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Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

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Gerald

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Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragFr 30. Okt 2015, 08:22

weinrallye91.jpg

Ein angenehmer Abend Anfang Juni vor ein paar Jahren an der toskanischen Küste, in meinem Glas ein sehr schöner Sangiovese, den ich vom heutigen Tagesausflug mitgebracht habe. Der Wein ist fruchtbetont, vor allem mit Aromen von dunklen Kirschen, am Gaumen rund und süffig im besten Sinne des Wortes. Aber zweifellos kein Spitzenwein, sondern gute Mittelklasse, wie sie zu dem Preis (im Jahr 2008 nach meiner Erinnerung knapp über 10 Euro) zu erwarten ist.

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Aber trotzdem hat der Wein etwas an sich, das sich in mein Gedächtnis quasi eingebrannt hat und das ihn von allen anderen auf der Reise getrunkenen Weinen abhebt. Nämlich das Gefühl, das Produkt eines Bodens in sich aufzunehmen, an dem sich eine Begebenheit ereignet hat, die man ohne zu zögern zu den berühmtesten Mythen des Abendlandes zählen kann.

Der Weinberg liegt am Hang eines kleinen Hügels in der südlichen Toskana in der Nähe der beeindruckenden ehemaligen Zisterzienserabtei San Galgano südlich von Siena. Obwohl die Abtei aus kunsthistorischer Sicht durch ihre dominierenden gotischen Stilelemente (in dieser Region bzw. fast ganz Italien sehr ungewöhnlich) ein einzigartiges Monument darstellt, steht sie aus touristischer Sicht doch im Schatten der berühmten toskanischen Sehenswürdigkeiten wie Florenz, San Gimignano, Pisa oder Siena. Die Abtei war bei unserem Besuch fast menschenleer, nur wenige Touristen verirrten sich damals in diese ein wenig abgelegene, aber umso idyllischere Gegend.

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Die Abtei trägt den Namen des lokalen Heiligen namens Galgano, der im 12. Jahrhundert hier gelebt und gewirkt hat. Galgano Guidotti wurde im nahe gelegenen Dorf Chiusdino als Sohn niederer Adeliger geboren und wie viele andere junge Männer gleichen Standes als Ritter ausgebildet. Sein Verhalten dürfte in dieser von ständigen Kleinkriegen geprägten Zeit aber nicht unbedingt dem verklärten Bild des „edlen Ritters“ entsprochen haben – ganz im Gegenteil, nach heutigen Maßstäben müsste man ihn wohl als Kriminellen bezeichnen. Im Alltag Galganos dürften nicht so sehr Demut, Höflichkeit und Hilfe für die Schwächeren, sondern vielmehr Totschlag, Vergewaltigung und Ähnliches den Tagesablauf bestimmt haben.

Doch war dieser Lebenslauf auch damals – als man Männern nobler Herkunft schon die eine oder andere schlechte Angewohnheit nachgesehen hat – nicht unbedingt die ideale Basis für eine spätere Heiligsprechung. Und so geschah, was geschehen musste: Galgano erhielt Visionen des Erzengels Michael und gab seinem bislang gewalttätigen Leben einen Wende. Er stieß sein Schwert in eine Felsspalte und führte fortan ein frommes Leben an diesem Ort in einer Einsiedelei.

Das schien aber in gewisser Weise den Nerv der Zeit getroffen zu haben, in kurzer Zeit fanden sich viele Anhänger, die ebenfalls auf diese Weise leben wollten. Nach seinem frühen Tod wurde an der Stelle eine Rundkirche erbaut, die schon bald Ziel vieler Pilger wurde. Die - viel größere - Zisterzienserabtei mit seinem Namen wurde später etwa einen Kilometer entfernt in der Ebene erbaut.

An sich eine von unzähligen Heiligengeschichten, die in unserer säkular geprägten Zeit kaum jemanden mehr interessieren würde, wenn da nicht die Geschichte mit dem Schwert im Stein wäre – das man übrigens nach wie vor in der Rotunde am Hügel (Montesiepi) besichtigen kann.

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Ein Schwert im Stein ist ja aus der Artussage wohlbekannt – nur eben quasi als Fortsetzung unserer Story, dass nämlich König Artus als einziger in der Lage ist, das Schwert aus dem Felsen wieder herauszuziehen und damit für christliche Werte in den Kampf zu ziehen. Nach Angaben von Historikern dürfte tatsächlich das Schwert in Montesiepi (das nach Untersuchungen wirklich aus der betreffenden Zeit im 12. Jahrhundert stammen soll) Vorbild für den entsprechenden Teil der Artussage sein.

Nur gewissermaßen als Umkehrung der ursprünglichen Bedeutung. Während Galgano das Schwert in die Felsspalte steckte, um damit sein von Gewalt geprägtes Leben in ein friedliches voller Gebete und Kontemplation zu verwandeln, soll die Episode in der Artussage genau das Gegenteil symbolisieren, nämlich den bewaffneten Kampf für vermeintlich christliche Werte aufzunehmen. Das scheint in der Zeit, als Kreuzzüge als historische Variante von Abenteuerurlauben gerade in Mode waren, eine politisch recht zweckmäßige Vereinnahmung der Lebensgeschichte unseres spätberufenen Heiligen – heute würde man wohl von einem „Quereinsteiger“ sprechen. Leider hat sich – mehr als 800 Jahre später – aber nichts Grundlegendes verändert, auch heute noch reisen immer wieder junge Menschen tausende Kilometer weit an ihre Wunschdestination, um sie mit Mord und Totschlag von den Ungläubigen zu befreien.

Doch um die Geschichte um ein entscheidendes Element eines der berühmtesten Mythen des Abendlandes – mit traurigem Realitätsbezug – zu beenden, noch ein paar Worte zurück zum Wein:

Er heißt - wie könnte es anders sein - "Galgano di Montesiepi" und stammt von dem Weinberg (siehe Bild oben) ganz in der Nähe der Rotunde mit dem Schwert im Stein. Er kann nach meinen Informationen nach wie vor in der nahe gelegenen „Salendo Wine Bar“ erstanden und natürlich auch vor Ort probiert werden. Ob der Wein auch im Handel erhältlich ist, kann ich leider nicht sagen, eine Bezugsquelle habe ich jedenfalls nicht gefunden.

Ob Galgano seinerzeit auch Wein von diesem Weinberg getrunken hat? Vielleicht gerade in dem Moment, als er beschlossen hat, ein guter Mensch zu werden? Wir werden es wahrscheinlich nie wissen, aber möglich wäre es zumindest. Vielleicht wäre es auch heute keine schlechte Idee, ein Glas guten Wein inmitten einer Tafelrunde zu genießen als sich auf einen Kreuzzug gegen alles Fremde zu begeben – tausende Kilometer entfernt oder aber auf der Straße vor der Haustür.
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olifant

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragFr 30. Okt 2015, 09:20

Hallo Gerald,

informative und interessante Geschichte - und mir gänzlich unbekannt. Aber wenn man fragen darf, wie heisst er denn nun, der besagte Wein, der sich in deine Erinnerung eingeschrieben hat?
Grüsse

Ralf
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Gerald

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragFr 30. Okt 2015, 09:23

Ja, sorry. Ist mir auch gerade aufgefallen, dass der Name des Weins fehlt - ich trage das gleich nach.

Der Wein heißt "Galgano di Montesiepi", ein Foto des Etiketts findet sich auf der facebook-Seite der genannten Weinbar:

https://www.facebook.com/photo.php?fbid ... 387&type=3

Grüße,
Gerald
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olifant

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragFr 30. Okt 2015, 09:40

Wie du schon meintest und wohl auch recht damit hast - den Wein wird's nur vor Ort geben. Weinbergsfläche der Azienda Agricola Montesiepi 0,97 ha. Ein Export lohnt da wohl kaum ;)

http://www.qualitatoscana.it/qualita/vistaaz.php?idazienda=803
http://www.qualitatoscana.it/qualita/vistainfo.php?idazienda=803
Grüsse

Ralf
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Gerald

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragFr 30. Okt 2015, 10:48

Ja, schon klar bei nicht einmal einem Hektar. ;) Wobei ich mir durchaus vorstellen kann, dass ein Großteil der Produktion in der genannten Weinbar (an der man am Weg von der Abtei zum Hügel mit dem Schwert fast zwangsläufig vorbei kommt) ausgeschenkt bzw. verkauft wird. Auch wenn damals nicht viele Touristen unterwegs waren, kann es in den Sommermonaten schon anders aussehen.

Übrigens gibt es eine sehr interessante Dokumentation zum Thema:

http://www.mokino.eu/das-schwert-im-felsen/

Möglicherweise wird sie in absehbarer Zeit in Servus TV wiederholt, die erste Folge der Serie ist jedenfalls für den 8.12. angesetzt. Über weitere Sendetermine gibt es derzeit leider noch keine Informationen.

Grüße,
Gerald
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innauen

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragSo 1. Nov 2015, 13:41

Hallo Gerald,

angeregt von Deinem Beitrag habe ich mir auch einen toskanischen "Klosterwein" aufgemacht und wurde nicht enttäuscht :-)

Bild

Grüße,

wolf
„Es war viel mehr.“

Johnny Depp dementiert, 30.000 Dollar im Monat für Alkohol ausgegeben zu haben. (Quelle: „B.Z.“)
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Gerald

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Re: Weinrallye #91 - Galgano oder der Wein der Tafelrunde

BeitragMo 31. Okt 2016, 14:52

Die oben genannte Dokumentation zum Thema wird morgen Dienstag (01.11.) um 08:05 in servus TV wiederholt. Sehr empfehlenswert, wenn auch es auch leider nicht um Wein geht ...

Grüße,
Gerald

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