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Gereifte Weine in Würzburg

Berichte von Verkostungen mit Weinen aus mehreren Ländern/Regionen (sonst bitte im Länderforum einstellen)
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weinaffe

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Gereifte Weine in Würzburg

BeitragDi 10. Dez 2019, 15:36

Hallo zusammen,

letzten Freitag trafen sich wieder einige Weininteressierte in der örtlichen VHS, um der Fazination gereifter Weine auf den Grund zu gehen.
Die ausgewählten 15 Weine (7x weiß/8x rot)sollten vor allem 2 Kriterien erfüllen: mindestens 10 Jahre alt und nach menschlichen Ermessen jetzt besten Trinkgenuss bieten. Und die verkosteten Weine hielten sich auch fast ausnahmslos an diese Anforderungen, so dass diese "Altweinverkostung" nicht zur "Kellerentrümplungsaktion" verkam, sondern tatsächlich enorm spannend war und viel Trinkspass bot.

Zunächst zu den Weißweinen:

2003er Riesling QW trocken "Edition S" (G. A. Heinrich, Heilbronn) -Württemberg-
die Rieslinge aus dem "Ländle" werden gerne etwas unterschätzt, dieser Vertreter aus dem warmen und nicht einfachen Jahr ist noch sensationell lebendig: klassische Rieslingnase mit noch deutlicher Pfirsich- und Agrumenfrucht,dezente Honignote, lebendige, reife Säure, trotz 13,5 Vol% ein stimmiger und eher mittelgewichtiger Wein, findet perfekt die Mitte zwischen cremiger Reife und rieslingtypischer Eleganz und Spritzigkeit. Jetzt sehr schön zu trinken, dürfte in dieser Flaschenform aber noch einige Jahre problemlos weiterreifen.

2009er Senftenberger Pellingen Grüner Veltliner "Privat" DAC Reserve (Nigl,Senftenberg)-Kremstal-
auch hier ein Volltreffer aus warmen Jahrgang: cremig anmutende Nase mit vollreifer Kernobstfrucht, auf der Zunge sehr gehaltvoll, aber ohne jegliche Brandigkeit, sogar Spuren eines Pfefferl sind vorhanden, sehr fruchtdicht und extraktreich, die sanfte Säure hält aber den Wein im Gleichgewicht, cremig und außerordentliche Länge, bei der der Alkohol (13,5 Vol%) nur ganz dezent spürbar ist. Jetzt perfekt zu trinken, wird sich aber aufgrund des Extraktes und der Fruchtdichte noch einige Jahre halten, ohne aber wahrscheinlich besser zu werden. Ein würdiger Vertreter der gehaltvollen Veltliner.

1997er Mußbacher Eselshaut Riesling Spätlese trocken (Müller-Catoir, Haardt)-Pfalz-
einer der unzerstörbaren Klassiker unter der Ägide des legendären Hans-Günter Schwarz: keine Spur von Alterung bei diesem immerhin 22 Jahre alten Riesling, sehr klare, fast jugendlich wirkende Steinobstfrucht mit mineralischem Einschlag, entwickelt sich tatsächlich noch etwas mit Lufteinfluss, nur mittelgewichtig (12,5 Vol%- heutzutage würde das nur als Kabinett-Wein bezeichnet werden), feinstrahlige, aber reife Säure, gerade genug Fleisch an den Knochen, sehr saftig und trinkanimierend, mittellanger Abgang. Ein echtes Trinkflussmonster :lol: . In dieser Flaschenverfassung tatsächlich noch weitere Möglichkeiten zur weiteren Reife über die nächsten 5 oder 10 Jahre (sofern der Korken durchhält). Dieser Wein würde in einer Blindprobe wahrscheinlich von den meisten auf 5 bis 6 Jahre alt geschätzt werden.

2008er "Erdrauch" Silvaner QW trocken (Weingut Landart, Mainstockheim)-Franken-
auch fränkischer Silvaner hat ein sehr gutes Alterungspotential, sofern er wie dieser Vertreter auf Langlebigkeit vinifiziert wurde (langes Hefelager, Ausbau im Großen Holz und kontrolliertes Nichtstun im Keller):
sehr jugendliche Nase mit reifem Apfel, Hauch Birne und Quitte, deutliche, aber integrierte (Altholz-)Note, lebendige, aber reife Säure,angenehm cremig, dezentes Holz, die Frucht entwickelt sich mit Luft, nur mittelgewichtig (13 Vol%), sehr ausgewogen und in sich ruhend, langer, von Frucht und Holz getragener Abgang. Dieser Silvaner trinkt sich jetzt perfekt, allerdings ist überhaupt keine Eile angesagt. Leider gibt es dieses Weingut und damit auch diesen angehenden "Kult-Silvaner" seit einigen Jahren nicht mehr.

2004er "Vina Tondonia" Blanco Rioja Reserva DOC (Lopez de Heredia, Haro)-Rioja-
über diese einzigartigen Weißweine ist ja im Forum schon einiges geschrieben worden. Aufgrund der möglicherweise polarisierenden, durch die jahrelange Fasslagerung hervorgerufene Stilistik war ich schon im Zweifel, ob dieser Wein seine entsprechende Würdigung erfahren würde. Alle Zweifel waren aber unbegründet, da dieser Wein allgemein mit Begeisterung und einer gewissen Ehrfurcht vor so viel Sturheit und Stiltreue aufgenommen wurde: man erwarteti zunächst eine gewisse Oxidation, die aber nur in angenehmer Reife wahrnehmbar ist, deutlicher Holzeinfluss(6 Jahre Fasslager im großen Gebinde), der aber der reifen Frucht (Lederäpfel, Quitte) noch ausreichend Platz lässt, saftige Säure, die diesem Wein den richtigen Frische-Kick gibt, nur mittelgewichtig (12,5 Vol%), aber mit ausreichend Extrakt, die Komplexität äussert sich in den würzigen Noten (pfeffrig,Piment), ausgezeichnete Länge. Ein absolut zeitloser Wein in einzigartiger Stilistik, dem sogar ein Dekantieren gut getan hätte.

2002er Ürziger Würzgarten Riesling Auslese*** (Jos. Christoffel jun., Ürzig)-Mosel-
auch dieses Weingut gibt es altersbedingt nicht mehr, die Weine sind und bleiben aber legendär so wie dieser: ultra-klassische Mosel-Auslese der tänzerischen Art mit gereifter Pfirsichfrucht und deutlicher Schieferaromatik, schon die Nase ein Gedicht, auf der Zunge ideales Gleichgewicht zwischen "abgeschmolzener" Süsse und saftiger Säure, so dass sich eine perfekte Harmonie ergibt, federleichte 7,5 Vol%, und trotzdem vollgepackt mit Frucht, Würze und feinem Extrakt. So einen Wein gibt es nur an der Mosel und ist die perfekte "Edel-Trinklimonade für Erwachsene" :lol:

1997er Randersackerer Sonnenstuhl Rieslaner Beerenauslese (Schmitts Kinder, Randersacker)-Franken-
Die Rebsorte Rieslaner (Kreuzung Silvaner x Riesling) ist im edelsüssen Bereich ein Gigant, der kernige Säure mit tropischen Fruchteindrücken verbinden kann. Hier eine angenehm gereifte aber noch lebendige Nase, deutlich saubere Bortrytis, ein Hauch Karamell, noch deutliche Frucht (Mango, reifer Weinbergspfirsich, etwas Rhabarber), auf der Zunge saftige Säure bei integrierter Säure, "alte" Stilistik mit mehr Alkohol (13 Vol%) und gemässigter Restsüsse, gute Länge. Jetzt sehr schön zu trinken, wird sich sicher in dieser Flaschenform noch halten, wird aber aufgrund der reduzierten Restsüsse mit der Alterung an Harmonie verlieren.

So kann es mit den Rotweinen weitergehen !!

Fortsetzung folgt !

LG
Bodo
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weinaffe

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Re: Gereifte Weine in Würzburg

BeitragDo 12. Dez 2019, 13:48

Hallo zusammen,

und weiter geht es mit den 8 gereiften Rotweinen:

2000er "Turriga" Isola dei Nuraghi IGT (Argiolas, Serdiana)-Sardinien-
der erste "Kultwein" der Insel- Cuvee aus überwiegend Cannonau (Grenache)mit Anteilen von Malvasia Nera, Carignano und Bovale, 2 Jahre Ausbau in französischen Barriques.
In der Nase eine dezente Oxidationsnote, ansonsten reife Herkirsche, etwas Cassis,Unterholz, etwas Tabak, abgesehen vom Luftton sehr einladende Nase, auf der Zunge ist die Oxidation nur wenig zu spüren, deutliche Dunkelfrucht (Kirsche, Cassis),stoffig mit suggestiver Extraktsüsse, Holz völlig integriert, Tannin noch nicht ganz abgeschmolzen, Alkohol trotz 14 Umdrehungen kaum spürbar, mittellanger bis langer, fruchtdichter Abgang. Trotz Oxidationshauch blieb der Wein auch bis zum nächsten Tag stabil.

1999er Nuits-St.-Georges "Clos de la Marechale" -Monopole- 1er Cru (Faiveley, Nuits-St.-Georges)-Burgund-
ein Burgunder im "alten" Faiveley-Stil, Sauerkirsche und Brombeere, Frucht etwas zurückgezogen, Unterholz, Tabak, etwas strenge und rustikale Pinot-Nase, folgerichtig am Gaumen, absolut trocken, sehniger Grundcharakter, kernige Säure mit überraschend viel Tannin, nur mittelgewichtig (13 Vol%), wiederum dunkle rote Früchte, etwas rohes Fleisch, mittlerer Abgang. Der Wein wirkt auf der einen Seite durch die Tannin- und Säurestruktur recht jugendlich; auf der anderen Seite ist es fraglich, ob die etwas zurückhaltende Frucht sich noch bis zur Harmonisierung des Tannins halten kann. Falls sich aus diesem Wein noch burgundische Harmonie entwickeln sollte, dürfte dies noch viele Jahre dauern. Im Zweifel lieber jetzt entkorken.

2004er Rioja Gran Reserva "904" DOC (La Rioja Alta, Labastida)-Rioja-
90% Temranillo/10% Graciano-5 Jahre Fasslagerung, 6 Jahre Flaschenlagerung.
sehr klassische Nase, komplexer Mix aus Frucht (Herzkirsche, Preiselbeere, Granatapfel) mit würzigen Noten (Tabak, altes Leder), leicht reduktive Noten (Gummiabrieb), am Gaumen absolut trocken, saftige Säure,klassisches Mittelgewicht, gerade genug Fleisch an den Knochen, wirkt aber in dieser Flaschenverfassung überraschend reif, dennoch jetzt sehr schön zu trinken. Ich hatte allerdings in letzter Zeit schon bessere Flaschen mit mehr Fruchtdichte und Fülle.

2004er Taurasi Riserva DOCG "Piano di Montevergine" (Feudi di San Gregorio, Sorbo Serpico)-Kampanien-
lebendig-fruchtige und komplexe Nase, die die ganze Klasse der Rebsorte Aglianico zeigt, Preiselbeere, Craneberries, Brombeere und reife Kirsche, dezente Holzwürze, Havanna-Tabak, absolut mundwässernde Nase ohne jegliche Altersnote. Am Gaumen sehr saftig und perfekt gereift, dunkle Waldfrüchte, angenehme Säure und feinkörniges Tannin mit noch etwas Grip, die 14 Umdrehungen sind bestens eingebunden, hat Stoff, aber auch eine gewisse Eleganz, gute Länge. Trinkt sich jetzt wunderschön, es ist aber keine Eile geboten. Sehr charaktervoller Wein.

2003er Chateau Lagrange 3e Grand Cru Classe St. Julien (Chateau Lagrange, St. Julien)-Bordeaux-
Cuvee aus 57% Cabernet Sauvignen, 33% Merlot und 10% Petit Verdot, 60% neues Barrique.
Klassische Nase eines reifen Bordeaux-Jahrgangs, ausgereifte Herzkirsche mit Cassis, elegante Holznote, makellos vinifizierter Bordeaux der Neuzeit. Am Gaumen absolut trocken, viel Extrakt, ausreichende Säure, sehr geschliffene Tanninqualität, reife Dunkelfrucht, angenehmer Alkohol (13 Vol%), man spürt die Reife des Leseguts, aber keine Spur von Marmeladigkeit und adipösen Tendenzen,gute Länge. Dieser Lagrange befindet sich jetzt im besten Trinkstadium, dürfte aber aufgrund der Harmonie und Fruchtdichte auch noch in einigen Jahren viel Spass machen. Ein wirklich sehr gelungener St.Julien aus einem herausfordernden Jahrgang.

Fortsetzung mit den letzten 3 Rotweinen folgt in Kürze !

LG
Bodo
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austria_traveller

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Re: Gereifte Weine in Würzburg

BeitragFr 13. Dez 2019, 12:10

Danke Bodo.
Deine Notizen zeigen, dass viele Weine eine viel längere Lebensdauer haben als von mir angenommen ;)
Beste Grüße
Gerhard aus Wien
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weinaffe

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Re: Gereifte Weine in Würzburg

BeitragFr 13. Dez 2019, 18:19

Hallo zusammen,

es fehlen noch die letzten 3 Rotweine der "Altweinverkostung":

2007er Vosne-Romanee "Aux Reas" a.c. (Francois Gerbet, Vosne-Romanee)-Burgund-
vitales, leicht durchscheinendes Rubinrot, elegante Nase nach Sauerkirschen, Brombeere mit einem Schuss Himbeere, etwas Unterholz, wirkt stimmig und elegant. Auf der Zunge trocken mit guter Struktur und fast abgeschmolzenem Tannin, lebendige Säure, mittelgewichtig (13 Vol%), elegant am Gaumen, dunkle Früchte, ein Hauch Holz, würzig und saftig mit gutem Zug,Aromatik klingt gut nach. Gelungener Lagenwein aus Vosne aus einem leichteren Jahrgang, der mit einigen 1er Crus aus dieser berühmten Gemeinde mithalten kann. Jetzt perfekt trinkreif.

2005er Barolo DOCG "Vigneto Monvigliero" (Comm. G. B. Burlotto, Verduno)-Piemont-
auch hier eine sehr vitale Farbe ohne jeglichen Ziegelrotreflexe (häufig bei gereiften Nebbiolos), jugendlicher Eindruck, sehr komplexe Mischung aus reifen, dunklen Früchten und zart-würzigen Noten (Teer, Lakritze), sehr elegante Nase, auch am Gaumen ein Gewinner: komplett trocken, aber mit zarter Extraktsüsse, reife Säure, sensationelle, feinkörnige Tanninqualität, Barolo-like mit kräftigem, aber dermaßen polierten Tanninen, dass die Kraft des Tannins fast kaschiert wird,eigene, aber nicht moderne Barolo-Stilistik, das Holz ist nur ganz im Hintergrund, die 14 Vol% sind optimal verpackt, langer, hocharomatischer Abgang. Dieser Barolo hat nichts mit manch fordernden "Kollegen" zu tun, so dass manche diesen Wein nicht als typisch ansehen. Aber was ist schon typisch? Ohne wenn und aber ein fantastischer Wein, der gekonnt die Brücke vom Barolo zum Burgunder schlägt. Für mich derRotwein des Abends. Er lässt sich jetzt wunderbar geniessen, kann aber durchaus ohne Probleme noch ein paar Jahre weiterreifen.

1986er Chateau Sociando-Mallet Haut-Medoc a. c. (Jean Gautreau, St. Seurin de Cadourne)-Bordeaux-
perfekt gereifter Old-School-Bordeaux aus dem Tschernobyl-Jahr, der jahrgangsbedingt einen enorm hohen Cabernet-Sauvignon-Anteil enthält. Auch hier sehr jugendliche Farbe, typische Cabernet-Nase mit knapp reifem Cassis, Brombeere, etwas Kirsche, Zedernholz,Hauch Paprika, dezent pfeffrig, macht Lust auf den ersten Schluck. Auf der Zunge ausgereift ohne jegliche Marmeladigkeit, komplett trocken, stimmige Säure, fast komplett abgeschmolzenes Tannin, noch leichte, angenehme rustikale Härte, Cassis, Hauch grüne Paprika, Lakritze, Zedernholz, sehr saftig und unheimlich trinkig, angenehmes Mittelgewicht (12,5 Vol%-das waren noch Zeiten!!),sehr stimmiger und animierender Bordeaux mit mittler Länge. Absolut im besten Alter, in einer Blindprobe vielleicht auf 10-15 Jahre alt eingeschätzt. Der Wein könnte durchaus noch ein paar Jahre weiterreifen, sofern der in diesem Falle durchgeweichte Korken noch durchhält. Sociando ist sicherlich kein Finesse-Bordeaux a la Lafite, aber ein sehr authentischer und charaktervoller Bordeaux mit enorm großem Spassfaktor (da auch der Preis stimmt).

Das wars wieder in aller Kürze.
Fazit: Gereifte Weine machen Spass, wenn Sie wie an diesem Abend in bester Verfassung sind.

LG
Bodo

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