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Re: Probenkontext und Weinvorbereitung

Verfasst: Sa 7. Dez 2013, 18:33
von Ole
Lieber Carsten, der Wein ist aber ein Schüler!http: Dennoch kannst Du ihn natürlich im Frühling, Sommer, Herbst und Winter probieren, ihn kalt oder warm oder unter der Dusche trinken und ihm dann Noten geben – und dann den Durchschnitt ausrechnen. Nur, was hast Du davon? Hier geht es doch um den Kontext und das Wiedererkennen bzw. das andere Gesicht, das der Wein im jeweils anderen Kontext annimmt – und da war meine These: Bei gleichem oder annähernd gleichen Kontext ist derselbe Wein wiederzuerkennen.Einen annähernd gleichen Kontext gibt es allerdings nur beim speed-tasting! Und deshalb sagt das Erkennen oder Nichterkennen eines Weins von vornherein nicht viel über denselben aus – immer innerhalb es angedachten Experiments gesehen.
Ole

Re: Probenkontext und Weinvorbereitung

Verfasst: Mo 9. Dez 2013, 14:18
von Kle
Ein zu Guidos 12x1-Idee konträres Konzept durfte ich am letzten Wochenende erleben. Während bei ihm das Objekt, der Wein, eine feste Konstante sein soll, um die Subjektivität der Teilnehmer zu testen, auszuschließen oder aber auf die Spitze zu treiben, wurde es hier dem Zufall überlassen. Und das „Wissenschaftliche“ wurde ersetzt durch Verhandlungen der Teilnehmer.
Weil eine eigentlich geplante Probe ausfallen musste, hieß das Motto des Abends schlicht 2004. Jeder Teilnehmer steuerte mindestens eine verdeckte Flasche bei. Es wurden, glaube ich, keine Notizen gemacht, keine Punkte vergeben und ich besitze auch keine Liste. Doch die Intensität des Erlebens und Lernens empfand ich bei dieser Probe als herausragend. Einige Beispiele:
Ein wunderbar hellgelber Weißwein mit dichter geradliniger Struktur, gebändigter Frucht und einem festen, karg mineralischen Untergrund wurde von den meisten richtig als deutscher Riesling eingeschätzt. Der sehr trockene, klare, säurebetonte und frische Ausbau sorgte aber für große Verblüffung und ich hätte den Wein auch in Frankreich gesehen. Nach meiner Erinnerung handelte es sich um Karl Schäfer, Dürkheim, Fuchsmantel, Riesling Kabinett trocken.
Schwieriger war es, einen weichen, dichten, mittelrubinfarbenen Rotwein einzuordnen, dessen Tannine ich suchen musste. Dass es sich um einen burgendländischen Syrah des Klosters am Spitz handelte, zeigte, wie sehr Rebsorten ihre sicher geglaubte Charakteristik verändern können, wenn sie nicht in den für sie am meisten bekannten Regionen angebaut werden. Erst nach dem Aufdecken und in einem kleineren Glas glaubte ich jedoch typische Pfeffrigkeit zu schmecken und konnte zunehmend mehr mit dieser Syrah-Spielart anfangen.
Ein weiterer, sehr dunkler Rotwein, tanninreich mit deutlicher Säure und Frucht wurde ins Cahors vermutet. Je länger das Probieren und Diskutieren währte, desto größer die Zweifel. Doch eher Spanien? Italien wurde wegen der Säure ausgeschlossen. Interessant diese Melange aus Frankreich+Spanien-Italien.
Oder doch Italien? Ja, aber dann…Sizilien. Harmonium von Firriato, Nero d'Avola. Ein Wein der ein wunderbares, geradezu impressionistisches Früchtespiel besitzt und immer dann schwächelt, wenn er schwer durchsackt und wie geköchelter Rumtopf schmeckt. Zwar haben die Probenteilnehmer ihn nur auf Umwegen in seine richtige Region versetzt, aber wichtiger war es, die eigenen Geschmackserfahrungen buchstäblich auf die Probe zu stellen und zu vergleichen. Daraus ergaben sich interessante Herleitungen und Ausschlüsse, die viel über die subjektiv-objektiven Profile verschiedener Weinbauregionen aussagen. Als würde durchs Schmecken ein Weinatlas geschrieben. Der Vergleich mit dem wirklichen Atlas, wenn die Weine aufgedeckt werden, sorgt bereits für die weitere Bearbeitung.
Z.B. bei dieser Flasche, die mein Wein-Weltbild ein wenig verändert hat. Wieso tischt der Gastgeber in der Mitte des Abends einen Dessertwein auf? Mächtige Süße, ein Zuckerwall, der aber, das ist die Überraschung, übersprungen werden kann. Müsste es nicht ein deutscher Wein sein, aber aus welcher Region, puh… Als Nicht-Süßwein-Trinker machte ich die glückliche Erfahrung, dass sich der Zucker geradezu wegbeißen lässt und sich ein wunderbares Land bitterfruchtiger und ätherischer Noten auftut. Die Süße nun gebändigt und es ergibt sich ein interessantes Wechselspiel. Wie schön, dass ich Domaine Weinbach Riesling Schlossberg Cuvee Sainte Catherine, Alsace Grand Cru in einem verdeckten Zufallsreigen kennenlernen durfte.

Gruß, Kle

Nachsatz: Der burgenländische Syrah stammte als einziger Wein aus 2002