Danke für den Link, persönlich glaube ich aber nicht, dass das - wie vom Autor zumindest teilweise vermutet - mit der Kellertechnik zusammenhängt. Das ist meiner Einschätzung nach einfach dem Zeitgeist geschuldet mit steigendem Gesundheitsbewusstsein und Ablehnung des Kontrollverlustes durch den Alkohol. So wie noch vor einigen Jahrzehnten ein Raucher als "cool" oder stark angesehen wurde, inzwischen aber eher als bedauernswerter Suchtkranker.
Ich glaube nicht, dass die Winzer hier viel dagegen machen können - außer ganz neue (alkoholreduzierte oder -freie) Produkte zu produzieren. Aber da stehen sie halt auch in Konkurrenz zu vielen anderen innovativen Anbietern, die keine Trauben dafür brauchen ...
Grüße
Gerald
Flächenstillegung auch in Deutschland?
Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
stimmt, Gerald, und das Résumé scheint mir etwas aufgepropft über die Kellerkritik hinausgehen zu wollen. Eingespielte Gepflogenheiten wie immer höhere, zweifelhafte Bewertungen (wir probierten gerade einen angeblichen 100-Punkte-Salwey, der uns maximal 88 wert war) und Preise machen es einem neuen distanzierten Publikum umso leichter, Wein zu verschmähen (muss ich wirklich etwas für meine sensorische Bildung tun, damit mir endlich auch die teuren Weine schmecken? ). Was Reinhardt andeutet, ist ja, als ob sich über Jahre eine große PR-Wolke gebildet habe, an der viele gerne teilhatten, wobei aber die Produkte zu opportunistisch und die langfristigen Bedürfnisse der Kunden zu wenig berücksichtigt wurden. Sonst hätte es vielleicht keine so abrupte Entfremdung gegeben.
Gruß, Kle
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Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Ja klar, nur glaube ich gar nicht, dass für den Gesamtmarkt die geschmacklichen Details überhaupt so relevant sind, viele Konsumenten haben sicherlich aus "Tradition" und teilweise aufgrund der Wirkung des Alkohols Wein getrunken. Dazu wurde man vor nicht allzu langer Zeit noch schief angesehen, wenn man das Gläschen Sekt trotz nachvollziehbarer Begründung ("muss noch Autofahren") abgelehnt hat. Oder wie beim Wachauer Weinfrühling vor ca. 20 Jahren einige Winzer sich geweigert haben, Spucknäpfe zur Verfügung zu stellen - "der ausgeschenkte Wein gehört bitte getrunken, nicht gespuckt"
Jetzt hat sich die gesellschaftliche Einstellung eben geändert, und das kann sicherlich sehr schnell gehen, wenn die Voraussetzungen stimmen (man denke an die Geschichten, wo betrunkene Jugendliche von ihren Freunden gefilmt wurden und das Video ins Internet gestellt wurde - was sie vielleicht ihr ganzes Leben verfolgen wird). Ich glaube auch nicht, dass sich diese Tendenz so schnell wieder umkehren wird.
Grüße
Gerald
Jetzt hat sich die gesellschaftliche Einstellung eben geändert, und das kann sicherlich sehr schnell gehen, wenn die Voraussetzungen stimmen (man denke an die Geschichten, wo betrunkene Jugendliche von ihren Freunden gefilmt wurden und das Video ins Internet gestellt wurde - was sie vielleicht ihr ganzes Leben verfolgen wird). Ich glaube auch nicht, dass sich diese Tendenz so schnell wieder umkehren wird.
Grüße
Gerald
Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Was Reinhardt da schreibt, hat sehr viel mit Selbstbespiegelung zu tun und sehr wenig mit den Realitäten im Gesamtmarkt.Kle hat geschrieben: ↑Sa 14. Mär 2026, 13:34 Was Reinhardt andeutet, ist ja, als ob sich über Jahre eine große PR-Wolke gebildet habe, an der viele gerne teilhatten, wobei aber die Produkte zu opportunistisch und die langfristigen Bedürfnisse der Kunden zu wenig berücksichtigt wurden. Sonst hätte es vielleicht keine so abrupte Entfremdung gegeben.
Otto Normalweintrinker kommt mit den von Reinhardt beschriebenen und kritisierten modernen, "phenolischen" Weißweinen ja niemals in Kontakt, und der interessiert sich auch nicht für irgendwelche Parker- / Suckling- / Sonstwer- Bewertungen. Der kauft seinen Wein im Supermarkt oder Discounter (da gehen in Deutschland volumenmäßig nach wie vor zwei von drei Flaschen über die Kasse) oder auch mal beim lokalen Weinhändler oder direkt beim Winzer seines Vertrauens, gibt aber dort nur selten viel mehr als 10 Euro pro Flasche aus. Der ganze GG-Zirkus und die Bewertungen von Profis bespielen eine Nische für interessierte Nerds. Für den Weinmarkt insgesamt ist das irrelevant, und wenn es Flächenstillegungen in größerem Umfang gibt, hat das mit dieser Randerscheinung wenig bis nichts zu tun.
Ich sehe das wie Gerald: wir erleben gerade bei jungen Leuten eine fundamentale Änderung im Umgang mit Alkohol. Die Folgen davon beginnen sich gerade erst abzuzeichnen.
Gruß
Ulli
Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
… es muss allerdings nicht immer um den Gesamtmarkt gehen, auch die Nische ist ein Wert. Sie wäre von Erscheinungen wie Reinhardt sie beschreibt wohl eher betroffen. Mir fällt da sofort die Entwicklung von HL ein, auch wenn es andere Gründe gab. Nur wahrscheinlich nicht entscheidend das Gesundheitsbewusstsein der Kunden.
Gruß, Kle
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- Gerald
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Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Bei der High-End-Nische ist die Situation vielleicht ein bisschen anders. Immer mehr Weingüter bringen hochpreisige Weine auf den Markt, das muss ja auch jemand kaufen, oder? Vielleicht ist das so wie sonst mit der allgemeinen "Spaltung" der Gesellschaft, also wo die Mittelschicht verschwindet und die Reichen immer reicher werden, aber aber immer größerer Teil der Bevölkerung sich das tägliche Leben kaum mehr leisten kann. Also ein kleiner Teil, der sich sehr für Wein interessiert und auch bereit ist, dreistellige Beträge pro Flasche oder so auszugeben.
Aber wie dem auch sei, es wird auf jeden Fall massive Änderungen in der Weinbaulandschaft geben müssen, so wie bisher wird es nicht bleiben. Manche Betriebe werden sich gut anpassen können und die Herausforderungen meistern, vielleicht sogar von der Krise profitieren. Andere (die Mehrheit?) werden wohl früher oder später aufgeben.
Grüße
Gerald
Aber wie dem auch sei, es wird auf jeden Fall massive Änderungen in der Weinbaulandschaft geben müssen, so wie bisher wird es nicht bleiben. Manche Betriebe werden sich gut anpassen können und die Herausforderungen meistern, vielleicht sogar von der Krise profitieren. Andere (die Mehrheit?) werden wohl früher oder später aufgeben.
Grüße
Gerald
Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Ja, sicher. Ich lebe ja auch in dieser Nische
Aber der Titel dieses Threads ist halt "Flächenstillegung auch in Deutschland?", und da gehen seriöse Schätzungen davon aus, dass bis Ende des nächsten Jahrzehnts ein knappes Drittel der deutschen Rebfläche stillgelegt werden muss, um Produktion und Konsum in Übereinstimmung zu bringen. Das entpricht im langjährigen Mittel einer Produktion von rund 400 Millionen Flaschen Wein pro Jahr. Da spielen die etwa 1,2 Millionen Flaschen VDP-GG gar keine Rolle, selbst wenn man berücksichtigt, dass manche Nicht-VDP-Winzer die als Modell für ihre Premiumweine betrachten. Da landet man am Ende immer noch bei weniger als 1% der deutschen Weinproduktion.
Manchmal ist es ganz gut, sich darüber bewusst zu werden, wie eng die Nische ist, in der man sich bewegt.
Gruß
Ulli
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Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
...der Mensch hält ja mehrheitlich doch gerne an dem fest, wie's grade ist, Veränderungen sind den meisten dann ja doch eher obskur. Dabei ist die Welt ständig in Veränderung, wenn was mehr wird, ist's meistens gut, wenn was weniger wird, wird's häufig als schlecht angesehen. Vor allem natürlich, wenn's das eigene Wirken angeht. Aber wer da jammert, hat aus meiner Sicht von vornherein verloren. Wenn's in diesem, auch insgesamt sehr kleinen Teil unserer Kultur jetzt abwärts geht, wird's in dem Konsolidierungsprozeß natürlich auch Verlierer geben, nicht anders als in anderen Branchen, in denen es nicht nur beständig aufwärts, sondern auch mal abwärts geht. Die vermeintlichen Verlierer machen dann halt hoffentlich was anderes, vielleicht sogar mit Gewinn. Und auch mit 70.000 ha Rebfläche wird's genug lecker Zeuch für jedermanns Geschmack geben. Wobei ich mal vermute, daß im low-level-Bereich mehr Federn gelassen werden (vielleicht 35...40 % ?) als in den besseren Lagen (10...20 % ?).
Wie's auch immer kommen mag, ich sehe das insgesamt viel weniger dramatisch, als große Teile der Weinwelt das aktuell in dunkelsten Farben darstellen, da gibt's in D und auf der Welt schwerwiegendere Entwicklungen...
Wie's auch immer kommen mag, ich sehe das insgesamt viel weniger dramatisch, als große Teile der Weinwelt das aktuell in dunkelsten Farben darstellen, da gibt's in D und auf der Welt schwerwiegendere Entwicklungen...
Viele Grüße
Erich
Nicht was lebendig, kraftvoll, sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine ist's
DAS EWIG GESTRIGE
was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.
https://ec1962.wordpress.com/
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Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Das Problem ist leider vielschichtig. Gerade kleine Betriebe hatten den Verkauf ihrer Flächen als Rentenbestandteil gesehen. Jetzt sehen sie, dass keiner die z.T. über Generationen im Familienbesitz gehörenden Flächen kaufen mag.
Viele Grüße
Thomas
Thomas
Re: Flächenstillegung auch in Deutschland?
Dummerweise könnte es genau in die entgegengesetzte Richtung laufen. In einem Parallelthread hatte ich geschrieben:
Der dahinter stehende Mechanismus ist leicht zu verstehen. Im Weinbau ist die menschliche Arbeitskraft der zentrale Kostenfaktor, und die mehrfache Anhebung des Mindestlohns in kurzer Zeit, der ja auch für Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa gilt, hat die Bedeutung dieses Faktors noch einmal verschärft. Da haben Lagen, in denen die Arbeit weitgehend oder sogar fast vollständig mechanisierbar ist, wirtschaftlich gesehen einen ganz klaren Vorteil gegenüber Steillagen, die vorwiegend oder sogar ganz händisch bearbeitet werden müssen.In der hiesigen Lokalpresse war vor Kurzem ein längerer und gut recherchierter Artikel über die Situation des Weinbaus in Württemberg erschienen. Hier geht die bewirtschaftete Fläche seit einigen Jahren zurück, aber dummerweise nicht in den maschinell und einfach zu bewirtschafteten Flachlagen, sondern in den Kleinterrassen in den Steillagen entlang des Neckar, die dort nicht nur das Landschaftsbild prägen, sondern auch das größte Qualitätspotential haben.
Jetzt kann man natürlich sagen, dass die Spitzenbetriebe für ihre Weine aus den Steillagen auch genügend Geld bekommen, um wirtschaftlich auskömmlich arbeiten zu können. Aber das greift zu kurz. Es gibt nur sehr wenige ertklassige Lagen, die ausschließlich oder wenigstens zum überwiegenden Teil von Spitzenbetrieben bewirtschaftet werden. Da besitzen in aller Regel auch kleinere und unbekannte Betriebe größere Anteile, und mit dem, was die für ihre Weine bekommen, betreiben die schon jetzt Selbstausbeutung. Wenn die aufgeben, beginnt eine fatale Abwärtsspirale. Denn die Kosten für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur in den Steillagen - Wege und Straßen, Stützmauern, Pflege und Freihaltung von Entwässerungssystemen - bleibt bei denen hängen, die da noch wirtschaften, was den Kostendruck weiter erhöht und noch mehr Betriebe zum Aufgeben bringt, und am Ende ist der Unterhalt der verbliebenen Parzellen für niemanden mehr bezahlbar.
Die Weinbauverbände haben dieses Problem klar erkannt und rufen nach staatlicher Unterstützung zur Aufrechterhaltung des Steillagenweinbaus. Ob sie die bekommen, ist in Zeiten leerer Kassen fraglich.
Gruß
Ulli