Re: Neue Rebfflächen
Verfasst: Mi 6. Mär 2013, 21:02
Interessante Diskussion, in die ich gerne eine andere Produzentensicht einbringen möchte, die zugegebenermaßen wohl eher eine Minderheitenposition darstellt.
Das aktuelle Pflanzrechteregime schützt niemanden vor irgendwas. Die Weinbauern nicht vor zuviel und/oder zu billiger Konkurrenz, denn außerhalb der EU gibt es keinerlei Pflanzbeschränkungen und diese Weine können weitgehend ungehindert importiert werden. Innerhalb der EU gibt es jede Menge freier Pflanzrechte (wenn auch nicht immer dort, wo sie manche gerne hätten) die nicht genützt werden, weil es nicht wirtschaftlich wäre. Darüber hinaus gibt es in manchen EU-Ländern recht leger verwaltete Weinbaukataster, die eine Sanktion von Pflanzungen ohne entsprechende Rechte praktisch unmöglich machen...
Die Steillagen schützt das Pflanzrechtsregime auch nicht, wie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte beweist und die Tatsache, dass in Deutschland offenbar Pflanzrechte aus der Steillage in Flachlagen aber eben nicht umgekehrt transferiert werden können (wenn ich das als Österreicher richtig verstanden habe. Verfällt in der Steillage ein Pflanzrecht, weil die Parzelle einige Jahre nicht bepflanzt war, erschweren die Kosten für ein neues Pflanzrecht (so überhaupt verfügbar) die (Wieder-)Bewirtschaftung sogar.
Warum trotzdem von den meisten EU-Weinbauländern (nach entsprechendem Lobbying der Produzentenverbände) so darauf gepocht wird, hat ganz andere Gründe: Zum einen sind alle an das Pflanzrechtsregime gewöhnt, und die konservative Weinbranche (sowie insgesamt die Landwirtschaft) tut sich immer mit größeren Veränderungen schwer. Zweitens zementieren die Pflanzrechte den aktuellen Besitzstand (bzw. den zu Zeiten des EU-Beitrittes oder früherer Rebflächenbestandsaufnahmen), den zu verwalten für alle Beteiligten einfacher ist, als mit neuen Gegebenheiten umgehen zu lernen. Drittens ist damit eine gewisse (Markt-)Macht verbunden, die von Weinbauverbänden, -behörden, -bundesländern und Staaten gelegentlich auch benutzt wird. Und viertens scheut man die Abschaffung, weil man meint (und entprechende Ängste schürt) damit in de Zeit der EU-Weinüberschüsse zurückzufallen und die gleichen teuren Maßnahmen von damals wieder anwenden zu müssen.
Die Pflanzrechte (und die damit verbundenen Rodungsprämien, Überschussverwertungen, etc.) haben/hatten nämlich auch eine sozialpolitische Komponente, weil sie (zumindest vermeintlich) einen geschützen Bereich für viele Klein- und Kleinstwinzer vor allem in Spanien, Italien und Frankreich geschaffen haben, als diese kaum "echte" Sozialleistunen in Anspruch nehmen konnten. Dass es aber sinnvoller, transparenter und wohl auch billiger ist/wäre, diesen Menschen (von denen EU-weit sehr viele heute durch den Generationen- und Strukturwandel ohnehin gar keinen Weinbau mehr betreiben) direkt mit sozialpolitischen Werkzeugen oder speziellen auflagengebundenen Förderungen (für Bioanbau, Landschaftspflege, Steilhangbewirtschaftung,...) zu helfen, anstatt mit wenig wirksamen und oft auch kontraproduktiven Markteinschränkungen will die Agrarpolitik der meisten Länder nicht verstehen.
Ebensowenig wie die Tatsache, dass gute Lagen mit einer Art Flächenwidmungsplan für Auspflanzungen (der z.B. Steillagen aus Landschaftsschutzgründen und im Interesse einer geschlossenen Weinbauflur in irgend einer Form begünstigt) besser zu schützen wären, als mit einer generellen Auspflanzungsbeschränkung.
Ich selber habe übrigens kein persönliches Interesse an einer Aufgabe der Pflanzrechte, aber ich empfinde diese Einschränkung abgesehen von ihrer Nutzlosigkeit außerdem als eine nicht mit höheren Interessen zu begründende Einschränkung der unternehmerischen Freiheit einer ganzen Branche. Wenn man Steillagen- oder Umweltschutz betreiben will, dann geht das anders. Wenn man armen Weinbauern helfen will, dann bitte über Fördersysteme, die deren Einsatz für die Allgemeinheit honorieren und ihr Einkommen durch den Weinbau ergänzen. Oder noch besser über Unterstützungen, die sie in die Lage versetzen, von ihrem Produkt leben zu können. Und wenn man sich vor der Konkurrenz von außen schützen will, dann möge man sich bitte etliche Jahrzehnte zurückbeamen lassen, denn heute geht das nicht mehr. Gottseidank.
Grüße
Bernhard
Das aktuelle Pflanzrechteregime schützt niemanden vor irgendwas. Die Weinbauern nicht vor zuviel und/oder zu billiger Konkurrenz, denn außerhalb der EU gibt es keinerlei Pflanzbeschränkungen und diese Weine können weitgehend ungehindert importiert werden. Innerhalb der EU gibt es jede Menge freier Pflanzrechte (wenn auch nicht immer dort, wo sie manche gerne hätten) die nicht genützt werden, weil es nicht wirtschaftlich wäre. Darüber hinaus gibt es in manchen EU-Ländern recht leger verwaltete Weinbaukataster, die eine Sanktion von Pflanzungen ohne entsprechende Rechte praktisch unmöglich machen...
Die Steillagen schützt das Pflanzrechtsregime auch nicht, wie die Entwicklung der letzten Jahrzehnte beweist und die Tatsache, dass in Deutschland offenbar Pflanzrechte aus der Steillage in Flachlagen aber eben nicht umgekehrt transferiert werden können (wenn ich das als Österreicher richtig verstanden habe. Verfällt in der Steillage ein Pflanzrecht, weil die Parzelle einige Jahre nicht bepflanzt war, erschweren die Kosten für ein neues Pflanzrecht (so überhaupt verfügbar) die (Wieder-)Bewirtschaftung sogar.
Warum trotzdem von den meisten EU-Weinbauländern (nach entsprechendem Lobbying der Produzentenverbände) so darauf gepocht wird, hat ganz andere Gründe: Zum einen sind alle an das Pflanzrechtsregime gewöhnt, und die konservative Weinbranche (sowie insgesamt die Landwirtschaft) tut sich immer mit größeren Veränderungen schwer. Zweitens zementieren die Pflanzrechte den aktuellen Besitzstand (bzw. den zu Zeiten des EU-Beitrittes oder früherer Rebflächenbestandsaufnahmen), den zu verwalten für alle Beteiligten einfacher ist, als mit neuen Gegebenheiten umgehen zu lernen. Drittens ist damit eine gewisse (Markt-)Macht verbunden, die von Weinbauverbänden, -behörden, -bundesländern und Staaten gelegentlich auch benutzt wird. Und viertens scheut man die Abschaffung, weil man meint (und entprechende Ängste schürt) damit in de Zeit der EU-Weinüberschüsse zurückzufallen und die gleichen teuren Maßnahmen von damals wieder anwenden zu müssen.
Die Pflanzrechte (und die damit verbundenen Rodungsprämien, Überschussverwertungen, etc.) haben/hatten nämlich auch eine sozialpolitische Komponente, weil sie (zumindest vermeintlich) einen geschützen Bereich für viele Klein- und Kleinstwinzer vor allem in Spanien, Italien und Frankreich geschaffen haben, als diese kaum "echte" Sozialleistunen in Anspruch nehmen konnten. Dass es aber sinnvoller, transparenter und wohl auch billiger ist/wäre, diesen Menschen (von denen EU-weit sehr viele heute durch den Generationen- und Strukturwandel ohnehin gar keinen Weinbau mehr betreiben) direkt mit sozialpolitischen Werkzeugen oder speziellen auflagengebundenen Förderungen (für Bioanbau, Landschaftspflege, Steilhangbewirtschaftung,...) zu helfen, anstatt mit wenig wirksamen und oft auch kontraproduktiven Markteinschränkungen will die Agrarpolitik der meisten Länder nicht verstehen.
Ebensowenig wie die Tatsache, dass gute Lagen mit einer Art Flächenwidmungsplan für Auspflanzungen (der z.B. Steillagen aus Landschaftsschutzgründen und im Interesse einer geschlossenen Weinbauflur in irgend einer Form begünstigt) besser zu schützen wären, als mit einer generellen Auspflanzungsbeschränkung.
Ich selber habe übrigens kein persönliches Interesse an einer Aufgabe der Pflanzrechte, aber ich empfinde diese Einschränkung abgesehen von ihrer Nutzlosigkeit außerdem als eine nicht mit höheren Interessen zu begründende Einschränkung der unternehmerischen Freiheit einer ganzen Branche. Wenn man Steillagen- oder Umweltschutz betreiben will, dann geht das anders. Wenn man armen Weinbauern helfen will, dann bitte über Fördersysteme, die deren Einsatz für die Allgemeinheit honorieren und ihr Einkommen durch den Weinbau ergänzen. Oder noch besser über Unterstützungen, die sie in die Lage versetzen, von ihrem Produkt leben zu können. Und wenn man sich vor der Konkurrenz von außen schützen will, dann möge man sich bitte etliche Jahrzehnte zurückbeamen lassen, denn heute geht das nicht mehr. Gottseidank.
Grüße
Bernhard