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Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

Was Sie schon immer über Wein wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
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UlliB

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Re: Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

BeitragMi 10. Aug 2011, 17:13

C9dP hat geschrieben:Von den Preisen als Qualitätsmerkmal halte ich ziemlich wenig, [...]

Ich denke schon, auch wenn der Vergleich aufgrund verschiedener Rebsorten total hinkt, dass deutsche Weißweine zu den weltweit besten Weinen gehören [...]


Völlig d'accord - wobei hohe internationale Wertschätzung (und um die ging es nach meinem Verständnis) sich meistens auch in hohen Preisen ausdrückt. Aber die allgemein geringere Wertschätzung für Weißweine trifft ja auch andere - die teilweise wirklich genialen trockenen Weißweine aus Pessac-Leognan, die auch durchaus mal hohe und Höchstnoten bekommen, werden medial bestenfalls als eine Randerscheinung der roten Bordeaux behandelt, ebenso wie die meisten Sauternes (die bei Erträgen, die flächenbezogen vielleicht bei einem Drittel oder einem Viertel ihrer roten Pendants liegen, auch deutlich weniger kosten).


[...] und in einer Liga mit den PGCC aus Bordeaux und den GC aus dem Burgund spielen.


Ok, das sehe ich ein bisschen anders, zumindest wenn man von den meistens nur in Winzmengen vorhanden edelsüßen Exemplaren absieht. Aber bitte - de gustibus... ;)

Zur Ausgangsfrage vielleicht später noch etwas mehr - im Moment keine Zeit....

Gruß
Ulli
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Felix Eschenauer

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Re: Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

BeitragDo 11. Aug 2011, 21:35

Herr Deckers, der sich in der Materie wie kein Zweiter auskennt, brachte heute Abend in seinem Vortrag in Trier einen weiteren Aspekt ins Spiel, den ich nur kurz umreissen will: Die Weinbergskarten des 19. Jahrhunderts wurden von der Preußischen Regierung aus einem wichtigen Grund in Auftrag gegeben. Abgesehen davon, dass Kataster, Fiskus und Militär vordringliches Interesse an der Kartierung der "neuen" Gebiete hatten, wurden die Karten aus Gründen der Vermarktung, zur Steigerung des Absatzes in Auftrag gegeben. zur Förderung einer strukturschwache Region, die unter Missernten, Abwanderung und Seuchen litt. Und damit unterscheidet sich das Anliegen der Preußen kaum von den zeitgenössischen Bemühungen der Verbände.

Beste Grüße,
Felix
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octopussy

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Re: Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

BeitragFr 12. Aug 2011, 08:10

Felix Eschenauer hat geschrieben:Herr Deckers, der sich in der Materie wie kein Zweiter auskennt, brachte heute Abend in seinem Vortrag in Trier einen weiteren Aspekt ins Spiel, den ich nur kurz umreissen will: Die Weinbergskarten des 19. Jahrhunderts wurden von der Preußischen Regierung aus einem wichtigen Grund in Auftrag gegeben. Abgesehen davon, dass Kataster, Fiskus und Militär vordringliches Interesse an der Kartierung der "neuen" Gebiete hatten, wurden die Karten aus Gründen der Vermarktung, zur Steigerung des Absatzes in Auftrag gegeben. zur Förderung einer strukturschwache Region, die unter Missernten, Abwanderung und Seuchen litt. Und damit unterscheidet sich das Anliegen der Preußen kaum von den zeitgenössischen Bemühungen der Verbände.

Hallo Felix,

hat Herr Deckers etwas dazu gesagt, ob der Vermarktungsaspekt darin liegen sollte, überhaupt eine Karte mit einer Lagenklassifikation zu haben? Oder diente die Einteilung der Promotion bestimmter Lagen, je nachdem welcher Besitzer den größten Einfluss hatte?

Vielen Dank.
Beste Grüße, Stephan
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Felix Eschenauer

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Re: Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

BeitragFr 12. Aug 2011, 08:18

Es ging wohl vor vorrangig darum, überhaupt eine Karte zu haben. Was sich insbesondere darin zeigt, dass spätere Karten (wie z.B. die bei Stephanus verlegte oder die Bodenkarte von Rheinhessen) zwar die Weinberge farbig markierten, aber keine Angaben zur Bonität machten. Die Klassifikation zielte übrigens auf den größten Reinertrag ab, nicht unbedingt darauf, welche Preise die Weine am Markt brachten.

Beste Grüße,
Felix
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UlliB

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Re: Historische Weinlagenkarten und ihre Aussagekraft

BeitragDo 8. Sep 2011, 21:02

Um diesen Thread noch einmal aus der Versenkung zu holen – ich wollte zum Thema ja noch etwas schreiben (man muss hier wirklich aufpassen, nicht allzu viele lose Enden zu hinterlassen :oops: ).

Im Nachfolgenden beziehe ich mich auf die historischen Klassifizierungskarten der Mittelmosel, weil ich mich hier schlicht und ergreifend am besten auskenne und die konkrete Situation vor Ort beurteilen kann. Meine Schlussfolgerungen gelten insofern nicht notwendigerweise für andere Gebiete.

Eine Lage an der Mittelmosel, die in die höchste Qualitätsstufe eingruppiert wurde, erfüllt typischerweise folgende Eigenschaften:

- sie liegt im Steilhang (was an der Mosel im Gegensatz zu anderen Gegenden wirklich steil bedeutet);
- dort in der unteren Hanghälfte, meistens sogar im unteren Hangdrittel;
- und hat eine möglichst reine Südexposition ohne relevante Beschattung durch den Gegenhang oder Seitenhänge.

Letzteres lässt sich aus Lagenkarten nicht immer leicht entnehmen, da die Hangneigung nicht immer rechtwinklig zum Flusslauf verläuft - man muss die Situation vor Ort in Augenschein nehmen. Ein prominentes Beispiel kann man im Bereich von Wintrich sehen: hier verläuft der Fluss genau von Süd nach Nord; die flächenmäßig größte Wintricher Lage „Großer Herrgott“ hat eine fast reine Westexposition (und ist als mäßig eingestuft). Am Südende drehen die Weinberge jedoch in Richtung Osten in ein kleines Seitental ein und die Reben kommen dadurch in eine Südexposition: das ist der Wintricher Ohligsberg; in den historischen Lagenkarten eine Lage der obersten Qualitätsstufe und auch vom VDP als „Erste Lage“ eingestuft.

Mir den oben genannten Kriterien kann man das Spiel übrigens auch umdrehen: eine Lage, die alle genannten Kriterien erfüllt (und das sind wegen des sich hin-und herwindenden Flusses gar nicht so viele), ist so gut wie immer auch hoch klassifiziert. Wer die Mosel längsfährt und beim Gekurve durch die Schleifen die Orientierung für die Himmelrichtung nicht verliert (an trüben Tagen ist da ein Kompass durchaus hilfreich), weiß, wo die „Großen Lagen“ sind, bevor er eine Lagenkarte bemüht.

Fazit: entscheidendes Kriterium für die historische Klassifizierung war ganz klar die Exposition, und offensichtlich nicht die durchaus heterogene Geologie. Und dafür gibt es einen ganz einfachen Grund: die Lagen, die die genannten Kriterien erfüllen, sind die wärmsten (und damit auch die am frühesten reifen); ein unschätzbarer Vorteil in einem Weinbaugebiet, in dem bis vor gut 20 Jahren die Winzer in den meisten Jahrgängen Schwierigkeiten hatten, ihre Trauben auch nur annähernd reif zu bekommen.

Was bedeutet diese Klassifikation nun für die heutige Situation? In knapp reifen Jahrgängen wie 2010 oder auch 2008 wahrscheinlich immer noch einiges. In hochreifen Jahrgängen wie 2005, 2007 oder 2009 aber sicherlich weniger oder vielleicht auch gar nichts; sie könnte sich dann sogar in ihr Gegenteil verkehren. Abgesehen vom Klimawandel hat sich die Situation im Weinbau seit der Klassifikation aber auch sonst grundlegend verändert: dank neuer Möglichkeiten der Vitikultur kann man heute die Trauben auch in problematischen Jahrgängen wesentlich länger hängen lassen als früher, was den Reifevorteil der hoch klassifizierten Lagen zumindest teilweise kompensiert.

Wenn man heute unvoreingenommen klassifizieren würde, sähen die Ergebnisse vermutlich anders aus als vor hundert Jahren – hier könnten völlig andere Aspekte wie zum Beispiel die Wasserhaltung ganz entscheidend werden. Nur wird das nicht geschehen, denn eine Lagenklassifikation hat heute und hatte auch schon früher den Charakter einer „self fulfilling prophecy“ – da der Winzer für den Wein aus seinen hochrenommierten Lagen mehr mediale Aufmerksamkeit und auch mehr Geld bekommt, widmet er sich diesen Lagen mit mehr Sorgfalt und Aufwand als den für schlechter gehaltenen Lagen. Und was ist dann das Resultat?

Der VDP geht mit seiner Lagenklassifikation gleich noch einen Schritt weiter, indem er nur noch die Verwendung der Namen klassifizierter Lagen erlauben möchte und die anderen schlicht vom Etikett verschwinden und im Orts- oder Gutswein aufgehen lassen möchte. Dieses Vorgehen zementiert die Lagenklassifikation (die der VDP übrigens in aller Regel 1:1 aus den historischen Vorlagen übernommen hat) dann auf Zeit und Ewigkeit – selbst wenn guter Riesling irgendwann nur noch auf Hängen mit Nordexposition wachsen sollte, weil wir ein südfranzösisches Klima bekommen haben, würde man die Klassifikation nicht mehr anrühren. Und insofern ist die vom VDP angestrebte Lagenklassifikation schlicht reaktionär (abgesehen von einigen ganz grundsätzlichen weiteren Einwänden gegen eine solche Klassifikation, die aber nicht hierhin gehören).

Gruß
Ulli
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