Hallo zusammen,
ein spannendes Thema, welches wir hier diskutieren. Eigentlich ist mein Job also garnicht so uninteressant ... als Ökotoxikologe! Kupfer habe ich zwar noch nicht explizit bearbeitet, allerdings ist die Datenlage auch mehr als gut und bekannt und eine relativ genaue Einordnung vorzunehmen. Unsere Haus- und Hofwissenschaftler Gerald hat die Dinge ja schon sehr gut zusammengefasst. Was die (Bio-)Verfügbarkeit von Kupfer im Boden angeht, so gibt es nicht viel zu diskutieren. Klar ist, daß die Konzentration von Kupfer-Kationen im freien Porenwasser, also jene Fraktion, die als bioverfügbar angenommen wird, abhängig ist vom pH-Wert des Boden, des Gehalts an Tonmineralen etc. Aber auch wenn viele Tonminerale vorhanden sind, die wegen ihrer negativen Ladungsdichte an ihren Grenzflächen Kationen adsorbieren können (Stichwort Kationenaustauschkapazität), kann Kupfer u.U. wieder remobilisiert werden. Da Kupfer unbestreitbar schon in geringen Mengen für eine breite Masse von (Boden-)Lebewesen d.h. unselektiv toxisch ist, benötigt es also nicht viel davon. Um noch mal auf die Bioverfügbarkeit zurückzukommen: Nur weil etwas nicht frei vorliegt, kann das trotzdem bedeuten, daß Bodenorganismen dem Stoff ausgesetzt sind. Der gemeine Regenwurm z.B. frißt sich bekanntlich durch den Boden. Dabei nimmt er auch Tonminerale mit ggf. gebundenem Kupfer auf. In seinem Verdauungstrakt herrschen aber andere Bedingungen als im Boden selbst. Ihr seht, ein weites Feld. Soviel zum Kupfer. Ein paar Punkte sind noch aufgetaucht:
Wie können denn bitte die Studien durch die Industrie bezahlt bzw. beauftragt werden ... das ist so dermaßen absurd, dass man echt nur noch den Kopf schütteln kann.
Das ist alles andere als absurd. Derartige Studien sind extrem teuer. Es ist nur richtig, daß die Industrie für sie zahlt. Die meisten Studien werden also von der Industrie an externe Laboratorien vergeben, dort wird dann die Studie durchgeführt. Derartige Studien werden seit ca. 20 Jahren nach GLP durchgeführt (Gute LaborPraxis). Das beinhaltet, daß jede Änderung dokumentiert werden muss, Rohdaten lange archiviert werden müssen etc. Einflußnahme auf die Ergebnisse ("Mach mal noch ein paar Nullen hinter den Wert") sind somit mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen bzw. setzen ein hohes Maß krimineller Energie bei mehreren Personen voraus. Die finalen Studien werden dann vom Anmelder d.h. dem Hersteller/Inverkehrbringer zusammengefasst und bei der Behörde eingereicht d.h. die Beweispflicht liegt - vernünftigerweise - bei der Industrie. Die entsprechende Behörde (z.B. EFSA für Pflanzenschutzmittel, ECHA für Industriechemikalien bzw. auch Länderbehörden wie z.B. UBA, BfR) bekommen das Gesamtdossier dann auf den Tisch und schauen, ob die Daten und die Interpretation des Einreichers stimmig sind. Bei Rückfragen oder Datenlücken gehen dann die Diskussionen los wobei die Behörde am längeren Hebel sitzt d.h. wenn die Behörde eine weitere Studie fordert, kommt der Einreicher meistens nicht darum herum, diese auch durchzuführen, in sein Dossier einzubauen, seine Risikobewertung, Einstufung und Kennzeichnung usw. ggf. auf Stand zu bringen. Irgendwann wird das Dossier dann akzeptiert oder abgelehnt wobei es auch hier noch mannigfaltige Prozesse gibt (Zulassung für nur für bestimmte Anwendungen usw.). Soweit in dürren Worten der Zulassungsprozess, wie gesagt, in der Praxis häufig noch komplexer.
das Problem liegt nicht auf der Ebene der individuellen Studie. Die liefert, wenn sie korrekt gemacht wurde, richtige und vor allem auch reproduzierbare Ergebnisse.
So sollte es sein und häufig ist es auch so. Fakt ist aber auch, das biologische Systeme eine hohe Varianz aufweisen können. Ergebnisse mit ein und derselben Spezies können z.B. unterschiedliche Ergebnisse liefern, abhängig davon, zu welcher Jahreszeit die Studie durchgeführt wurde (wohlgemerkt, unter gleichen, standardisierten Laborbedingungen!). Genetische Einflüsse zwischen zwei Stämmen einer Art können auch zu unterschiedlichen Ergebnissen führen usw. Das Problem, gerade bei datenreichen Stoffen wie Kupfer ist es, die validesten Studien auszuwählen und diese für die weitere Bewertung zu nutzen. Das ist beileibe nicht so trivial wie es sich anhört. Die ARTE Reportage „Unser täglich Gift“, auf die hier und da schon angespielt worden ist, geht auf das Bewertungssystem mit seinen NOAEL und Sicherheitsfaktoren ebenfalls ein und kritisiert es scharf (dabei vor allem die EFSA). Leider haben die Macher sich vorher nicht mit der Materie und ihrer wissenschaftlichen Herleitung ausreichend auseinandergesetzt. Denn: Das momentane System ist das einzige, mit dem man +/-valide Grenzwerte etc. ableiten kann. Ich hätte mir einen Gegenvorschlag gewünscht, wie man es anders machen kann, aber der kam nicht (wie auch, seit Jahren und Jahrzenten versuchen sich Wissenschaftler bis heute wenig erfolgreich daran, ein aussagekräftigeres System zu etablieren).
Zurück zum Kupfer: Welche Alternativen haben wir? Entweder den unselektiv wirkenden Kupfer oder aber ein hochselektives Fungizid (völlig wertneutral ausgedrückt) für nicht resistente Kulturen. Oder aber vermehrte Pflanzung resistenter Sorten mit allen Folgen (alte, unresistente Sorten fallen weg, Einsatz von gentechnisch veränderten Sorten usw.).
Soviel dazu erstmal von meiner Seite. Ich bin gerne bereit, weitere Fragen etc. zu beantworten bzw. versuche ich es, wenn es mir die Zeit erlaubt. Zudem könnte ich auch mal wieder ein paar VKN einstellen …
In diesem Sinne,
Björn