Bordeaux 2023

Medoc und seine Appellationen, Bourg und Umgebung, Fronsac, Pomerol, Saint Emilion und Umgebung, Entre Deux Mers, Graves und Pessac-Leognan, Sauternes und Co.
Benutzeravatar
vanvelsen
Beiträge: 1032
Registriert: Mi 3. Nov 2010, 10:22
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken
Wohnort: Windisch
Kontaktdaten:

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von vanvelsen »

Kle hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 15:11
vanvelsen hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 11:16
Und nochmals: Stilistisch ist 2023 sehr nahe an dem, was viele "80er-Jahre-Bordeaux-Liebhaber" schätzen - nicht zu hoch im Alk, ausgewogen, klassisch Bordeaux jedoch mit reifen, feinen Tanninen - nix grün, nix Paprika... Probiert euch durch die Weine, findet die Perlen, statt nichtsahnend ins Horn der pauschalverurteilenden Schreiberzunft zu blasen.

Cheers.
Adrian
Mir scheint, dass sich Laien über die Bewertungen von Profis eher wundern, als ihnen blind zu glauben.
Hast du Erklärungen dafür? Muss man sehr BDX-geübt sein, um einen Wein wie Pontet-Canet 23 jetzt angemessen einzuschätzen?
Denn dieser Wein hat ja weiter oben teils entrüstete Reaktionen (teilweise gelöscht, bzw. in der Datenbank zu finden) hervorgerufen. Ich war auch nur mäßig angetan.Sind stark divergierende Wahrnehmungen zu diesem Zeitpunkt nach deiner Meinung normal oder lässt sich alles durch individuelle Geschmäcker erklären? Natürlich wollen und können Kritiker nicht „objektiv“ urteilen. Das andere Extrem wäre, dass sie jeweils nur für kleine Schnittmengen individueller Geschmäcker zuständig sind.

Gruß, Kle
Hi Kle

Ich bin überzeugt, dass sich die Grösse eines Pontet Canet 23 bestätigen wird und ja, es braucht etwas Erfahrung, so junge Weine einschätzen zu können. Ich "übe" seit rund 25 Jahren und habe die Chance jährlich 600 Bordeaux Weine verkosten zu dürfen (jeweils ab Fass und ab Flasche, macht 1200 pro Jahr). Und dann, vor Ort, habe ich das Glück, regelmässig ältere und alte Jahrgänge erleben zu dürfen. Da kommt schon einiges an Data Points zusammen.

Und, vielleicht nicht ganz unwichtig: Ich glaube meinen eigenen Notizen, habe meiner Nase und meinem Gaumen stets vertraut, selbst auch Weine gekauft und genossen... so schlecht bin ich nicht gefahren ;)

Cheers

Adrian
Benutzeravatar
Jochen R.
Beiträge: 3012
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 19:53
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Jochen R. »

Nach den Eindrücken der letzten Woche konnte ich nicht widerstehen ...
Branaire Ducru 2023:
Tief dunkel mit einem dezenten Violettstich, Aufhellungen am Rand. Nasses Leder, Pfeifentabak, Pfeffer, Minze, Bittermandeln. Dann Kirschen und Cassis.
Mittelgewichtig mit würziger Cabernetfrucht, braut Druck auf, florale Noten, kräftige Tanninstruktur, Zedernholz, sehr langer würzig/fruchtiger Abgang. Ganz hervorragend mit Potential!

Wer sich ob der überhaupt nicht Weingut-typischen Performance des 2022er Branaire und der teilweise überschwänglichen Bewertungen (wie z. B. ich, spätestens als ich den Wein im Glas hatte) verwundert die Augen gerieben hat: das hier passt mehr zu meinen (persönlichen) Vorlieben.

Viele Grüße,
Jochen
"Viele haben eine Meinung, aber keine Ahnung." (Franz Müntefering)
Benutzeravatar
Jochen R.
Beiträge: 3012
Registriert: Mo 6. Dez 2010, 19:53
Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Jochen R. »

Kle hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 15:11 ...
Hast du Erklärungen dafür? Muss man sehr BDX-geübt sein, um einen Wein wie Pontet-Canet 23 jetzt angemessen einzuschätzen?
Denn dieser Wein hat ja weiter oben teils entrüstete Reaktionen (teilweise gelöscht, bzw. in der Datenbank zu finden) hervorgerufen. Ich war auch nur mäßig angetan. ...
Gruß, Kle
Hallo Kle,
auch als wenig BDX-geübter (was ich dir in keinster Weise unterstellen möchte!) darf eine Einschätzung als "angemessen" wahrgenommen werden. Denn im Gegensatz zu den ganzen Profis wird der Laie in der Regel nicht zum Weinverkosten oder gar Weintrinken eingelagen (und Bebauchpinselt) und muss einen Haufen Geld für seine Leidenschaft zahlen. Da sollte man im Zweifel auch kritisch mal was zu sagen dürfen.

Viele Grüße,
Jochen
"Viele haben eine Meinung, aber keine Ahnung." (Franz Müntefering)
Kle
Beiträge: 1168
Registriert: Fr 10. Dez 2010, 17:18
Wohnort: Hamburg

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Kle »

Jochen R. hat geschrieben: Di 31. Mär 2026, 19:19
Kle hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 15:11 ...
Hast du Erklärungen dafür? Muss man sehr BDX-geübt sein, um einen Wein wie Pontet-Canet 23 jetzt angemessen einzuschätzen?
Denn dieser Wein hat ja weiter oben teils entrüstete Reaktionen (teilweise gelöscht, bzw. in der Datenbank zu finden) hervorgerufen. Ich war auch nur mäßig angetan. ...
Gruß, Kle
Hallo Kle,
auch als wenig BDX-geübter (was ich dir in keinster Weise unterstellen möchte!) darf eine Einschätzung als "angemessen" wahrgenommen werden. Denn im Gegensatz zu den ganzen Profis wird der Laie in der Regel nicht zum Weinverkosten oder gar Weintrinken eingelagen (und Bebauchpinselt) und muss einen Haufen Geld für seine Leidenschaft zahlen. Da sollte man im Zweifel auch kritisch mal was zu sagen dürfen.

Viele Grüße,
Jochen
Klar, Jochen! Nach meiner Meinung braucht es überhaupt keine Übung, um sagen zu können/sollen/müssen: schmeckt mir, schmeckt mir nicht. Ich versuche nur zu verstehen, wie es zu den Diskrepanzen in der Beurteilung kommt. „Angemessen“ sollte daher genau so blass klingen… Als sei man ein nüchterner :o Prüfer, der entscheiden muss, ob ein Wein versteckte Qualitäten hat… und nicht ein Genießer, den aus gutem Grund vor allem das Hier und Jetzt interessiert.

Gruß, Kle
Ollie
Beiträge: 2355
Registriert: Mo 6. Jun 2011, 12:54

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Ollie »

harti hat geschrieben: Mi 18. Feb 2026, 13:36 Übrigens habe ich mir mal die Mühe gemacht, die Ankunftsverkostungen von Neal Martin für die letzten Jg. und den Jahrhundertjahrgang 2016 hinsichtlich der Bewertungen der jeweils besten 25 Rotweine des Jg. auszuwerten. Es zeigt sich, dass in dieser Reihenfolge 16, 22 und 19 an der Spitze stehen. 23 folgt mit deutlichem Abstand, liegt aber noch erheblich über dem eher als mittelmäßig eingestuften Jg. 21. Ergo: So schlecht können die Weine aus 23 nicht sein - wenn man die Stilistik mag.
Bei den paar Weinen vom linken Ufer, die ich bislang hatte, würde ich sagen, 2023 ist "2014 plusplus", wobei ein Plus von der Reife und ein anderes von der (stark verbesserten) Weinmacherei kommt. Für mich redefiniert 2023 also die Bordelaiser Neoklassik für die kommenden Jahre. Ich schreibe "Neoklassik", denn schon 2014 hatte mit 2004 wenig gemein, man muss also aufpassen, auf welche "klassische Stilistik" man sich bezieht. Insofern ist 2023 also höchstens "klassischer", hat aber immer noch nichts mit den Weinen von vor 20 oder 30 Jahren zu tun. (Interessant übrigens, daß niemand die Reifefähigkeit der 2023 infrage stellt, nachdem 2014 doch etwas desillusioniert hat. :mrgreen:)

Rechtsufrig muss man vorsichtiger sein, denke ich. Hier ist in den letzten Jahren stilistisch so viel in Bewegung geraten, daß es schwer ist, Jahrgang und Stil(änderung) auseinanderzuhalten. Point in case: Pavie Macquin. Wenn Jeffe Leve dem Wein bescheinigt, "clearly in contention for the best vintage of Pavie Mac ever produced" zu sein, dann wohl, weil das "klassische" Jahrgangsprofil mit dem (erneuerten) Hausstil endlich eine selten gute Symbiose eingegangen ist. Trotz des leichten Schleiers sehr cremiger Eiche (ganz dem alten Stil verpflichtet) verdampfte die Flasche schneller, als das Steak rosa wurde. Für mich jetzt keine Superperle, aber doch ein erster und ernster(!) Nachkaufkandidat, denn "den-Wein-saufen-wollen" ist dann doch ein Qualitätsmerkmal. Und das hatte ich bislang auf dem linken Ufer noch nicht.

Qualitativ sehe ich den Wein bei 91-93+, weit weg von den optimistischen 98 Punkten von Leve, denn der Wein ist schon etwas linear und etwas unkomplex. Martin gibt 94 und beschreibt die Herbheit des Weins sehr gut: "The 2023 Pavie Macquin has a slightly more tertiary, forest-floor-tinged bouquet than its peers. Touches of pine filter through the black fruit, well-defined and focused. The palate is medium-bodied with supple tannins, velvety in texture, closing up toward the finish that exerts insistent grip."

Ich behaupte mal ganz frech: Wer 2014 Léoville Poyferré gemocht hat, wird auch 2023 Pavie Macquin mögen (und ähnlich einschätzen).

Cheers,
Ollie
Zuletzt geändert von Ollie am Mi 1. Apr 2026, 14:40, insgesamt 1-mal geändert.
Yeah, well, you know, that’s just like, uh, your opinion, man.

Parfois, quand c'est trop minéral, on s'emmerde.

"Souvent, l'élégance, c'est le refuge des faibles." (Florence Cathiard)
pessac-léognan
Beiträge: 1062
Registriert: Fr 11. Jan 2019, 10:57

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von pessac-léognan »

Nun, Ollie, just LP 2014 hat mich jüngst eher ernüchtert. Parallel mit Langoa Barton 2019 verkostet, hatte er nach dem Öffnen der Flasche zwar leicht die Nase vorn, musste aber über die folgenden Tage den kleinen Barton (zugegeben aus einem höher zu bewertenden JG) davon ziehen lassen. Klar: nicht überzubewerten, aber vermag mich nach dem von dir Geschriebenen nicht zum Kauf von PM 2023 zu veranlassen. Ist zu verschmerzen, denn gerade sind ein paar Flaschen anderer 2023 im Anrollen...
Gruß
Jean
Ollie
Beiträge: 2355
Registriert: Mo 6. Jun 2011, 12:54

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Ollie »

pessac-léognan hat geschrieben: Mi 1. Apr 2026, 14:14 Klar: nicht überzubewerten, aber vermag mich nach dem von dir Geschriebenen nicht zum Kauf von PM 2023 zu veranlassen.
Fair enough, meine Eloge sollte auch nicht kaufanimieren, sondern zur Unterstreichung der Wichtigkeit persönlicher Einschätzungen dienen. Offenbar hatte dich LéoP damals überzeugt - mich nicht, ich habe ihn nicht gekauft. Und PM ist bislang lediglich ein Nachkaufkandidat, ich werde aber noch warten, wie sich andere Rechtsufler präsentieren, bevor ich entscheide. Denn das Einzige, von dem der 2023er wirklich sehr viel hat, ist: kein Leidensdruck.

Cheers,
Ollie
Yeah, well, you know, that’s just like, uh, your opinion, man.

Parfois, quand c'est trop minéral, on s'emmerde.

"Souvent, l'élégance, c'est le refuge des faibles." (Florence Cathiard)
pessac-léognan
Beiträge: 1062
Registriert: Fr 11. Jan 2019, 10:57

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von pessac-léognan »

Ja, Ollie, von Leidensdruck wollen wir im vinologisch-vinophilen Kontext gar nicht reden 🙂🙃.
Und ja, 2 Rechtsufrige sind eben "angerollt": Jean Faure und Petit-Gravet Aîné, mit 65 resp 90 % CF. Ich werde berichten. Der letzte Jahrgang PGA, den ich gekauft hatte (2010), war jung fantastisch, jetzt wieder, dazwischen fast nicht trinkbar...
Der 2023 hat laut Etikett 1% Alkohol weniger (was nicht schaden sollte).
Gruß
Jean
Zaccetti
Beiträge: 250
Registriert: Do 20. Mai 2021, 10:39

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von Zaccetti »

vanvelsen hat geschrieben: Mo 30. Mär 2026, 11:16 Im Kern geht mir die Jahrgangs-Pauschalbewertung ziemlich auf den Senkel. Es gibt einige "renommierten Weinkritiker" - ohne an dieser Stelle Namen zu nennen - die tendieren dazu, einen Jahrgang entweder Top oder Flop zu bewerten, was dann hier im Forum zu voreiligen Schlüssen führt.

2024 und auch 2021 z.B. haben von gewissen Kritikern pauschal schlechte Bewertungen bekommen - dabei hat es auch in diesen Jahren diverse Weine gegeben, die sensationell gelungen sind. Natürlich waren das klimatisch schwierigere Jahre als 2022 und ja, in der Breite sind 2021 und 2024 "kleiner" als 2022, aber das ist kein Grund, einem Top Wein 5 oder 8 Punkte weniger zu geben, nur weil er aus einem sogenannt schlechten Jahrgang ist. 2021 Schrott, 2022 Top, 2023 Mittelmass, 2024 Schrott... So einfach funktioniert die Welt nun mal nicht.

Es ist der Job der Weinkritiker, die Perlen des Jahrgangs zu erkennen, statt den Jahrgang zu bashen oder hochzujubeln.

Man kann mir inflationäre Bewertungen vorwerfen, weil ich selbst in 2021 und 2024 einige potentielle 100 Punkte Weine gefunden habe und nicht einfach aus Prinzip ein paar "Schrottjahrgang-Punkte" abziehe. Wer die Weinqualität der 80er Bordeaux mit der Qualität von heute (auch in sogenannt schlechten Jahren) vergleicht, wird irgendwann zugeben müssen, dass die Weine signifikant besser geworden sind - in der Breite. Eine Comtesse 1982 ist zweifelsohne grossartig - doch ich wage zu behaupten, dass eine Comtesse 2022 oder auch 2023 die besseren Weine sind.

Und nochmals: Stilistisch ist 2023 sehr nahe an dem, was viele "80er-Jahre-Bordeaux-Liebhaber" schätzen - nicht zu hoch im Alk, ausgewogen, klassisch Bordeaux jedoch mit reifen, feinen Tanninen - nix grün, nix Paprika... Probiert euch durch die Weine, findet die Perlen, statt nichtsahnend ins Horn der pauschalverurteilenden Schreiberzunft zu blasen.

Cheers.
Adrian
Das hat mich jetzt animiert mich nochmal mit den 2023er vertiefert auseinander zu setzen und dabei ist mir aufgefallen das Millesima neu deine VKN im grossen stil (über Vinum) verwendet. Herzliche Gratulation dazu :!: freut mich für dich
pessac-léognan
Beiträge: 1062
Registriert: Fr 11. Jan 2019, 10:57

Re: Bordeaux 2023

Beitrag von pessac-léognan »

Château Jean Faure Saint-émilion GCC 2023 (AB)
(13.5% ABV) 65% CF / 30% M / 5% Malbec
Der dunkelviolette, nicht ganz blickdichte Wein zeigt nasal besonders seine exotischen Noten: Edelhölzer, edles Vanille, aber nicht aufdringlich, Gewürze wie Kardamom, dann auch Blutorange und schließlich doch auch Beeren: Blau- und Heidelbeeren.
Am Gaumen überrascht zunächst seine Frische, mit der der Wein fast strahlt, wie blendend weißer Kalk. Als ob er geradezu demonstrieren wollte, dass nicht die geringste Hitze Platz greifen dürfe. Dann sind hinter dem vordergründig Kalkigen auch hier zarte Noten sehr exotischer Hölzer und wieder das superfeine Bourbon-Vanille, wohl von einem sehr zurückhaltenden Toasting, die Gewürze wieder, die Blutorange, die sich mit der Vanille auf geniale Weise vereint und auch einen Hauch schwarze Kirsche zum Zug kommen lässt. Im Verlauf zweier Stunden verbindet sich das alles mit getrockneten Cassisbeeren, Feigen und einer Spur gemahlenem Sternanis, hin in einen sehr komplexen und langanhaltenden Abgang.
Zu Beginn (bei 15 /16°) hätte ich dem Wein 92 Punkte gegeben, bei 18/19° nach 2 Stunden 93/94. Der Wein ist nicht ganz so unmittelbar, direkt ins Glas geschenkt, einnehmend und fast betörend wie der Grand-Corbin Despagne 2022 vor einem Jahr, dafür entwickelt er sich langsam von frisch zu komplex und duldet, ja fordert dazu geradezu eine gewisse Erwärmung, die manchem Wein mit 14.5/15% ABV abträglich wäre.
Antworten

Zurück zu „Bordeaux und Umgebung“