Neue Rebfflächen

Von der Weinbergspflege bis zur Kellertechnik
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

MichaelWagner hat geschrieben: aber die deutsche Weinwirtschaft braucht zum Überleben leider auch die Masse...ansonsten ist nämlich auch im oberen Segment Schicht im Schacht.
Wer ist denn die "deutsche Weinwirtschaft" genau? Oder ganz konkret gefragt: musst Du als Steillagenwinzer einen größeren Teil des von Dir produzierten Weins an Abfüller verkaufen, deren Weine anschließend für 2,xx Euro im Discounterregal stehen, um Dein wirtschaftliches Überleben zu sichern?

Gruß
Ulli
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

Ulli, ich hab knapp 5 Hektar Steillage, setze auf Einzel-Lagenweine in bestmöglicher Qualität und bekomme das gut auf der Flasche vermarktet. Ich bin aber nicht so blind zu denken, dass um mich herum ruhig alles den Bach runtergehen kann, solange ich mit meinem Konzept gut fahre.

Lassen wir den ach so verhassten Massenmarkt mal außen vor, dann bleiben von der vermarkteten Menge noch ca. 15-20% (hochgegriffen) übrig.

Forschungsanstalten, Landwirtschaftskammern, DLR, DWI, Weinbauverbände, Lieferanten für Weinbau- & Kellereiartikel etcpp - denkst Du das alles wäre dann noch finanzierbar?

Jedes produzierende Land braucht auch den Massenmarkt, nur sollte man sich dafür einsetzen, dass diese kostendeckend produziert werden kann. Man sieht in so víelen Branchen wohin die "wenns in Deutschland zu teuer ist, ab damit ins billige Ausland"-Denke führt. Was denkst Du was eine Aufhebung des Anbaustops auf EU-Ebene anderes bezwecken soll? Billige Flächen in Ländern mit billigen Arbeitskräften. Nichts anderes wird hier von entsprechender Seite versucht zu erreichen.
wenns läuft, dann läufts. Aber bis es läuft, dauerts...
C9dP
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von C9dP »

Jedes produzierende Land braucht auch den Massenmarkt, nur sollte man sich dafür einsetzen, dass diese kostendeckend produziert werden kann.
Einspruch. Das man auch ohne Massenarkt kostendeckend produtieren kann beweisen gerade Produkte wie Gold und Diamanten oder auch Konzerne wie LVMH. Das Ergebnis eines sterbenden Massenmarktes wäre wohl eher eine Preissteigerung bei den gehobenen Qualitätsbereichen, da ein Teil der Nachfrage aus dem Massenmarkt sich dahingehend verändern wird und vor allem die Produktionskosten der von dir genannten Zulieferer und Dienstleister steigen werden. Diese könnten dann an die Winzer mangels Konkurrenz weitergegeben werden und würden im Premiumsegment zu steigenden Preisen führen, da dort die Preissensitivität am geringsten ist. Ein GG würde sich statt für 40,- auch für 50,- Euro verkaufen.

Außerdem dürfte auch der Markt der Zulieferer ein internationaler sein (z.B. Fässer aus franz. Eiche oder Holzchips). Dadurch würde die in D wegfallende Nachfrage durch steigende Nachfrage aus dem Ausland zumindest teilweise kompensiert werden.
Viele Grüße

Aloys
Moselfan
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von Moselfan »

Zum Überleben braucht der Deutsche Weinbau defintiv Menge, wenn weiterhin bei Aldi und co. Deutscher Wein im Regal stehen soll und das nicht alles aus Südeuropa/Osteuropa kommen soll. Nennt mich allmodisch oder konservativ aber ich bin der Meinung die paar cents lieber an Winzer hier als ins Ausland. Um das zu gewährleisten MUSS der Anbaustop fallen - Frankreich, Spanien, Italien können noch trotz Anbaustop mehrere 10.000 ha ausweisen um die steigende Nachfrage zu befriedigen - Deutschland gerade mal um die 2000 ha.
Gleichzeitig brauchen wir natürlich ein Umdenken bei den Bezeichnungen - ich rede jetzt hier nicht von Spätlese trocken ja oder nein - sondern eher davon was Lagennamen aber auch Qualitäten angeht. Die Idee die hinter dem 70er Weingesetz stand war ja gar nicht mal so falsch - nur leider wurde sie falsch umgesetzt. Abkehr von Großlagen usw. ist schon und gut - aber die Weinwirtschaft brauch auch eine Alternative. Das System im Burgund beispielsweise ist nicht perfekt hat aber einige gute Ideen. Warum machen wir nicht einfach Mosel -> Mittelmosel -> Piesporter -> Piesporter Goldtröpfchen bzw. andere Einzellagen. Natürlich mit bestimmten Qualitätsbestimmungen - z.b. Prädikate nur ab "Ortswein" oder ähnlich. Dann die Beschränkung auf Riesling in Orts/Lagen/Regionsweinen; im Gebietswein kann dann drin sein, was schmeckt. Da kann dann von mir aus auch zugelassen werden was auch immer der Winzer anbauen möchte. Dann Stärkung der Steillage was Preis und Renomeé angeht, im obgenannten Beispiel - wo Piesporter drauf stehen muss Riesling drin sein der aus einer Steillage gekommen ist. Und noch ein paar andere Sachen die jetzt hier den Rahmensprengen würden. Aber kurz zusammengefasst eine Kombination aus alten deutschem System von 70; dem System was vorher sehr erfolgreich benutzt wurde, und Burgund.
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

MichaelWagner hat geschrieben: Lassen wir den ach so verhassten Massenmarkt mal außen vor, dann bleiben von der vermarkteten Menge noch ca. 15-20% (hochgegriffen) übrig.
Das halte ich für durchaus realistisch - aber wieviel % des gesamten Umsatzes entfallen auf diese 15-20%? Vielleicht 60 oder 70%? Oder etwa noch mehr? Und würden diese Umsätze wegbrechen, weil der Billigsektor verschwunden ist?

Ich sehe Deinen Punkt, aber was Du forderst, ist lediglich Schutz vor Wettbewerb und damit im Ergebnis nichts anderes als Subvention. Die Existenz von Kammern und Verbänden liegt nicht im primären Interesse des Konsumenten, und wenn die (verbleibenden) Winzer diese (in dann drastisch reduzierter Anzahl!) brauchen, sollen sie sie dafür eben bezahlen. Ich denke, dass das umgelegt auf den Flaschenpreis den Kohl dann auch nicht mehr fett macht.

Wenn ich die Sache richtig verstehe, ist das Beliefern von Abfüllern im Prinzip schon heute nichts anderes als reine Selbstausbeutung. Das kann man mit Wettbewerbsschutz noch ein bisschen prolongieren, aber die Erfahrung aus anderen Branchen zeigt: das funktioniert niemals langfristig, und vor allem verhindert es notwendige Anpassungen, so lange diese noch möglich wären. Trotz jahrelangen Päppelns ist die Textilindustrie weg, der Steinkohlebergbau ist demnächst weg, Opel wird erst verkauft und stirbt danach, und so weiter und so fort. Den Billigweinbau wird man vielleicht noch ein paar Jahre erhalten können (zu Deiner Beruhigung: es sieht ja im Moment so aus, dass die Verbände sich durchsetzen), wirklich langfristig zu halten ist er in einem Hochlohnland, dessen Bevölkerung schrumpft, aber nie und nimmer.

Gruß
Ulli
Zuletzt geändert von UlliB am Do 28. Feb 2013, 18:09, insgesamt 1-mal geändert.
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

Gold und Diamanten = Produkte??? Produzieren wir das neuerdings industriell....dann schnell weg mit meinem Gold, der wert wird wohl zangsläufig sinken:)
abgesehen davon kannst Du Dir die "Produktions"bedingungen gerne mal in einer gut geführten Mine in Afrika anschauen...Du vergleichst knappe Ressourcen wie Gold & Diamanten mit einem theoretisch nahezu unendlich produzierbaren Produkt Wein...passt nicht so ganz zusammen...

wenn die VDPler vom Verkauf Ihrer 40,- Euro-Weine leben müssten...naja, lassen wir das...

LVMH? Verdient sein Geld auch nicht mit Champagner...sondern eher im Bereich Gold- & Diamantminen...aber siehe oben...

auch schön, dass die in D wegfallende Nachfrage im Ausland kompensiert wird...und die Jobs gleich mit. War ja schon in so vielen Bereichen absolut wohlfahrtssteigernd....

aber wenn das die Vision für die Zukunft ist, dann weg mit dem Anbaustop, Schluss mit dem Qualitätsweinanbau in Deutschland und Champagner für alle!

PS: Ein Holzfass macht noch kein Weingut...
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

Moselfan hat geschrieben:Zum Überleben braucht der Deutsche Weinbau defintiv Menge, wenn weiterhin bei Aldi und co. Deutscher Wein im Regal stehen soll und das nicht alles aus Südeuropa/Osteuropa kommen soll. Nennt mich allmodisch oder konservativ aber ich bin der Meinung die paar cents lieber an Winzer hier als ins Ausland. Um das zu gewährleisten MUSS der Anbaustop fallen - Frankreich, Spanien, Italien können noch trotz Anbaustop mehrere 10.000 ha ausweisen um die steigende Nachfrage zu befriedigen - Deutschland gerade mal um die 2000 ha.
Diesen Punkt hat Mario Scheuermann hier adressiert: http://weinreporter.net/drinktank/2013/ ... r-liefert/

Ehrlich gesagt kann ich diese Argumentation nicht einmal ansatzweise nachvollziehen. Das hört sich für mich danach an, ein ohnhin schon exisitierendes Zuviel an Billigwein mit noch viel mehr Billigwein zu bekämpfen. Allerdings entspricht das durchaus der Logik, die auch in anderen Bereichen angewendet wird: in der Finanzpolitik bekämpft man eine Schuldenkrise durch die Generierung immer neuer expliziter und impliziter Schulden, und die NRA empfiehlt gegen unkontrollierten Waffengebrauch die Versorgung der gesamten Bevölkerung mit vollautomatischen und großkalibrigen Schusswaffen. Da passt es perfekt dazu, eine Schwemme an italienischen, französischen und spanischen Billigweinen mit einer Gegenschwemme an deutschen Billigweinen zu beantworten - in der vagen Hoffnung, dass die jeweils anderen zuerst absaufen. :twisted:

Gruß
Ulli
Zuletzt geändert von UlliB am Do 28. Feb 2013, 18:04, insgesamt 1-mal geändert.
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

Hi Ulli,

also um das Aussterben der "Fassweinwinzer" muss sich die EU eigentlich nicht kümmern, denn der Markt funktioniert hier eigentlich gut, da braucht man nicht den Anbaustop abzuschaffen. Es sind ja bereits einige 1000 hektar Brach gefallen in den letzten Jahren. Es ist viel zu lange subventioniert worden.

Ich sträube mich generell auch nicht gegen ein "gesundschrumpfen" der Branche und eine Orientierung Richtung Qualität in Deutschland nebst Umstrukturieung der ganzen Branche. Nur Weinbau ist nichts was man heute hier abbaut und morgen in China wieder aufbaut. Das braucht Zeit.
wenns läuft, dann läufts. Aber bis es läuft, dauerts...
MichaelWagner
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von MichaelWagner »

" Da passt es perfekt dazu, eine Schwemme an italienischen, französischen und spanischen Billigweinen mit einer Gegenschwemme an deutschen Billigweinen zu beantworten - in der vagen Hoffnung, dass die jeweils anderen zuerst absaufen"

schön dass Du das sagst: wenn der Anbaustop fällt, kommt eine noch viel größere Flut aus noch viel mehr Ländern dazu;)
wenns läuft, dann läufts. Aber bis es läuft, dauerts...
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UlliB
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Re: Neue Rebfflächen

Beitrag von UlliB »

MichaelWagner hat geschrieben:"
schön dass Du das sagst: wenn der Anbaustop fällt, kommt eine noch viel größere Flut aus noch viel mehr Ländern dazu;)
Genau das glaube ich eher nicht. Die EU kann ja nur die Anbauflächen in der EU regulieren, und wenn es wirtschaftlich attraktiv wäre, den schon jetzt superbilligen Billigmarkt mit noch billigeren Billigweinen zu fluten, gäbe es dafür schon jetzt genügend Möglichkeiten für eine Produktion außerhalb der EU. Dazu muss man gar nicht die neue Welt bemühen, das ginge auch quasi vor der Haustür: in Moldawien und der Ukraine gibt es riesige Rebflächen, die man bei Bedarf auch noch ausweiten könnte (Grund und Boden kostet nicht viel), die klimatischen Bedingungen sind für einen Massenanbau günstig, und Arbeitskräfte kosten sehr wenig. Da bliebe auch noch etwas Geld für die vermutlich notwendige "Landschaftspflege" übrig. Georgien ist auch nicht so weit weg. Aber was passiert da? Genau: nichts.

Genausowenig ist in den osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien passiert, bevor die EU dort Pflanzrechte kontrollieren konnte. Auch als die schon Beitrittskandidaten waren: mit Ausnahme von Investitionen in ein paar traditionelle (!) Weinbaugebiete in Ungarn ist da so gut wie gar keine Investition geschehen.

Und ich vermute mal, warum das so ist: die Zitrone ist ausgequetscht, da geht nichts mehr. Die verkaufte Menge lässt sich nicht mehr ausweiten, es gibt jetzt schon zu viel billigen Wein. Da kann man nur noch über den Preis operieren, aber wie viel Luft ist denn da überhaupt noch nach unten? Es können nur ein paar Cent pro Flasche sein, denn viel mehr ist bei den momentanen Fassweinpreisen nicht drin. Schon jetzt muss man davon ausgehen, dass Flasche, Etikett und Verschluss, der Transport und die Handelmarge den Löwenanteil des Endverbraucherpreises ausmachen. Wann amortisiert sich da eine Investition, egal ob in in eine Neuanpflanzung oder in verbessertes Equipment zur Bewirtschaftung bereits bestehender Flächen?

Ich meine, die Weinbauverbände haben einen riesigen Popanz aufgebaut und erschrecken jetzt selber davor.

Gruß
Ulli
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