Leder, Tabak, Würze, reife Tannine, schöne Säure, toller Wein, 95 NK Punkte
12.
1993 Musigny Vieilles Vignes
Domaine Comte de Vogüe
Kirschrote Farbe, in der Nase finde ich eine jugendlich wirkende Kirschfrucht, im Wein leichter bis mittlerer Körper, frisch wirkende Frucht, Kirsche, Himbeere, deutlich mineralisch geprägt, ein Jungwein aus 1993, gute Länge, 92 NK Punkte
13.
1995 Chambertin
Domaine Armand Rousseau
Ziegelrote Farbe mit braunem Rand, in der Nase sehr feine, hochintensive Himbeer-Frucht, und zwar ziemlich deutlich, im Wein von mittlerem Körper, feine, konzentrierte Himbeer-Frucht, sehr schön Säure, feines Spiel am Gaumen, einfach Klasse, gute Länge, erfüllt alle Erwartungen an einen Armand Rousseau, 96 NK Punkte, danke dem Gastgeber für dieses Erlebnis
14.
1988 Cote-Rotie La Mouline
Guigal
In der Nase finde ich eine auf mich abstoßend wirkende, hocharomatische, durchdringend animalische Note mit hoher Stallneigung, im Wein von mittlerem Körper, nicht besonders komplex, auch hier überwiegt die Stallneigung, da gibt es bei mir keinerlei Trinkspaß, einfach nicht mein Ding, die Mehrzahl ist begeistert, ich schüttele nur den Kopf, bin ich nun bescheuert oder alle Anderen, 84 NK Punkte weil es an diesem Abend nur Granaten gibt, für mich gehört das eher in die Kategorie „Weinfehler“ (Anmerkung, nachdem ich vor einigen Jahren noch Fan des Hauses Guigal war, so haben mich in den letzten Monaten einige Beispiele der hochgelobten LaLaLa’s bitter enttäuscht, ich komme gegen diese immer wieder auftretende animalische Entwicklung in den reiferen Jahren nicht an, und da waren 100PP-Punkte-Vertreter dabei)
15.
1982 Granges Hermitage - South Australia
Penfolds
Rubinrote Farbe, in der Nase hochintensive, wunderbar gereifte Frucht geprägt von Eukalyptus-Minze, im Wein mittlerer bis dichter Körper, feste, saftige Frucht, wieder Minze, mürbe Tannine, gut integrierte Säure, unglaublich nachhaltiges Mundgefühl, tief, lang, toll, 97 NK Punkte (mein Patenwein, d.h. ich wusste was es war, ändert aber nichts, hätte mir auch blind so gefallen)
16.
1999 Pommard Grand Clos des Epenots 1er Cru
Domaine de Courcel
Essensbegleiter
Rubinrote Farbe, verhaltene, aber sehr sauber rüberkommende Kirschfrucht, im Wein von mittlerem Körper, feste, leicht ruppige Frucht, eckige Tannine, kräftige Säure, passable Länge, es mangelt dem Wein im derzeitigen Zustand an Balance, an Harmonie, aber er ist interessant und hat noch Entwicklungspotential mit weiterer Flaschenreife, als Essensbegleiter aber auch jetzt schon sehr gut geeignet, 85+ NK Punkte
17.
1999 Volnay Santenots du Milieu 1er Cru
Domaine des Comtes Lafon
Essensbegleiter
Rubinrote Farbe, in der Nase feine, saubere Kirschfrucht, jugendlich, wirkt noch sehr frisch, im Wein von mittlerem Körper, saftig-frische Frucht, angenehm zugängliche Tannin-Struktur, ausreichend gute Säure-Mitte, passable Länge, zugänglicher als der Vorgänger und für meinen Geschmack auch solo zu genießen, 88 NK Punkte
18.
1990 Château Montelena Cabernet Sauvignon Reserve
Napa Valley
Kräftiges, tiefes Rot in der Farbe, in der Nase würzig, präsent mit leichter Holzdominanz, im Wein von mittlerem Körper, feste, straffe, etwas zu tanningeprägte Frucht, auch die Säure steht etwas neben dem Wein, der Wein wirkt etwas zu ruppig, kantig, hat aber die Anlagen in 10 Jahren aufzublühen, ordentliche Länge, 90+ NK Punkte
19.
1994 Cabernet Sauvignon Reserve
Pride Mountain Vineyards
Napa Valley
Kräftiges, tiefes Rot in der Farbe, in der Nase dunkel und tiefgründig, dunkelrote Beeren, aber auch hier ist das Holz zu vordergründig, im Wein feste, etwas tanninbetonte Frucht, kräftige Säure, wirkt unfertig, zu viele Ecken und Kanten, auch dieser Wein braucht Reifezeit, gute Länge, in dieser Form nur 86+ NK Punkte
20.
1959 Château Gruaud Larose
Saint-Julien
Kork
21.
1989 Château La Mission Haut-Brion
Graves
In der Nase dunkel und verschlossen, im Wein von mittlerem Körper, etwas spröde, säurebetonte Frucht, sauber aber unzugänglich, keinerlei Charme, passable Länge, 84 NK Punkte, ich stand mit dieser Meinung mit Sicherheit mal wieder alleine da
22.
1989 Château Haut-Brion
Graves
In der Nase einfach nur schwierig, weil stallig, es stellt sich keinerlei Lust ein, im Wein von mittlerem Körper, unangenehm stallig-animalisch, reife Tannine, aber kein Charme, die Säure ist ok, passable Länge, 83 NK Punkte, nach Offenlegung bin ich doch ziemlich entsetzt, andere haben weniger Schwierigkeiten mit diesem Wein
23.
1983 Château d’Yquem
Sauternes
0,7l
Ich bin nie ein uneingeschränkter Fan des Sauternes gewesen, die Probe steinalter Sauternes in der Schweiz hat mich aber Demut gelehrt, wenn man keine Ahnung hat, soll man die Klappe halten, bei diesem Wein finde ich eine hochintensive, botrytisorientierte, etwas breit rüberkommende Frucht, reif, komplex, aber auch mit unverkennbarem Bitterton, das geht besser, natürlich sehr langer Abgang, hohe Viskosität im Glas zu erkennen, bei mir 94 NK Punkte
24.
2009 Westhofener Brunnenhäuschen Abtserde Riesling TBA
Versteigerungswein
Weingut Klaus Keller
0,375l
einfach nur genial in seiner Textur, seiner Intensität, seiner Lebendigkeit, herrlicher Trinkfluss, der einzige Mangel war die Flaschengröße, 99 NK Punkte, erneut DANKE dem großzügigen Gastgeber, lieber Klaus-Peter Keller: solltest du das wider Erwarten lesen, Du stehst Deinem Vater Klaus bei den Süßweinen in nichts nach
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Menüplan:
Parmesanhörnchen/Guacamole
Jacobsmuschel/Spinatnudeln/Kurkuma/Ingwer
Seeteufel/Spargel/Süßkartoffeln
Wildschwein/Belugalinsen/Walnüsse/Rosmarin/Kartoffeln
Weißes Schokoladen-Parfait/Edelschimmelkäse
Es ist einfach nur schön, wenn auch der Gastgeber mal Zeit findet, die von ihm angestellten Weine „in Ruhe“ zu genießen, da er von den Aufgaben der Herdplatte befreit war. Aber letztlich sicher kein preiswertes Vergnügen.
Wir fühlten uns wie in einem guten Feinschmecker-Restaurant.
Fazit:
Ein wunderschöner Abend mit einer Vielzahl von Weinen die ich schon immer mal probieren wollte, aber aufgrund der ambitionierten Preise dann doch zurückgeschreckt bin.
Dass mir trotz hoher Parker und/oder Gabriel-Punkte nicht alles gefallen hat, empfinde ich mittlerweile als normal. Letztlich bleibt jede Weinreise mit reiferen Weinen ein Abenteuer. So soll es doch auch sein. Sonst wäre es langweilig. Meine Favoriten werden recht eindeutig über die Punkte herausgehoben. Die größte Überraschung war für mich der 1925er Castillo Ygay. Sensationell. Da muss sich Herr Palacios doch noch anstrengen.

Gruß aus Oberhausen
Norbert