Bordeaux 2025

Medoc und seine Appellationen, Bourg und Umgebung, Fronsac, Pomerol, Saint Emilion und Umgebung, Entre Deux Mers, Graves und Pessac-Leognan, Sauternes und Co.
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UlliB
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von UlliB »

Alba hat geschrieben: Do 14. Mai 2026, 15:26 Habe gerade eine interessante Einschätzung von Hr Boxberger (falls nicht bekannt und bevor Rückfragen kommen- Extraprima) gesehen, er hält 2025 in Bordeaux für KEINEN großen Jahrgang - auch "warnt" er vor marktschreierischen Händler Kollegen die den Jahrgang als großen proklamieren, spannende Einschätzung und wert gelesen zu werden m.M. nach ...
Danke für den Hinweis, das ist tatsächlich interessant und liest sich schon recht ernüchternd. Bemerkenswert ist insbesondere seine Einordnung im Kontext der letzten Jahre:
Qualitativ ist 2025 eindeutig besser als 2024. 2022 ist wiederum deutlich höher einzuschätzen und zählt zu den besten Jahrgängen überhaupt. Auch wenn viele Weine mit dem Ausbau ihre Frische von den Primeurs-Verkostungen damals etwas eingebüßt haben. 2023 konnte mit dem Ausbau allerdings deutlich zulegen und hat nach der Abfüllung bei den Arrivage-Verkostungen in diesem Januar qualitativ extrem zugelegt. Heute schätze ich 2023 auf gleichem Niveau mit 2022 ein und meine persönliche Präferenz tendiert ein wenig zu 2023, da dieser Jahrgang besser die Terroirs abbildet und mehr Frische zeigt. Nun fragt sich, ob sich 2025 ebenfalls mit dem Ausbau positiv entwickeln kann? Da denke ich, dass dies nur den gelungenen Weinen zuzutrauen ist. Die Weine mit hohlem Mittelstück und leicht unreifen Gerbstoffen werden sich wohl nicht weiterentwickeln. Interessant ist auch der Vergleich mit 2021, der ja auch niedrige Alkoholwerte wie 2025 aufzeigt. Die 2021er haben sich generell bis heute gut entwickelt und die gelungenen Weine bereiten jetzt großes Trinkvergnügen mit ausgezeichneter Terroir-Abbildung. Persönlich mochte ich viele 2021er von Anfang an und ich werde mich auch mit einigen 2025ern ähnlich anfreunden. Meine Vermutung ist, dass die 2025er in Blindverkostungen mit anderen hier beschriebenen Jahrgängen kaum zu den besten Weinen zählen werden.
(Hervorhebung des letzten Satzes in fett von mir.)

Was nun richtig ist, weiß ich auch nicht. Aber immerhin: die Meinung von Herrn Boxberger hilft, die Euphorie etwas einzubremsen.

Gruß
Ulli
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maha
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von maha »

Meine Vermutung ist, Hr. Boxberger hat wahrscheinlich noch viel 2022 und 2023 auf Lager :lol:
Der schönste Sport ist der Weintransport!
Ollie
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von Ollie »

Zu Boxbergers Einschätzung: Fast alles, was er schreibt, haben andere vor ihm auch schon geschrieben, etwas Jane Anson (als erste sogar?) und sogar ich :lol:, am 25. und 26.04. (hier auf Seite 7 des Strangs: Flut, Boote, Tanninqualität speziell von Merlot, yadda yadda yadda). Ich bin sicher, andere Verkoster sind ähnlich vorsichtig in ihrem Gesamturteil über den Jahrgang. Niemand schreibt, daß der Jahrgang 2025 in der Breite der best ever sei, noch nicht einmal die Erzeuger haben das auch nur von ihren Weinen gesagt. Meiner Meinung nach baut Boxberger hier einen Stohmann auf, und das halte ich für intellektuell unlauter.

Die deutlichste Meinungsdifferenz ist aber die: Boxberger sagt, die Spitze sei sehr gut (aber nicht super!), das Mittelfeld sehr schwach, untenrum aber sei es ein super Jahrgang.

Dieses von mir scherzhaft "Boxberger'sche Badewanne" genannte Bewertungsprofil wurde bereits in Bordeaux während der Primeurwoche diskutiert - und nach eingehender Prüfung durch Verkostung verworfen. Der Qualitätsabfall von den Spitzen hin nach unten ist IMHO sehr steil (habe ich am 25.04. auch so geschrieben), das bedeutet logischerweise, daß es auch im Mittelfeld einige Opfer gab und es untenrum eher dramatisch aussieht. Ist ja nicht so, als ob meine Notizen das nicht spiegeln würden. Was ausgerechnet die kleinen Châteaux besser hinbekommen haben sollten als die Top-Erzeuger mit ihrem Top-Terroir und ihrem Top-Know-How? Extraktion vielleicht? Einen perfekten Pavie als Indiz für generell zu geringe(!) Extraktion anzunehmen, und "Unterextraktion" als Grund für die postuliert schwache Performance der Spitzenweine, halte ich intellektuell eher für eigenwillig.

Wenn nun Boxbergers Loblied auf den 2022 als wichtige Euphoriebremse angesehen wird, dann möchte ich zu bedenken geben, daß ausgerechnet die alten Bordeaux-Hasen hier im Forum eine extrem kritische Sicht auf 2022 haben. Als unerfahrener Jungspund bin ich froh um jede geldsparende Einsicht, aber ich glaube, das Narrativ müsste mal geradegezogen werden... Dazu kommt, daß ich persönlich bislang extrem von 2023 enttäuscht bin, und was ich in Bordeaux an stellenweise ebenfalls gezeigten livrables im Glas hatte, hat meine Meinung eher verfestigt. Hier aber geht Boxberger ja mit gefühlt der gesamten Kritikerwelt im Schritt.

Ich weiß, mein Text liest sich wie "friends, Romans, countrymen", aber ich habe ja nun wirklich keine Karten im Spiel. Diss me if you can.

Cheers,
Ollie
Zuletzt geändert von Ollie am Do 14. Mai 2026, 21:16, insgesamt 1-mal geändert.
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Ollie
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von Ollie »

vanvelsen hat geschrieben: Do 14. Mai 2026, 00:50
Ollie hat geschrieben: Mi 13. Mai 2026, 16:26 Vielleicht nimmt mich Adrian ja nächstes Jahr als seinen Co mit, dann können wir direkt beim Bier über die Weine streiten, und ich bekomme sogar ein Honorar dafür. :lol:
Das würde mich freuen und ich bin sicher, dass wir gar nicht so viel zu streiten hätten... aber Achtung: Honorar ist auf Ruhm und Ehre begrenzt... Cheers, Adrian
Spitzomativ, ich komme gerne auf dich zurück! :D

Cheers,
Ollie
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la-vita
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von la-vita »

Eine kleine Zusammenfassung von Neal Martin auf Vinous zu 2025:

"Der Jahrgang 2025 zählt zu den großen Bordeaux-Jahrgängen. Seine schneebedeckten Gipfel werden in einem Atemzug mit Legenden genannt werden. 2025 ist ein abgeschwächtes und präziseres 2010, neu interpretiert durch das Wetter.
Der Jahrgang sei allerdings schwer zu durchschauen, komplex und nicht unbedingt ein Liebling der Massen. Die Weine seien nicht Freddie Mercury in voller Pracht und Spandex, sondern eher Leonard Cohen im Cordanzug. Die Weine wirken tanninreich, kantig, strukturiert und manchmal trocken. Die Weine weisen Merkmale von heißen und kühlen Wachstumsperioden auf. Die besten Weine präsentieren diese beiden Seiten mit großer Klarheit, wie zwei Musikinstrumente, die theoretisch kollidieren sollten, aber dennoch harmonisch zusammenklingen. Fruchtaromen eher dunkel mit Brombeeren und Heidelbeeren als rote Beeren. Die Qualität sei nicht gleichmäßig verteilt und ist Abhängig vom guten Terroir, Wahl des richtigen Lesezeitpunktes und dem Umgang mit dem hohen Tanningehalt."

Nun ja, viele Kritiker, viele Meinungen.

Gruß
Detlef
Zuletzt geändert von la-vita am Fr 15. Mai 2026, 09:17, insgesamt 1-mal geändert.
Sauternes
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von Sauternes »

Auf deutsch, 2-3 Weine sind großartig geworden oder können es die nächsten Jahrzehnte werden, Klasse.
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von pessac-léognan »

Sauternes hat geschrieben: Fr 15. Mai 2026, 07:42 Auf deutsch, 2-3 Weine sind großartig geworden oder können es die nächsten Jahrzehnte werden, Klasse.
Wenn man die SEHR kleine Schnittmenge von Ollie und Boxie nimmt und Ollies Ratschlag "nicht nach Punkten kaufen" ignoriert, gibt's in Saint-Émilion genau EINEN Wein, den man kaufen sollte, weil er von Ollie defensiv euphorisiert wird (das Paradox stellt sich bei der Lektüre fast zwangsläufig ein), weil er von Boxie HÖHER als Cheval Blanc bewertet wird und weil er (3) mit 50CHF äußerst preiswert ist (OBWOHL [Ollie!] Merlot-dominiert): LARCIS-DUCASSE. :mrgreen:
Gruß
Jean
Sauternes
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von Sauternes »

Ja schön, nur bei Merlot dominant bin ich leider raus, nicht mehr mein bevorzugter Stil und obendrein noch einiges im Keller.
Ich bin dann bei Cabernet Sauvignon am Zug, ala Leoville Barton.

Gruß Heiko
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UlliB
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von UlliB »

Ollie hat geschrieben: Do 14. Mai 2026, 21:14 Niemand schreibt, daß der Jahrgang 2025 in der Breite der best ever sei, noch nicht einmal die Erzeuger haben das auch nur von ihren Weinen gesagt. Meiner Meinung nach baut Boxberger hier einen Stohmann auf, und das halte ich für intellektuell unlauter.
Boxberger bezieht sich ganz klar auf andere Händler, nicht auf die unabhängigen (?) Profi-Verkoster:
Bitte schenken Sie marktschreienden Händler-Kollegen, die einen großen Bordeaux-Jahrgang 2025 proklamieren nur begrenzt Glauben
Und dann zieh dir mal rein, was Lobenberg zu 2025 schreibt. Ok, ist halt Lobenberg, aber niemand ist der halt auch nicht.

Apropos Lobenberg: der preist heute Cheval Blanc an. Ich finde das schon interessant: die mengenmäßig kleinste Ernte überhaupt, nur 5.000 Kisten verfügbar, preislich ein Drittel unter dem 22er, dabei gleich hoch bewertet und nach allgemeiner Auffassung einer der Weine des Jahrgangs, und der muss noch extra beworben werden und ist bei Lobenberg ohne jede Limitierung verfügbar. Das wäre noch vor wenigen Jahren ganz anders gelaufen.

Gruß
Ulli
kristof
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Re: Bordeaux 2025

Beitrag von kristof »

la-vita hat geschrieben: Do 14. Mai 2026, 23:06 , sondern eher Leonard Cohen im Cordanzug.
Das wars für mich. Kaufbefehl!
Viele Grüße,

Christoph
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