Beaujolais

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Alas
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Re: Beaujolais

Beitrag von Alas »

Hallo Ole!
Ole hat geschrieben:vom weltweiten Einheitsbrei abhebt
Den ganzen Tag über heute habe ich mich gefragt, was darunter zu verstehen ist. Würdest du bitte schreiben, was du damit meinst.

Gruß

Alas
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

innauen hat geschrieben:10) Beaujolais ist nicht everybodys Darling.

Die Flasche Morgon von Bouland 2010 (VKN unten), die ich heute an einen Tisch von vier Personen gestellt habe, darf ich allein bewerten. Die Mehrheit nippt davon, schweigt höflich und beginnt den Raum nach anderen möglichen Flaschen abzusuchen. Liegt es an der fehlenden Erfahrung? Suchen meine Mittrinker bekannte Aromen von Holz, Vanille, dunklen Früchten? Dann werden sie bei Beaujolais sicher nicht spontan fündig. Aber abschließend kann ich diese Frage noch nicht beantworten.
10 stimmt sicherlich, ist aber auch Gewöhnungssache. Da ich 8 von 10 Flaschen Wein zum Essen trinke und die Hälfte der 8 zu einer einfachen Brotzeit, stelle ich fest, dass ich auf der Rotweinseite bevorzugt leichtere Weine trinke: Gamay steht bei mir ganz vorne, Trousseau, Poulsard, Mondeuse, Pinot Noir natürlich, aber auch eine Rioja Crianza oder ein einfacherer Chianti funktionieren dafür gut. Beaujolais, auch die meisten Crus, sollen gar nicht die Funktion der Rotweine mit viel "Substanz" erfüllen. Das sagen auch die Winzer vor Ort.
innauen hat geschrieben:11) Kein einfaches Kombinieren mit Speisen.
Ich finde, dass man Beaujolais gerade sehr gut zu vielen Gerichten - gerade Alltagsgerichten - kombinieren kann. Die Lyoner Bistroküche ist natürlich der klassische Sparringspartner: trockene oder gekochte Würste, Kartoffelsalat, Innereien, Schweinefüße mit Linsen, Kalbskopf, Terrinen und Patés aller Art, etc. Aber auch zu einem nicht zu scharf angebratenen Rindersteak mit Pfeffersauce passt ein gehaltvollerer Beaujolais hervorragend. Oder zu einem Klassiker der schwäbischen Küche: Seitenwürschtle mit Linsen und Spätzle. Und natürlich zur normalen Brotzeit mit diversen Würsten, Schinken und Käsen. Das sind vielleicht alles keine Traumkombinationen, aber als "Durstlöscher" sind Weine von der südlichen Rhône, schwere spanische Rotweine oder zu feine Weine m.E. einfach nicht geeignet, Beaujolais dagegen schon.
Beste Grüße, Stephan
Ole
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Re: Beaujolais

Beitrag von Ole »

Tja, Alas, da hab ich Dir also einen nachdenklichen Tag beschert! Ist doch eigentlich nicht schlimm. – Okay, das mit dem "Einheitsbrei" war vielleicht ’n bißchen zu salopp aus der Hüfte geschossen – aber: Ich meine, eine Tendenz zur Vereinheitlichung der Weine/des Weins festzustellen. Weltweit gibt’s da ein Streben, die europäischen Großen, die Traditionsgranden nachzuahmen, einzuholen, gar zu übertreffen. Die nördliche und südliche Rhone, Burgund und Bordeaux sind u. a. die Maßstäbe. Sei es Übersee oder Europa – überall wird Wein, um nur den Fall herauszugreifen, im Bordeauxstil produziert – selbst in Gebieten mit eigenem ausgeprägten Weinbewußtsein wie der Toskana – oder eben auch in Gebieten, deren ursprüngliche Weine meilenweit vom Bordeaux entfernt sind wie etwa Deutschland usw. usw. Siehe auch die Ausbreitung des Chardonnay, einer edlen Rebe, die tot geritten wird, die’s nun an jeder Ecke gibt als Schatten ihrer selbst, so daß es zu dem Schnack ABC ('Anything But Chardonnay') kommen konnte. Überspitzt könnte man sagen, das Spektrum der konsumierten Weine ist auf ganz wenige Weintypen zusammengeschmolzen – und selbst den Riesling-GGs sagt man nach, sie würden immer einförmiger und sähen sich im Stil immer ähnlicher. (Das hat natürlich Gründe, über die ich hier nicht reden will.) Der Beaujolais (wie u. a. einige andere oben schon von Stephan erwähnten Weine) scheren da aus und wahren ihre Identität, haben eine eigene Kontur und – sind offenbar unnachahmlich! Daher (und wegen der begrenzten Menge) auch weniger bekannt, weniger vertraut. Und wenn man von 'terroir' reden will, hier wäre es am Platz, denn die Gamays aus Savoyen, aus der Auvergne oder von der Loire kommen allesamt zu jeweils ganz anderen (m. E. weit weniger interessanten) Ergebnissen als die aus dem Beaujolais. Letztere sind durchaus individuell unterschiedlich, sie tragen aber deutlich die Merkmale ihrer Herkunft. Und sie weichen deutlich von main-stream-Weinen ab.
Und das, so scheint mir, ist einer der Gründe, warum der Beaujolais nicht everybody’s darling ist. Wenn man halt mit ganz anderen, eher populären, weil in großer Menge zugänglichen Weinen sozialisiert ist, befremdet der Beaujolais mit seiner gewissen Sprödigkeit, der gewöhnungsbedürftigen Säure usw. Umgekehrt empfinden etwa Sherrysozialisierte ein Riesling-GG als Limonade. Denn: Woher kommen unsere Maßstäbe? Nicht vom lieben Gott, sind nicht a priori da! Unsere Maßstäbe kommen aus der Erfahrung! Und unsere Weinmaßstäbe entstammen entsprechend unserer Wein(trink)erfahrung.
Ich finde auch, um den Rundschlag zu beenden, daß der Beaujolais ein hervorragender Essensbegleiter ist, er paßt praktisch zu allen Fleischgerichten, namentlich zu den von Stephan genannten, die ich noch durch Cassoulet, Gulasch und Couscous ergänzen möchte. Und selbst neben einer gebackenen Gans macht ein anständiger Morgon oder Moulin-à-Vent eine gute Figur! Und wer zu Bratfisch etwa einen frischen Regnié oder Chiroubles trinkt, tut nichts Unpassendes, sondern beweist nur, daß er einen eigenen und exquisiten Geschmack hat.
Ole
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Alas
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Re: Beaujolais

Beitrag von Alas »

Grüß dich Ole!

Danke für deine ausführliche Erklärung. Da das aber hier etwas Off-Topic ist, fasse ich meine Replik kurz.
Ich denke die Sache mit dem 'Einheitsbrei' ist eine Frage des Sichtpunktes und welche Blumen ich mir in die Vase stelle. Wenn ich mir immer nur Astern kaufe... Nun habe ich (vielleicht) das Glück keine Wein-Sozialisation erhalten zu haben und die großen Entdecker-Stiefel an. Mein derzeitiger Weinhändler hat Weine von mehr als 50 Rebsorten im Angebot und darüber hinaus probiere ich auch Exoten, wie Wein von Direktträger-Reben, Orange-Weine, usw.. Also habe ich auch keinen 'Einheitsbrei'.
Aber zurück zum Thema dieses Threads: Mir fällt auf, das hier hauptsächlich Weine von kleineren Produzenten verkostet werden. Was ist mit den größeren Produzenten?: Georges Duboeuf, Joseph Drouhin und Louis Jadot?
Sind die Weine schlecht? Oder passen die irgendwie nicht zum Image?

Mit gutem Gruß

Alas
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Weinbertl
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Re: Beaujolais

Beitrag von Weinbertl »

hallo,

gestern im Glas: 2011 Brouilly, Jean-Paul Dubost

(Angaben laut Händler: maceration carbonique f. 10-12 Tage, Malo, danach weiterer Ausbau in Edelstahl und Beton)

in der Nase eigenwilliger Mix aus Erdbeere, Gummi und Rauch. Am Gaumen wieder etwas Gummi aber auch Baccon, Eisen und herbe rote Frucht. Eine sehr ungewöhnliche Aromenmischung. Die Säure ist präsent, scheint reif zu sein, Tannine praktisch nicht wahrnehmbar (was bei diesem Weintyp ja nichts ungewöhnliches ist), Abgang eher dünn und von knapp mittlerer Länge. 15 P.

Der Wein scheint voll da zu sein, hat sich aber im großen Burgunderglas (Zalto) nicht recht wohl gefühlt, da ist er eher untergegangen.

Hm, schwierige Angelegenheit. Einerseits eine interessante Erfahrung, da definitiv eigenständig, andererseits aber nicht wirklich begeisternd oder nachkaufreizauslösend. Ich habe schon lange keine Beaujolais Cru mehr getrunken, das war seit Jahren wieder der Erste. Ich werde mal ein paar andere Sachen probieren und weitersehen.
Grüße
Robert
Ole
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Re: Beaujolais

Beitrag von Ole »

Klar, Vielfalt findet man schon, wenn man denn will. Die Frage ist allerdings, ob heutzutage nicht generell eine Tendenz zum main-stream-Geschmack existiert, zum allseits gemochten, auch international kompatiblen Wein gefördert wird – u. a. durch die mit gigantischen Quantitäten aufwartende Weinindustrie aus Übersee. Wie dem auch sei, in die Entdeckerstiefel steigen, das heißt doch nichts anderes, als sich in Sachen Wein zu sozialisieren – und da wird man dann seine Lieblinge finden, die sich übrigens ändern können, und die bilden dann den Maßstab für andere Weine, (verkürzt gesagt). Etwa, wer auf 'milde' Weine eingestimmt ist, wird wahrscheinlich bzw. zwangsläufig bei einem Champagner ohne Dosage das Gesicht verziehen.
Ja, in der Tat, die interessanten Beaujolais stammen sämtlich von kleinen und kleinsten Erzeugern. Da muß man nicht selten betteln, um ein paar Flaschen zu ergattern! Mit Drouhin-Beaujolais hab ich keinerlei Erfahrung, hab auch so gut wie nie etwas über die gehört, denke, der spielt eher auf dem Feld der einfachen Qualitäten. Duboeuf-Beaujolais hatte ich früher des öfteren im Glas, die sind ganz angenehm, fruchtig-blumig, wenn sie jung sind, dann hat der noch Winzer-Lagen-Weine, bei denen nicht klar ist, ob er die Originalweine eines Winzers nur vermarktet oder ob er eigenen Senf dazu tut. Kauft er lediglich den Most und baut ihn aus oder übernimmt er den vom Winzers komplett gestalteten Wein? Jedenfalls sind seine Weine nix für eine längere Lagerung. Bei einer Verkostung von gut 20 Morgons aus dem jahre 2005 fiel der Duboeufsche, obwohl von der RdV ordentlich bewertet, komplett durch, er endete auf dem letzten Platz – völlig müde und leer – im Alter von fünf Jahren! Bei 22 Millionen (!) Flaschen, die er jährlich produziert, können die Weine halt auch nicht so sein wie bei Erzeugern, die jeden Rebstock und jede Flasche persönlich kennen, wie etwa D. Bouland oder Chignard mit ihren je 40 000 Flaschen, ganz zu schweigen vom 'Clos de MEZ', der ganze 9000 Flaschen produziert. Jadot gehört zwar zu den big playern, aber seine Beaujolais vom Château des Jacques, insbesondere die Moulin-à-Vents gibt’s nur in geringfügigen Mengen, qualitätsmäßig sind sie jedoch allererste Sahne.
Ole
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Alas hat geschrieben:Mir fällt auf, das hier hauptsächlich Weine von kleineren Produzenten verkostet werden. Was ist mit den größeren Produzenten?: Georges Duboeuf, Joseph Drouhin und Louis Jadot?
Sind die Weine schlecht? Oder passen die irgendwie nicht zum Image?
Was für ein Image?

Louis Jadot/Château des Jacques erzeugen hervorragende Moulin-à-Vents, wie Ole schon sagt. Einen Drouhin Beaujolais habe ich noch nie irgendwo gesehen. Getrunken habe ich mal im Restaurant einen Fleurie von Faiveley, der ordentlich war, den ich aber nicht suchen muss. Von Mommesin hatte ich auch mal einen Wein, es war glaube ich ein Morgon, für den das Gleiche gilt wie für den Faiveley Fleurie. Ob man etwas von Georges Dubeouf trinkt, ist ja nie so ganz ersichtlich, da die Firma alle möglichen Domaine Namen für die Weine verwendet. Mehrmals getrunken habe ich Duboeuf Beaujolais Nouveau. Naja, darüber muss man nicht viel Worte verlieren.

Mein Eindruck ist, dass mit Ausnahme von Loron (viele eigene Weine) und Jadot/Château des Jacques die Beaujolais der Négociants aus dem Burgund hauptsächlich für die Gastronomie und manchmal noch für die Supermärkte produziert werden. Da es unglaublich viele gute kleine, handwerklich arbeitende Betriebe im Beaujolais gibt, fällt mir gerade kein plausibler Grund ein, warum ich (es sei denn, nur die sind verfügbar) auf die Beaujolais der ganz großen Erzeuger oder Négociants zurückgreifen sollte. Das kann sich mit der Zeit ändern, im Burgund sind Firmen wie Bouchard oder Faiveley nicht nur für die Weine aus ihren eigenen Weinbergen, sondern auch für die aus zugekauften Trauben bekannt und geschätzt. Aber im Beaujolais scheint mir die Qualitätsoffensive bei den Négociants noch nicht so stark angekommen zu sein. Nach allem scheint es hauptsächlich darauf anzukommen, in großer Stückzahl saubere Weine auf die Flasche zu ziehen, was per se nicht Schlechtes ist, bei individuelleren Alternativen aber letztere für mich vorzugswürdig macht.
Beste Grüße, Stephan
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innauen
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Re: Beaujolais

Beitrag von innauen »

Hallo,

Apropos Negociants. Hat jemand schon einmal einen Beaujolais von Ferraud im Glas gehabt? Ich habe hier einen Regnie 2009 von P. Ferraud & Fils, Cuvee Antoine Ferraud. Ferraud ist ein Abfüller. Beim Kreuzberger Händler stand noch eine ordentliche Anzahl Weine aus diversen Anbaugebieten des Burgundes herum. Aber diese Cuvee scheint dem Namen nach von einem Weinacker im Eigenbesitz zu stammen. Ehrlich gesagt habe ich mir gedacht, dass man beim Jahrgang 2009 nicht viel falsch machen kann. Kostenpunkt im Missfallensfall: 12 Euro.

Grüße,

Wolf
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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octopussy
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Re: Beaujolais

Beitrag von octopussy »

Noch nie gehört, aber ich bin gespannt, wie er dir schmeckt.
Beste Grüße, Stephan
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innauen
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Re: Beaujolais

Beitrag von innauen »

Man findet auch kaum etwas im Internet zu dem Wein, Stephan. Gleichwohl: Hat sich gelohnt. Keine Wuchtbrumme, aber der gute Jahrgang macht einfach verdammt viel möglich:

Bild

Grüße,

wolf
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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