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Quantifizierbarkeit von Weinqualität

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VillaGemma

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragFr 17. Mai 2013, 11:07

Ich "muss" dieses Thema nochmal aufgreifen, nachdem ich gestern Abend diesen Artikel gelesen habe:

http://io9.com/wine-tasting-is-bullshit ... -496098276

Ich habe ja so langsam meine Zweifel, ob ich Dinge schmecke, die ich mir nur einbilde :shock: :? ...oder ob ich tatsächlich eine feinere Zunge habe als der "Durchschnitt".

Es wird immer wieder angeführt, dass man Weißwein und Rotwein, sofern man die Farbe nicht sieht, nicht voneinander unterscheiden kann. Es mag ja Kombinationen geben, wo es vielleicht schwer wird (habe ja selbst nicht so die kenne von Weißen), aber nehmen wir mal einen schönen vollen Chardonnay verglichen mit einem sehr sehr leichten Roten, ein billiger einfacher Merlot fast ohne Geschmack oder so. Da mag es ggf. schwer werden.

Aber nimmt man einen Roten mit großem Körper, einen "sehr guten" C9dP oder einen sehr guten Priorat. Gibt es weiße Weine, die in diese Richtung Brombeere + Kirsch gehen? Ich würde meine Hand für ins Feuer legen, dass so kein Weißer schmeckt. Da ist doch viel eher sowas wie Pfirsich, Melone ...und dann leider auch sehr häufig Citrone, Ananas zu schmecken...aber Brombeere hatte ich noch nie!

Aber trotzdem gibt es mehrere Artikel, die suggerieren wollen: Alles schmeckt gleicht und es sei nur die Psyche? Oder ist es lediglich der Neid der Besitzlosen, der aus den Artikeln herausschreit :D
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Gerald

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragFr 17. Mai 2013, 11:17

Gibt es weiße Weine, die in diese Richtung Brombeere + Kirsch gehen?


na ja, meiner Ansicht nach wird die Assoziation mit Brombeere und Kirsche auch durch den optischen Eindruck suggeriert. Warum sonst findet man in VKN von Rotweinen fast immer nur rote, blaue oder dunkle Früchte, in Weißweinen hingegen gelbe, grüne oder weiße?

Ich weiß von einem Fall, wo ein Bonbonhersteller sowohl Apfelbonbons als auch Heidelbeerbonbons hergestellt hat - mit der gleichen Mischung von Aromaessenzen, nur unterschiedlich gefärbt ...

Grüße,
Gerald
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VillaGemma

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragSa 18. Mai 2013, 15:31

Gerald hat geschrieben:Ich weiß von einem Fall, wo ein Bonbonhersteller sowohl Apfelbonbons als auch Heidelbeerbonbons hergestellt hat - mit der gleichen Mischung von Aromaessenzen, nur unterschiedlich gefärbt ...

Die Story kenne ich auch. Nur was genau bedeutet das? Das uns die Farbe vorgibt, was wir geschmacklich assoziieren? Das ein brombeeriger RW gar nicht nach Brombeere schmeckt, wir uns das nur einbilden? Wäre ja schon höchst erstaunlich, und ich glaube das irgendwie nicht. Daher haben meine Frau und ich beschlossen, demnächst einen Test mit roten und weißem Wein durchzuführen bei verbundenen Augen :) ...wollen mer doch mal sehen...äh schmecken.

Was ich aktuell einfach mal noch ausschließe: Dass RW und WW gleich schmecken. Jedenfalls die, die ich kenne, schmecken unterschiedlich. Vollkommen unterschiedlich. Und ich habe auch noch keinen 10,- Euro Wein gehabt, der wie ein (subjektiv sehr guter) 30-50 Euro C9dP schmeckt. Auf der anderen Seite gab es schon viele 30-50 Euro Weine, für ich mal lieber keine 15,- ausgegeben hätte :D...aber das gehört zum Thema Lehrgeld.
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WoFu

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragSo 19. Mai 2013, 13:25

Moin, moin,

hat den schon jemand aus der Runde mal intensiv mit schwarzen Gläsern "geübt"? Mir waren die Sensus (andere kenne ich nicht) irgendwie bislang zu teuer, um sie im Schrank stehen zu haben. Aber in unserem Kreis kommt immer mal dieses Thema hoch. Ich würde mich nicht wundern wenn das Auge schon ganz erheblichen Einfluß auf den Geschmack haben würde. Es fragt sich nur, ob ich so viel schlauer bin, wenn ich es ausprobiert habe und mit welchen Weinen man testen sollte. Ein Sauvignon-Blanc aus NZL gegen einen Lagrein aus Südtirol... da solltes es die Nase schon schaffen, was könnten "kritische" Kombis sein?

Fragende Grüße

Wolfgang
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VillaGemma

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragSo 19. Mai 2013, 20:28

Hallo Wolfgang,

danke für den Tipp. Die Gläser sind doch nicht sooo teuer? ca 10,- Euro je Glas. Werde ich mir besorgen! Der Dekanter für 60,- ist ein wenig happig und auch nicht gerade formschön ;)

Zum Thema Kombination: Ähm, ich denke mal, dass man auf jeden Fall Kombis hinbekommt, die echt schwer sind, herauszufinden. Vor allem wenn man eher schwache rote mit kräftigen Weißen "mischt". Aber in diem Artikel wird ja behauptet, dass auch Profis den Unterschied zwischen Weinen nur Anhand der Farbe schmecken.

==> Ein Grenache Blanc schmeckt exakt wie ein Riesling exakt wie ein Lember/Trollinger exakt wie ein 100% Grenache von Tardieu exakt wie ein Vino Nobile exakt wie ein Glas Bier oder eine Cola :roll: ...und man bezieht sich auf einen angeblich im Jahr 2001 sattgefundenen Test, wo ein weißer rot eingefärbt wurde. Wie gesagt, ich mag nicht in Abrede stellen, dass wenn man einen Chardonnay rot einfärbt, man vielleicht auch ein wenig mehr rote Früchte assoziiert. Aber ich würde aktuell behaupten, dass ich immer noch nicht die "Brombeer/Süsskirschbombe" eines Tardieu schmecke. Diesen Körper kann mMn kein weißer erzeugen. Wie auch umgedreht habe ich bislang selten rote getrunken, die nach Pfirsich oder Ananas schmeckten.

Aber ich werde es testen. 8-) ...hab ich (und meine Nerd-Frau) Bock drauf ;)
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Gerald

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragSo 23. Jun 2013, 18:28

Ein sehr interessanter Artikel zum Thema findet sich hier:

http://www.guardian.co.uk/lifeandstyle/ ... e-analysis

Er enthält zwar keine neuen Erkenntnisse, dafür aber eine schöne Zusammenfassung verschiedener Untersuchungen zur Reproduzierbarkeit von Bewertungen bzw. der Aussagekraft von Verkostungen überhaupt.

Sehr interessant die Aussage, dass die Punkte von Profiverkostern, wenn sie (natürlich blind) ein und denselben Wein mehrmals innerhalb der Verkostung probiert haben, durchschnittlich um ± 4 Punkte gestreut haben. Derselbe Wein könnte in einem Ranking also problemlos sowohl als erster als auch als letzter aufscheinen :o

Grüße,
Gerald
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VillaGemma

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragMo 24. Jun 2013, 12:28

Ein ganz interessanter Artikel. Einigem an Inhalt kann ich auch zustimmen. So dass es durchaus von der Tagesform abhängig ist, wie entspannt man ans Weingeniessen/-trinken rangeht.

Was definitiv falsch ist, ist die Mär, dass man Weiß- und Rotwein nicht am Geschmack erkennt. Habe ich im Eigentest widerlegt :) ...und wenn ich das hinbekomme, so erst Recht Leute, die sich professionell mit der Materie beschäftigen (Schwarzgläser kosten übrigens nur ca. 50,- Euro 6 Stück)

Was jedoch stimmt: Natürlich lassen wir uns als Menschen beeinflussen. Wenn jemand sagt, dass sei ein Wein für 400,- Euro die Flasche, dann gehe ich anders an die Sache ran als bei einem für 3,- Euro. Hier wären Blindtest wieder sehr interessant gewesen, ob es dann immer noch so läuft mit dem Beeinflussen der Psyche. Auf der anderen Seite habe ich letztes Jahr im Urlaub ein Glas 50&50 von Avignonesi (100,- Euro die Flasche, für mich schon sehr viel Geld) probiert und war total überhaupt nicht begeistert. Sprich nicht immer klappt das mit der Psyche so, wie im Artikel beschrieben.

Aber zur generellen Aussage von Weinbewertungen. Ich muss sagen, dass ich bei meinen Weinen immer wieder zu den gleichen Punktzahlen komme. +/- 1 Punkt, was aber dann am Essen/Tagesform/Flaschenvarianz liegen könnte. Ob mir das in einem Test von 15 verschiedenen Weinen, je 3x blind verkostet gelingt, wäre interessant. Aber da ich kein Weinkritiker bin, auch nicht so wichtig. Natürlich weiß ich vorher auch, was mich erwartet. Ich sage es aber nie/selten meiner Frau und sie kann inzwischen sehr gut einschätzen, in welches Preisregion sich der Wein befindet.
Wenn also ein professioneller Weinkritiker +/- 4 Punkte daneben liegt, dann ist a) So ein Weintasting einfach zu stressig oder b) er sollte nochmal überlegen, ob es das Richtige für ihn ist. 4 Punkte ist schon eine Menge Holz und ist mir eigentlich noch nie passiert.

Daher der Tipp für jeden Interessierten: Einfach mal selbst ausprobieren :) ...auch im Blindtest die eigenen Weine gegeneinander antreten lassen. Geht natürlich nur, wenn man min. zu zweit ist oder eine gespaltene Persönlichkeit besitzt ;)
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olifant

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragMo 24. Jun 2013, 13:00

Hallo villa gemma,

wenn du wirklich einen derart unbestechlichen Gaumen hast, solltest du umgehend Profiverkoster werden - plus/minus 4 Punkte scheinen auch bei Verkostungsprofis eine eher alltägliche Abweichung zu sein.

Eine Serie von guten Artikeln in der Sache von Armin Kobler (weinhof Kobler weblog / Magreid), der dies inzwischen sehr entspannt sieht:

http://www.kobler-margreid.com/blog/2013/01/19/the-judgement-of-paris-1/
http://www.kobler-margreid.com/blog/2013/01/31/the-judgement-of-paris-2/
http://www.kobler-margreid.com/blog/2013/02/28/the-judgement-of-paris-3-errare-humanum-est/

Armin Kobler hat geschrieben:Was ich damit sagen will: Wenn (wirkliche oder angenommene) Weinexperten sich oft wegen zwei Punkten streiten oder einen Wein mit 90 Punkten als deutlich besser einstufen als einen mit 87, dann sollte man sich als Leser an die Abweichungen zwischen gleichen Proben erinnern. Das hilft deutlich der Entspannung.
Grüsse

Ralf
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Gerald

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragMo 24. Jun 2013, 14:13

Hallo,

4 Punkte ist schon eine Menge Holz und ist mir eigentlich noch nie passiert.


mag sein, dass das für private Verkostungsrunden mit 10-15 Weinen gilt. Aber bei vielen Profiverkostungen sind ja wesentlich mehr Weine zu probieren, und da kann ich mir diese Streuung sehr gut vorstellen. Ich war einmal eingeladen, bei einer Profiverkostung für ein Weinmagazin teilzunehmen, da waren es - inklusive Nachverkostung der zuvor höchstbewerteten Weine - ca. 160 Proben. Spätestens nach der Hälfte war mein Unterscheidungsvermögen erheblich beeinträchtigt. :oops:

Einem Profi wird es vermutlich nicht so schlimm ergehen, aber völlig unbeeindruckt wird er auch nicht von der Probezahl bleiben. Daher kann ich mir die ± 4 Punkte gut vorstellen.

Grüße,
Gerald
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VillaGemma

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Re: Quantifizierbarkeit von Weinqualität

BeitragMo 24. Jun 2013, 14:34

Gerald hat geschrieben:Einem Profi wird es vermutlich nicht so schlimm ergehen, aber völlig unbeeindruckt wird er auch nicht von der Probezahl bleiben. Daher kann ich mir die ± 4 Punkte gut vorstellen.


Dann ist aber etwas an dem System/der Vorgehensweise falsch! Sorry, wenn ich als Mensch eben "nur" 5-10 Weine am Abend/innerhalb einer Zeiteinheit bewerten kann, so dass ich auch auf die gleichen Ergebnisse komme, dann geht eben nicht mehr! Ansonsten geht die Qualität runter. Insbesondere weil es eine anspruchsvolle Arbeit ist, die viel Konzentration erfordert.

So einfach...denn was bringt es, wenn man "einen toteln Mist" als Ergebnis rausbringt. +/- 4 Punkt sind in "meinem" System (80-100) Welten! Und es tut mir leid, ich komme nunmal immer beim gleichen Ergebnis (+/-1) raus. Kann man mir glauben, muss es aber nicht. Ich nehme mir bei Blindverkostungen aber auch nur 4-5 Weine vor ;)
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