Re: Bordeaux 2025
Verfasst: Mi 13. Mai 2026, 10:46
vanvelsen hat geschrieben: ↑Di 12. Mai 2026, 23:29 Hi Ollie
ich frage mich gerade wo/wie du die Weine verkosten konntest, dass es so arge Abweichungen gibt in den Bewertungen... Ich mag deine straigh forward Texte wirklich, sehr beschwingt... Aber Laroque, Pavie M., Croix Labrie, GCD, Berliquet, TSC... alle mehr als sehr gut, ohne jegliche Zweifel... Valandraud Holz Monster??? Ja, das war mal, aber gerade 2025 eben nicht... Ich frage mich gerade ob die "Profis" was anderes im Glas haben als Ollie? Ich spreche hier nicht über 2 3 Punkte hoch oder runter aber "keine Bewertung" oder 89-91 für solche Weine klingt nach richtig schlechten Verkostungsbedingungen.
Nix für Ungut.
Cheers Adrian
Hi Adrian,
vielen Dank für deine Nachfrage, und keine Sorge, ich nehme dir das nicht krumm, denn ich selbst habe mir diese Fragen die ganze Zeit natürlich auch gestellt, denn es sind gute Fragen. Leider habe ich nur zwei plausible Antworten gefunden: der Wein ist Schuld, oder der Ollie, und beide sind nicht sonderlich hilfreich für Dritte (auch wenn eine davon befriedigend ist).
Schauen wir mal, wie weit wir kommen. Etw am Beispiel Phélan-Ségur (PS): zwei Mal verkostet, im Hangar 14 und auf Lynch-Bages. (Kurze Kontextualisierung: Reihum jedes Château hostet mal eine thematische Sammelverkostung; auf LB war das Thema Pauillac und St-Estèphe.) Beide Male war der Wein mau und Lafon-Rochet besser (ja, ich habe auch den Kopf geschüttelt). Ich mag PS wirklich sehr, ist unser "Familien-St-Estèphe", der 22er war mein sozusagen "Inselwein". Aber den 25er habe ich nicht begriffen.
Lag das nun an mir? Schon eingangs meiner kleinen Beitrags"serie" hatte ich geschrieben, daß die Verkostungsreihenfolge einen großen Einfluss hat. Die war im Hangar 14 aber bestimmt eine ganz andere als auf Lynch Bages. Warum aber sah ich dann Lafon-Rochet beide Male besser? Lag's also doch am Wein? Bettane & Dessauve schreiben, der 25er PS sei der best ever. Ich mag's ihnen glauben, aber ich weiß nicht, wie sie mit diesen Samples zu diesem Schluss gekommen sind. Waren sie auf dem Château und hatten andere Samples? Denn dort sind die Samples natürlich in einer kontrollierteren Umgebung aufbewahrt - und dennoch heißt das nicht, daß sich die Weine stets besser präsentieren. (Beispiel Brane-Cantenac: Erst im Hangar 14 hatte ich die für mich "typische Brane-Nase".) Bei einigen Weinen bin ich wirklich überrascht, aus welchem Material die Wertungen folgen.
Nächstes Beispiel: Grand-Corbin-Despagne (GCD). Unser Familien-St-Emilion, ich habe einen soft spot für den Wein (aber nein, ich habe das Ding nie bei 95 gesehen), natürlich wollte ich ihn gut finden. Sowohl im H14 als auch auf der Sammelverkostung in St-Emilion: nüx. Allgemeine Ratlosigkeit. Berliquet ebenso: fand ich zweimal unspannend und underperforming, gemessen an den Elogen.
Vielleicht war ich bei einigen Weinen wirklich nicht imstande (oder, ganz ehrlich, habe ich mir nicht genug Mühe gegeben oder schlichtweg keine Lust gehabt) hinter den ersten Eindruck zu schauen, wie der Wein ist - ein bißchen so wie bei stark getorften Whiskys, wo man hinter den Rauch schauen muss, um den Brand zu sehen (pun not intended). Mit anderen Weinen (z.B. Pavie Macquin, Croiy de Labrie) hatte ich nur eine Begegnung, die nicht sonderlich gut verlief; gerne hätte ich nachverkostet (weil ich mich persönlich für diese Weine interessiere), aber ich kam nicht dazu. Hier hat er en-primeur-erfahrene Profi natürlich andere Mittel und Fähigkeiten als ich.
Und dann gab's solche Weine wie Laroque oder Tour-St-Christophe. Also, bei aller Liebe und Respekt für die professionalisierende Zunft, Laroque verfolge ich seit dem 2018er, und kein einziges Mal habe ich den Wein so gesehen wie offenbar fast alle Profis. (Im Forum gibt's einige Diskussionen darüber.) Wohlgemerkt: Mein Argument hier ist nicht "und andere Konsumenten sagen das auch", sondern "ich sehe das nicht so" Und ebenso wohlgemerkt: Ich kritisiere dich nicht dafür, daß du den Wein viel besser bewertest als ich, sondern stelle das nur fest. Ganz sicher habe ich genug Wein meiner Liste auch höher bewertet als du, insofern passt das wieder.
Einigen wir uns also auf Unzulänglichkeit meines Geschmacks, im Sinne von: zu subjektiv, zu vorliebengesteuert. Denn diese Ausrede würde ich bei TSC anbringen wollen. Sicherlich ein sehr gut gemachter, solider Wein, aber ihm Größe zu bescheinigen, würde mir im Traum nicht einfallen, dazu ist der mit viel zu run-off-the-mill, 08/15, standard issue. Es gibt Leute, die lieben den Wein, ich liebe halt andere Weine. Und angesichts der Unmenge an wirklich tollen Weinen war ich halt gelegentlich arg unlustig, mehr Forscherdrang zu investieren. F you, little wine, ain't nobody no time for you! (Ja, ich habe das mancher Flasche tatsächlich ins Gesicht gerufen. Ich bin ein sehr emotionaler Verkoster.)
Eine Sache wollte ich noch ansprechen, unabhängig von Adrians Frage. Meine Einschätzungen sind nicht ehrlicher oder zutreffender, nur weil sie manchmal zu (teilweise deutlich*) niedrigeren Wertungen führen. Es scheint ein gewisses Gefühl zu herrschen, daß Profiverkoster irgendwie korrumpiert seien. Ich sage nicht, daß sie's nicht sind
Cheers,
Ollie
*Hierzu die Anmerkung, daß meine Wertungen auch für ich selbst erstaunlich hoch sind - und ich sah mich immer als ein sehr konservativer und strenger Verkoster. (Nicht umsonst hat UlliB auf meine "zum Teil regelrecht euphorischen Bewertungen" abgehoben. Meine Batailley-Einschätzung z.B. schockiert mich immer noch.) Aber: Wenn man den Großweinen ausgesetzt ist und sich dann nach unten trinkt, sieht man, wie weit weg die Großweine sind (ich hatte davon wirklich eine falsche Vorstellung), aber halt auch, wie dicht die zweite und dritte Reihe besetzt ist und wie gering die Abstände untereinander sind (modulo Erzeugerstil, der einem gefällt oder eben nicht). Trinkt man dann weiter nach unten, fallen viele kleinere Weine so krass von der Klippe, daß ich dann halt auf teilweise deutlich unter 90 komme. It's a Potenzgesetz, baby!