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Pinot weit weg

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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragMi 2. Apr 2014, 10:29

Hallo zusammen,

dieses Mal ist es mal wieder Zeit uns ins in das sonnige Kalifornien zum Pinot Noir "süffeln" aufzumachen! In eine etwas ungewöhnliche, für Pinot ungewöhnliche, AVA. Die Region Napa und ihre Unterregion Carneros - nicht ganz unbekannte Ecken - waren zwar in den Frühzeiten des kalifornischen Pinot Noir-Weinbaus im ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebte Anbauorte, doch in den letzten Jahrzehnten hat sich dies zu Gunsten von Central Coast and Sonoma (inkl. Coast) gründlich geändert. Auch heute gibt es zwar noch einige Produzenten, darunter offensichtlich auch der Produzent meines heutigen „Pinot weit weg“, doch auf breiter Basis ist man von diesem (Pinot-)Weg in Napa abgekommen. Bei Cuvaison, der Produzent des heutigen Pinots – falls ich es noch nicht erwähnt habe, handelt es sich um ein Weingut, dass in den späten 1960er Jahren von zwei (ziemlich frühen) Silicon Valley Boom Profiteuren gegründet wurde. Seit dem haben die Besitzer des Weinguts mehrmals gewechselt. Seit 1979 befindet sich das Weingut nun durchgängig in Schweizer Hand und wurde seit dem zu seiner heutigen beeindruckenden Größe ausgebaut. Neben Pinot Noir, der im Sortiment des Weinguts mit verschiedenen Weinen eine durchaus wichtige Rolle spielt, werden auch Sauvignon Blanc, Zinfandel, Chardonnay, Syrah und seit einigen Jahren aus Lagen in Mount Veeder auch ein Merlot-Cabernet Cuvée angeboten. Bei meinem heutigen Estate Pinot Noir 2009 handelt es sich um den Einstiegspinot - um einen recht kostspieligen, wie es sich für Napa natürlich ziemt, Einstiegspinot des Weinguts

Cuvision Estate Pinot Noir 2009, Carneros

Die Farbe des Estate Pinots 2009 zeigte sich ein wenig dunkel, etwas trübe und nicht weiter sonderlich spektakulär. Am ersten Tag zeigte sich die Nase, wie auch der Geschmack, sehr fruchtbetont (sehr kräftige und fast scharf-stechend wirkende Erdbeeren und süß-saftige Kirschen), etwas suppig und mir mit etwas zu viel Fruchtsüße ausgestattet. Wiederrum nichts sonderlich Spektakuläres nehme ich an. Am zweiten Tag wirkte die Erdbeerfrucht etwas raffinierter und reifer. Dazu kamen Eindrücke von frisch gezapften Kautschuk, Zündhölzer, ein paar Blaubeeren und eine gewissen Rosinigkeit an meinem Gaumen auf. Nun wirkte der Wein wesentlich „liköriger“, immer noch etwas süßlich, zweifelsohne immer noch recht jugendlich, mehr alkoholisch als zuvor und mich strukturell und im begrenztem Maße geschmacklich an einen leichten südfranzösischen Grenache Wein erinnernd. Wie man aus meiner ungewohnt kurzen und sehr schwammigen Beschreibung ersehen kann hat mir der Wein nicht sonderlich gefallen. Einige positive Qualitäten wie gut vorhandene Säure, eine gewisse Vitalität und eine nicht zu ausgeprägte spät aufkommenden einfache mineralische Komplexität möchte ich nicht unterschlagen. Doch mehr als so la-la (o) Gefühle konnte er in mir nicht erwecken. Zum unverfänglichem "Süffeln" ;) ist er alle mal was ...

Ach ja, neben dem Cuvaison gab es noch eine paar Burgunder, Nebbiolos und Rieslinge! Diese wurden selbstverfreilich nicht gesüffelt sondern tiefgehend "analysiert" ;) ! Darunter war ein erschreckend gut gealteter Morey-Saint-Denis aus dem Superjahr 1962, schön gereifte Auslese Rieslinge vom Karthäuserhofberg und Ürziger Würzgarten, Barolis von Aldo Conterno und Accomasso sowie ein Barbaresco von Fratelli Giacosa. Die dürft ihr euch nicht entgehen lassen …

http://wine-zeit.blogspot.de/2014/04/cu ... neros.html

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragMi 16. Apr 2014, 11:37

Hallo zusammen,

heute geht es in die noch sehr junge, sogar für oregonesische Verhältnisse, AVA Ribbon Ridge im Willamette Valley:

Patricia Green Cellars Ribbon Ridge Estate Pinot Noir 2008, Willamette Valley

http://wine-zeit.blogspot.de/2014/04/pa ... ridge.html

Der Ribbon Ridge zeigte sich in seiner koronalen Region in einem relativ gealtert wirkendem kräftigem Braun-Rot. Im Kern hingegen wirkte der Wein erstaunlich dunkel und strahlend! Ein sanftes strahlendes Rot-Violett dürfte die Farbgebung am besten beschreiben. In der Nase wirkte der Wein zwar super würzig, etwas anstrengend und bestechend komplex, doch zeigte er über die Verkostungsstunden hinweg, dass die derzeitige durchgehende Reserviertheit noch viel zukünftig Ansprechendes zu verbergen vermochte. Von Seiten der aufschnupfbaren Aromen zeigte sich viel Piment, Kardamom, etwas Kümmel, bissiger Pfeffer, Spuren von herber Lakritze, strenge an Feuerstein erinnernde mineralische Züge und eher im Hintergrund wabernd viele reservierte dunkle Kirscharomen. Ich bin mir ziemlich sicher das diese Kirscharomen in wenigen Jahren sehr wuchtig, saftig und wahrscheinlich etwas zuschlagen werden. Nach einigen Stunden Belüftung gesellten sie zu den erwähnten und weiter durchhaltenden würzigen Komponenten einige klassische und eher dem nördlichen Willamette Valley entsprchende Sous-bois Düfte von Laubwaldboden und einer gewissen strengen Erdigkeit. Auch Milchkaffee und kleinste Spuren von Bitterschokolade zeigten sich mit der Zeit. Am Gaumen war der Wein die ersten Stunden sicherlich sehr zurückhaltend. Seine auf die Zukunft transponierten vermutbaren bulligen und dennoch durchweg sehr kühl wirkenden Charakterzüge ließ er auch zu diesem Zeitpunkt schon eindeutig vermuten. Der Ribbon Ridge zeigte am Gaumen schon mehr von seiner kräftig-herben und sehr dunklen Kirschfrucht. Auch Pfefferkuchen, getrocknetes Fleisch, Pfeffer, viel Erdigkeit und eine Neigung zu manch ätherischem Zug zeigte er in den ersten Stunden. Später wurde die Kirschfrucht etwas weicher und im Ansatz befindlich fast schon leicht zur Saftigkeit neigend. Die zugegeben enorme Säure und das noch etwas hart wirkende Tannin kamen ziemlich hinterhältig an meine Zunge heran. In der ersten Zeit gar nicht so präsent wurde mir deren pure Kraft und Jugendlichkeit nach einer guten Stunde erst so richtig bewusst. Weitere Stunden später merkte es dann auch mein Magen. Wie dem auch sei. Für mich ein wirklich spannender, potentiell sehr bestechender Wein mit viel Druck, prägnantem „verschleiertem“ Ausdruck und einem tollem Spannungsverhältnis der viel zu jung von mir gierigem Kerl getrunken wurde! Ohne jede Frage - Sehr gut (++).

Besten Gruss

Chris

PS: In letzter Zeit einen "weiten Pinot" gehabt? Es hat auf dem Server bestimmt noch genügend Speicherpaltz um von euren Erfahrungen zu berichten ;-)!!! Ich freue mich auf eure Beiträge!
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDi 6. Mai 2014, 21:16

Hallo zusammen,

das meine Zunge im pazifischen Nordwesten Amerikas doch recht viel Zeit verbringt um Pinot Noirs zu erschmecken ist nicht neu. Doch British Columbia als Lokalität der Begierde ist es. Bis zu dieser heutigen Post war der WEsten Kanadas ein weißer Fleck auf meiner persönlichen Verkostungslandkarte. Und das obwohl im Okanagan Valley seit Mitte des 19. Jahrhunderts ohne Prohibitionspause Vitis Vinifera Reben kultiviert werden! Wenn man den im Internet zahlreich verstreuten Hochglanzfotos glauben schenken möchte, ich war leider noch nie vor Ort und kann es daher nicht persönlich verifizieren, könnte man das Okanagan Valley entlang des ca. 135 km langen Okanagan Lake, welcher sich ein wenig östlich von Vancouver befindet, als eine der schönsten Weinbauregionen dieses Planeten bezeichnen. Doch schöne Landschaften machen noch lange keine guten Wein. Andersrum dürfte auch ein Schuh draus werden wenn ich mir so manche klassichen Weinbauregion in Europa anschaue. Doch ich schweife wie gewohnt mal wieder ab ... Der heutige Wein entstammt aus den Weinbergen und Kellern des Okanagan Valley “Platzhirsch” Mission Hill Winery in West Kelowna. Gegründet wurde dieses heutige Weinunternehmen in der Mitte der 1960er Jahren von einer Gruppe einheimischer Geschäftsleute. Seine heutige Größe von um die 350 ha hat Misson Hill durch das Engagement des heutigen Besitzers Anthony von Mandl und seines langjährigen neuseeländischen Winemakers John Simes erlangt. Neben Pinot Noir werden nahezu alle Global Player der Rebfamilie von Cabernet Franc bis Shiraz angebaut.

Mission Hill Family Estate Pinot Noir Reserve 2010, Okanagan Valley BC VQA


http://wine-zeit.blogspot.de/2014/05/mi ... -noir.html

Mein heutiger Pinot Noir wurde aus Traubengut der Naramata Ranch (gepflanzt 1995, 342-470m, Westausrichtung, schluffige Lehmböden) des Martin's Lane Vineyard (gepflanzt 1998-99, 400-500m, Südausrichtung, Vulkangestein mit Lehm und Kalkablagerungen) und des Lakeshore Vineyard (gepflanzt 1994 und jünger, 375-450m, Nord-Südausrichtung, Ton- und Lehmböden) hergestellt. Geerntet wurde das Traubengut im Oktober und November 2010, anschließend vergoren und 9 Monate in französischem Holz ausgebaut.

Die Farbe des Misson Hill Pinot Noir Reserve 2010 erwies sich als sehr transparent, relativ dunkel und etwas wässrig-gräulich am Rand. Die Nase war ziemlich lakrizig-rauchig herb und zeigte eine deutliche ätherische Anmutung bis hin zur ganz leichten Brandigkeit. Des weiteren zeigten sich stetig mehr und mehr im Aufwachmodus befindliche Schattenmorellen und Dürfte von roten Johannisbeeren. Am ersten Tag zeigte sich die Frucht in der Nase ziemlich reserviert und in Kombination mit den ätherischen Zügen etwas negativ spannend. Am zweiten Tag war viel mehr Integration und eigentliche Substanz erriechbar. Am Gaumen zeigte der Pinot über die ersten Stunden hinweg relativ kräftiges Potential von herb-kirschig-Likörigem und würzig-kräuterig-Ätherischem mit gewisser Liebstöckelbeimischung. Und das bei "nur" 13,5 % deklariertem Alkohol!? Typische alkoholische Süße oder marmeladige Neigungen, wie es bei nicht wenigen Spätburgundern aus der “Neuen Welt” und sicherlich auch näherliegenden Gefilden gerne vorkommen mag, konnte ich überhaupt nicht feststellen. Was diese Eigenschaften betrifft, war es schon ein relativ herber Knochen. Wie seine würzige-ätherische Natur, kam mir auch die Säure in den ersten Stunden ziemlich spitz und nervig vor. Da konnten die mit der Zeit entstehenden karamellige Noten und stärker ausgeprägten roten Johannisbeeraromen auch nicht viel mehr wettmachen. Immerhin zeigte sich der Wein nach einigen Stunden, und mehr noch am zweiten Tag, etwas balancierter und “geschmeidiger”. Vielleicht wurde der Pinot von mir ein wenig zu jung getrunken, doch langjähriges Lagerpotential würde ich ihm auch nicht zugestehen wollen. Für mich ein durch ätherisch Würze und eher einfacher Struktur auffallender so la-la (o) Pinot Noir aus dem Great White North.

Besten Gruss

Chris
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Alas

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Re: Pinot weit weg

BeitragSa 17. Mai 2014, 08:44

Hallo!

Nachdem ein Pinot Noir aus Neuseeland wegen fehlerhaftem Blech-Verschluß ins 'Wasser gefallen' war, nun endlich was für diese Rubrik:

Bild

Alamos_Pinot Noir.jpeg


Ein 'sehr anständiger' Wein, und unter Berücksichtigung des Preises, mehr als das. :D

Mit bestem Gruß

Alas
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mixalhs

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Re: Pinot weit weg

BeitragSa 17. Mai 2014, 10:01

Frage zur Bewertung: Für mich passen "sehr anständig" und 92 Punkte nicht zusammen. Im Gault-Millau würde ich "sehr anständig" bei 84-86 Punkten verorten, im Fallstaff, der anders wertet, bei 87-89. Auf welcher Skala wertest Du? Oder geht die Preisqualitätsrelation in die Bewertung ein?

Wie auch immer, diese Rezension hat mich neugierig gemacht. Wo gibt es den Wein zu kaufen? Im Netz habe ich nichts gefunden, und auch auf der Heimatseite von Alamos findet man den Wein nur auf der Liste für den argentinischen Markt, nicht aber für den Rest der Welt.
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Alas

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Re: Pinot weit weg

BeitragSa 17. Mai 2014, 10:35

mixalhs hat geschrieben:Frage zur Bewertung: Für mich passen "sehr anständig" und 92 Punkte nicht zusammen. Im Gault-Millau würde ich "sehr anständig" bei 84-86 Punkten verorten, im Fallstaff, der anders wertet, bei 87-89. Auf welcher Skala wertest Du? Oder geht die Preisqualitätsrelation in die Bewertung ein?


Hallo!

Ich bewerte wie in meinem Profil angeben, und ein derart komplexer und geschmeidiger Wein hat für mich 92 Punkte verdient. Das 'sehr anständig' solltest du nicht so ernst nehmen; ich bin nicht Gault-Millau.und überhaupt sehr subjektiv.

mixalhs hat geschrieben:Wie auch immer, diese Rezension hat mich neugierig gemacht. Wo gibt es den Wein zu kaufen? Im Netz habe ich nichts gefunden, und auch auf der Heimatseite von Alamos findet man den Wein nur auf der Liste für den argentinischen Markt, nicht aber für den Rest der Welt.


Ja, das hat mich auch gewundert. Auch ist der Pinot Noir dort nicht zu finden. Vielleicht hat man hier einen Restbestand aufgekauft. Auf jeden Fall schade, dass es den Wein nicht mehr geben wird. Das kann auch daran liegen, dass die Marke ALAMOS nicht Catena Zapata gehört, sondern GALLO:

http://gallo.com/wine/United%20States/B ... dName.html

Gruß

Alas
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragSa 17. Mai 2014, 12:37

Hallo Alas,

super! Endlich mal wieder von jemend anderem einen "Pinot weit weg". Kennen tu ich den leider nicht.
Ich habe sowieso bis jetzt nur ein- oder zweimal einen Pinot aus Tupungato/Mendoza und Umgebung getrunken.
Das dürfte vielleicht einer der höchsten Pinots ;) überhaupt sein. Wie ich eben recherchiert habe scheint das Traubengut zu 50% von Domingo Vineyard (ca. 1120 m ü.N.) und zu 50% vom Adrianna Vineyard (ca. 1450 m ü. N.) zu stammen. Mein Salentein Reserva 2009 viewtopic.php?f=86&t=1275&p=30841&hilit=Salentein#p30841 hat die Berge nicht ganz so hoch erklommen ;-). Nur ca. 1300 m.
Ich glaube die 13 % Alk bei deinem Alamos Reserva wären mir auch entgegengekommen. Mein "Pinot hoch hinaus" aus Argentinien hatte schon sehr präsente 14,5% Alk...

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDi 20. Mai 2014, 13:28

Hallo zusammen,

heute gibt's mal wieder was von mir ;-). Ein weiterer spanischer "Pinot weit weg" hat sich in mein Verkostungsglas "verirrt".

Bodegas F. Schatz Pinot Noir 2005, Sierras de Málaga

http://wine-zeit.blogspot.de/2014/05/bo ... -2005.html


Das Schwaben in fernen Ländern der südlichen Hemisphäre anständige bis sehr anständige Pinot Noirs herstellen können habe ich in diesem Thread schon einige Male versucht hervorzuheben. Doch das sie sich auch im Süden von Andalusien versuchen ist mir zwar seit einigen Jahren nicht unbekannt, doch den Mut mir eine Flasche zu kaufen, habe ich bis vor fünf Tagen nicht aufgebracht. Nun bin ich vorgestern mit einem (und mehreren) Gläsern Pinot Noir 2005 der Bodegas F. Schatz aus den Sierra de Málaga an meinem Schreibtisch gesessen und habe mich dieser vermeintlichen Herausforderung gestellt.

Vor nunmehr etwas über 30 Jahren hat Friedrich Schatz, ein Winzersohn aus Korb im Remstal, angefangen in der Serrania de Ronda im süd-westlichen Andalusien Weinreben anzupflanzen. Neben Tempranillo und einer Reihe internationalen Rebsorten werden auch Rebsorten kultiviert, die im Süden Spaniens ganz sicher weniger Verbreitung finden. Dies bezüglich, neben meinem heutigen Pinot Noir, sind die aus dem Schwabenland bekannten Rebsorten Lemberger (Acinipo) und Muskattrollinger zu nennen. Schon von Beginn an war es Friedrich Schatz sehr wichtig seine Trauben nach ökologischen Richtlinien zu erzeugen. Heute ist der ganze Betrieb biodynamisch zertifiziert. Das Traubengut für mein heutigen Pinot Noir stammt, wie für alle Weine der Bodegas, aus dem von Schluff-, Ton und Sandböden geprägten, auf 600 Meter Höhe gelegenen und leicht abfallend gen Süden gerichteten Weinberg der Familie Schatz. Ausgebaut wurde der Pinot Noir für ca. 13 Monate („sur lie“) mit relativ oft praktizierter Batonnage in Troncais und Allierfässern. Jetzt bin ich aber wirklich gespannt ...

Die Farbe des Pinot Noirs zeigte sich bis hin zum Rand noch ziemlich wenig durch sein erhöhtes Alter beeinflusst. Keine erwähnenswerten Verfärbungen zeigten sich in dem hellen Rubinrot. Auch Transparenz war gegeben. Diese wurde von einem etwas matt wirkenden Schleier „getrübt“, der von der unfiltrierten Natur des Weines zeugte. An dieser Stelle ein kleiner praktischer Tipp für möglich Nachtrinker: Das Depot ist enorm!

So, weiter im Text ... Die Nase des Pinot Noir präsentierte sich die erste Stunde sehr zurückgezogen und schüchtern. Neben verhaltenen Himbeeraromen und einem leichten Einfluss von Eiche, wurde mir schnell klar, dass dieser Wein wenig mit anderen spanischen Pinot Noirs zu tun haben dürfte. Schon sein Nasespiel versprach eine ziemlich leichte, frisch wirkende und lebendige Struktur. Aber auch von Aromenseite zeigte sich der Pinot Noir von Schatz recht ungewöhnlich für so eine heisse Gegend. Nachdem der Wein nach gut einer Stunde in der geöffneten Flasche aufgewacht war, zeigte er Düfte von Heublumen, Nougat, reifer und elegant anmutender Himbeere, getrockneten Pilzen, würzig und krautig wirkenden Kräutern, feinem Rauch und zeitweise etwas pupsig wirkender Landluft.

Am Gaumen zeigte der Wein, was das Tempo betraf, ein ähnliche Entwicklung. Von Seite der Aromen wurde von Anfang an klar, dass am Gaumen mehr Komplexität und meinetwegen auch "Anspruch" zu erwarten war. Frucht und Struktur wirkten hier nicht so beschwingt und elegant, aber dennoch leicht und überhaupt nicht überextrahiert und schon garnicht gewaltig. Dieses, von mir persönlich empfundene Moment der „Nicht-Eleganz“, dürfte unter anderem wohl durch sein sehr burschikoses und dennoch gut strukturiertes Tannin und so manchem wild wirkenden Aroma befördert worden sein. Die Aromen waren geprägt von sehr reifen und ganz leicht rosinierten Himbeeren (nichts von Marmelade), Kaffee, Trockenfleisch, Nougat, Kakao, pfeffrigen Kräutern, (eingebildetem) Teer, dunkler Erde, getrockneten Pilzen, etwas Lakritz, einer Spur Zimt, sowie ein Hauch Sandelholz und ein ergänzender Hauch von Nelke. Eine kräftige, ziemlich tiefgründig wirkende und von meinem nicht so gut geschulten Gaumen, was andalusische Böden betrifft, näher bestimmbare mineralische Prägung, sollte ich ebenfalls nicht unterschlagen. Als letztes möchte ich noch die sehr lebendige und für Südspanien überraschende Säure erwähnen. Diese, leistete für mich einen wichtigen Beitrag zum zwar etwas eigenen wirkenden, oder vielleicht besser formuliert, einzigartigen und gleichzeitig sehr gelungenem Gesamtwerk. Auf das Thema Rebsortentypizität möchte ich bei diesem Pinot Noir nicht wirklich eingehen. Zwar zeigten sich einige typische Züge von einigen Pinot Noirs, doch blind verkostet hätte ich wahrscheinlich eher auf einen sehr guten Xinomavro oder sonstetwas getippt. Für mich ein ausgefallenes, vielleicht einmaliges und sehr gutes (+)-(++) und für mich total überraschendes Pinot Noir Erlebnis!

Besten Gruss

Chris
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Oh Dae-Su

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Re: Pinot weit weg

BeitragDi 3. Jun 2014, 16:48

Hallo zusammen,

es geht weiter mit "Pinot weit weg". Dieses mal aus dem Gastgeberland der letzten Fussball WM:

Hamilton Russell Pinot Noir 2007, Walker Bay


Im Normalfall versuche ich stets den Leser meiner Artikel, Verkostungsnotizen oder sogar bei wirklich Wichtigem ;-) nicht mit belanglosen persönlichen Gefühlsregungen oder biographischen Nichtigkeiten zu langweilen. Heute muss ich diese Grundhaltung etwas aufweichen, da es heute um einen Wein gehen soll, der gedankliche noch immer nachwirkende Sedimente an meinem Gaumen hinterlassen hat. Ich meine natürlich nicht genau exakt diesen Wein. Ich meine vielmehr eine Edition aus grauer prä-bloggosphärischer Vorzeit.

Es mag nunmehr um die neun Jahre her sein als ich den Hamilton Russell Vineyards Pinot Noir 2001 im virginen Zustand, im damals gerade noch jugendlichem Unverstand, mir die Kehle runter kippte. Auch damals schon, war neben einer ungesunden und verderbenden Sozialisation mit reichlich vielen Bordelaisern Weinen, meine Prä-Pinot-Destination evident. Doch mit Pinot Noirs aus der Neuen Welt kam ich bis zu diesem prägendem und nachhaltigen Erlebnis nur wenig in Kontakt. Was nun letztlich so prägend an diesem „Ur-Pinot-weit-weg“ war ist heute nur noch von belangloser Bedeutung und bestenfalls mit grauenvoll schmalzigen und lückenhaften Erinnerungen widergebbar. Diesen Anschlag in From von schlimmst möglicher Weinlyrik erspare ich dem geschätzten Leser sehr gerne. Nur soviel: es war sicherlich sehr schön! Genug dem Gesülze ;) ! Jetzt gibt es Flüssiges ...

Im Jahre 1975 machte sich der Werbefachmann Tim Hamilton Russell auf an den südlichsten Zipfel von Südafrika, in das Hemel-en-Aarde Valley in Walker Bay, mit der Absicht Cool-Climate Pinot Noir und Chardonnay Weine herzustellen. Weine die es bis dato in dieser Form in Südafrika noch nicht gab. Die ersten eineinhalb Jahrzehnte waren nicht ganz einfach. Viele Rückschläge und die damals noch verwendeten Swiss BK5 Klone machten das Leben schwer. Im Jahr 1991 begann Tim's Sohn Anthony die Geschicke des Weingutes in seine Hände zu nehmen. Dank der beginnenden politischen Aufhellung in Südafrika wurde es möglich das nun hochwertigere Dijon Klone in vorteilhafteren Lagen (reichhaltige rötliche Tonböden im Eisenablagerungen und gen Norden etwas Schiefer) angepflanzt werden konnten. Heute werden auf ca. 22 ha Pinot Noir und ca. 28 ha Chardonnay Reben kultiviert. Unter dem Namen Southern Right werden mittlerweile auch Sauvignon Blanc und Pinotage Weine am Markt angeboten.

Die Farbe des Hamilton Russell Pinot Noirs 2007 war wie man sie sich bei einem Pinot Noir idealtypisch vorstellen mag. Rubin rot, vitale Reflexe, kaum Verfärbungen am Rand und schöne Transparenz. Die Nase brauchte ca. zwei Stunden in der geöffneten Flasche um auf touren zu kommen. Zunächst wirkte sie zwar feingliedrig aber etwas sehr fruchtig, leicht süßlich, insgesamt leicht monoton und eher zurückhaltend. Später entwickelte sich der nasale Eindruck hin zu wesentlich mehr Komplexität und Ernsthaftigkeit. Nun zeigten sich ausgeprägte Aromen von reifen Himbeeren, hellen Kirschen, einem vermutbaren Etwas an roten Johannisbeeren, nicht zu wenig Erdigkeit, Spuren von Vanille sowie gut abgestimmte Düfte die an Nelken, Leder und feuchtes Unterholz erinnerten. Am Gaumen benötigte er ebenfalls um die zwei Stunden um richtig aufzuwachen. Die Säure wirkte vergleichsweise mild. Dies mag dazu geführte haben, dass ich den 2007er als etwas dicklicher und reichhaltiger empfand als ältere Ausgaben. Trotzdem hatte er strukturell nur wenig von einem Neue Welt Pinot Noir an sich wie man sich einen solchen viel zu oft gerne vorstellen mag. Ein Schreihals, eine Fruchtbombe oder ein aufgeblasener Poser war der Wein meiner Meinung nach zu keinem Zeitpunkt. Muskel, Kraft und "sanften" Druck zeigte der Hamilton Russell schon. Doch immer auf eine bescheidenen und zurückgefahrene Weise. Die Aromen zeigten sich mit der Nase mehrheitlich deckungsgleich. Insgesamt wirkten diese hier etwas metallisch-streng-eleganter und weniger leichtfüßig-fruchtig-schwingend wie in der Nase. Auch ein erstaunlich mineralisch – von mir aus auch salzig – wirkender Unterton sollte nicht unerwähnt bleiben. Alles in allem sicher nicht mein bester Pinot Noir von Hamilton Russell. Dennoch ohne größere innere Diskussionen und sonstartigen Abwegungen ein sehr guten (++) Wein! Ich bin mir sicher, dass ihm noch einige Jahre in der Flasche gut tun werden.

Der Hamilton Russell musste nicht alleine getrunken werden. Es gesellten sich auch noch ein paar Teutonen und Franzosen zu ihm. Darunter waren Weine wie:

Weingut Fürst Centgrafenberg R Spätburgunder 2003, Franken
Weingut Keller Spätburgunder Bürgel Felix 2001, Rheinhessen
Domaine Harmand-Geoffroy Gevery-Chambertin En Jousie 2002
Domaine Armand Rousseau Clos Saint Jacques 1992
Weingut Müller-Catoir Gimmeldinger Mandelgarten Riesling Spätlese trocken 1993


Kurze Beschreibungen zu diesen Weinen findet ihr hier:

http://wine-zeit.blogspot.de/2014/06/ha ... alker.html

Besten Gruss

Chris

PS: Von euch in letzter Zeit einer einen interessanten (oder auch nicht so interessanten) Pinot weit Weg im Glase gehabt?
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Charlie

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Re: Pinot weit weg

BeitragMi 4. Jun 2014, 11:20

Oh Dae-Su hat geschrieben:Von euch in letzter Zeit einer einen interessanten (oder auch nicht so interessanten) Pinot weit Weg im Glase gehabt?[/b]

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