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Erdrauch - Klappe "die Letzte"

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weinaffe

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Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragFr 11. Dez 2015, 13:11

Hallo zusammen,

der "Erdrauch", ein charakterstarker Franken-Silvaner der etwas anderen Art mit Kultstatus und auch schon Thema in diesem Forum, wird leider nicht mehr vinifiziert. Eigentlich wollte ich in 5 oder 10 Jahren eine Vergleichsverkostung mit 10-15 Jahrgängen anleiern; da aber der 2012er Erdrauch nun definitiv der letzte Jahrgang dieses Wein gewesen ist, keimte schon bald die Idee auf, die leider übersichtliche Jahrgangspalette (Jahrgänge 2006, 2008, 2009, 2010, 2011, 2012) noch in 2015 mal blind gegeneinander zu probieren. Der sympathische Macher dieses Kult-Silvaners, Olaf Stintzing, war auch sofort bereit, bei dieser Blindprobe mitzuwirken und den nicht mehr erhältlichen Erstlingsjahrgang 2006 mit einzubringen.
Letzten Dienstag trafen sich daher Teile der Würzburger Weinsportfreunde mit Olaf Stintzing, um in einer Blindprobe im privaten Rahmen die gesammelten Erdrauch-Jahrgänge miteinander zu vergleichen
Ale Weine wurden bereits am Morgen doppelt dekantiert und mit reichlich Luft versorgt, da dieser Kultwein sehr viel Luft benötigt und auch offen extrem haltbar ist.
Um es nicht zu einfach zu machen, gab es auch noch 2 Piraten (ein maischevergorener Grüner Veltliner aus dem Kremstal und ein von Olaf Stintzing im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit bei der GWF vinifizierter Premium-Silvaner, der es wahrlich in sich hatte).

Wein Nr. 1:
typische Erdrauch-Stilistik, würzig, kraftvoll mit einiger Finesse, Holz spürbar, aber gut integriert, dicht und lang.
Perfekt eingebundener Alkohol. Es wurde der 2010er vermutet, es war aber der 2011er Erdrauch. Dieser Jahrgang hat sich überraschend gut entwickelt, da er in seiner Jugend deutlich flüchtige Komponenten (Lacknote) verströmte. Jetzt ist davon nichts mehr zu merken. Eine echte Überraschung !

Wein Nr. 2:
schon in der Nase etwas mehr Frucht und Fülle andeutend als Wein Nr. 1, bestätigt sich dies voll auf der Zunge sehr kraftvoll, deutliche, aber angenehme Holzwürze, viel Extrakt, aber leider ist der Alkohol (14,5 Vol%) im Abgang präsent. Daher vielleicht etwas kälter und speziell zum Essen trinken. Alle vermuteten den 2009er Erdrauch und lagen damit völlig richtig. Trotz der durchaus deutlichen Holznoten werden interessanterweise für die Vinifizierung des Erdrauchs ausschließlich mehrfach gebrauchte Barriques (3.-5.-Belegung) verwendet. Anscheinend hat die Maischegärung beim in der Regel 1-jährigen Fassausbau hier auch einen Einfluss auf die Intensität der Holzaromen im Wein.

Wein Nr. 3:
auffallend kräftige Farbe in Richtung cognacfarben, man erwartet einen reiferen Wein, doch schon in der Nase ein jugendlicher Eindruck mit Frucht und viel Würze, angenehme Säure, auch hier ist im Holz im Spiel, sehr animierender Wein mit Frische und Komplexität. Der Wein erinnerte duchaus an den Erdrauch-Stil, war aber doch in der Stilistik etwas anderes. Zu Recht wurde hier ein Pirat vermutet. Olaf Stintzing ist hauptberuflich für die Vinifikation der Premiumweine der Gebiets-Winzergenossenschaft Franken (GWF) verantwortlich. Dieser Pirat wurde von Ihm in kleiner Menge nach seinen Vorstellungen produziert, so dass die ähnliche Stilistik zum Erdreich auch kein Zufall ist. Es handelt sich um den maischevergorenen und im Holz ausgebauten 2013er Silvaner vom Stammheimer Eselsberg, der bereits gefüllt, aber noch nicht im Verkauf ist. Dies ist ein spannender Silvaner, den ich mir sofort kaufen würde. Somit bleibt als kleiner Trost, dass auch nach Einstellung der Erdrauch-Produktion noch spannende Silvaner in ähnlicher Stilistik zukünftig über die GWF zu beziehen sind.

Fortsezung folgt !

Grüsse
Bodo
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octopussy

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragFr 11. Dez 2015, 16:03

Spannend. Den 2009er Silvaner Erdrauch habe ich vor ein paar Monaten das erste Mal getrunken und fand ihn interessant, aber auch verdammt anstrengend und ziemlich gewollt und wenig harmonisch. Das ist nicht die Art von Weinen, die ich gerne trinke.

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Beste Grüße, Stephan
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Gerald

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragFr 11. Dez 2015, 16:14

Hallo Bodo,

gab es eigentlich eine Erklärung, warum der Wein nun nicht mehr produziert wird? Denn in der Weinöffentlichkeit (zumindest im Web) wurde er ja sehr oft erwähnt, was ja nicht die schlechtesten Voraussetzungen für guten Absatz sind.

Grüße,
Gerald
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weinaffe

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragSa 12. Dez 2015, 17:24

Gerald hat geschrieben:Hallo Bodo,

gab es eigentlich eine Erklärung, warum der Wein nun nicht mehr produziert wird? Denn in der Weinöffentlichkeit (zumindest im Web) wurde er ja sehr oft erwähnt, was ja nicht die schlechtesten Voraussetzungen für guten Absatz sind.

Grüße,
Gerald


Hallo Gerald,

es gibt da wohl mehrere Gründe. Zum einen ist der Erdrauch ein erklärungsbedürftiger und nicht unkomplizierter Wein für Kenner und Freaks, den trotzdem nicht jeder mag. Der Vertrieb kostet dadurch Zeit und Energie, so dass sich aufgrund des niedrigen Ertrags und des nicht überzogenen Preises (über die Jahre ab Weingut zwischen 15- knapp 20 EURO/Flasche) viel weniger Gewinn erzielen lässt als mit einfacher zu produzierenden, "mainstreamigeren" Weinen des Portfolios.
Außerdem ermöglichte es die Größe des Weinguts (ca. 3,5 ha) nicht, alleine davon zu leben. Olaf Stintzing hat daher noch einen "Fulltime-Job" bei der Gebiets-Winzergenossenschaft Franken (GWF), was natürlich zu einer nicht unerheblichen Doppelbelastung führt. Man hat sich daher vor kurzem für die stressfreiere und familienfreundlichere Lösung entschieden und die Rebfläche auf nur noch 0,34 ha zurückgefahren. Diese Entscheidung wurde möglicherweise dadurch erleichtert, dass Olaf Stintzing bei der GWF, die den Ertrag von 1.600 ha fränkischer Rebfläche verarbeitet, für den Ausbau der Premium- und Super-Premium-Weine verantwortlich ist und hierbei ziemlich freie Hand hat. Er kann daher hier spannende und anspruchsvolle Weine nach seinen Vorstellungen in kleinen Auflagen vinifizieren, ohne sich um Rentabilität und Absatz kümmern zu müssen. Für seinen Arbeitgeber muss sich das nicht rechnen, da dies lediglich der Imagepflege und der Besserung des Rufs als "Massenerzeuger" dienen soll. Insofern kann ich seine Entscheidung nachvollziehen, auch wenn das für die Fans des Erdrauchs natürlich sehr schade ist.

Grüsse
Bodo
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innauen

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragSa 12. Dez 2015, 20:00

Vielleicht bekommen wir dann bald einen Erdrauch in neuer Fassung von der GWF kredenzt. Halt uns auf dem Laufenden!

Grüße,

wolf
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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weinaffe

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragSo 13. Dez 2015, 20:27

innauen hat geschrieben:Vielleicht bekommen wir dann bald einen Erdrauch in neuer Fassung von der GWF kredenzt. Halt uns auf dem Laufenden!

Grüße,

wolf



Geht klar, Wolf !

Grüsse
Bodo
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weinaffe

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Re: Erdrauch - Klappe "die Letzte"

BeitragMi 16. Dez 2015, 16:45

... und weiter geht es mit der Erdrauch-Retrospektive:

Wein Nr. 4:
wieder mit der typischen Erdrauch-Stilistik, reifer Apfel, etwas Anis, feine Würze, es besteht jedoch ein kleines "Loch" am Gaumen, dadurch auch etwas Alkohol spürbar, trotzdem ein angenehmer Wein, bei dem die meisten jetzt auf den 2011er Erdrauch tippten. Zur allgemeinen Überraschung war es aber der im Vorfeld höher gehandelte 2010er Erdrauch.
P.S.: da ich als Gastgeber die Möglichkeit hatte, die angebrochenen Weine noch über weitere 3 Tage zu verfolgen, relativierte sich die Einstufung wieder. Alle Weine präsentierten sich auch nach 3 Tagen noch extrem frisch, wobei der 2010er sich wieder "gefangen" hatte und letztlich dem 2011er doch überlegen war. Auch das kleine "Loch" im Gaumeneindruck war völlig verschwunden. Der Erdrauch ist halt ein unberechenbarer Charakterkopf und alles andere als ein "easy-drinking"-Wein.


Wein Nr. 5:
wurde allgemein als 2. Pirat erkannt, hier ging es schon deutlich in die Naturwein-Richtung, kräftiges Goldgelb, leicht oxidative Aromatik, ohne jedoch richtig oxidativ zu sein, ansonsten klar und sauber, deutliche Bratapfelnote, Noten nach Apfelkern, würzig, eher weiche, etwas breite Stilistik, die aber gut durch die Tanninstruktur (100% Maischegärung) abgefedert wird, wirkt leicht restsüss, die 14,5 Vol% Alkohol sind kaum spürbar, mittellanger kraftvoller Abgang. Es war der 2011er Grüner Veltliner Landwein trocken vom Weingut Stagard in Krems. Ein interessanter Betrieb mit sehr charaktervollen Weinen, auch abseits dieses "Naturweins.

Wein Nr. 6:
nach einstimmiger (!) Meinung der klar beste Erdrauch, sehr feine, ausgewogene Nase mit der richtigen Mischung aus Holz, Würze und gelben Früchten. Alle Komponenten wie Restzucker, Alkohol und Säure sind perfekt ausbalanciert, ein in sich ruhender Erdrauch mit noch einigem Potential. Das konnte nur der 2008er Erdrauch sein.. und der war es dann auch. War auch nach 3 Tagen unverändert top.

Wein Nr. 7:
war vielleicht die größte Überraschung des Abends: ein unheimlich jugendlich wirkender Erdrauch mit eleganter Frucht, schön eingebundenem Holz, bestens integriertem, nicht merklichem Alkohol (trotz 14 Vol%), etwas weniger Gerbstoffstruktur, langer, fruchtig-würziger Abgang. Aufgrund der Jugendlichkeit tippte ich sofort auf den noch verbliebenen 2012er. Als Olaf Stintzing aber bemerkte, dass der erste Erdrauch-Jahrgang 2006 ohne jegliche Maischegärung erzeugt wurde, wurde ich doch stutzig. Der deutlich geringere Gerbstoff sprach tatsächlich für 2006. Konnte aber ein 2006er noch derart jugendlich sein ? Die Überraschung war perfekt --- es war tatsächlich der 2006er Erdrauch. Chapeau !

Wein Nr.8:
dieser Erdrauch wirkte extrem jugendlich, sehr verschlossen in der Nase, spannende Gerbstoffstruktur, saftige Säure, die den Wein bestens ausbalanciert, der Wein braucht extrem viel Luft, eigentlich erst am 3. Tage drehte er so richtig auf und offenbarte Noten von Apfel, eine Spur Birne und kräutrige Akzente. Toller Wein mit viel Potential. Das konnte nur der 2012er Erdrauch sein und damit lagen alle goldrichtig.

Diese Probe zeigte exemplarisch, dass der Erdrauch ein nicht unkomplizierter, aber hochklassiger Individualist ist, den man entweder besonders mag oder mit dem man eben nichts anfangen kann. Ich und wahrscheinlich alle Mittrinker gehören eindeutig zur ersten Fraktion. Insofern ist es natürlich jammerschade, dass dieser Charakterkopf mit dem 2012er seinen letzten Auftritt hatte. Es bleibt allerdings das Trostpflaster, dass in den nächsten Jahren der eine oder andere "erdrauchinspirierte" Wein über die GWF zu beziehen sein wird. Olaf Stintzing hat mir jedenfalls versprochen, mich zu informieren, wenn da etwas interessantes in den Verkauf geht.

Zum Abschluss noch meine persönliche Erdrauch-Rangfolge:

1. Platz: 2008er
2. PLatz: 2012er (Potentialbewertung)
3. Platz: 2006er
4. Platz: 2010er
5. Platz: 2009er
6. Platz: 2011er


Grüsse
Bodo

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