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Marken

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amateur des vins

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Re: Marken

BeitragDi 23. Aug 2016, 11:47

Am Wochende mal wieder im Glas:

il Pollenza 2005

Dieser Wein ist ein wannabe-Haut-Brion: Flaschenform, Etikett, (mit Einschränkung) Rebsorten - alles erinnert stark an den berühmten Bruder. Vorab schon mal soviel: Auch wenn ich erst einmal Haut Brion im Glas hatte ('92er, getrunken ca. '08 oder '10), und der Pollenza ein sehr guter Wein ist - um an das Vorbild heranzureichen, muss sich der kleine noch sehr strecken. Dafür kostet er aber auch nur etwa ein Zehntel. ;)

Im Glas präsentiert er sich dunkel und dicht, (noch) transparent und ganz leicht trüb. Leichte Tendenz in's Orange.

Die Nase ist betörend dicht, komplex und vorwiegend rotfruchtig: erst etwas Cassis, dann Him-, Erd- und rote Johannisbeeren, hinterlegt mit ein wenig Garrigue. Ich rate: CS-dominiert, abgemildert/aufgefrischt mit Sangiovese(?), Volumen durch etwas Merlot, und eine Spur PV-Würze. Im Netz finde ich zunächst überraschenderweise genau diese Rebsorten angegeben. Später sehe ich noch auf einer verlässlicher erscheinenden Quelle die Angaben 65% CS, 25% M, 10% CF. Also kein Sangiovese, und auch kein Petit Verdot, der erst in späteren Jahrgängen hinzukam. Etwas erstaunlich, dass die Nase bei dieser Cuvée solch eine Frische aufweist!

Am Gaumen meint man dann, jemand hätte das Glas vertauscht: Die rote Frucht fehlt praktisch komplett. Stattdessen finde ich schwarze Aromen (Lakritz, sehr dunkle Schokolade, ein Hauch Teer). Das ist etwas verwirrend, weil ich diese als tertiär kenne, was so garnicht zu der jugendlich-opulenten Nase passen mag. Alkohol (14%) und Phenole(?) sind nicht ganz perfekt eingebunden, und eine leichte, aber deutliche Bitternote zieht sich von vorne bis hinten durch. Der Gesamteindruck ist komplex, sehr würzig, wenig fruchtig, nicht ganz balanciert, und praktisch garnicht tertiär - trotz der schwarzen Aromatik.

-> dekantiert, (kaum Depot) und nach ~4h zurück in die Flasche.

Die Luft hilft deutlich; der Wein wirkt jetzt runder und - bei aller Spannung und Würze - auch etwas ausgewogener.

Der Rest am nächsten Tag zeigt dieselbe betörende, sehr komplexe rotfruchtige Nase. Auch am Gaumen zeigt er sich wenig verändert, mit wenig Frucht, schwarzen Aromen und sehr würzig. Heute ist er "pulveroso", d.h. die Tannine hinterlassen einen "staubigen" Eindruck am Gaumen.

Der Pollenza ist ein Charakterwein, sehr eigen. er ist kein Schmeichler und nicht ganz einfach, aber sehr spannend. Für einen großen Wein fehlt es mir an Finesse und Harmonie. Ein tolles Weinerlebnis bietet er aber ohne Zweifel, und ich bin nicht sicher, ob er überhaupt schon auf dem Zenit ist. Jedenfalls habe ich keine Eile mit meinen letzten beiden Flaschen.
Besten Gruß, Karsten
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olifant

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Re: Marken

BeitragDi 23. Aug 2016, 17:18

Hallo Karsten,

aus Interesse habe ich mal Pollenza http://www.ilpollenza.it/home/ gegoogelt - nun ja, auf jeden Fall interessant. In jedem Falle das deutlichst erkennbare Bestreben grosse (Rot-) Weine nach französischem Vorbild zu kreieren.
Gespart wird an nichts, weder am Ambiente, noch am Equipment oder Personal > Oenologen: bis 2006 G. Tachis, seit 2007 C. Ferrini - das sind, nicht nur in Italien, beileibe keine Unbekannten. Das Anwesen, die Weinberge extrem gepflegt ...

Mich würde aber wohl eher der Angera, ein Weisswein aus 100% Maceratino, interessieren - was ist Maceratino überhaupt ;) - vermutlich irgendwas autochtones ...

Deine Beschreibung des Il Polenza erinnert mich einfach zu stark an einen extrem ausbaudominierten - "gemachten" - Bordeauxverschnitt. Sowas trinke ich ganz gerne mal, wenn diese aus der norditalienischen Ecke des östl. Veneto, oder der Venezia Giulia kommen, ob ich das aus den Marken brauche - naja, geschenkt nehm' ich's bei den Preisen schon :lol:
Grüsse

Ralf
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amateur des vins

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Re: Marken

BeitragDo 25. Aug 2016, 11:36

Hallo Ralf,

ich hatte kurz überlegt, ob ich meinen Beitrag um Hintergrundinformationen erweitern oder den geneigten Leser googeln lassen soll. Danke, dass Du das für mich übernommen hast!

Ich kenne zwar Cosmino und Porpora (beide weniger interessant), aber leider nicht die weißen. Da muss ich unbedingt bei meiner Quelle nachhaken.

Ausbaudominiert - hmm, vielleicht, weiß nicht. Mich hat kein Holz angesprungen. Was führt Dich zu der Annahme? Führt starker Toast im Alter zu dieser Aromatik?

Ansonsten würde ich ja sagen: Lass' uns die nächste Flasche gemeinsam trinken, in zwei Jahren oder so. ;)
Besten Gruß, Karsten
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olifant

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Re: Marken

BeitragDo 25. Aug 2016, 16:12

amateur des vins hat geschrieben:... Die rote Frucht fehlt praktisch komplett. Stattdessen finde ich schwarze Aromen (Lakritz, sehr dunkle Schokolade, ein Hauch Teer). Das ist etwas verwirrend, weil ich diese als tertiär kenne, ... und eine leichte, aber deutliche Bitternote zieht sich von vorne bis hinten durch. Der Gesamteindruck ist komplex, sehr würzig, wenig fruchtig, nicht ganz balanciert, und praktisch garnicht tertiär - trotz der schwarzen Aromatik.

... . Auch am Gaumen zeigt er sich wenig verändert, mit wenig Frucht, schwarzen Aromen und sehr würzig. Heute ist er "pulveroso", d.h. die Tannine hinterlassen einen "staubigen" Eindruck am Gaumen.


Hallo Karsten,

was mich zu der Mutmaßung veranlasst hat an intensiven Barriqueausbau zu denken sind die obig verwendeten Vokabeln, wie: Lakritz, sehr dunkle Schokolade, deutliche Bitternote, wenig fruchtig ... und vorallem "staubiger" Eindruck am Gaumen. (Und nicht zu vergessen die Aufnahmen des Barriquekellers auf der Internetseite :lol: )

Der Einsatz von Barrique bedeutet ja nicht zwingend nur Vanille, Kokos oder Räucherspeck, je nach Holz und Toastgrad kann dies durchaus auch ins Schokoladige, Lakritzige und Würzige gehen - auch wenn derartige Aromenbilder direkt aus dem verwendenten Traubenmaterial kommen können. Letztlich war es jedoch der "staubige" Eindruck - ich assoziere dann auch trocknende Tendenzen, welche auf übertriebenen Holzeinsatz zurück zu führen sind. Da hatte ich vllt. einfach schon zuviele Italiener mit overdone - Barrique im Glas.
Grüsse

Ralf
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olifant

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Re: Marken

BeitragDo 3. Nov 2016, 10:27

... vor kurzem im Glas ...

Rosso Conero 2013 DOC, Fattoria Le Terrazze - Numana, 100% Montepulciano

dichtes Granatrot mit violetten Reflexen; intensive softe schwarzrote Fruchtnase (Brombeere, Heidelbeere, Walderdbeere, ...), Kiefernnadeln, etwas Kräuter/Unterholz; am Gaumen gutes Mittelgewicht, weiche rote und schwarze Früchte korrespondierend zur Nase, kräuterwürzig-harzige Anklänge, rundes samtiges Tannin, angenehm kräftige, stützende Säure, rund, easy-drinking, eher 'modern'; mittellanger - langer fruchtbetonter abgerundeter Abgang mit stützender Säure - 16,5/20 op

Schön gemachter Wein, moderner Stil, der aber kein bisschen auf Überreife setzt oder die Sorte vergewaltigt, angenehmer Tischwein, der viel zu bieten hat - sehr angenehmer Essensbegleiter und ein Everybodys Darling fürs BBQ. Sehr gutes PGV.
Grüsse

Ralf
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amateur des vins

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Re: Marken

BeitragDo 3. Nov 2016, 11:40

Danke, Ralf - Du weckst Erinnerungen an die frühesten Anfänge meiner Annäherung an italienische Weine. :geek:

Ich meine, den Rosso Conero da im Glas gehabt zu haben; Sassi Neri und Chaos sicher. Muss so vor etwa 8 Jahren gewesen sein. Ich habe gleich nachgeschlagen, aber leider muss das gewesen sein kurz bevor ich begann, Verkostungsnotizen zu notieren. :( Aber dass der Chaos seinem Namen alle Ehre machte, interessant, mir aber zu schräg war - daran kann ich mich noch erinnern.
Besten Gruß, Karsten
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olifant

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Re: Marken

BeitragDo 3. Nov 2016, 12:43

Der Sassi Neri '11 und der Chaos '09 von Le Terrazze liegen bei mir auch noch zum Verkosten bereit. Ich denke da sollte schon noch was ordentliches ins Glas kommen.
Als Basisqualität war der Rosso Conero aller Ehren wert.
Grüsse

Ralf
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BerlinKitchen

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Re: Marken

BeitragSa 25. Feb 2017, 09:36

2013 Oasi degli Angeli "Kupra"

www.kurni.it
Nach 18 Jahrgängen KURNI von 1997-2014 gab es zum Abschluss noch einen 2013 Kupra basierend auf Grenache. Gehört mit zum Besten was ich jemals aus Italien im Glas hatte. Schlichtweg atemberaubend.

https://www.superiore.de
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BerlinKitchen

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Re: Marken

BeitragSa 25. Feb 2017, 09:51

P.S. Der 1997&1998 KURNI war ein Traum und noch jung. Kann weitere 10-20 Jahre im Keller liegen. Trotz aller Kraft bzw. Alkohol zeigte er Frische und Eleganz. Er hat die 14,5% bestens integriert. Beeindruckende Länge und Komplexität. 94-95/100.

Gar nichts mehr wie Amarone und zur Info, es werden keine getrocknete Trauben benutzt. Wird überall falsch beschrieben. Der Winzer Marco hat das gestern Abend in Berlin klar gestellt. Unbedingt 2009&2010&2012 Kurni kaufen. 2012 kann man gerade wunderbar trinken.
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Seehas

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Re: Marken

BeitragSa 22. Jul 2017, 21:54

Mal was Neues aus den Marken:
Bild
Der italienische Weinkritiker Luca Maroni gibt 99 Punkte und empfiehlt. Da Luca Maroni bekannt für seine Vorliebe zu arg fruchtbetonten Weinen ist, nicht unbedingt wirklich eine Empfehlung. Der Winzer will mit der ungewöhnlichen Cuvee den südtiroler und elsässischen Aromaweinen (?) etwas entgegensetzen. Das scheint mir nicht so recht gelungen, weil der Moscato stark in den Vordergrund tritt. Vom Sauvignon blanc ist außer einer parfümigen Note nichts zu merken, und auch der Verdicchio lässt sich (in der traditionellen fetten, satten voluminösen Variante) allenfalls erahnen. An südtiroler Aromaweine (Gewürztraminer?) kommt der Wein nicht heran, im Vergleich zu anderen italienischen Muskatellern aus dem Trento oder Sizilien oder Kalabrien fehlen die Säure und die geschmackliche Klarheit. Erinnert mich mehr an einen halbtrockenen elsässischen Gewürztraminer. Schade um den Verdicchio, der allein ohne Bukettsorten bessere und animierendere Weine (egal ob traditionell fett oder modern frisch) ergibt.
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