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Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
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olifant

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragDo 4. Jul 2019, 09:06

amateur des vins hat geschrieben:
OsCor hat geschrieben:Ich weiß, dass Korsika zu Frankreich gehört…
Sag' das besser nicht in Gegenwart von Korsen. ;)

Ich denke auch, daß Korsika rebsortenmäßig viel näher an Italien liegt.


... ich denke, dass Korsika rebsortenmäßig viel näher an Sardinien liegt :lol: - nee, im Ernst!

Korsika ist in diesem Punkt ähnlich eigenständig wie Sardinien. In Sardinien wird einiges angebaut, was auf dem Festland-Italien nicht, bzw. nur marginal, kultiviert wird.
In Korsika und Sardinien werden zudem teilweise die (histiorisch) gleichen Sorten kultiviert. Die grosse Weisswein-Konstante auf beiden Inseln ist bspw. der Vermentino.
Grüsse

Ralf
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stollinger

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragDo 4. Jul 2019, 16:36

Hallo

Ich hatte zuletzt einen Vermentino von 2017 aus Sardinien im Glas. Der war genau so breit und säurearm geraten wie viele Vermentino aus Korsika 2017. So viel schon mal zu Gemeinsamkeiten. :D Als Rolle gibt es den Vermentino ja auch noch in Frankreich.

Bei den Rotweinen ist in Korsika der Niellucciu, die korsische Variante des Sangiovese, die verbreitetste Sorte; gibt es auch häufig reinsortig. Sciaccarellu (Mammolo in Italien) die zweithäufigste. Von den roten Rebsorten ist Korsika wohl am nächsten an der Toskana.

Ich kenne mich leider in Italien weintechnisch nicht besonders gut aus. Ich würde aber meinen und vermuten, dass sich das Terroir in Korsika doch signifikant von Sardinien und der Toskana unterscheidet. Der Unterschied zwischen den einzelnen Appellationen in Korsika ist schon mitunter sehr deutlich.

Ein zweiter Aspekt ist m.M. nach auch, dass sich die Weinbautechnik, der Ausbau, die Charakteristik und die Erwartung, wie ein Wein sein soll, in Korsika an Frankreich orientiert. Ich finde z.B., dass die korsischen Vermentino durchaus häufig Gemeinsamkeiten mit Chardonnay haben.

Kle hat geschrieben:Ich fand im Bücherregal: „Frankreichs Regionalweine 1999/2000“ von Roger Voss. Korsika sind die letzten beiden Seiten des Büchleins gewidmet. Ob unsere Flasche die historische Einschätzung widerlegt?
Am besten gedeihen in dem heißen Klima wuchtige Rotweine und körperreiche Rosés. Die Weißen sind entweder zu stark oxidiert oder werden in einem modernen, nichtssagenden Stil bereitet.


Das war damals wahrscheinlich gar nicht so falsch. Viele, heute bekanntere Winzer, haben erst in den Nullerjahren, oder später, begonnen bzw. den Betrieb übernommen oder sind aus den Cooperativen ausgetreten (z.B. Clos Canarelli, Clos Canereccia, Enclos des Anges, Nicolas Mariotti Bindi, Yves Leccia, Clos Fornelli, U Stiliccionu,Clos Marfisi, bei Antoine Arena sind 2014 die Söhne Antoine-Marie und Jean-Baptiste eingestiegen,...).

Ebenso sind mehr (autochtone) Rebsorten zugelassen und Klone verfügbar. Wenn ich nicht irre, auch neue IGP geschaffen worden. Diese, eher jungen Winzer haben viel ausprobiert und anders gemacht als in den Jahren davor und sich dabei aber auf die historischen Rebsorten und auch Weintypen zurückbesinnt. Mittlerweile gibt es sehr viele eigenständige und spannende korsische Weine.

Die andere Seite der Medaille ist, dass 20% der Weine in den Export gehen (außerhalb Festland-Frankreich; die drei Hauptexportländer sind USA, Deutschland und die Niederlande). Im Fachhandel sehe ich diese Weine nicht (im Wesentlichen Weine der Union de Vigneron de Ile de Beaute UVIB) und die werden m.M. nach noch immer in einem modernen, nichtssagenden Stil bereitet.

Grüße, Josef
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Kle

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragDo 4. Jul 2019, 23:04

stollinger hat geschrieben:Viele, heute bekanntere Winzer, haben erst in den Nullerjahren, oder später, begonnen bzw. den Betrieb übernommen

und damals wurden die Fachliteraten hellhörig...
Horst Dippel widmet der Insel in seinem Weinlexikon von 2000 mehr als doppelt soviel Text wie Kreta, schreibt über die zunehmende Bedeutung korsischer Weine in „jüngster Zeit“ und „Fortschritte auf breiter Front."

Und Andrew Jefford in „Weinlandschaft Frankreich“ von 2002:
Wo also steht Korsika in der Weinwelt von heute? Am Scheideweg wie die meisten südfranzösischen Regionen. Die Insel ist gerade dabei, den ausgetretenen Pfad der Massenerzeugung billiger, schlechter Weine zu verlassen, den sie nach dem Rückzug Frankreichs aus Algerien in den frühen 60er Jahren eingeschlagen hat. Seit 1980 hat man 20000 ha Rebfläche gerodet, weil sie mit den falschen Rebstöcken bestückt waren. Mit jugendlicher Kühnheit versuchen die korsischen Winzer nun, die Einzigartigkeit der Böden und Rebsorten zu nutzen und Tropfen zu kreieren, die wie die Spitzengewächse von der Rhone, aus der Provence oder aus dem Languedoc das Interesse der Weinwelt wecken. Noch hat man ein Stück vor sich, doch der erste Schritt ist getan. Die roten Trümpfe Korsikas sind der Niellucciu (der Sangiovese der Toskana) und der autochthone Sciaccarellu; das weiße As heißt Vermentinu (in der Provence und dem Languedoc nennt man ihn Rolle). Unter der Obhut von Weinbauern wie Antoine Arena erbringen sie tiefe, dichte Weinpersönlichkeiten, die in der Welt ihre Spuren hinterlassen und Aufsehen erregen wie ein exotischer Vogel, den man für ausgestorben hielt und nun wiederentdeckt hat.

Interessant, heute zu sehen, was aus einer einst prognostizierten Entwicklung geworden ist.

Gruß, Kle
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stollinger

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragFr 5. Jul 2019, 17:55

Zur Einstimmung, eine Doku mit dem Winzer Jean-Baptiste Arena als Hauptperson. Anscheinen gerade auch der amtierende Bürgermeister von Patrimonio.

https://www.arte.tv/de/videos/079474-01 ... che-insel/

Grüße, Josef
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Kle

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 11:46

Da ich den Wein über zwei Tage probieren möchte, habe ich bereits gestern Abend damit begonnen. Das Zeitungspapier habe ich nach wie vor nicht entfernt und bin beim Raten.
in der Nase ein deutliches Aroma von – mir fällt es nicht ein. Im Hintergrund zarte Noten am ehesten aus dem Blütenreich.
Geschmacklich trocken und eher sanft, ohne markante Säure. Leichtigkeit, aber von einem in sich dicht gewobenen, schmiegsamen Stoff.
Ich schmecke erneut das Bukett-Aroma, nur sehr viel kräftiger… Gelbfrüchte, Melone, Mandeln umschreiben es nur ansatzweise, es gibt einen eindeutigen Begriff: Chardonnay! Ich schmecke, was ich normalerweise für Chardonnay halte und bin verwirrt, da ich von einem Wein aus einheimischen Rebsorten ausging. Zum Glück wird im Text über korsischen Weinbau, den Josef uns zukommen ließ, eine beschrieben, die deutlichen Chardonnay-Charakter aufweisen soll: Pagadebiti. Auch, dass sie hellgelb sein soll, will ich gelten lassen.
Über Stunden schmeckte ich im Wein keine großen Veränderungen. Am interessantesten wurde er für mich, wenn er sich verschlankte, irgendwie transparenter wurde, und der etwas gepolsterte Primärton zurücktrat zugunsten herberer, grasiger Noten. Demnächst werde ich auf das Etikett schauen...

Gruß, Kle
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Kle

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 14:40

… im gestrigen Glas befand sich noch ein halber Fingerbreit und nun habe ich probiert: Die spezielle Aromatik wie durchnebelt von laktischen Noten, was sie voller erscheinen lässt. Interessant! Überraschend ein erfrischender Citrus/Säure-Eindruck.
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stollinger

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 15:55

Hi Carsten,

ich habe auch gerade die ersten Schlücke aus der frisch geöffneten Flasche probiert. Sehe es ähnlich wie du.

In der Nase Blüten (Akazien, Lilien), dezent Birne, leicht laktisch. Evtl. noch angeschlagener Apfel und grüne Kräuter, da bin ich mir nicht sicher.

Im Mund die Säure fruchtig und weich. Kräftiger Extrakt, Dichte und Schmelz, aber trotzdem noch recht leicht. Komplett trockener Eindruck. Vollmundig mit guter Intensität. Aroma von Marille, Melone, Birne, Apfel. Etwas würzig-pikant und rauchig. Durchaus facettenreich, aber manchmal kippt das ganze so in Richtung Tafeltraube (ich denke, du umschreibst es mit gepostertem Primärton) und mir fehlt dann die Phenolik und Struktur etwas. Durchaus ungewohnt, mal sehen wohin das geht.

Am ehesten in Richtung Chardonnay, ich denke das liegt an der Machart und nicht unbedingt an der Traube. Durchaus ein Aromenspektrum abseits vom Chardonnay.

Später gehts weiter.
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Bernd Schulz

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 16:48

Einen ganz kleinen Schluck habe ich mir jetzt auch schon mal eingegossen. Im Duft sind blütige Noten klar vorhanden, daneben finde ich Kräuteraromen (Basilikum) und sehr deutlich Melone. Am Gaumen kommen noch die von Josef beschriebenen Früchte dazu, ohne dass der Wein überfruchtig wirkt. Bei ziemlich vollem Körper ist einige Substanz vorhanden - zunächst einmal habe ich einen richtig positiven Eindruck.

Ich komme aber erst in ca. zwei Stunden dazu, mich ausgiebiger mit unserem Korsen zu befassen.

Herzliche Grüße

Bernd
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Michl

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 17:25

Also, ich habe ihn jetzt auch im Glas, blind (auch dafür danke, Josef), nicht weil ich mir anmaßen würde, die Rebsorte schmecken zu können - ich vermute eh, dass Josef etwas Ungewöhnliches ausgesucht hat - sondern weil ich v.a. nichts über den Alkoholwert wissen möchte.
Zunächst nur die Nase: Richtig eingeständig wirkt sie auf mich, scheint keine mir bekannte Rebsorte zu sein, hat für mich was Italienisches ( :lol: ja, das ist jetzt mal besonders genau), ganz deutlich Birne und Melone und sehr, sehr floral, in leichten Anklängen sogar dieser ebenso betörende wie unangenehme Duft, wenn man zu intensiv an Blüten riecht, aber eben nur in leichten Anklängen. Kräuter kriege ich keine, ganz minimal aber Gras, im Kern vielleicht auch minimal Honig. Mit dem Geschmack warte ich noch...
Viele Grüße

Michl
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Michl

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Re: Gemeinsame Verkostung - warum nicht mal ein Korse?

BeitragSo 7. Jul 2019, 17:26

Und jetzt habe ich noch im Oberton einen Hauch Banane, was mir nicht so gefällt.
Viele Grüße

Michl
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