Medoc und seine Appellationen, Bourg und Umgebung, Fronsac, Pomerol, Saint Emilion und Umgebung, Entre Deux Mers, Graves und Pessac-Leognan, Sauternes und Co.
Jochen R. hat geschrieben: ↑Mo 3. Aug 2026, 16:58
Ich persönlich halte übrigens nichts davon, so junge BDX zu dekantieren oder über mehrere Tage zu verkosten.
wenn eine Flasche nicht an einem Tag ausgetrunken werden kann, ist es natürlich schön, wenn sie sich kaum oder zum Besseren verändert. Aber dein Vorbehalt ist sehr interessant. Wie meinst du es? Dass der jugendliche Elan nicht aufgebrochen oder gedehnt werden sollte?
Gruß, Kle
Kle,
wie weiter oben schon geschrieben, glaube ich, dass eure Flaschen schon etwas weiter (Umbau?) waren und durch das Verkosten über mehrere Tage noch getriggert wurde.
Unsere präsentierte sich mit einer tollen, satten, jugendlichen Frucht und ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Dekantieren oder Verkosten über mehrere Tage (für meinen Geschmack!) einen Vorteil gebracht hätte.
Da ich solch teure Weine eher selten alleine trinke, bleibt da am Abend auch meist nichts übrig.
Viele Grüße,
Jochen
"Viele haben eine Meinung, aber keine Ahnung." (Franz Müntefering)
nach vier Jahren probierte ich dank Nora meinen zweiten Le Reysse und abermals einen 2016er. Erneut war es ein außergewöhnliches Erlebnis, wenn auch ganz anders. Stark war das Gefühl, einen authentischen, lebendigen und somit aromatisch aufregenden Wein zu trinken. Ich genoss ihn sogar als Gegenbild zu Bordeaux-Weinen, bei denen ich das Gefühl einer erstarrten Perfektion habe. Ob ich bei solchen Gedanken etwas voreingenommen war und mancher Schluck beeinflusst von den einnehmenden Schilderungen des Winzers Stefan Paeffgen hier im Forum - mag sein. Es bewiese dann, wie wirkungsvoll der individuelle Hintergrund eines Produktes ist, der nicht künstlich generiert werden kann (schon einmal vorsorglich gegen den KI-Winzer argumentiert).
Die Nase mit verführerischer Kirschfrucht ( und vielleicht Brombeere ) und Andeutung komplexer Aromatik dank dunkler Noten wie von Stielen und Kernen. Dann beim Trinken allerdings erdrückend gerbstoffreich - oder sind es Reifetöne? Ich schwanke, weil ich den Wein nicht so tanninreich kenne. Aber mit verheißungsvoll zarten Anmutungen von Frucht und Mineralität im Hintergrund. Leider breitet sich der Gerbsäure-Eindruck aus, wird geradezu bitter und bissig. Nachdem ich den Wein fast schon abgeschrieben habe, zieht sich die unangenehme Aromatik überraschend zurück, wird verdrängt durch leichte, etwas fein süsslich- vanillige Holznoten und dann eine schöne, fast wie schwebende helle Rotbeerigkeit. So leicht geben sich die dunkel adstringierenden Elemente nicht geschlagen. Nicht nur Luft, auch Erwärmung scheint gut zu tun und auch Erdnüsse helfen, die Geschmacksnerven vom Ruppigen abzulenken. Doch es bleibt ein ewiges Ringen… Schön, als dichte Frucht sich wohlschmeckend mit den harschen Noten verbindet, sie aufzusaugen scheint - dann versprüht der Wein wieder seinen vollen Tannin-Charme. Die Unterschiede, so kommt es mir vor, ergeben sich auch dadurch, wie er in den Mund strömt, als müsste er auf die passenden Geschmacksnerven treffen, um nur noch schön zu sein.
Ganz zum Schluss das Happy end: Die Tannine nicht mehr störend, sondern Würze für eine schwebende, hellrote Frucht mit leichter Süßeanmutung. Schnell ausgetrunken, damit es dabei bleibt.
Gruß, Kle
„Wenn man die Augen zumacht, schmeckt er noch bitterer, es ist phantastisch.“
Julio Cortázar, Rayuela (Übers. Fritz Rudolf Fries)
Am ersten Tag notierte ich:
Wirkt insgesamt sehr dunkel und verschlossen.
Die Nase noch recht schön mit schwarzen Brombeeren, Sauerkirschen, etwas Graphit und Tabak, berauschende Mineralität.
Am Gaumen kaum Frucht, viel Säure und noch relativ tanninreich und austrocknend.
Ich gebe dem Wein erst einmal noch Luft...
Das tat dem Wein gut, so dass ich am 2.Tag feststellen konnte:
Deutlich besser!
Die Nase immer noch so schön wie gestern, dunkle Frucht, viel Graphit, Tabak muss ich heute suchen, aber viel wunderbare Mineralik neben einem sehr ätherischer Ausdruck, der den Wein einnehmend luftig bei aller Dunkelheit macht.
Am Gaumen, das ist das Neue heute, eine Ahnung der fleischigen, saftigen Frucht, die ich bei einer früheren Flasche hatte und sogar ein Hauch von dunkler Schokolade blitzt auf. Jetzt passt auch die gestern als zu dominant empfundene Säure und die Tannine wirken gezähmter. Wunderbar die mineralische Ader (so auch in meiner letzten VKN von vor 2 Jahren, siehe weiter oben), die den Wein durchzieht.
Am dritten Tag und heute heute bestätigt sich meine Einschätzung allerdings mit dem Zusatz:
Jetzt kommt noch etwas Herbstlaub dazu. Letztendlich am Ende aber doch immer noch ein leicht bitterer-herber noch deutlich adstringierender Abgang.
Fazit:
Ein sehr schöner Wein, derzeit wahrscheinlich noch ein wenig verschlossen, dessen Potenzial sich aber andeutet. Wenn er in 1-2 Jahren richtig aufdreht, ist das ein hervorragendes PGV.
final_scream hat geschrieben: ↑Mi 17. Jun 2026, 12:19
Ich hatte den Chateau Le Boscq 2016 zu Ostern 2025 im Glas und war irgendwie enttäuscht darüber, wie "dünn" und wenig aromatisch und fast ausgezehrt der Wein wirkte. Da es mir seinerzeit noch fasst vollständig an Erfahrungen mit Bordeauxweinen fehlte, habe ich vermutet, dass der Wein sich noch in der berüchtigten Verschlussphase befand.
Einige Wochen später ein Lilian Ladouys 2016 wusste mit Frucht, gewisser Fülle und Harmonie zu überzeugen und war ein sehr angenehmes Trinkerlebnis. Habe neulich von diesem Wein noch 2 Flaschen aus einem frz. Supermarkt mitgenommen.
Fast auf den Tag genau vor 2 Jahren, Mitte Juni 24, hatte ich den LL 2016 kurz nach einem Le Boscq - und auch mir hat der Wein deutlich besser zugesagt. Allerdings kann man ihm auch eine etwas vordergründige Fruchtigkeit vorwerfen, er ist jedenfalls "moderner" im Gepräge.
Den Le Boscq 2016 halte ich nicht (mehr) für verschlossen, seine Tannine sind kaum mehr spürbar und von störender (aber langes Leben versprechender?) Säure habe ich nichts bemerkt. Gerade eben habe ich übrigens die Flasche wieder aus dem WKS genommen, und der Probeschluck war wie der gestrige nach dem Öffnen durchaus positiv. Mal schauen!
2 Stunden später: Dem Wein hat der Tag in der angebrochenen Flasche im WKS sichtlich gut getan. Heute baut er nicht wie gestern rasch ab, sondern gewinnt sogar an Frische: Eine interessante Kombination von Weichselkirschen und dunklem Tabak löst das heute zu Beginn recht dominante Holz ab. Herb und frisch, zeigt er sich zugänglich, ohne charmant zu sein. Gefällt mir. 89/90 Punkte, ehrlich verdient. Kein Fassadenwein.
Château Lilian Ladouys 2016
62% M / 32% CS / 6% PV (13.5% ABC)
Der Wein gefällt mir (es ist leider die letzte Flasche vom 16er) jetzt, mit 10 Jahren, richtig gut. Nach dem Öffnen vor 2 Tagen überwogen klar die fruchtigen Komponenten mit Cassis, aber auch mit Schwarzkirsche, die 2 Tage in der zu einem Drittel angebrochenen Flasche im WKS haben ihm aber sichtlich gut getan, um an Komplexität zu gewinnen: Die Früchte sind nun auf einem Untergrund von Wacholder und zarten Zedernholznoten mit Tabak und einer subtilen Würzigkeit auf weissem und rotem Pfeffer mit etwas Kardamom verbunden und der Wein hat einen deutlich längeren Abgang, in welchem auch Veilchen aufscheinen. Das alles ist gestützt von einer schönen trinkanimierenden Säure, die dem merlotdominierten Saint-Estèphe wohl noch einige Jahre Trinkgenuss verheißt.
Richtig gut - und nun eine ganze Klasse über dem Le Bosq aus selbem Jahrgang.
91(-92+)
Calon-Ségur:
Schwarzkirsch in der Farbe, die Nase intensiv aber distinguiert fruchtig. Dabei auch deutlich käuterig und rauchig.
Es überrascht, dass der Wein im Mund sublimer und spannend ätherisch wirkt. Dann aber ein Alkoholeindruck und Blick aufs Etikett: Ach, 14 Vol… Dadurch bekommt das Ätherische eine andere Bedeutung, die allerdings bald keine große Rolle mehr spielt wegen dem graziösen Kirsch-Brombeere-Blaubeere-Eindruck, der ab nun sehr präsent ist. Sehr fein! Tannine und auch etwas raue und pelzige Eindrücke bilden einen würzigen Untergrund. Dieser kann gepaart mit Rauch/Holz-Aromen Überhand nehmen, aber immer wieder bestätigt sich die Struktur des Weines und dunklere Noten ordnen sich einem jubilierenden, feinen Fruchteindruck unter. Was nichts über die Dauer der verschiedenen Eindrücke aussagt. Apropos: Der Wein besitzt nicht einfach Länge, sondern entwickelt verschiedene Länge-Anmutungen wie von verschiedenen Feuerwerkskörpern die nach dem Zerplatzen noch eine Weile am Himmel bleiben. Die Tannine auch mit leichter Bitternis, wenn sie nicht von delikater Säure überspielt wird. Mit etwas mehr Luft deutliche Veränderungen. Mal verdrängt eine wunderbare Kirschfrucht alles andere, dann scheinen sich säuerliche Beeren zu verdichten und prägen den Wein gemeinsam mit kräuterigen Eindrücken für lange Zeit…
„Wenn man die Augen zumacht, schmeckt er noch bitterer, es ist phantastisch.“
Julio Cortázar, Rayuela (Übers. Fritz Rudolf Fries)
Was für eine schöne, fast betörende Nase: Nicht laut, sondern fein und elegant. Rote und schwarze Beeren, dezent Kirsche, feines Leder, zunächst nur im Hintergrund, später immer präsenter Graphit; dann eine ätherische Kräuterfrische (Minze) und auch zerstoßenes helles Gestein. Die Nase ist nicht schwer und kompakt, sondern bei aller Komplexität auch schwebend.
Am ersten Tag machte mir der Gaumen noch ein bisschen Sorgen. Ich fand ihn etwas verschlossen, was wahrscheinlich, daran lag, dass ich den Wein sofort nach dem Öffnen eingeschenkt hatte und er zunächst auch etwas zu kühl war. Aber langsam öffnete er sich und bietet dann pure Eleganz. Keine Opulenz, wie ich es bei einigen Pontet-Canet gefunden habe, sondern er wirkt wie ein sehniger Marathonläufer. Elegant, und dabei fest strukturiert. Auch hier dezente Rot- bis Dunkelbeerigkeit, präsente, feine Tannine, nur leicht aufrauend und eine sehr schöne passende Säure, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern genau an der richtigen Stelle unterstützt. Zu bemerken ist auch eine leicht bittere Holznote, aber die ist sehr passend für und sich gut einfügend in den Wein, so dass sie eher eine zusätzliche Dimension hinzufügt als dass sie störend ist.
Was besonders auffällig ist, dass hinten im Abgang, wo sich normalerweise Tannine und Säure duellieren, eine Frische von der Minze auftaucht, die den Wein hochhebt, lebendig, leicht und frisch macht und ihn enorm in die Länge zieht. Alkohol fiel mir zunächst nicht besonders auf, aber am dritten Tag habe ich das Gefühl, dass sich diese ätherische Kräuternote in eine leichte Alkoholanmutung verwandelt.
Der Wein gefällt ungemein in seiner Eleganz trotz aller Dichte und Vielschichtigkeit. Ein wunderschöner Wein!
Der Duft des Weines, besonders zu Beginn, war „atemberaubend“. Es war mir unmöglich, ihn in seiner Feinheit zu erfassen, doch dies umschreibt es gut:
Nora hat geschrieben: ↑Mi 9. Sep 2026, 15:43
Was für eine schöne, fast betörende Nase: Nicht laut, sondern fein und elegant. Rote und schwarze Beeren, dezent Kirsche, feines Leder, zunächst nur im Hintergrund, später immer präsenter Graphit; dann eine ätherische Kräuterfrische (Minze) und auch zerstoßenes helles Gestein. Die Nase ist nicht schwer und kompakt, sondern bei aller Komplexität auch schwebend.
Der Wein hatte für mich zwei Seiten in unterschiedlichen Phasen: Einen sehr feinen, seidigen, ausfüllenden Fruchteindruck, nur umspielt von Säure und einer gewissen Süße. Und die Frucht unterlegt von stumpf-hölzrigen und auch bitteren Tönen. In ihrer besten Phase waren sie bei mir auch so, wie du beschreibst, eine aromatische Bereicherung, aber nicht immer. Hier scheine ich bei Bordeaux-Weinen empfindlich zu sein.
Gruß, Kle
„Wenn man die Augen zumacht, schmeckt er noch bitterer, es ist phantastisch.“
Julio Cortázar, Rayuela (Übers. Fritz Rudolf Fries)
Danke, Nora und Kle, für eure schönen Eindrücke zum CS 2016. Sie machen mich sehr gespannt auf den Wein - ich wollte eigentlich den Deckel noch eine Weile auf der Kiste lassen - jetzt bin ich da nicht mehr so sicher...
Gruß aus dem Périgord
Jean