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WR #85: Blaufränkisch – eine Rebsorte findet ihren Weg

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Gerald

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WR #85: Blaufränkisch – eine Rebsorte findet ihren Weg

BeitragFr 24. Apr 2015, 09:06

Blaufränkisch – eine Rebsorte findet ihren Weg.

wr85-logo.jpg

Also: ich mag den Blaufränkisch.
Ich mag seine frische, oft säurebetonte Art, seine spannende Aromatik, die Frucht, orientalische und mineralische Noten und noch vieles mehr in sich vereint.
Ich mag seine Vielfältigkeit, dass er abhängig von Herkunft und Ausbau in ganz unterschiedlichen Variationen auftreten kann.
Ich mag, dass er sowohl jung getrunken als auch gereift eine tolle Figur macht.
Und last not least mag ich auch, dass er ein waschechter Österreicher ist und damit den durch viele politische Affären (nicht nur) der letzten Zeit gebeutelten Nationalstolz ein bisschen wiederherstellen kann.

Dabei musste ein langer Pfad mit vielen Weggabelungen und Umleitungen durchschritten werden, um zu dem zu werden, was Blaufränkisch heute für mich (und viele andere) bedeutet. Ich betätige mich einfach einmal als Biograph und erzähle die Geschichte aus meiner – rein subjektiven - Sicht als Konsument und Liebhaber.



Once upon a time ...

Vor einigen Jahrzehnten, als ich mich für Wein zu interessieren begann – es waren ungefähr die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts – war natürlich Blaufränkisch schon ein Begriff für jeden Weinfreund. Allerdings erinnere ich mich an recht „rustikale“ Tropfen, die wohl kaum jemand auf eine Stufe mit den schon damals beeindruckenden Weißweinen Österreichs – besonders aus der Wachau – gestellt hätte.

Er war da schon eher das Angebot für den Konsumenten, der eben auch „etwas Rotes“ zu trinken haben wollte, ohne zu ausländischen Tropfen greifen zu müssen. Anspruchsvollere Weinfreunde hingegen ließen ohnehin die Finger von österreichischen Rotweinen, wer etwas auf sich hielt, kaufte französischen Wein, vielleicht auch solchen aus Italien.

Doch dann, in der Mitte des Jahrzehnts, gab es zwei ganz unterschiedliche Ereignisse, die zumindest große Symbolkraft hatten, wenn nicht sogar direkten Einfluss auf das weitere Geschehen.

Einerseits der Weinskandal von 1985, als nach Bekanntwerden der Verfälschung vieler Weine mit dem Frostschutzmittel Diethylenglycol die Weinexporte praktisch zusammenbrachen und die Weinwirtschaft sich völlig neu aufstellen musste. Ob die darauf folgende Qualitätsoffensive durch den Weinskandal ausgelöst oder ohnehin auch ohne dieses Ereignis sich ergeben hätte, darüber gibt es unterschiedliche Ansichten, die immer gut für Streitigkeiten in den sozialen Medien sind. Aus meiner Sicht als Konsument kann und will ich das gar nicht beurteilen.

Aber nur ein Jahr später entstand der erste österreichische Rotwein, dem internationales Format attestiert wurde, nicht zufälligerweise aus der Rebsorte Blaufränkisch gekeltert (Mariental 1986 von Ernst Triebaumer).


Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

Mk 6,4: Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.

Es sollte es aber noch lange dauern, bis die Rebsorte den Ruf erworben hatte, mit dem sie heute als internationales Aushängeschild für österreichische Rotweine dasteht. Viele Weinbauern verwiesen voller Stolz auf ihren neu angepflanzten Cabernet Sauvignon oder Merlot, die heimischen Sorten wurden mit etwas Glück vielleicht nicht ausgerissen, aber trotzdem eher gering geschätzt.

Doch langsam erkannte man das Potenzial der einheimischen Sorte, wahrscheinlich auch im Bewusstsein, dass Boden und Klima für die internationalen Rebsorten anderswo besser geeignet sind und man auch noch preislich mit anderen Ländern nicht mithalten kann. Zaghaft konzentrierte man sich nun auf Cuvées aus Blaufränkisch und internationalen Sorten, aber es sollte noch mindestens ein Jahrzehnt dauern, bis reinsortige Blaufränkisch an der Spitze der Qualitätspyramide der meisten Weingüter standen.


Wege und Irrwege ...

Aber auch der „richtige“ Stil musste erst gefunden werden – ein Prozess, der auch heute wohl noch nicht endgültig abgeschlossen ist. Manche Weingüter orientierten sich eher an Bordeaux und bauten die Weine mit intensivem Holzeinsatz aus, andere versuchten, ihre Weine vor allem mit maximaler Konzentration und dichter Frucht auszustatten. Quasi als Gegenpol dazu entstand ein völlig anderer Stil, der viele Anhänger, aber mindestens so viele Gegner fand. Diese Weine waren meist recht säurebetont, wirkten eher leicht am Gaumen, aber zeichneten sich durch eine außerordentliche Frische und auch Komplexität der Aromen aus. Dazu – so zumindest meine Meinung – drücken sie ihre Herkunft ganz deutlich aus, viel stärker als die anderen Stile.

Meiner Ansicht nach gehört diesem Stil – zunächst geprägt von den „Pionieren“ am Eisenberg (Südburgenland) – die Zukunft der Rebsorte, da die Weine in ihrer Art einzigartig und unverwechselbar sind, auch wenn sie wahrscheinlich immer polarisieren und niemals „everybody’s darling“ werden.

Daher schließe ich auch mit einem Wein dieser Kategorie – wenn auch nicht die „hardcore“ – Version, sondern eine eher gemäßigte, aber nicht minder eindrucksvolle Variante.


Blaufränkisch Eisenberg DAC Reserve 2012, Thomas Wachter, Deutsch-Schützen

Mittleres Violettrot. Sehr schöne, vielschichtige Aromatik von Kirschen, Piment, der Geruch frisch abgelöschter Holzasche, tropische Blüten und ätherische Anklänge. Recht körperreich, kräftige Säure, mittlere Tannine, rund und trinkfreudig, langer und schöner Abgang. Großartiger Wein, der seine Herkunft sehr schön transportiert.

twachter2012.jpg

Thomas Wachter ist der Onkel von Christoph Wachter, Juniorchef des bekannten Weinguts Wachter-Wiesler in Deutsch Schützen am Eisenberg (Südburgenland) und produziert seit einiger Zeit eine eigene Linie, bestehend aus derzeit zwei Weinen (Eisenberg DAC und Eisenberg DAC Reserve). Vor ein paar Jahren gab es auch eine Kooperation mit Imre Garger auf der anderen (ungarischen) Seite des Eisenberges. Leider weiß ich nicht, was daraus geworden ist.

Der hier genannte Wein stammt aus Lagen am Eisenberg und dem wenige Kilometer entfernten, vom Boden aber doch deutlich anders geprägten Königsberg. Von welchen einzelnen Rieden die Trauben stammen, ist leider nicht angegeben, möglicherweise ist das auch von Jahr zu Jahr unterschiedlich.

lagen_eisenberg.jpg

(C) ÖWM - http://www.oesterreichwein.at/daten-fak ... nmaterial/

Dazu ist der Wein noch ein echtes Schnäppchen, mit knapp über 12 Euro spielt er meiner Meinung nach mit Leichtigkeit in der Liga der besten Blaufränkisch mit, die meist das dreifache oder sogar mehr kosten.

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